Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Alles ist gut

Frau Huber hat diese Woche zu mir gesagt: “So gut wie jetzt ist es mir in meinem ganzen Leben nicht gegangen!”

Das ist bemerkenswert, denn Frau Huber hatte ein erfolgreiches Leben in relativem Wohlstand; und vor einem Jahr hatte sie den größten Teil ihres Besitzes einschließlich ihrem Haus aufgegeben, um in ein Pflegeheim zu gehen. Außerdem leidet sie an Demenz im Anfangsstadium.

Aber das erfolgreiche Leben verbrachte sie an der Seite eines sehr dominanten Ehemanns, der seinen Machtanspruch auch mit körperlicher Gewalt durchsetzte. Eigentlich lebte Frau Huber nicht an der Seite ihres Mannes, sondern unter ihm. Und als der Gatte endlich so nett war, vor ihr zu sterben, zog Frau Hubers Schwester bei ihr ein. Die genauso dominant und genauso gewaltbereit war.

Ich wurde Betreuer für beide Schwestern. Beide gingen zusammen ins Heim. Als sich bei Frau Huber die Demenz immer breiter machte, ging es ihr wie allen Demenzkranken: Die soziale Selbstkontrolle brach nach und nach weg. Frau Huber wurde immer aggressiver. Auch im Heim wütete sie gegen ihre Schwester und andere Bewohner. Die Zustände waren grenzwertig.

Nach drei Monaten im Heim starb ihre Schwester. Und von einem Tag auf den anderen war Frau Huber ausgeglichen, voller Humor und Freude, trotz gelegentlicher demenzbedingter depressiver Phasen.

Das Heim, in dem Frau Huber jetzt ist, ist ein kleines Heim, in dem jeder Bewohner seine ganz individuelle Zuwendung bekommt. In dem jeder Bewohner so sein darf, wie er ist. Eine Erfahrung, die Frau Huber zum ersten Mal seit sechzig Jahren macht. Eine Erfahrung, die sie aufblühen lässt; die sie, trotz der Demenz, sagen lässt: “So gut wie jetzt ist es mir noch nie gegangen.”

Es wäre so einfach, Menschen glücklich zu machen. Man muss gar nichts dazu tun. Nur jeden Menschen so sein lassen, wie er ist anstatt ihn nach dem eigenen Bild zu formen.

Bluff

Meine bevorzugte Herangehensweise an Menschen und Situationen ist Ehrlichkeit. Das ist kurzfristig manchmal unbequem, langfristig jedoch am hilfreichsten. Gelegentlich kommt man als Betreuer aber nicht umhin, auch mal kräftig zu bluffen.

So wie diese Woche. Da erhielt ich einen Anruf von einer Hausmitbewohnerin eines Klienten, Herrn Gärtner. “Die Polin ist grad wieder da, zusammen mit zwei Männern. Und den Gärtner haben sie wieder weggeschickt!”

Die Polin ist eine hauptberufliche Alkoholikerin und Nebenerwerbs-Nutte. Sie schmeißt sich schon seit Jahren an Herrn Gärtner ran, um in seiner Wohnung ihrem Gewerbe nachzugehen und dort ihre Kundschaft auch mit Essen zu versorgen – auf Herrn Gärtners Kosten. Der wird derweil zum Einkaufen geschickt. Mein Klient ist ebenfalls Alkoholiker und wegen einer Hirnschädigung nicht mehr in der Lage, sich gegen solche Dreistigkeiten zu wehren.

Ich konnte der netten Dame bisher nichts beweisen. Deshalb kam mir der Anruf gerade recht. Ich sprinte sofort zur nahe gelegenen Wohnung von Herrn Gärtner. Die Dame macht mir sogar auf. Leider sind die beiden Männer schon wieder weg. Aber alle Indizien deuten auf das übliche hin: Sex und Kochen.

Dummerweise habe ich null Befugnisse. Ich habe weder den Aufgabenkreis “Wohnungsangelegenheiten” noch “Ausübung des Hausrechts”. Aber ich gehe davon aus, dass die Dame im deutschen Rechtswesen nicht sehr bewandert ist. Und ich habe zwölf Jahre Erfahrung als Schauspieler. Also spiele ich jetzt die Rolle “Ich bin Gott und du bist nix”. Ich teile der Dame mit, dass sie ab sofort Hausverbot hat, sofort hier verschwindet und vorher noch den Wohnungsschlüssel rausrückt. Ansonsten kommt die Polizei.

