Archiv der Kategorie: Der Betreuer an sich

Vielfalt

Was ich am Beruf des gesetzlichen Betreuers so sehr schätze: Er ist sehr vielfältig und bietet reiche Abwechslung. Zum Beispiel diese Woche. Da habe ich

- Porträtfotos von Klienten angefertigt,

- einen Traktor verkauft,

- eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.

Wo gibt’s so eine Bandbreite denn noch?

Zur Erklärung: Die Fotos habe ich gemacht, weil die Klienten die neue Gesundheitskarte bekommen, welche mit einem Foto versehen ist. Die meisten Klienten haben jedoch kein Passfoto vorrätig und sind körperlich oder geistig nicht in der Lage, zum Fotografen zu gehen. Da nehme ich dann halt den Fotoapparat mit und schicke das Bild online an die Krankenkasse.

Von Traktoren habe ich absolut keine Ahnung. Aber da mehrere Interessenten da waren, habe ich den Verkauf nach der Maxime geregelt “Wer am meisten bietet bekommt das Teil”. Das verstehe ich.

Und die Verfassungsbeschwerde ist das Resultat von Beschlüssen von arbeitsunwilligen Richtern an einem Landgericht. Die haben ein Wiederaufnahmeverfahren (Details siehe hier) abgelehnt mit einer Begründung, die vor allem eins aussagt: “Wir haben keinen Bock, uns mit dieser Sache zu befassen.”

Also langweilig wird’s einem als Betreuer nie.

Kontrolle

Zu den grundlegenden Pflichten eines beruflichen Betreuers zählt die Rechenschaft gegenüber dem Betreuungsgericht. Diese vollzieht sich unter anderem in der Rechnungslegung. Das ist eine Aufstellung aller Einnahmen und Ausgaben des Klienten, über die man als Betreuer Einblick und Verantwortung hat.

Die Erstellung einer Rechnungslegung ist so ziemlich das langweiligste, was man als Betreuer zu erledigen hat. Dazu ist das Ganze sehr fehleranfällig. Ein Vertipper – und am Ende kommt eine falsche Summe heraus. Und dann beginnt die Suche nach dem Vertipper oder der übersehenen Zahl …

Kurz und gut: Rechnungslegung nervt. Wahrscheinlich nicht nur den Betreuer, sondern auch den armen Hund im Gericht, der das dann prüfen muss. Stelle ich mir auch ungeheuer spannend vor. Aber es muss sein. Betreuer müssen kontrolliert werden. Also ich bin froh drum. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit im Umgang mit renitenten Angehörigen und Erben. Da kann ich ruhig sagen: “Also das Gericht findet das okay, wie ich mit dem Geld Ihres verstorbenen Vaters umgegangen bin, um das äh … um den Sie so sehr trauern, obwohl Sie seit 30 Jahren kein Wort mit ihm gesprochen haben.”

Wobei es bei der Intensität der Kontrolle eine ziemlich große Spannweite gibt. Da ist auf der einen Seite eine Rechtspflegerin, die vor vielen, vielen Jahren von einem Kollegen Schadenersatz forderte, weil der vergessen hatte, für das Konto eines Klienten einen Freistellungsauftrag einzurichten und der Klient deswegen Kapitalertragssteuer entrichten musste. Und zwar die ungeheure Summe von EUR 0,02. Mein Kollege zahlte die 2 Cent dann in bar auf das Konto des Klienten ein.

Auf der anderen Seite befindet sich die Zweigstelle eines Gerichts, mit der ich erst seit kurzem zu tun habe. Da fiel die erste Rechnungslegung recht umfangreich aus, weil es weit über 100 Belege gab. Diesen Packen wollte ich nicht mit der Post verschicken. Meine Frau lieferte ihn dann bei diesem Gericht ab, weil sie eh in diese Stadt musste. Sie übergab das Paket der Dame in der Geschäftsstelle des Betreuungsgerichts. Die war entsetzt über die Größe des Pakets und fragte meine Frau, was das denn alles wäre. “Ja, Belege halt”, meinte meine Frau. Darauf die Dame vom Betreuungsgericht: “Belege? Wieso Belege? Wir haben noch nie Belege bekommen!”

