Ungehörige Angehörige – wieder mal

Ich muss mal wieder über Angehörige von Betreuten ablästern. Tu ich ja gern. Also, dass kein falscher Eindruck entsteht: Die meisten Eltern, Kinder und Geschwister meiner Klienten sind voll in Ordnung. Sie kümmern sich und tun ihr bestes. Aber manche Angehörige …

Eine meiner Klientinnen lebt in einem Pflegeheim. Sie ist erst 47, aber dank einer alkoholbedingten Demenz kann sie nicht mehr selbständig wohnen. Das Heim – ein normales Altenheim – ist mit ihr überfordert. Ich wurde aufgefordert, für sie ein geeignetes Heim zu suchen. Ansonsten würde der Heimplatz von der Einrichtung gekündigt.

Die Mutter der Klientin ist entsetzt. Sie wohnt in der gleichen Stadt und besucht ihre Tochter jeden Tag. Die Mutter ist gehbehindert und hat keinen Führerschein. Ich sage ihr, dass ich ihre Tochter in einem Heim für Menschen mit alkoholbedingter Demenz angemeldet habe, in einem Ort in 30 km Entfernung. Der Lebensgefährt der Mutter sagt: “Da kann ich meine Lebensgefährtin nicht hinfahren. Das Geld für das Benzin habe ich nicht.” Ich erkläre der Mutter ausführlich die Gründe für den Heimwechsel und dass es gar keine Alternative gibt. Die Mutter beendet nach einer halben Stunde das Gespräch mit den Worten: “Ja, wenn das so ist, dann muss das wohl so sein. Aber ich werde alle Mittel ausschöpfen, um das zu verhindern.”

Am nächsten Tag ruft sie wieder an. Das Gespräch ist fast wortgleich identisch mit dem vorigen. Die Mutter schließt mit “Sie haben ja recht. Man kann nichts machen. Ich gehe zum Anwalt!”

Drei Tage später wieder das Selbe. Und die Woche drauf wieder. Und so weiter. Immer mit einem einsichtigen Ende bei der Mutter, verbunden mit der Ankündigung, sich das nicht gefallen zu lassen.

Irgendwann beschränke ich die Gespräche mit ihr auf den Satz: “Ich habe alles gesagt, was zu sagen ist, es gibt nichts Neues.”

Dann kommt ein Brief von einem Anwalt. Ich schreibe ihm das, was ich der Mutter schon 37mal gesagt habe. Der Anwalt gibt meine Antwort an die Mutter weiter, zusammen mit seiner Rechnung über 300 EUR. Die Mutter ruft mich an. Sie ist entsetzt, dass der Anwalt Geld will. Sie hat doch nichts. Ob ich nicht die 300 EUR aus dem Taschengeld ihrer Tochter bezahlen könnte.

Mir kommt der Gedanke, dass man bei so einer Mutter zwangsläufig zur Alkoholikerin werden muss. Aber das ist ein ganz, ganz böser Gedanke. Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von ihm!

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