Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Betreute Theologie

Frau Bauer ist eine meiner dienstältesten Klientinnen. Sie ist über sechzig, geistig behindert und sehr schlecht zu Fuß. Außerdem ist sie eine begeisterte Kirchgängerin. Katholische Kirchgängerin. Da sie wegen ihrer Gehbeschwerden nicht mehr in die weit entfernte katholische Kirche kommt, geht sie jetzt in die nahe gelegene evangelische Kirche.

Ihr Fazit nach den ersten Gottesdienstbesuchen bei der “Konkurrenz”: “Es ist bei den Evangelischen ganz genau so wie bei uns Katholischen, nur anders.”

Das ist Theologie auf den Punkt gebracht.

Wie werde ich Betreuter?

Sie haben richtig gelesen. Es geht in diesem Artikel nicht darum, wie Sie Betreuer werden können, sondern wie Sie eine Laufbahn als Betreuter einschlagen können. Das ist nämlich – entgegen einer weit verbreiteten Ansicht – gar nicht so leicht. Dazu sind viele Vorstellungsgespräche nötig.

Alles beginnt damit, dass jemand meint, dass Sie für eine Stelle als Betreuter qualifiziert seien. Das kann jemand aus Ihrer Familie sein, Ihr Arzt, Ihre Heimleitung, Ihr Nachbar, Ihr Pflegedienst, oder sonst irgendjemand. Sie können sich aber auch selbst dafür bewerben. Diese Bewerbung ist an keine Form gebunden. Es reicht ein Anruf.

Die Stellenausschreibung für den Job eines Betreuten lautet: “Sie haben eine dauerhafte Behinderung oder Erkrankung, die es Ihnen unmöglich macht, Ihre Angelegenheiten oder einen Teil davon selbst zu regeln? Sie benötigen Hilfe, die Sie auf eine andere Weise (z.B. per Vollmacht) nicht bekommen? Und Sie wollen sich auch helfen lassen? – Dann kommen Sie zu uns. 1,4 Millionen Kollegen warten bereits auf Sie!”

Und wo müssen Sie sich nun bewerben? – Die erste Anlaufstelle ist die Betreuungsstelle. Diese findet sich im Landratsamt oder in der Stadtverwaltung einer kreisfreien Stadt. Sie oder jemand anderer teilt dieser Betreuungsstelle mit, dass Sie Interesse an der Tätigkeit als Betreuter haben. Daraufhin kommt jemand von der Betreuungsstelle zu Ihnen zu einem ersten Vorstellungsgespräch. Dabei geht es dann um die Frage, ob Sie für diese Tätigkeit geeignet sind. Es wird gecheckt, ob Sie eine Behinderung haben, ob Sie Hilfe brauchen, ob diese Hilfe nicht auf andere Weise erreicht werden kann und ob Sie diese Hilfe überhaupt wollen. Gegen Ihren Willen geht da nämlich gar nichts. (Vorausgesetzt natürlich, Sie können noch einen eigenen freien Willen bilden.)

Wenn die Betreuungsstelle zu der Ansicht gelangt, dass Sie qualifiziert genug sind, um als Betreuter tätig werden zu können, meldet sie das dem Betreuungsgericht. Damit beginnt erst das eigentliche Bewerbungsverfahren.

Als nächstes haben Sie dann ein Vorstellungsgespräch mit einem Psychiater oder Neurologen. Der untersucht, ob Sie von den geistigen und psychischen Voraussetzungen her geeignet sind für eine Betreuung. Er schreibt dann ein Gutachten ans Gericht und freut sich auf seinen nächsten Kontoauszug.