Aber genug davon. Ich hab keine Zeit für mehr. Ich muss noch ‘ne Rechnungslegung machen.

Stadtansichten

Der Betreuer fährt mit seiner Gattin zum Shoppen und Flanieren in die nächstgelegene Kreisstadt, wo der Betreuer seit Jahren viele Kundschaft hat. Ein Passant fragt nach dem Weg. Die Betreuergattin sagt: “Gehen Sie dort an der Boutique vorbei, dann nach dem Café links, überqueren Sie einen wunderschön gestalteten Platz, dann vorbei am Kino und am Theater und gleich nach einer urigen Kneipe rechts zum Stadtpark.”

Der Betreuer sagt: “Gehen Sie geradeaus bis zum Landratsamt, dann links, bis Sie zu den Notunterkünften der Stadt kommen, dann weiter bis zur Psychiatrischen Klinik, dort links, da sehen Sie dann ein kleines Seniorenheim, das ich sehr empfehlen kann. Nach einer Weile kommen Sie an einem Wohnblock vorbei, wo sich vorletzte Woche jemand erhängt hat, dann kommt das Ärztehaus, dann die Wohngruppe für geistig Behinderte – sehr nette Leute übrigens, und dann erreichen Sie den Stadtpark. Dem Bettler dort am Eingang sollten Sie nichts geben, der bekommt ausreichend Sozialhilfe.”

Ansichten einer Stadt.

Dorfleben

Ich habe hier schon öfters über einen Fall berichtet, den ich vor gut einem Jahr übernommen habe. Der Mensch, der diesen Fall ausfüllt, ist der geistig behinderte Dorfdepp in einem kleinen Ort, Erbe eines Bauernhofes, von einem Teil der Dorfmitbewohner unterstützt, vom anderen Teil ausgenützt.

Der Klient musste ins Heim. Eine Woche nach der Heimaufnahme rief mich ein mir bis dato fremder Mann aus dem Dorf an: Ob ich denn den Hof verkaufe, er hätte Interesse daran. Mittlerweile habe ich drei Interessenten, ohne dass ich jemals mit irgendjemand darüber geredet hätte.

Neulich brauchte ich eine Auskunft zu einem Grundstück, das angeblich dem Klienten gehören sollte, dessen Existenz mir aber unbekannt war. Ich mailte dem Bürgermeister, ob er denn Näheres wisse. Eine Stunde später hatte ich alle Details über diese Grundstücke, einschließlich die Namen der Käufer, an die vor Jahren verkauft wurde.

So läuft’s auf dem Dorf.

Unterbringung

In den Top Ten der unangenehmen Aufgaben eines Betreuers liegt die Unterbringung ganz vorn. “Unterbringung” hört sich ja ganz nett und freundlich an. Aber sie bezeichnet einen der heftigsten Eingriffe in die Grundrechte eines Menschen: Den Entzug des Rechts, sich frei bewegen zu dürfen und selbst bestimmen zu dürfen, wo man wohnen und sich aufhalten möchte.

Das ist so ein schwerwiegender Eingriff in das Leben eines Menschen, dass ich (und jeder verantwortungsbewusste Betreuer) versuche, ihn zu vermeiden, wo es nur geht. Leider geht es nicht immer. Diese Woche war es wieder so weit.

Immerhin war es die erste Unterbringung einer meiner Klienten seit fast zwei Jahren. Diesmal aber dafür eine der verschärften Art. Denn es gibt ganz unterschiedliche Formen, wie eine Unterbringung zustande kommt.

Der für alle angenehmste Verlauf ist, wenn der Klient schon (bisher freiwillig) in der Klinik ist und irgendwann dann heim will, die Ärzte aber meinen, dass noch Behandlungsbedarf besteht. Da sperrt man die Türe zu und das war’s.

Am anderen Ende der Skala befindet sich die Unterbringung, bei der der Klient noch zu Hause ist, in die geschlossene Station eines Pflegeheimes muss (also für immer weggesperrt wird, nicht nur vorübergehend) und das partout nicht einsieht, weil sein geistiger Zustand halt so ist, und der sich mit Händen und Füßen gegen die Einlieferung wehrt.

