Guter Betreuer – böser Betreuer

Seit 18 Jahren führe ich Betreuungen, seit knapp 12 Jahren mache ich das beruflich. In dieser Zeit hat sich so ziemlich alles verändert, was das Ansehen und die Bekanntheit der Tätigkeit “gesetzliche Betreuung” angeht.

Es ist ja schon charakteristisch, wie bei mir alles begann. Irgendwann 1991 erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem Landratsamt. Ich verstand sie akustisch sehr schlecht, hörte nur was von “Nachbarin” “um sie kümmern” “braucht Hilfe” und etwas, das wie eine Frage klang. Höflich wie ich bin, sagte ich “Ja”. So wurde ich Betreuer.

Damals hieß das noch nicht einmal Betreuung, sondern noch “Pflegschaft”. Was nichts daran änderte, dass ich absolut keine Ahnung davon hatte. Ich ging zum Amtsgericht, erhielt dort von einem freundlichen Herrn eine bedruckte DIN-A-4-Seite, die ich unterschrieb. Auf seinem Schreibtisch lag, mit der Kopfseite zu mir, ein Schriftstück, das den Titel trug “Belehrung und Hinweise für Pfleger”. Dieses Schriftstück erhielt ich nicht, auch keine mündliche Belehrung, was ich nun tun durfte und musste.

Ich lernte es anschließend durch Versuch und Irrtum.

Als ich 1998 dann Betreuer von Berufs wegen wurde, musste ich jedem erst mal erklären, was ich da überhaupt mache. Die Tätigkeit an sich war weitgehend unbekannt, und die Berufsbezeichnung “Betreuer” trägt auch nicht gerade zur exakten Beschreibung des Aufgabenfeldes bei.

Heute ist das alles doch anders. Wenn ich heute sage, dass ich gesetzlicher Betreuer bin, kommt als Antwort nur noch selten “Hä?”, sondern meistens “Ach ja, meine Tante/Schwiegermutter/Cousine meiner Nachbarin hat auch einen Betreuer”, verbunden mit mehr oder weniger zutreffenden Beschreibungen, was dieser Betreuer macht.

Auch das Image unserer Tätigkeit hat sich gewandelt. So vor etwa zehn Jahren hatten die Journalisten die Betreuer entdeckt, nach nur acht Jahren des Bestehens dieses Berufes. Dies ist eine fantastische Leistung für Journalisten, wenn man bedenkt, dass Journalismus in erster Linie kein Beruf, sondern eine geistige Behinderung ist. Entsprechend ihrer Behinderung brachten die Journalisten jahrelang ausschließlich Berichte über unfähige und kriminelle Betreuer. (Seltsam, dass ich noch nie einen Bericht über unfähige und kriminelle Journalisten gesehen habe.)

Trotz der ausdauernden Schmutzkampagne hat sich aber anscheinend doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Betreuung an sich und in dieser Form eine sinnvolle und hilfreiche Einrichtung ist und dass 99,999 % aller Betreuer zumindest keinen Schaden anrichten. Ich bekam jedenfalls noch nie Vorbehalte zu spüren, nur weil ich für jemanden als Betreuer tätig wurde. Die Vorbehalte waren immer an die Umstände geknüpft, z.B. dass Angehörige Angst hatten, dass ich gewohnte Geldflüsse versiegen lasse.

Und die Hetzattacken der (gehirn)freien Presse haben mittlerweile auch fast gänzlich aufgehört.

Manchmal siegt eben doch das Gute. Auch wenn es fast zwanzig Jahre dauert.

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Eine Antwort zu “Guter Betreuer – böser Betreuer

  1. Gitta Behrens

    Fast alle Betreuer empfinden die Presse als ungerecht. Ich kann das nur zum Teil nachempfinden, denn ich habe innerhalb meiner Tätigkeiten bei einem Betreuungsverein ganz miese Betrügereien erlebt. Und in unserem Bezirk wurden einer Kollegin sämtliche Betreuungen weggenommen, weil sie sich an deren Geld bereichert hatte. Beides war NICHT in der Presse zu finden.

    Ich selbst hatte vor einigen Jahren von mir aus die Presse eingeschaltet, weil mehreren meiner Betreuten von der ARGE ihr Geld vorenthalten wurde. Der Zeitungsartikel war absolut seriös und hat mir nur positive Kritik gebracht.

    So wie es gute und schlechte Betreuer gibt, gibt es auch gute und schlechte Journalisten. Aber wie dem auch sei – nichts ist wichtiger als eine freie Presse, damit Menschen die Möglichkeit erhalten, sich öffentlich zu äußern.

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