Nach langem Palaver packt die Dame tatsächlich ihre Sachen und geht. Aber den Schlüssel rückt sie nicht raus. Ich rufe die 110 an. Ich höre ganz weit entfernt jemand reden. Verstehen tu ich nichts. Zweiter Versuch. Wieder dasselbe. Ich hoffe, dass jemand vom Notruf mich zurückruft. Passiert nicht. – Landpolizei …

Na gut, dann soll sie den Schlüssel behalten. Immerhin hat sie jetzt Hausverbot und das nächste Betreten des Hauses ist ein Vergehen, das einen Einsatz der Polizei rechtfertigt. Falls man die erreicht.

Ein erster Erfolg. Es werden noch mehrere Schlachten folgen.

Bleibt noch eine letzte Frage zu klären: Wie nennt man eine betrunkene Nutte?

Prost!ituierte.

Betreute Theologie

Frau Bauer ist eine meiner dienstältesten Klientinnen. Sie ist über sechzig, geistig behindert und sehr schlecht zu Fuß. Außerdem ist sie eine begeisterte Kirchgängerin. Katholische Kirchgängerin. Da sie wegen ihrer Gehbeschwerden nicht mehr in die weit entfernte katholische Kirche kommt, geht sie jetzt in die nahe gelegene evangelische Kirche.

Ihr Fazit nach den ersten Gottesdienstbesuchen bei der “Konkurrenz”: “Es ist bei den Evangelischen ganz genau so wie bei uns Katholischen, nur anders.”

Das ist Theologie auf den Punkt gebracht.

Wie werde ich Betreuter?

Sie haben richtig gelesen. Es geht in diesem Artikel nicht darum, wie Sie Betreuer werden können, sondern wie Sie eine Laufbahn als Betreuter einschlagen können. Das ist nämlich – entgegen einer weit verbreiteten Ansicht – gar nicht so leicht. Dazu sind viele Vorstellungsgespräche nötig.

Alles beginnt damit, dass jemand meint, dass Sie für eine Stelle als Betreuter qualifiziert seien. Das kann jemand aus Ihrer Familie sein, Ihr Arzt, Ihre Heimleitung, Ihr Nachbar, Ihr Pflegedienst, oder sonst irgendjemand. Sie können sich aber auch selbst dafür bewerben. Diese Bewerbung ist an keine Form gebunden. Es reicht ein Anruf.

Die Stellenausschreibung für den Job eines Betreuten lautet: “Sie haben eine dauerhafte Behinderung oder Erkrankung, die es Ihnen unmöglich macht, Ihre Angelegenheiten oder einen Teil davon selbst zu regeln? Sie benötigen Hilfe, die Sie auf eine andere Weise (z.B. per Vollmacht) nicht bekommen? Und Sie wollen sich auch helfen lassen? – Dann kommen Sie zu uns. 1,4 Millionen Kollegen warten bereits auf Sie!”

Und wo müssen Sie sich nun bewerben? – Die erste Anlaufstelle ist die Betreuungsstelle. Diese findet sich im Landratsamt oder in der Stadtverwaltung einer kreisfreien Stadt. Sie oder jemand anderer teilt dieser Betreuungsstelle mit, dass Sie Interesse an der Tätigkeit als Betreuter haben. Daraufhin kommt jemand von der Betreuungsstelle zu Ihnen zu einem ersten Vorstellungsgespräch. Dabei geht es dann um die Frage, ob Sie für diese Tätigkeit geeignet sind. Es wird gecheckt, ob Sie eine Behinderung haben, ob Sie Hilfe brauchen, ob diese Hilfe nicht auf andere Weise erreicht werden kann und ob Sie diese Hilfe überhaupt wollen. Gegen Ihren Willen geht da nämlich gar nichts. (Vorausgesetzt natürlich, Sie können noch einen eigenen freien Willen bilden.)

