Bisher habe ich hier nur über Grundsätzliches und Außergewöhnliches berichtet. Ich denke mir aber, dass wer auf diesen Blog kommt, auch wissen möchte, wie ein ganz normaler Arbeitstag eines beruflichen Betreuers aussieht.
Nun denn. Nehmen wir den Montag, 15.12.2008:
Mitten in der Nacht um 8.00 Uhr Fahrt in die Nachbarstadt. (Dieser frühe Arbeitsbeginn ist jetzt nicht Alltag bei mir. Wofür ist man denn selbstständig!) Dort zu Herrn Bergmann, meinem Lieblings-Messie (s. Schicksale). Der muss ins örtliche Krankenhaus, weil er morgen an einem Leistenbruch operiert wird.
Diese Begleitung gehört nicht unbedingt zu den Kernaufgaben eines Betreuers. Aber Herr Bergmann würde sich von allein nie aufraffen, rechtzeitig zur OP im Krankenhaus zu sein. Ich müsste jede Menge telefonieren, faxen und organisieren, damit das hinhauen würde. Da mache ich lieber alles gleich selber, das dauert genauso lang und funktioniert besser. Und wenn es nicht funktioniert, kann ich den Schuldigen wenigstens hemmungslos beschimpfen.
Herr Bergmann ist sogar fast fertig, als ich komme. Erstaunlich. Sonst muss er immer noch seinen reichlich vorhandenen Besitz sortieren. Normales Messie-Verhalten. Aber: Die Einweisung des Hausarztes fürs Krankenhaus ist nicht da. Herr Bergmann war zwar beim Arzt, aber der Arzt will das Formular nur mir selber geben.
Also schnell zum Arzt, Formular holen, zurück zu Herrn Bergmann. Der ist immer noch fast fertig. Nach zehn Minuten ist er ganz fertig und geht zu meinem Auto. Ich gehe voraus um aufzusperren. Als ich mich umdrehe, ist Herr Bergmann verschwunden. Sachen sortieren.
Dennoch sind wir pünktlich um 9.00 Uhr im Krankenhaus. Ich begleite Herrn Bergmann durch die Aufnahmeprozedur, regle die Zuzahlung, überzeuge die Ärzte und Schwestern, dass Herr Bergmann zwar unter Betreuung steht, aber nicht blöd ist und deshalb in die Behandlung selber einwilligen kann. Um 10.15 Uhr hat Herr Bergmann ein Bett und ich fahre ins Büro.
Dort sortiere ich die Post des Wochenendes und von heute. Meine Kollegin ist wieder mal klare Siegerin mit 12:8 Briefen. Schön für mich
Ich lese die Briefe, lese die Mails, werfe die unangeforderten Werbefaxe weg, kontrolliere ob Vergütungen eingegangen sind, gieße die Blumen und mache mich an die Schreibtischarbeit.
Als erstes informiere ich die Sozialarbeiterin der Werkstätte, in der Herr Bergmann arbeitet. Dann folgen mehrere Briefe, darunter die Kündigung einer Mitgliedschaft eines Betreuten beim TSV 1860 München. Ich schreibe ein P.S. dazu: „Diese Kündigung zu schreiben schmerzt mich als alten 60er sehr, aber ich muss den Wünschen meiner Betreuten folgen.“
Dann Mittagspause im Kreise der Familie. Dann wieder Briefe, Telefonate und Faxe: Eine Änderung des Einkommens bei einem Betreuten ans Sozialamt weiterleiten, weil der Betreute ergänzende Grundsicherung bekommt; Mobilitätshilfe (= Fahrtdienst für Behinderte) beantragen; eine Mutter eines Klienten informieren, dass entgegen ihren Vorstellungen ihr Sohn keinen Anspruch auf Wohngeld hat; mit dem Sozialarbeiter des Betreuten Einzelwohnens über den aktuellen Stand unserer Klienten austauschen; mit der Sozialarbeiterin eines Betreuten Wohnens die mögliche Krisenbetreuung während der Weihnachtsfeiertage regeln usw.
Dann noch zwei Hausbesuche bei zwei jungen Bewohnern von Regens Wagner, dem hiesigen Heim für Menschen mit geistiger Behinderung. Vor allem der erste Besuch bei einer 28jährigen ist immer etwas Besonderes. Wir kennen uns jetzt seit neun Jahren und wir haben so etwas wie ein Vater-Tochter-Verhältnis. Auch der andere Klient ist schon lange mein „Kunde“, auch erst Mitte zwanzig und auch mit einem sehr lockeren Verhältnis zu mir.
Das sind so die Momente der Entspannung, vor allem wenn beide – so wie heute – gut drauf sind und ihre schweren psychischen Probleme mal im Hintergrund stehen.
Um 17.30 Uhr wieder daheim. Feierabend. Blog schreiben. Morgen geht’s erst einmal mit einem Arbeitsfrühstück mit drei anderen Kollegen los. Gut dass mein Büro über einem Café liegt …
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