Schließlich kommt dann der Betreuungsrichter zu Ihnen (oder Sie zu ihm). Das ist der wichtigste Mensch, denn der entscheidet, ob Sie den Job kriegen oder nicht. Deshalb muss der zwingend Sie kennenlernen. Und zwar so gut kennenlernen, dass er eine begründete Entscheidung treffen kann. Er muss zwingend am Ende des Vorstellungsgesprächs wissen, a) ob Sie eine Behinderung haben, b) ob Sie Hilfe brauchen, c) ob Sie die Hilfe nicht anders bekommen können, d) ob Sie mit dem vorgeschlagenen Betreuer einverstanden sind, e) ob Sie das alles begreifen, was er von Ihnen will, und falls e) zutrifft: f) ob Sie die Betreuung wollen.

Wie gesagt, gegen Ihren Willen geht nichts. Gar nichts. Nun ist das so eine Sache mit dem Willen bzw. mit der Erkundung des Willens. Ich kenne einen Betreuungsrichter, bei dem läuft das Anhörungsgespräch in etwa so ab:

Richter: “Also der Gutachter schlägt eine Betreuung vor, das ist Ihnen doch recht, nicht wahr, als Aufgabenkreise nehmen wir Vermögenssorge, Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmung, da haben Sie ja keine Einwände, gell, den Herrn Dempf haben Sie ja gerade kennengelernt, der passt Ihnen ja, nehme ich an, gut, dann kriegen Sie in den nächsten Tagen den Beschluss.”

Und weg ist der Richter. Und wenn der Bewerber es nicht schafft, an den richtigen Stellen Luft zu holen und schnell und deutlich “Nein!” zu sagen, ist er zwei Tage später mit einer Betreuung beglückt. Ob er will oder nicht. So erst dieser Tage wieder geschehen bei einer Bekannten von mir, die die Betreuung weder braucht noch will.

Aber dieser Richter ist die Ausnahme. Ansonsten bewegen sich alle Richter im Rahmen der Legalität.

So, und dann haben Sie endlich die Stelle als Betreuter bekommen. Karriere können Sie leider nicht machen. Sie schaffen höchstens den Aufstieg zum “langjährigen Betreuten”. Aber Sie können jederzeit kündigen. Ohne Einhaltung von Fristen. Und Sie können auch jederzeit in eine andere Abteilung, sprich zu einem anderen Betreuer, wechseln. Ist halt ein sehr flexibler Job, der Betreute.

Das Kgl. Bayerische Amtsgericht lebt

Neulich war ich bei einer Strafverhandlung, die hatte bei allem Ernst der Sache doch einen hohen Unterhaltungswert. Das Ganze erinnerte ans Königlich Bayerische Amtsgericht.

Angeklagt war einer meiner Klienten mit zwei seiner “Freunde”. Mein Klient ist Mitte zwanzig, geistig behindert und leicht zu Dummheiten zu verführen. Er hatte mit seinen Kumpels des nachts auf einem Golfplatz bei einem Golfcar das Schloss geknackt und damit ein paar Runden auf dem gepflegten Rasen gedreht, der danach nicht mehr ganz so gepflegt war. Die Anklage lautete auf schweren Diebstahl.

Der Richter befragte zuerst meinen Klienten und einen der Kumpels. Beide gaben alles zu und schilderten detailliert, wer von dreien wann was gemacht hatte. Dann kam der Richter zum jüngsten des Trios, der erst 16 war. Er begann die Befragung mit den Worten: “So, Kevin, und jetzt zu dir. Und diesmal erzählst du mir nicht die Story vom Pferd!”

Was Kevin dann aber doch tat. Seine ersten Sätze waren: “Ich war da gar nicht dabei. Da hatte ich nämlich meinen Badetag, wie immer am Freitag.” Kevins Verteidiger sank deutlich sichtbar in sich zusammen, der Richter bekam einen Lachanfall und sagte: “Badetag? So wie ich in meiner Kindheit vor fünfzig Jahren, mit Holz in den Ofen und dann badet die ganze Familie hintereinander weg? – Mal abgesehen davon, dass der Vorfall nicht an einem Freitag war, sondern an einem Donnerstag.”