Wenn die Betreuungsstelle zu der Ansicht gelangt, dass Sie qualifiziert genug sind, um als Betreuter tätig werden zu können, meldet sie das dem Betreuungsgericht. Damit beginnt erst das eigentliche Bewerbungsverfahren.

Als nächstes haben Sie dann ein Vorstellungsgespräch mit einem Psychiater oder Neurologen. Der untersucht, ob Sie von den geistigen und psychischen Voraussetzungen her geeignet sind für eine Betreuung. Er schreibt dann ein Gutachten ans Gericht und freut sich auf seinen nächsten Kontoauszug.

Schließlich kommt dann der Betreuungsrichter zu Ihnen (oder Sie zu ihm). Das ist der wichtigste Mensch, denn der entscheidet, ob Sie den Job kriegen oder nicht. Deshalb muss der zwingend Sie kennenlernen. Und zwar so gut kennenlernen, dass er eine begründete Entscheidung treffen kann. Er muss zwingend am Ende des Vorstellungsgesprächs wissen, a) ob Sie eine Behinderung haben, b) ob Sie Hilfe brauchen, c) ob Sie die Hilfe nicht anders bekommen können, d) ob Sie mit dem vorgeschlagenen Betreuer einverstanden sind, e) ob Sie das alles begreifen, was er von Ihnen will, und falls e) zutrifft: f) ob Sie die Betreuung wollen.

Wie gesagt, gegen Ihren Willen geht nichts. Gar nichts. Nun ist das so eine Sache mit dem Willen bzw. mit der Erkundung des Willens. Ich kenne einen Betreuungsrichter, bei dem läuft das Anhörungsgespräch in etwa so ab:

Richter: “Also der Gutachter schlägt eine Betreuung vor, das ist Ihnen doch recht, nicht wahr, als Aufgabenkreise nehmen wir Vermögenssorge, Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmung, da haben Sie ja keine Einwände, gell, den Herrn Dempf haben Sie ja gerade kennengelernt, der passt Ihnen ja, nehme ich an, gut, dann kriegen Sie in den nächsten Tagen den Beschluss.”

Und weg ist der Richter. Und wenn der Bewerber es nicht schafft, an den richtigen Stellen Luft zu holen und schnell und deutlich “Nein!” zu sagen, ist er zwei Tage später mit einer Betreuung beglückt. Ob er will oder nicht. So erst dieser Tage wieder geschehen bei einer Bekannten von mir, die die Betreuung weder braucht noch will.

Aber dieser Richter ist die Ausnahme. Ansonsten bewegen sich alle Richter im Rahmen der Legalität.

So, und dann haben Sie endlich die Stelle als Betreuter bekommen. Karriere können Sie leider nicht machen. Sie schaffen höchstens den Aufstieg zum “langjährigen Betreuten”. Aber Sie können jederzeit kündigen. Ohne Einhaltung von Fristen. Und Sie können auch jederzeit in eine andere Abteilung, sprich zu einem anderen Betreuer, wechseln. Ist halt ein sehr flexibler Job, der Betreute.

Das Kgl. Bayerische Amtsgericht lebt

Neulich war ich bei einer Strafverhandlung, die hatte bei allem Ernst der Sache doch einen hohen Unterhaltungswert. Das Ganze erinnerte ans Königlich Bayerische Amtsgericht.

Angeklagt war einer meiner Klienten mit zwei seiner “Freunde”. Mein Klient ist Mitte zwanzig, geistig behindert und leicht zu Dummheiten zu verführen. Er hatte mit seinen Kumpels des nachts auf einem Golfplatz bei einem Golfcar das Schloss geknackt und damit ein paar Runden auf dem gepflegten Rasen gedreht, der danach nicht mehr ganz so gepflegt war. Die Anklage lautete auf schweren Diebstahl.

Der Richter befragte zuerst meinen Klienten und einen der Kumpels. Beide gaben alles zu und schilderten detailliert, wer von dreien wann was gemacht hatte. Dann kam der Richter zum jüngsten des Trios, der erst 16 war. Er begann die Befragung mit den Worten: “So, Kevin, und jetzt zu dir. Und diesmal erzählst du mir nicht die Story vom Pferd!”