In diesem Fall muss die Betreuungsstelle ran. Die holt dann die Polizei dazu und diese befördert den sich heftig wehrenden Menschen mit Gewalt und eventuell in Handschellen in den Sanka.

Genauso lief es diese Woche bei meinem Klienten. Ich will hier nicht die Gründe schildern, weshalb es so weit kam – das würde den Rahmen hier sprengen und würde mich in Konflikt bringen mit dem Persönlichkeitsschutz des Klienten.  Es war notwendig und unabwendbar, dass es so lief. Wirklich, ich habe mir in den Tagen davor und seither immer wieder andere Alternativen überlegt. Das Ergebnis war immer dasselbe: Es ging nicht mehr anders als auf diese Weise.

Leider beruhigt das Wissen, das einzig Richtige, weil Notwendige getan zu haben, nur teilweise das eigene Gewissen. Zum Glück hat man so eine gewaltsame Unterbringung nur extrem selten. Für mich war’s die erste seit sieben Jahre und erst die dritte überhaupt. Ich hätte nichts dagegen wenn ich jetzt bis zur Rente davon verschont bliebe.

***

Nachsatz: Ich habe hier nichts über das Prozedere einer Unterbringung geschrieben. War nicht das Thema. Wer es genauer wissen will: Eine kurze Erklärung gibt’s hier.

Positiv

Meine Schwiegermutter hat neulich nach dem Lesen einiger Artikel dieses Blogs entsetzt festgestellt, dass diese Artikel überwiegend einen negativen Inhalt hätten. Ich war verwundert über diese Reaktion, aber musste dann nach einem Durchlauf aller bisherigen Beiträge feststellen, dass dieser Eindruck tatsächlich aufkommen kann.

Dabei ist das von mir gar nicht so gewollt. Wenn tatsächlich in meinem Job fast alles negativ wäre, könnte ich diese Tätigkeit schon lang nicht mehr machen. Dass vieles für Außenstehende so negativ rüberkommt, wenn ich davon erzähle, hängt mit zwei Faktoren zusammen:

  1. Als Betreuer lernt man sehr schnell, dass sich das meiste im Leben einer Einordnung in “negativ” und “positiv” entzieht. Deshalb ist der größte Teil meiner Artikel nicht als Bewertung gemeint, sondern als Beschreibung. Vieles lässt sich einfach nicht bewerten, sondern es ist halt so. Menschen sind unvollkommen, stellen sich blöd an, machen sich selbst kaputt, werden krank, sterben. Das ist halt so. Das alles hat oft negative Auswirkungen, aber die Ursachen dafür sind halt eben so. – Und beim bewertbaren Rest gibt es zwischen “gut” und “schlecht” so viele Zwischenstufen, dass man irgendwann aufhört, überhaupt noch in diesen Kategorien zu denken. Ist einfach Zeitverschwendung. (Ein paar Ausnahmen bleiben. Missbrauch zum Beispiel ist immer und grundsätzlich negativ. Ausschließlich.)
  2. Die Aufgabe eines Betreuers ist es nun mal, sich mit den Schattenseiten des Lebens zu befassen. Deshalb nimmt dieser Teil natürlich einen breiteren Raum in meinen Schilderungen ein.

Aber selbstverständlich hat unser Beruf auch seine hellen Seiten. Ein paar Beispiele:

Die hellste Seite überhaupt: Man kann als Betreuer Menschen ganz konkret und sichtbar helfen. Im Kleinen, z.B. dass ein Alltag, der chaotisch und kräfteraubend war, wieder einigermaßen geordnet und für den Klienten erfreulich verläuft. Und im Großen, dass man Menschen aus Krisen heraus hilft oder sie zumindest dabei begleitet. Es gibt mindestens zwei Menschen, denen ich ganz konkret das Leben gerettet habe und die dadurch und durch meine weitere Tätigkeit wieder ein sinnvolles, selbstbestimmtes Leben führen können. Daneben war ich bei dutzenden anderen wenigstens ein Rädchen im Hilfe-Getriebe, das ihnen ein besseres Leben ermöglicht hat.