Daraufhin fiel Kevin ein, dass er an diesem Tag bei seiner Tante war. Diese wurde daraufhin als Zeugin aufgerufen. Die Tante sprach intensiven bayerischen Dialekt, redete irrsinnig schnell und stotterte. Irgendwann meldete sich die Staatsanwältin, die deutlich hörbar nicht aus Bayern stammte,  zu Wort: “Können Se bitte langsamer sprechen, ick vasteh keen Wort!” Der Richter musste da ganz plötzlich sich ganz schnell wegdrehen. Aber man sah auch von hinten wie er grinste.

Schließlich wurde noch ein Zeuge aufgerufen. Ein Mann mit tiefgebräuntem Gesicht, rotem Poloshirt, grüner Cordhose. Sein Name war Friso Hammer.* Als seinen Beruf gab er “Golf-Professional” an, um dann mit einem gequälten Lächeln nachzusetzen: “Also Golflehrer.” Mein erster Gedanke war: “Wie soll man da bitteschön keine Vorurteile entwickeln?”

Eigentlich war das Ganze ja tragisch. Vor allem Kevin tat mir leid. Erst 16 und von niemandem mehr zu erreichen. Aber trotzdem: Es war auch ein höchst vergnüglicher Nachmittag.

 

* Name natürlich geändert. Aber das Original war genauso passend.

Neues aus dem Knast

Gestern war ich wieder mal im derzeit berühmtesten Gefängnis Deutschlands. Ich habe Kundschaft dort. Diese meine Kundschaft war sehr erbost über das, was da gerade in diesem berühmten Gefängnis abgeht. Weil das Gefängnis, pardon: die Justizvollzugsanstalt so berühmt ist, hatte die Anstaltsleitung nämlich vor ein paar Tagen 157 Journalisten zu einer Führung durch ihre Anstalt eingeladen. Damit alle sehen und berichten können, wie der derzeit berühmteste zukünftige Häftling Deutschlands leben wird. In der Hoffnung, dass danach mit der Belagerung durch die Journaille Schluss ist.

Diese Aktion hatte unter anderem zur Folge, dass der derzeit gedanklich flexibelste Ministerpräsident Deutschlands auf Anregung eines bayerischen Fußballvereins seinen Justizminister in der nächsten Kabinettsitzung zur Sau machte. So nichtöffentlich, dass es zwei Stunden später im Internet stand.

Ich mag diesen GröMaZ (Größter Ministerpräsident aller Zeiten) ja nicht. Das Unheimlichste was seit Frankensteins Monster aus Ingolstadt kommt. Aber in diesem Fall hatte er recht. Denn diese ganze Journalisten-Führungsaktion hatte für die Gefangenen (und damit auch für meinen Klienten) zur Folge, dass sie eineinhalb Tage in ihren Zellen eingeschlossen blieben und in dieser Zeit nicht arbeiten konnten. Mein Klient hatte einen Verdienstausfall von 12 Euro. Das ist im Knast ein Haufen Geld. Vor allem, weil man dort für jede kleine Begünstigung zahlen muss. Selbst für das Stellen eines Antrags auf eine Vergünstigung muss man Porto zahlen.

Für meinen Klienten (und für fast alle anderen) bedeutete das alles also eine massive Verschlechterung ihrer Lebensqualität an einem Ort, an dem die Lebensqualität ohnehin bescheiden ist.

Die Gefangenen protestierten dagegen mit lautstarken Beschimpfungen der Journalisten und mit dem Abladen von Müll im Gefängnishof. Der Ärger der Gefangenen richtet sich seither aber noch mehr gegen den, der da kommen soll. “Er wird nicht sehr viel Spaß haben”, meinte mein Klient.

Man darf gespannt sein.

Zum Wohl!