Was Kevin dann aber doch tat. Seine ersten Sätze waren: “Ich war da gar nicht dabei. Da hatte ich nämlich meinen Badetag, wie immer am Freitag.” Kevins Verteidiger sank deutlich sichtbar in sich zusammen, der Richter bekam einen Lachanfall und sagte: “Badetag? So wie ich in meiner Kindheit vor fünfzig Jahren, mit Holz in den Ofen und dann badet die ganze Familie hintereinander weg? – Mal abgesehen davon, dass der Vorfall nicht an einem Freitag war, sondern an einem Donnerstag.”

Daraufhin fiel Kevin ein, dass er an diesem Tag bei seiner Tante war. Diese wurde daraufhin als Zeugin aufgerufen. Die Tante sprach intensiven bayerischen Dialekt, redete irrsinnig schnell und stotterte. Irgendwann meldete sich die Staatsanwältin, die deutlich hörbar nicht aus Bayern stammte,  zu Wort: “Können Se bitte langsamer sprechen, ick vasteh keen Wort!” Der Richter musste da ganz plötzlich sich ganz schnell wegdrehen. Aber man sah auch von hinten wie er grinste.

Schließlich wurde noch ein Zeuge aufgerufen. Ein Mann mit tiefgebräuntem Gesicht, rotem Poloshirt, grüner Cordhose. Sein Name war Friso Hammer.* Als seinen Beruf gab er “Golf-Professional” an, um dann mit einem gequälten Lächeln nachzusetzen: “Also Golflehrer.” Mein erster Gedanke war: “Wie soll man da bitteschön keine Vorurteile entwickeln?”

Eigentlich war das Ganze ja tragisch. Vor allem Kevin tat mir leid. Erst 16 und von niemandem mehr zu erreichen. Aber trotzdem: Es war auch ein höchst vergnüglicher Nachmittag.

 

* Name natürlich geändert. Aber das Original war genauso passend.

Neues aus dem Knast

Gestern war ich wieder mal im derzeit berühmtesten Gefängnis Deutschlands. Ich habe Kundschaft dort. Diese meine Kundschaft war sehr erbost über das, was da gerade in diesem berühmten Gefängnis abgeht. Weil das Gefängnis, pardon: die Justizvollzugsanstalt so berühmt ist, hatte die Anstaltsleitung nämlich vor ein paar Tagen 157 Journalisten zu einer Führung durch ihre Anstalt eingeladen. Damit alle sehen und berichten können, wie der derzeit berühmteste zukünftige Häftling Deutschlands leben wird. In der Hoffnung, dass danach mit der Belagerung durch die Journaille Schluss ist.

Diese Aktion hatte unter anderem zur Folge, dass der derzeit gedanklich flexibelste Ministerpräsident Deutschlands auf Anregung eines bayerischen Fußballvereins seinen Justizminister in der nächsten Kabinettsitzung zur Sau machte. So nichtöffentlich, dass es zwei Stunden später im Internet stand.

Ich mag diesen GröMaZ (Größter Ministerpräsident aller Zeiten) ja nicht. Das Unheimlichste was seit Frankensteins Monster aus Ingolstadt kommt. Aber in diesem Fall hatte er recht. Denn diese ganze Journalisten-Führungsaktion hatte für die Gefangenen (und damit auch für meinen Klienten) zur Folge, dass sie eineinhalb Tage in ihren Zellen eingeschlossen blieben und in dieser Zeit nicht arbeiten konnten. Mein Klient hatte einen Verdienstausfall von 12 Euro. Das ist im Knast ein Haufen Geld. Vor allem, weil man dort für jede kleine Begünstigung zahlen muss. Selbst für das Stellen eines Antrags auf eine Vergünstigung muss man Porto zahlen.

Für meinen Klienten (und für fast alle anderen) bedeutete das alles also eine massive Verschlechterung ihrer Lebensqualität an einem Ort, an dem die Lebensqualität ohnehin bescheiden ist.