Dann ist es einfach schön, Menschen über Jahre zu begleiten. Gerade zu denen, die ich mit Eintritt der Volljährigkeit übernehme und die ich dann ins Erwachsenwerden und Reifen begleite, entwickelt sich oft ein enges Verhältnis. Aber auch für viele ältere Klienten ist man eine Person des besonderen Vertrauens. Wenn man dann z.B. zum Geburtstag so wunderbar kitschige Kunstblumen geschenkt bekommt, die die Betreute von ihrem mageren Sozialhilfebetrag gekauft hat, dann erwärmt das einfach das Herz des Betreuers.

Und schließlich ist es einfach schön, das Leben in unserem Land in seiner ganzen Bandbreite kennenzulernen. Manchmal ist das auch erschütternd, nervenaufreibend oder wuterregend, aber die meiste Zeit fasziniert es mich nur zu sehen, wie Menschen leben, wie sie ihr Leben trotz aller Einschränkungen meistern, wieviel organisierte und ganz private Hilfe und Zuwendung es gibt, und wie gut es uns in unserem Land geht. Selbst den Menschen, denen es schlecht geht.

Also: Vieles ist halt einfach so. Aber sehr viel ist auch wirklich positiv. Nicht nur im Leben eines Betreuers.

 

Stadt, Land, Fluss

Ich betreibe mein Gewerbe in einer idyllischen Kleinstadt. Na ja, idyllisch ist diese Stadt nicht, aber klein auf jeden Fall. Diese Tatsache beeinflusst auch die Tätigkeit des Betreuers. Es bringt viele Vorteile mit sich, aber auch Nachteile.

Ein Vorteil liegt darin, dass man die Leute kennt. Die Hälfte der Stadtverwaltung kennt man aus Kindertagen und ist mit ihnen per Du. Ebenso die wichtigsten Personen bei der Polizei. Oder fast alle Geschäfts- und Bankleute in der Stadt. Das erleichtert die bürokratischen Abläufe, die Suche nach vermissten Betreuten (die der zuständige Polizist oft auch schon seit Kindertagen kennt) oder den Umgang mit mehr oder weniger dubiosen Geschäften, die unsere Klienten manchmal so treiben.

Auch eine Wohnung zu finden für einen Klienten, ist in der Kleinstadt einfacher. “Ach, ich kenne ja Ihre Mutter, dann wird’s schon gutgehen”, – mit dieser Bemerkung vermietete eine ältere Dame einmal eine Wohnung an einen meiner etwas schwierigeren Klienten.

Doch genau in diesen Vorteilen gründen sich auch die Nachteile. Denn je länger ich meinen Job in der Kleinstadt mache, umso mehr spricht es sich herum, dass z.B. meine Klienten nicht immer nur nette, harmlose hilfsbedürftige Menschen sind, sondern gelegentlich auch laut, unsauber oder gewalttätig. Das hat dazu geführt, dass mittlerweile die meisten potentiellen Vermieter laut schreiend davonrennen, wenn ich nur in ihre Nähe komme.

Auch die Nähe zu den “Amtspersonen” birgt in ihren Vorteilen auch die Nachteile. Ich bekomme vieles einfacher und unbürokratischer, aber es wird von mir im Gegenzug dasselbe erwartet.  Typisches Beispiel: Betreute in der städtischen Notunterkunft. Ich kriege für diese Klientel vieles, was nicht Pflicht der Stadt ist. Dafür beharre ich z.B. nicht auf eine Verlegung in eine andere Notunterkunft, wenn die, in der der Betreute wohnt, abgerissen wird, sondern suche eine andere Wohnung.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Wege kurz sind. Zeitweise wohnte ein Drittel meiner Klienten im Umkreis von 500 m um mein Büro. Das ist praktisch, hat aber auch wieder Nachteile. Stichwort “Ich weiß, wo du wohnst!”. Oder wenn einem die nervige Betreute, die diesen blöden, unfähigen Betreuer unbedingt loshaben wollte, nach dem Ende der Betreuung  ständig über den Weg läuft. Zum Beispiel beim trauten Tête-à-Tête mit seiner Gattin im Café. Und diese Ex-Klientin erzählt dann überall in der Stadt herum, was ihr Ex-Betreuer für eine Niete ist. Auch nicht schön.