Besuch gestern bei Herrn Grell. Er ist Alkoholiker mit schwersten Gehirnschäden. Er lebt in einem Sozialwohnungsblock. Als ich unten an der Tür läute, ertönt ein Ruf: “Herr Dempf! Sie sind doch der Betreuer vom Grell!” Ich schaue mich um. Der Ruf kommt von einer Frau, die mit zwei anderen Frauen vor dem Haus sitzt und bei einer Tasse Kaffee die Sonne genießt. Ich gehe zu den Frauen. Sie erzählen mir ausführlich vom Leben mit Herrn Grell. Wie er regelmäßig sturzbetrunken heimkommt und es kaum noch die Treppe hochschafft. Wie er nachts stundenlang um Hilfe ruft und, wenn Hilfe kommt, nicht mehr weiß warum er gerufen hat. Wie er nachts im Vollrausch zu kochen beginnt. “Ich bete dann immer, dass er mit Kochen fertig ist bevor er einschläft”, sagt eine der Nachbarinnen.

Und dann fällt der Satz, der immer irgendwann in solchen Gesprächen fällt: “Kann man den nicht irgendwo hinbringen?” Irgendwohin, wo er keinen Schaden anrichten kann und wo er eine vernünftige Ernährung bekommt?

Verständlich, diese Frage. Jahrzehntelang war das ja auch die bevorzugte Lösung solcher Probleme. Jahrzehntelang stand bei solchen Fällen das Allgemeinwohl im Vordergrund, das Wohl und der Wille des Betroffenen spielte nicht die geringste Rolle. Seit 1992 ist das anders. Und wie immer wenn sich irgendwas in ein Extrem entwickelt hat, schlägt das Pendel dann ins andere Extrem aus. Seit 1992 zählt nur noch das Wohl und der Wille des Betroffenen, das Wohl der anderen um den Betroffenen herum interessiert nur noch am Rande.

Konkret heißt das: Menschen wie Herrn Grell konnte man früher wegsperren, einfach weil sie störten und eine mögliche Gefahr für andere darstellten. Heute gibt es nur noch einen Grund, um einen Menschen dauerhaft auf eine geschlossene Station zu bringen: Er muss sich selbst gefährden. Und diese Gefährdung muss schwerwiegend sein, sie muss tatsächlich geschehen (und nicht nur eine Möglichkeit sein), und der Mensch muss nicht mehr wissen, was er tut.

Das heißt ganz konkret bei Herrn Grell. Er weiß schon lang nicht mehr, was er tut. Er gefährdet sich selbst, aber: Diese Gefährdung ist bis jetzt nur potentiell. Bis jetzt ist noch nichts geschehen, was ihm tatsächlich geschadet hätte.

Ich und die Nachbarn und alle anderen um ihn herum müssen also warten bis er mal vom Rad fällt und von einem Auto überfahren wird. Oder bis er mal vergisst, den Herd auszuschalten und seine Küche brennt. Oder noch mehr.

Bis dahin kann ich nur versuchen, den Schaden zu begrenzen und hinauszuzögern. Zum Beispiel durch den Einbau einer Zeitschaltuhr im Herd. Aber dazu braucht es a) das Einverständnis von Herrn Grell und b) Geld. Beides ist nicht gegeben.

Und so müssen Betreuer, Nachbarn, Eltern, Polizei und alle anderen abwarten, zuschauen und hoffen, dass der kommende Schaden sich im Rahmen hält. Denn das Wohl der anderen zählt nichts mehr. Es zählt nur das Wohl und der Wille des Betroffenen.

Ich setze mich dafür ein und verteidige das auch. Aber ich halte das in dieser extremen Ausformung für genauso falsch wie das Extrem, das davor praktiziert wurde. Ich warte darauf, dass sich das Pendel irgendwann wieder der Mitte nähert. Dort wo sich Selbstbestimmung und Rücksichtnahme treffen. Dort wo es um das Wohl aller geht.

 

Genie und Wahnsinn

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie nahe Genie und Wahnsinn im Menschen beieinander liegen. Nicht nur im betreuten Menschen, sondern bei jedem, auch bei mir. Im Alltag äußert es sich meistens eine Stufe tiefer als Schlauheit und Dummheit in enger Kooperation. Aber auch hier ist der Mensch in seiner Widersprüchlichkeit immer wieder schön anzuschauen.

