Aus dem Leben eines Betreuers

Die schönen Seiten des Lebens

26. Januar 2009 · Kommentar schreiben

Wenn man meine Beiträge so liest, könnte man meinen, das Betreuerdasein bestehe überwiegend aus negativen Dingen. Das ist entspricht durchaus der Realität. Als Betreuer hat man es zum größten Teil mit den Schattenseiten des Lebens zu tun: mit Krankheit und Tod, mit Leid und Elend, mit Kabel Deutschland und Deutscher Telekom.

Aber eben nur überwiegend. Als Betreuer erlebt man auch immer wieder die schönen Seiten des Lebens.

Schön ist zum Beispiel das Verhältnis zu vielen meiner Klienten. Okay, für einige bin ich eine Nervensäge, die nicht zulässt, dass der Betreute Schulden machen kann. Für einige bin ich nur ein Dienstleister, mit denen mich ein rein geschäftliches Verhältnis verbindet. Manchen bin ich einfach wurscht. Aber zu einigen habe ich eine fast familiäre Beziehung.

Das sind vor allem Bewohner von Regens Wagner, einer großen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Nicht, dass geistig Behinderte automatisch auf der Sonnenseite des Lebens stehen würden. Eine geistige Behinderung bewahrt einen nicht vor psychischen und körperlichen Erkrankungen. Und dass alle geistig Behinderten sympathische Wonneproppen sind, ist ein Mythos aus Film und Fernsehen. Aber auch wenn jede(r) Bewohner(in) von Regens Wagner mit ihren persönlichen Einschränkungen zu kämpfen hat, so ergibt sich doch in den meisten Fällen eine sehr positive Beziehung zu ihnen.

Eine Außenwohngruppe des Heims befindet sich gleich neben meiner Wohnung. Dort habe ich zwei Betreute. Verstößt zwar gegen alle meine Prinzipien, weil ich Beruf und Privatleben eigentlich streng trenne. Aber die zwei sind einfach so nette Menschen, dass mir das wurscht ist. Die kommen dann auch gelegentlich zum Kaffee oder zum Fußball schauen zu mir. (Bitte nicht weitersagen! Das ist nämlich wirklich absolut unprofessionell!)

Bei einer von den beiden, nennen wir sie Martina, habe ich mal angeregt, die Betreuung aufzuheben, weil es eigentlich nichts zu tun gab, was Martina nicht selbst mit Hilfe der ErzieherInnen hätte erledigen können. Zunächst war Martina damit einverstanden. Ein paar Tage später kam sie zu mir und meinte: „Die Betreuung muss weitergehen. Ich bin sonst die einzige im Heim, die keinen Betreuer hat. Wie stehe ich denn dann da!“

Der Betreuer als Statussymbol. Hat auch was. Bei den Bewohnern von Regens Wagner gilt aber nicht nur die Betreuung an sich als prestigefördernd, sondern noch mehr die Person des Betreuers. Folgenden Dialog habe ich in einer Wohngruppe mal mitgehört: (Vorbemerkung: Frau A. ist eine Kollegin von mir mit sehr vielen Klienten im Heim, und ich ändere gelegentlich meine Haarfarbe.)

Bewohner A (stolz): Meine Betreuerin ist die Frau A.!

Meine Betreute (noch stolzer): Und mein Betreuer hat blaue Haare!

***

Schön ist auch zu erleben, wieviel Hilfsbereitschaft und menschliches Entgegenkommen man in den Ämtern erlebt. Von wegen „faule Beamte“! Gut, die erlebt man auch. Aber vor allem in den Sozialämtern, mit denen ich zu tun habe, gibt es sehr viele Mitarbeiter, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. Ein ganz aktuelles Beispiel von heute: Bei meinem Lieblings-Messie steht wieder mal eine Entmüllung an. Die für ihn zuständige Mitarbeiterin des Sozialamts besorgt ein paar Zimmer weiter für ihn Sperrmüllkarten, damit das Ganze für ihn billiger wird. Und das, obwohl er vorübergehend gar keine Grundsicherung bezieht!

***

Schön sind auch die kleinen und großen Zeichen der Anerkennung, die man immer wieder bekommt. Eine Tafel Schokolade zu Weihnachten von jemand, der mit 86 Euro Barbetrag im Monat auskommen muss; eine Ansichtskarte aus dem Urlaub; ein Anruf des Betreuten, einfach so, „um zu schauen, wie es Ihnen geht“; die Frage am Ende eines Besuchs: „Wann kommen Sie denn wieder?“

***

Und schön ist es, wenn man mit den Betreuten lachen kann. Oder mal Kicker spielen oder FIFA spielen auf der Playstation. Und wenn der Betreute (auch ein Bewohner von Regens Wagner) mich dabei jedes Mal in Grund und Boden spielt, ist das so richtig schön … für den Betreuten.

***

Nachbemerkung: Ich habe gerade diesen Beitrag noch mal durchgelesen. Er klingt irgendwie kitschig. Tut mir leid, aber so ist das Betreuerleben eben manchmal auch.

Kategorien: Freud und Leid · The bright side of life
Mit Tag(s) versehen: , , ,

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben