Aus dem Leben eines Betreuers

Dreck

11. März 2009 · 1 Kommentar

Ein Erlebnis meiner Kollegin vor einiger Zeit: Sie hatte einen Gesprächstermin mit einer Frau, für die sie zur Betreuerin bestellt werden sollte. Mit dabei jemand von der Betreuungsstelle und der neue Leiter des Sozialamtes, dem die Betreuungsstelle untergeordnet ist. Dieser neue Leiter wollte den Alltag seiner Mitarbeiter praktisch kennenlernen.

Die Frau öffnete die Tür. Ihre Wohnung war … nun ja, extrem ungepflegt. Meine Kollegin ging ungerührt hinein. Der neue Leiter des Sozialamtes folgte ihr, drehte schnell wieder um, rannte hinaus und kotzte.

Womit wir bei einem wesentlichen Charakter-Unterschied  zwischen Betreuern und normalen Menschen sind: Betreuer sind dreckresistent.

Das müssen sie auch sein. Wer es nicht ist, macht es nicht lange. Denn viele unserer Klienten (viele, nicht alle!) haben ein sehr spezielles Verhältnis zu Hygiene und Sauberkeit. Das ist meistens krankheitsbedingt, entweder ein Symptom der Krankheit selbst wie bei den meisten Messies, oder eine Folge der Erkrankung. Wer in Depressionen versinkt, dem ist sein Umfeld wurscht. Und wer den ganzen Tag mit seinen Wahnbildern beschäftigt ist, hat einfach keine Energien mehr übrig für Ordnung und Reinlichkeit.  Dass Demenzkranke den Überblick auch über ihre hygienische Situation verlieren, liegt auf der Hand. Und mit permanent drei Promille im Blut kann man sich nur schwer aufs Saubermachen konzentrieren.

Oft ist das Leben im Dreck auch sozial bedingt. Die Eltern haben sich schon nie gewaschen, die Großeltern auch nicht, warum soll man dann in der dritten Generation damit anfangen?

Ein paar Beispiele, wie Menschen leben: (Achtung: Wenn Sie einen empfindlichen Magen haben, lesen Sie jetzt bitte nicht weiter!)

Ein Klient eines Kollegen von mir lebt in einem Wohnblock, dritter Stock, Einzimmerwohnung. Dort schlachtete er Hasen, nahm sie dort auch aus und lagerte sie. Die Nachbarn konnten die Fenster nicht mehr öffnen, weil sonst das Ungeziefer reinkrabbelte und -flog. Mein Kollege betrat die Wohnung nur mit Atemschutz.

Meine allererste Betreuung war für eine ältere Dame, die sich zu Tode trinken wollte, was ihr fast gelang. Als ich die Betreuung übernahm, war sie seit zwei Monaten im Heim. Die Wohnung hatte folglich seit zwei Monaten niemand mehr betreten und gelüftet. Ich war dann der erste. Die Wohnung war so mit Müll bedeckt, dass der Fußboden nicht mehr zu sehen war. In der Küche stand das verbrannte Essen in der Pfanne noch auf dem Herd, in der Kloschüssel lag die Scheiße. Als man die Wohnung nach der Räumung renovierte, musste man die Wände viermal streichen, bis der Geruch weg war.

Eine Klientin, die stark übergewichtig und an Multipler Sklerose erkrankt war, konnte sich nur noch entsprechend schwerfällig fortbewegen. Außerdem litt sie an Stuhl-Inkontinenz, weigerte sich aber, Windeln zu tragen. Meistens trug sie nicht mal Unterwäsche. Die Treppe rutschte sie immer auf dem Hintern hinunter. Die bevorzugten Wege auf der Treppe waren deutlich zu erkennen.

Eine Klientin litt an einem Sauberkeitswahn. Deshalb war sie immer extrem verschmutzt. Paradox. Erklärung: Sie hatte u.a. panische Angst vor Toiletten, auf denen schon jemand gesessen hatte. Deswegen machte sie lieber in die Hose oder ins Bett. Einmal war sie vier Wochen verschwunden. Als sie wieder auftauchte fuhr ich zu einem Gespräch zu ihr. Sie hatte vier Wochen lang in ihre Hose gemacht. Die Hose hatte sie nicht gewechselt. Ich führte das Gespräch im Freien, mit drei Meter Abstand und dem Wind in meinem Rücken. Trotzdem konnte ich nur sehr flach atmen.

Ein Klient meiner Kollegin pinkelt mit Vorliebe auf den Fußabstreifer vor der Wohnung.

Ein demenzkranker  Klient benutzte zum Kaffeekochen als Filter einen gebrauchten Putzlumpen.

Undsoweiter. Nur einige besonders markante Vorkommnisse, aber nichts Außergewöhnliches.

Manchmal wundert es mich immer noch, in welchen Umständen Menschen leben können. Aber meistens nehme ich es nicht mehr zur Kenntnis. Man gewöhnt sich dran. So wie die, die darin leben. Darum leben sie auch so.

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1 Antwort bis hierher ↓

  • Christian // 11. März 2009 um 22:24

    Hihi, das kenne ich alles irgendwoher… Schönes Blog, vielen Dank für deine witzigen Texte. Übrigens heißen die „Irren“ bei uns Unitymedia
    :-D

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