So wie zum Beispiel Herr Förster. Für den darf ich Betreuer sein. Er hat eine geistige Behinderung und schafft es immer wieder, gleichzeitig schlau und dumm zu sein.

Neulich hat er eine Mahnung bekommen über eine noch offene Rechnung. Die Höhe dieser Rechnung überstieg sein Hartz-IV-Budget. Schlau wie er ist, ruft Herr Förster bei der Inkassofirma an und bittet um Ratenzahlung. Er erhält auch die Möglichkeit, die Schulden in drei Raten zu zahlen. Herr Förster ist auch so schlau, diese Raten selbst zu überweisen, ohne meine Hilfe. Aber jetzt kommt der Wahnsinn im Genie: Er überweist alle drei Raten am selben Tag!

Und wundert sich dann, dass er schon Mitte des Monats kein Geld mehr hat.

Ich mag sie

Die meisten meiner Klienten sind schwierige Menschen. Ist auch logisch, denn wenn sie einfach (im Sinne von gut funktionierend und problemfrei) wären, hätten sie keinen beruflichen Betreuer. Aber “schwierig” heißt nicht zwangsläufig nicht liebenswert. Manche – nein: viele meiner Klienten mag ich richtig gern.

Zum Beispiel Frau Burger. Die fällt mir gerade ein, weil ich eine Urlaubs-Ansichtskarte von ihr bekommen habe. Frau Burger ist eine Frau kurz vor dem Rentenalter mit einer geistigen Behinderung. Sie schreibt ihre jährlichen Ansichtskarten so wie sie redet: Dicht gepackt die Worte, ohne Abstände, jeder Platz genutzt, alle Buchstaben exakt gleich hoch und gleich breit, ohne Hervorhebungen und Übergänge. Der Inhalt der geschriebenen wie der gesprochenen Worte kommt ebenso daher.

Frau Burger hat, bedingt durch ihre Behinderung und die Erziehung als “armes behindertes Kind” ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl. Das führt dazu, dass sie dreimal täglich wegen irgendetwas zutiefst beleidigt ist. Sie verträgt keine Kritik und keine Zurückweisung. Wobei es für sie auch eine Zurückweisung ist, wenn der Betreuer umzieht und sie dann einen 300 m weiteren Weg zu ihm hat.

Außerdem fehlt es ihr fast ganz an sozialer Kompetenz. Sie merkt nicht, wenn ihr keiner mehr zuhört. Sie weiß nicht, wann sie sich zurücknehmen muss und wann sie sich hervortun sollte. Sie hat keinerlei Gespür für die Gefühle anderer oder für notwendige Privatsphäre. Auch eine Folge des Erziehungsstils “Ach, dem armen behinderten Kind darf man doch keine Grenzen setzen, wo es ihm doch eh schon so schlecht geht”.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich mag sie. Ich bin jetzt seit 14 Jahren ihr Betreuer. Sie ist eine von zwei Klienten, die meine Wohnung betreten dürfen. Einmal im Jahr kommt sie zum Kaffee zu mir. Darauf besteht sie. Zu Weihnachten und zu Ostern bekomme ich von ihr kleine Geschenke. Geschenke, die so von Kitsch triefen, dass sie in meiner Familie mittlerweile Kultstatus haben. Ich liebe diese Geschenke und freue mich jedesmal darauf.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich sehe hinter ihrem ständigen Beleidigtsein den missachteten, verletzten Menschen, der einfach nur ernst genommen und geachtet werden will. Und diesen Menschen mag ich.

Und deshalb mag ich die meisten meiner Klienten.