Die Gefangenen protestierten dagegen mit lautstarken Beschimpfungen der Journalisten und mit dem Abladen von Müll im Gefängnishof. Der Ärger der Gefangenen richtet sich seither aber noch mehr gegen den, der da kommen soll. “Er wird nicht sehr viel Spaß haben”, meinte mein Klient.

Man darf gespannt sein.

Zum Wohl!

Besuch gestern bei Herrn Grell. Er ist Alkoholiker mit schwersten Gehirnschäden. Er lebt in einem Sozialwohnungsblock. Als ich unten an der Tür läute, ertönt ein Ruf: “Herr Dempf! Sie sind doch der Betreuer vom Grell!” Ich schaue mich um. Der Ruf kommt von einer Frau, die mit zwei anderen Frauen vor dem Haus sitzt und bei einer Tasse Kaffee die Sonne genießt. Ich gehe zu den Frauen. Sie erzählen mir ausführlich vom Leben mit Herrn Grell. Wie er regelmäßig sturzbetrunken heimkommt und es kaum noch die Treppe hochschafft. Wie er nachts stundenlang um Hilfe ruft und, wenn Hilfe kommt, nicht mehr weiß warum er gerufen hat. Wie er nachts im Vollrausch zu kochen beginnt. “Ich bete dann immer, dass er mit Kochen fertig ist bevor er einschläft”, sagt eine der Nachbarinnen.

Und dann fällt der Satz, der immer irgendwann in solchen Gesprächen fällt: “Kann man den nicht irgendwo hinbringen?” Irgendwohin, wo er keinen Schaden anrichten kann und wo er eine vernünftige Ernährung bekommt?

Verständlich, diese Frage. Jahrzehntelang war das ja auch die bevorzugte Lösung solcher Probleme. Jahrzehntelang stand bei solchen Fällen das Allgemeinwohl im Vordergrund, das Wohl und der Wille des Betroffenen spielte nicht die geringste Rolle. Seit 1992 ist das anders. Und wie immer wenn sich irgendwas in ein Extrem entwickelt hat, schlägt das Pendel dann ins andere Extrem aus. Seit 1992 zählt nur noch das Wohl und der Wille des Betroffenen, das Wohl der anderen um den Betroffenen herum interessiert nur noch am Rande.

Konkret heißt das: Menschen wie Herrn Grell konnte man früher wegsperren, einfach weil sie störten und eine mögliche Gefahr für andere darstellten. Heute gibt es nur noch einen Grund, um einen Menschen dauerhaft auf eine geschlossene Station zu bringen: Er muss sich selbst gefährden. Und diese Gefährdung muss schwerwiegend sein, sie muss tatsächlich geschehen (und nicht nur eine Möglichkeit sein), und der Mensch muss nicht mehr wissen, was er tut.

Das heißt ganz konkret bei Herrn Grell. Er weiß schon lang nicht mehr, was er tut. Er gefährdet sich selbst, aber: Diese Gefährdung ist bis jetzt nur potentiell. Bis jetzt ist noch nichts geschehen, was ihm tatsächlich geschadet hätte.

Ich und die Nachbarn und alle anderen um ihn herum müssen also warten bis er mal vom Rad fällt und von einem Auto überfahren wird. Oder bis er mal vergisst, den Herd auszuschalten und seine Küche brennt. Oder noch mehr.

Bis dahin kann ich nur versuchen, den Schaden zu begrenzen und hinauszuzögern. Zum Beispiel durch den Einbau einer Zeitschaltuhr im Herd. Aber dazu braucht es a) das Einverständnis von Herrn Grell und b) Geld. Beides ist nicht gegeben.

Und so müssen Betreuer, Nachbarn, Eltern, Polizei und alle anderen abwarten, zuschauen und hoffen, dass der kommende Schaden sich im Rahmen hält. Denn das Wohl der anderen zählt nichts mehr. Es zählt nur das Wohl und der Wille des Betroffenen.

Ich setze mich dafür ein und verteidige das auch. Aber ich halte das in dieser extremen Ausformung für genauso falsch wie das Extrem, das davor praktiziert wurde. Ich warte darauf, dass sich das Pendel irgendwann wieder der Mitte nähert. Dort wo sich Selbstbestimmung und Rücksichtnahme treffen. Dort wo es um das Wohl aller geht.