Ich habe ja schon mal hier über eine der eher nervenraubenden Begleiterscheinungen des Betreuerdaseins geschrieben: Die Angehörigen der Betreuten.
Vorneweg: Ich betone nochmals, dass ein Teil der Eltern, Kinder und Geschwister meiner Klienten völlig okay sind, teilweise sogar eine große Hilfe sind für die Klienten und damit auch für mich.
Aber eben nur ein Teil und nur teilweise. Der größere Teil der Angehörigen ist … nun ja, sagen wir mal: anstrengend. Das liegt ja auch in der Natur der Sache. Denn wenn eine Betreuung eingerichtet wird und es um die Frage geht, wer Betreuer werden soll, sind per Gesetz immer die nächsten Angehörigen erste Wahl. Berufliche Betreuer kommen erst ins Spiel, wenn keine Angehörigen da sind, oder zu weit weg, oder zu zerstritten untereinander oder sie überfordert wären, entweder weil der Fall zu schwierig ist oder ihre geistigen Kapazitäten zu gering.
Und so kriegt der berufliche Betreuer im Übermaß die Negativseiten des Familienlebens ab. Wo unter Eltern, Kindern und Geschwister gestritten, geprügelt, betrogen, missbraucht, bestohlen, beleidigt und verleumdet wird, da ist der berufliche Betreuer mittendrin. Manchmal sehnt man sich nach Klienten, die Vollwaisen und Einzelkinder sind.
Bei dem Ganzen gilt eine klare Regel: Je unfähiger der Angehörige, je mehr er selber verbockt, umso lauter beklagt er sich über den unfähigen, bösen Betreuer. Je dümmer, desto schrei.
Zur Zeit habe ich es in dieser Hinsicht mit einer Hardcore-Sippe zu tun. Aber was heißt „zur Zeit“! Die nerven mich schon seit zehn Jahren. Ihr Bruder ist in dieser Zeit wegen familiär bedingten Alkoholmissbrauchs immer mehr in die Demenz abgeglitten. Die Anzahl der Kontakte der Geschwister sank dabei proportional zur Zunahme der Demenz. Ich musste die komplette Haushaltsführung (Kochen, Putzen, Waschen, Einkaufen) in fremde Hände geben. Als der Klient wegen der mittlerweile völlig fehlenden Kontakte in Depressionen verfiel, organisierte ich einen Besuchsdienst – gegen Bezahlung.
Und dann kommen die Geschwister daher und beklagen sich, dass ich die Kontakte ihres Bruders zu ihnen unterbinden würde und für teures Geld Tätigkeiten organisieren würde, die sie doch sooo gerne machen würden. Sie drücken das aber nicht so gewählt aus. Überhaupt bestehen ihre Anrufe bei mir überwiegend AUS GROSSBUCHSTABEN.
Vor einiger Zeit kündigte ich den Telefonanschluss meines Klienten. Er hatte seit Jahren nicht mehr telefoniert und konnte auch nur noch mit viel Glück einen Anruf entgegennehmen – falls mal einer kam. Ein halbes Jahr später rief mich eine seiner Schwestern an, WAS MIR EINFÄLLT, IHREN BRUDER VON KONTAKTEN ZU IHR ABZUSCHNEIDEN, GERADE HABE SIE GEMERKT, DASS ER KEIN TELEFON MEHR HAT. Auf meine Antwort, dass er schon seit einem halben Jahr kein Telefon mehr hat und sie ihn folglich seit einem halben Jahr weder besucht noch angerufen hat, folgten GROSSGESCHRIEBENE BEMERKUNGEN, die ich hier nicht widergeben möchte. Es könnten ja auch Kinder mitlesen.
Letzte Woche meinte eine der Verwandten meines Klienten: „Sie kennen ja Ihren Betreuten nicht so gut wie seine Schwestern. Oder sehen Sie ihn einmal pro Woche? Seine Schwester kommt nämlich jede Woche zu ihm.“ – Stimmt; falls man eine Woche mit 100 Tagen ansetzt. Aber das habe ich mir nur gedacht.
Und so geht das fröhlich seit zehn Jahren. Wenigstens sind zwischendrin immer lange Pausen. Immer so lang wie die lieben Geschwister ihren Bruder vergessen. Zweimal im Jahr überfällt sie dann das schlechte Gewissen und sie fallen bei ihrem Bruder ein und besänftigen ihr schlechtes Gewissen, indem sie über den blöden, bösen Betreuer lästern und ihm hinterher wieder GROSSBUCHSTABEN an den Kopf werfen, getreu dem Motto: Wenn unser Leben schon versaut ist, soll der Betreuer auch keine Freude am Leben haben.
So. Das war jetzt alles nicht sehr konstruktiv, was ich geschrieben habe. Aber es hat gut getan. Ich habe mich abreagiert und kann mich nun ungestört vier freien Tagen hingeben, im Kreise meiner Familie, in der bei allen Mitgliedern alle Gehirne noch im vollen Umfang funktionieren. Ich genieße es.
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