Leben und leben lassen

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Zwei Wochen Sonne, Wärme, stressfreie Zeit.  Am Tag der Rückkehr hat mich der volle Blues gepackt. Nicht so sehr wegen dem Wetter. Auch nicht wegen dem wieder einsetzenden Stress. Der Blues kam, weil ich mich jetzt wieder in einem Land befinde, das von geistiger und seelischer Enge beherrscht wird. Ein Land, in dem der politische Arm der Mafia (im Volksmund “CSU” genannt) alles dominiert – nicht nur das politische und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Köpfe der Menschen. Ein Land, in dem dieses nur möglich ist, weil die meisten Menschen eine panische Angst vor selbständigem Denken haben und deshalb froh sind, wenn sie das delegieren können. Ein Land, in dem folgerichtig selbständiges Denken als persönlicher Angriff empfunden wird. Ein Land, in dem das vorgeblich urbayerische Motto “Leben und leben lassen” so verstanden wird: Ein paar Menschen leben ihr Leben, und der Rest lässt sich von diesen Menschen leben. Ein Land, das krank macht.

Denn das alles führt dazu, dass sich die wenigsten trauen, sich selbst zu sein. Und das deshalb auch anderen nicht zugestehen. Entscheidend ist immer, was die Nachbarn denken, der Chef, die Eltern, die Kinder, die Partei. Und die Nachbarn leben wiederum so wie es ihre Nachbarn von ihnen erwarten. Und diese wiederum … Und am Ende lebt keiner so wie es für ihn gut wäre.

Ich erlebe es immer wieder bei meinem Klienten. Die haben ein Problem – eine psychische Erkrankung, eine geistige Behinderung, Demenz. Dieses Problem ist aber oft gar nicht das Problem. Das Problem ist oft, dass sie dieses Problem nicht haben dürfen. Und dadurch erst so richtig krank werden.

Ein paar Beispiele:

Herr Mayer hat eine Psychose. Er wird jede Nacht von Dämonen heimgesucht, gegen die er sich mit lautem Schreien wehrt. Er wohnt in einem Wohnblock. Die Nachbarn setzen ihn unter Druck, weshalb seine Mutter ihn ganz extrem unter Druck setzt. “Was sollen denn die Nachbarn denken!” Die Psychose wird immer schlimmer. Herr Mayer ist kaum noch ansprechbar. Er verliert die Wohnung und bekommt eine Wohnung in einem Haus, in dem nur psychisch Kranke wohnen. Dort stört es keinen, wenn er in der Nacht schreit. Das war vor acht Jahren. Heute wird Herr Mayer immer noch von Dämonen angegriffen, aber ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Und man kann sich wieder ganz normal mit ihm unterhalten.

Herr Müller erlitt bei der Geburt einen Gehirnschaden, was zu einer geistigen Behinderung führte. Was seine Mutter nicht akzeptierte. Sie setzte ihren Sohn immer massiv unter Druck. Er könne alles erreichen, wenn er nur genügend lernte. Dass er nicht mal lesen und schreiben lernen konnte, lag an seiner Faulheit und weil er seine Mutter nicht liebte – sagte seine Mutter. Seit 15 Jahren ist Herr Müller in einem Heim, seine Mutter lebt jetzt im Ausland. Herr Müller ist immer noch, nach 15 Jahren, voller Anspannung – körperlich und seelisch. Er traut sich nichts zu, hat Angst vor Beziehungen, hält sich für einen schlechten Menschen.

Frau Schmidt hat Demenz. Ihr Mann kann das nicht akzeptieren. Er schimpft sie, wenn sie was vergisst. Er wirft ihr vor, dass sie ihn bloß ärgern will. Frau Schmidt, eine ruhige Person, wird immer aggressiver. Sie bekommt immer heftigere Beruhigungsmittel verabreicht.

Herr Mayer, Herr Müller, Frau Schmidt: Wenn man sie krank oder behindert sein ließe, wären sie nicht mehr so krank oder behindert. So ist das bei jedem Menschen: Man hat nur eine Chance, gesund (glücklich, im Reinen) zu sein, wenn man so sein darf, wie man ist. Auch wenn man krank ist – oder störend für die anderen, oder ein Kotzbrocken, oder nicht CSU wählt. Was Menschen am meisten krank macht, sind nicht Krankheiten, sondern die Versuche, sie gesund zu machen oder zu erhalten. Die Psychiatrien wären fast leer, wenn alle Menschen ihr eigenes Leben leben dürften.