Und noch ein Nachteil: Von der Kundschaft nur in einer Kleinstadt kann man als Betreuer nicht leben. Man braucht schon mindestens einen ganzen Gerichtsbezirk dafür. Das macht auf dem flachen Land die Wege wieder weit.

Aber insgesamt überwiegen für mich die Vorteile. Ich könnte es mir jedenfalls nicht vorstellen, meinen Job in einer Großstadt zu machen.

Frage: Wie sind die Erfahrungen von Großstadt-Betreuern?

Immer mal was Neues

Das schöne am Beruf des Betreuers ist, dass man auch nach vielen Jahren immer noch Neues erlebt und Dinge zum ersten Mal macht.

Ich habe jetzt zum ersten Mal nach 13 Jahren in diesem Job mit einem Wiederaufnahmeverfahren zu tun. Dieses Verfahren gibt es, wenn jemand zu einer Strafe verurteilt wird und irgendwann, nach Rechtskraft des Urteils, Umstände bekannt werden, die die Strafe verändern könnten.

Es geht bei mir um einen Klienten, dessen Betreuung ich neu übernommen habe. Er ist geistig behindert und notorischer Schwarzfahrer. Deshalb wurde er letztes Jahr zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Strafe hat er auch abgesessen, um gleich nach der Entlassung fröhlich weiter ohne Ticket mit dem Zug zu fahren. Kurz vor der Betreuungsübernahme erhielt er deshalb 10 Monate Gefängnis.

Gegen dieses Urteil legte der Klient Berufung ein. Ich begründete dann, als ich Betreuer für ihn wurde, die Berufung mit der fehlenden Straffähigkeit des Klienten, unter Verweis auf das Betreuungsgutachten, wo ein entsprechender Satz stand. Außerdem, so schrieb ich, “merkt man nach fünf Minuten Gespräch mit Herrn X., dass er offensichtlich keine Ahnung hat, was er tut.”

Der zuständige Richter am Landgericht, der Berufungsinstanz, ließ sich das Betreuungsgutachten kommen und stellte daraufhin ohne jede weitere Untersuchung oder Verhandlung das Verfahren ein. Die größtmögliche Ohrfeige für den Richter am Amtsgericht, der den Prozess geführt hatte.

Wenn mein Klient also gerichtlich festgestellt 2011 nicht straffähig war, dann war er das 2010 auch nicht, weil er da genauso geistig behindert war wie heute. Also habe ich einen Anwalt beauftragt, damit der das Verfahren von damals wieder in Gang bringt, mit dem Ziel eines Freispruchs und einer Haftentschädigung.

Das Ganze ist, wie gesagt, Neuland für mich. Ich bin gespannt, wie es läuft und vor allem: wie lang es läuft.

Gute Betreuer, schlechte Betreuer

Anruf von der Stationsleitung eines Heimes: Frau Ehwald ist gerade gestorben. Wir reden eine Weile über das Sterben und das Leben meiner Klientin. Am Schluss teile ich der Stationsleitung noch meine Anerkennung mit für die äußerst gute Arbeit, die sie und ihre Kolleginnen geleistet haben. Die Dame meint: “Ich muss das Lob zurückgeben. Sie sind einer der besten Betreuer, die wir hatten.”

Ich freue mich natürlich über das Lob. Noch mehr würde ich mich freuen, wenn ich im Fall der Frau Ehwald irgendwas Herausragendes geleistet hätte. Habe ich aber nicht. Seit Frau Ehwald in dieses Heim kam war es eine sehr einfache Betreuung geworden. Ich machte meine monatlichen Besuche, ansonsten gab es nur Routine.

So sagte ich das auch der Stationsleitung. Sie erwiderte, dass eben dieses das Besondere an mir gewesen sei. Dass ich meinen Job gemacht hätte und mich für meine Klientin interessiert hätte. Das würden sie bei weitem nicht bei jedem Betreuer erleben.

Da verging mir dann endgültig die Freude an dem Lob. Man fällt also als Betreuer positiv auf, wenn man einfach seinen Job macht!!

Hey Leute, das ist doch eine Katastrophe für uns Betreuer!

