3. Mai 2001: Mein bisher schwierigster Arbeitstag. Und das wird er hoffentlich auch bleiben.
Ich verbringe diesen Tag überwiegend mit Herrn Preuß. Die Betreuung für ihn habe ich vor ein paar Monaten übernommen. Er lag damals nach einem alkoholbedingten Unfall im Koma in einer Spezialklinik einige hundert Kilometer entfernt. Nun ist er wieder bei Bewusstsein und körperlich und geistig so weit hergestellt, dass er entlassen werden kann. Allerdings fehlt ihm die Erinnerung an die letzten 30 Jahre, und er ist in seinen Bewegungen sehr eingeschränkt.
In den letzten Monaten hatte ich regelmäßig in der Klinik angefragt, ob Herr Preuß entlassfähig ist. Es war klar, dass er nicht mehr in seine Wohnung zurück kann und ins Heim muss. Deshalb hatte ich seine Wohnung aufgelöst. Bei jeder Anfrage erhielt ich die Auskunft: Herr Preuß braucht noch längere Behandlung, ich muss noch keinen konkreten Heimplatz suchen. So auch bei meiner letzten Anfrage Anfang April.
Zwei Wochen später ein Anruf von der Sozialarbeiterin der Klinik: Herr Preuß wird in einer Woche entlassen, ich soll doch bitte einen Heimplatz organisieren. Ich versuche möglichst höflich die Frage zu formulieren, ob sie den Arsch offen hat. Nein, hat sie nicht, nur großen Druck von den Ärzten. Falls ich keinen Heimplatz finde, kommt Herr Preuß in Kurzzeitpflege in wechselnde Heime, so lange, bis ein dauerhafter Platz da ist. Wäre sehr förderlich für die weitere Genesung
Ich rufe in den folgenden Tagen 30 Heime an, aber natürlich ist nirgends was frei. Ich kann die Klinik noch um eine Woche Aufenthalt für Herrn Preuß raufhandeln, aber am 2.5. ist definitiv Schluss. Am 2.5. vormittags habe ich noch ein Heim übrig (von 30), das möglicherweise einen Kurzzeit-Platz hat. Um 14.15 Uhr will die Klinik Herrn Preuß verlegen. Um 14.13 Uhr kommt ein Anruf vom Heim: Sie haben nicht nur einen Kurzzeitplatz, sondern einen Dauerplatz ab morgen!
Am 3.5. kommt Herr Preuß mit dem Taxi von der Klinik zu mir ans Büro. Ich soll ihn dann ins 50 km entfernte Heim bringen. Ein letzter Anruf von der Klinik-Sozialfrau: Herr Preuß ist gerade losgefahren, und – ach ja – wir haben ihm nicht gesagt, dass er keine Wohnung mehr hat und dass er jetzt ins Heim muss. Er wäre sonst aggressiv geworden. Bitte informieren doch Sie ihn!
Na klasse. Um 14 Uhr kommt Herr Preuß an, voller Vorfreude auf seine Wohnung, die er seit Monaten nicht mehr gesehen hat, und bekannter Neigung zu Aggressivität, wenn was nicht nach seinem Kopf läuft. (Er saß deswegen auch im Knast.) Und bis zum Abend muss ich ihn im Heim haben, auf freiwilliger Basis, eine andere Lösung gibt es nicht.
Herr Preuß kommt an, gut gelaunt. Er lädt mich erst mal auf ein Bier in der benachbarten Wirtschaft ein. Mich von Betreuten einladen zu lassen ist zwar gegen meine Prinzipien, aber wenn’s ihn friedlich stimmt … Im Wirtshaus eröffne ich Herrn Preuß, dass seine Wohnung “gerade renoviert wird” und er “momentan” nicht da rein kann. Er reagiert gelassen: “Na, dann zieh ich derweil zu meinen Eltern. Da können wir jetzt gleich hinfahren” Die Eltern sind seit 20 Jahren tot. Aber “na gut”, denke ich, dann mach ich’s halt auf die harte Tour.
Ich fahre mit ihm zur (früheren) Wohnung der Eltern. Herr Preuß läutet, ein junger Mann öffnet. Natürlich hat er nie was von Herrn Preuß’ Eltern gehört. Herr Preuß setzt sich zu mir ins Auto, völlig verstört. “Wo soll ich jetzt hin?” Mein Stichwort: “Ich hätte da ein Heim, wo Sie – natürlich nur vorübergehend – einen Platz hätten.” Nach längeren Diskussionen sagt Herr Preuß: ”Ist gut, dann geh ich ins Heim.”
Jubel! Ungefähr drei Sekunden. Dann öffnet sich die Autotür, eine Frau schaut herein: “Sie, Sie haben da einen Fisch auf dem Auto kleben. Heißt das, dass Sie Christ sind? Ich bin nämlich auch Christ.” Und sie erzählt mir in epischer Breite die Geschichte ihrer Bekehrung. Als sie geht, will Herr Preuß vom Heim nichts mehr wissen. So nah war ich noch nie dran, eine Mitchristin zu erwürgen.
Klasse. Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen. Herr Preuß will seine alten Kumpel sehen, danach lässt er wieder mit sich übers Heim reden, teilt er mir mit. Seine Kumpel sitzen alle im Café Anders. Dies ist ein Ausschank ohne Ausschankerlaubnis, in dem sich die Alkoholiker-Haute Volé der Stadt trifft. Der Bierumsatz dort ist größer als in der größten Wirtschaft des Ortes.
Na gut, dann geh ich halt auf Staatskosten in eine illegale Kneipe. Eine knappe Stunde lang ertrage ich hochgeistige Gespräche, die aber immerhin das Fazit haben: “Preuß, du gehörst ins Heim!” Und Herr Preuß steigt dann tatsächlich zu mir ins Auto und fährt mit!
Allerdings merkt er mit der Zeit, dass 50 km ziemlich weit weg sind. “Ich will in die Nähe meiner Stadt”, sagt er immer lauter und aggressiver. Mit Mühe kann ich ihn im Auto halten, bis wir endlich am Heim sind. Dort drängt er massiv wieder weg, fängt zu weinen an. Irgendwann wird er in sein Zimmer gebracht und ich fahre heimlich davon.
Auf dem Heimweg fühle ich mich beschissen. Ich habe gelogen und meinen Klienten hintergangen. Aber was blieb mir übrig? Ihn ins Taxi setzen und zurück an den Absender schicken? Ihn in die Notunterkunft der Stadt einweisen lassen?
Am nächsten Tag folge ich meinem Grundsatz, meinen Ärger immer dort abzureagieren, wo er entstand. Ich schreibe einen heftigen Beschwerdebrief an die Klinikleitung. Tatsächlich ruft auch der Klinikleiter an und entschuldigt sich. Immerhin.
Epilog: Herr Preuß beruhigte sich in den nächsten Tagen und blieb zumindest aus juristischer Sicht freiwillig im Heim. Mein schlechtes Gewissen hielt sich länger.