Vom Umgang mit der eigenen Demenz

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, folgt sein Verhalten fast immer dem selben Muster: Die ersten Symptome werden als “Vergesslichkeit” abgetan. Die folgende Häufung der Symptome wird ignoriert. Wird irgendwann die Diagnose Demenz gestellt, wird diese abgestritten und sofort wieder ins dementielle Vergessen geschickt. Der Erkrankte gaukelt sich ein Leben vor, das er schon lang nicht mehr führen kann, bis er irgendwann auch zur Selbstlüge nicht mehr fähig ist.

Meine Frau (Altenpflegerin) und ich haben uns angesichts dieses Standardverhaltens schon oft überlegt, ob das bei Menschen, die sich mit Demenz auskennen, im Ernstfall anders ist. Also ob wir zwei, falls wir mal an Demenz erkranken, uns anders verhalten werden.

Zur Zeit erlebe ich den Praxistest. Nein, nicht bei mir. Ich zeige auch gelegentlich dementielle Syndrome, aber die kommen dann von Überarbeitung. Nein, die zwei Schwestern, über die ich gerade ständig schreibe, führen mir sehr drastisch zwei sehr unterschiedliche Arten des Umgangs mit der eigenen Demenz vor.

Die ältere Schwester war Altenpflegerin, die jüngere Verkäuferin. Überraschenderweise zeigt aber nun die ehemalige Altenpflegerin das Standardverhalten (“Ich gehe noch jeden Tag einkaufen!”), während die Ex-Verkäuferin mir gestern ungefähr folgendes sagte:

“Ich soll andere Heimbewohner angegriffen haben? Das schockiert mich. Aber gut, ich habe Demenz, da passiert so was. War wohl einfach Überforderung. Warum krieg ich denn keine Medikamente zur Beruhigung? – Ach, die bekomme ich schon? – Ja gut, zu viel davon will ich auch nicht. Ich will nicht total apathisch rumsitzen. – Aber dass ich in meiner Demenz auf andere Menschen losgehe, das kann man so nicht lassen. Ich gehe in ein anderes Heim, ohne meine Schwester, vielleicht hört sich das dann auf.”

Der Umgang mit der eigenen Demenz scheint also nicht von der Vorbildung abhängig zu sein, sondern mehr von der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber auch schon in gesunden Tagen. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst: Eine Eigenschaft, die es so oft gibt wie FDP-Bundestagsabgeordnete.

Polen holen

Heute mal ein Erfahrungsbericht aus der Welt der häuslichen Pflege, zur Information und Warnung für alle Interessierten.

Ich habe hier ja schon öfter über zwei Klientinnen geschrieben, die mich die letzten Monate sehr auf Trab gehalten haben. Zwei Schwestern, beide über achtzig, beide dement, im selben Haus in zwei Wohnungen lebend. Die Gesamtsituation war so, dass man sie nicht mehr allein in der Wohnung lassen konnte. Agressionen aufeinander bis hin zu Handgreiflichkeiten, Weggehen und nicht zurückfinden, Zerlegen der Einrichtung in einer Mischung aus Demenz und urschwäbischem “Gwalt”. Um eine Heimaufnahme zu vermeiden engagiere ich eine polnische 24-Stunden-Pflegekraft. Das hätte ich nicht tun sollen.

Das Engagement läuft über eine polnische Agentur, die mit polnischen Arbeitsämtern zusammenarbeitet. Diese Agentur hat wiederum eine Vermittlerin vor Ort. Diese Vermittlerin kommt zum Erstgespräch und dann noch mal zur Vertragsunterzeichnung zu den beiden Klientinnen. Es wird detailliert aufgenommen, wie die Situation ist, was die beiden Schwestern brauchen, wo die Schwierigkeiten liegen.