Ich würde jetzt auch nicht darüber schreiben, wenn ich solch ein dubioses Lob nicht schon öfters gehört hätte. Also wirklich, ich halte mich selbst für einen ganz durchschnittlichen Betreuer. Ich versuche für meine Klienten das Beste zu erreichen, unter Berücksichtigung ihrer Wünsche und Bedürfnisse, mache dabei auch Fehler, weiß bei weitem nicht alles und richte gelegentlich auch mehr Schaden an als dass ich helfe, weil ich wie jeder Mensch meine Grenzen und Einschränkungen habe. Und das alles reicht aus, um in den Augen von Leuten aus dem Umfeld meiner Klienten als positives Beispiel eines Betreuers zu gelten!

Natürlich, die Dame aus dem Heim meinte mit “Betreuer” nicht nur die beruflichen Betreuer, sondern auch die Angehörigen-Betreuer und die Ehrenamtlichen. Die sind manchmal einfach überfordert, oder es wurde im Angehörigen-Fall der Bock zum Gärtner gemacht. Da gibt es naturgemäß eine hohe Versagensquote und ein geringes Interesse am Betreuten. Aber ich habe auch schon Fälle von beruflichen KollegInnen übernommen, wo sich mir die Zehennägel aufgerollt haben. Wenn ich da nach der Fall-Übernahme einfach nichts gemacht hätte, wäre das schon eine erhebliche Verbesserung für die Klienten gewesen. Es gibt nämlich tatsächlich BetreuerInnen, die schaffen es, weniger als nichts zu machen! Wenn ich da beim neuen Klienten (der schon seit Jahren einen Betreuer hatte) zum Antrittsbesuch komme, sagt der dann erfreut: “Ah, so sieht also ein Betreuer aus!”

Wenn ich dann Kollegen treffe, die 75 Betreuungen haben (in einem Umkreis von 100 km), dann wundert mich nichts mehr. Oder nur 15 Betreuungen, aber die neben einem Vollzeit-Beruf.

Und dann jammert alles, dass wir Betreuer so ein schlechtes Image haben.

Veränderte Wahrnehmung

Neulich wurde mir mal wieder drastisch vor Augen geführt, wie sehr sich im Laufe eines Betreuerlebens die eigene Wahrnehmung verschiebt. Was für einen Betreuer “normal” ist, was er schon gar nicht mehr registriert, ist für den Durchschnittsbürger oft einfach nur furchtbar.

Ich habe vor ein paar Monaten die Betreuung für einen alleinstehenden Landwirt übernommen. Er ist geistig behindert und erfüllt seit Jahrzehnten die Funktion des Dorfdeppen. (Nebenbei: Das ist eine wichtige soziale Funktion auf dem Land!) Er lebt wie halt ein geistig einfach strukturierter alleinstehender Mann so lebt. Seine Wohnung schaut auch so aus. Rußgeschwärzte Wände; ein für ihn glasklares Ordnungssystem, das nur für Außenstehende wie Chaos wirkt; Geschirr, das als gespült gilt, ohne danach auszusehen; Staub, der seit der vorletzten Jahrhundertwende herumliegt, ohne jemandem wehzutun. Nichts Besonderes also, sagt der berufliche Betreuer, da habe ich schon Schlimmeres gesehen. Immerhin kann man sich hinsetzen ohne sich eine Infektion zu holen.

Nach ein paar Wochen musste aufgrund der Umstände eine Haushaltshilfe engagiert werden. Mir wurde eine im Dorf ansässige Polin empfohlen, die bereits bei anderen Bauern im Haushalt geholfen hatte. Sie besichtigte mit mir zusammen meinen Klienten und dessen Wohnung. Als wir wieder draußen waren, sagte sie mit kreidebleichem Gesicht: “Wie kann ein Mensch nur so leben! Das ist ja entsetzlich! Nein, da kann ich nicht arbeiten!”

Tja, man gewöhnt sich eben an alles. So wie die Menschen, die im Dreck leben, sich an den Dreck gewöhnen, so tut es auch der Betreuer, der regelmäßig bei ihnen zu Gast ist. Gut, wenn man gelegentlich an seine eigenen Anfänge erinnert wird, an die Schocks, die man damals noch empfunden hat.