Nach diesem Gespräch denke ich mir “hm!?”. Die Vermittlerin wirkt unsicher und inkompetent. Sie kann nicht einmal einen dreibuchstabigen Namen richtig schreiben, obwohl man ihr alle drei Buchstaben buchstabiert. Als ich den Vertrag bekomme denke ich “hmmm!?”. In diesem Vertrag steht überwiegend drin, was die Pflegekraft aus Polen nicht machen wird. Es bleibt eigentlich nichts mehr übrig, was sie machen könnte. Ich frage bei der Vermittlerin nach. “Ach, das brauchen Sie nicht wörtlich zu nehmen”, lautet die Antwort. Hmmmmm.

Ein paar Tage später kommt die Dame aus Polen. Sie kann gut Deutsch, hat aber offensichtlich von der Agentur keinerlei Einweisung bekommen. Sie hat keine Ahnung von Demenz, sie weiß nichts über die Situation bei den beiden Klientinnen, sie weiß nicht was sie tun muss, darf und nicht darf. Folgerichtig ist sie schon bald (nach einem Tag) überfordert und flüchtet nach vier Wochen zurück nach Polen.

Es kommt Frau Polin Nummer zwei. Die kann nicht ganz so gut Deutsch und hat genauso wenig Ahnung von allem. Sie ist von Beruf Lehrerin und behandelt meine beiden Damen auch so. Als erstes schafft sie Ordnung in der Wohnung, ohne Rücksicht auf die heftigen Proteste der Schwestern. Wenn diese mal demenzbedingt etwas vergessen, werden sie von der Lehrerin scharf zurechtgewiesen. Die Schwestern reagieren auf dieses Verhalten so wie alle Demenzkranken: Mit Agression.

Nach vier Wochen sagt die Lehrerin mir in einem Nebensatz, dass sie übermorgen zurück nach Polen fährt, weil ja das neue Schuljahr beginnt. Die Agentur weiß davon nichts. Es folgen ein paar Stunden mit hektischen Telefonaten und Mails. Zwei Tage später steht Polin Nummer 3 in der Tür. Diese Polin ist eine Rumänin und kann kein Wort Deutsch. Ich habe deshalb auch einen Preisnachlass erhalten.

Die Situation eskaliert. Meine beiden Damen haben die fremden Damen, die ja in der Wohnung wohnen, von Anfang an als Eindringlinge empfunden. Wenn man ihnen dann erklärte, was diese Fremden tun und warum sie hier sind, konnten sie das aber immer akzeptieren und freuten sich sogar über die Gesellschaft. Eine halbe Stunde lang. Bis sie alles wieder vergessen hatten und das Spiel von vorn begann.

Die rumänische Polin kann nichts erklären, weil sie kein Deutsch kann. So wird sie durchgehend als Eindringling gesehen, den man entfernen muss. Notfalls unter Anwendung körperlicher Gewalt. Als zum zweiten Mal mitten in der Nacht die Polizei kommt und die Rumänin mitsamt einer der Schwestern heulend bei Nachbarn sitzt und sich weigert, das Haus noch einmal zu betreten, breche ich das Experiment ab. Am nächsten Tag fährt die Dame heim nach Rumänien und wenig später kommen die beiden Schwestern ins Heim.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Ich kriege nämlich noch eine letzte Rechnung der Agentur. Ohne Preisnachlass. Ich frage per Mail nach, was der Scheiß soll (ich formuliere es freundlicher). Nach nur zwei Monaten und heftigem Mailverkehr schafft es die Agentur endlich, eine korrekte Rechnung zu schicken.

Das war jetzt die Kurzfassung der Ereignisse. Ich könnte mich noch ein paar hundert Zeilen über die Details auslassen. Aber machen wir es kurz: Ich bin geheilt von dem Modell “24-Stunden-Pflegekraft”.