Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Die Macht der Liebe

Passend zur adventlich besinnlichen Zeit gibt’s heute eine Geschichte, die vor Kitsch nur so trieft. Es gibt nur eine Entschuldigung, sie zu erzählen: Sie ist wahr.

Die Geschichte handelt von Herrn Hauser. Als ich vor vier Jahren die Betreuung für ihn übernahm war er 21 und belastet mit einer leichten geistigen Behinderung und vor allem ADHS. Dazu eine Mutter, die kurz davor an Chorea Huntington (“Veitstanz”) gestorben war und ein Vater, der vor der Erkrankung seiner Frau nach Griechenland geflohen war. Herr Hauser hatte die letzten Jahre in einem Jugendheim verbracht. Zeit seines Lebens wurde er hin- und hergeschoben und wurde ihm vorgeschrieben, was er gerne mag und kann und vor allem: was er alles nicht kann.

Ich traf auf einen humorvollen, lustigen, aber zutiefst frustrierten und verunsicherten Menschen. Seine Lebenserfahrungen und das ADHS führten in den nächsten drei Jahren dazu, dass er seine Arbeitsstelle verlor, obdachlos wurde und in die Kleinkriminalität abrutschte. Kurzzeitig musste er auch ins Gefängnis. Er zog sich immer mehr in sich selbst zurück und war für nichts mehr zugänglich.

Nach zwei Jahren beantragte ich die Aufhebung der Betreuung, weil ich über Monate keinen Kontakt zu Herrn Hauser hatte und nur dann erfuhr, wo er sich gerade aufhielt, wenn die Kripo wieder mal bei mir anrief. Der Richter verdonnerte mich jedoch dazu, die Betreuung weiterzuführen. Ein erster Glücksfall für Herrn Hauser.

Drei Jahren wurschtelte sich Herr Hauser so durch; und ich mich mit ihm. Dann trat Marianne in sein Leben. Sie ist neun Jahre älter als er, schleppt auch so einige Päckchen mit sich herum, ist aber eine taffe und selbstbewusste Frau. Und vor allem: Sie liebt Herrn Hauser. Und er liebt sie.

Marianne nahm Herrn Hauser an die Hand und führt ihn seit über einem Jahr durchs Leben. Sie gibt ihm Führung, sie gibt ihm Vertrauen. Bei ihr darf er auch mal scheitern. Und siehe da: Das Vertrauen führt zu Selbst-Vertrauen, die Liebe führt zu Selbst-Annahme. Herr Hauser hat sich in diesem Jahr zu einem ganz anderen Menschen gewandelt. Er ist immer noch derselbe ADHS-gepeinigte Schussel. Aber er lässt sich davon nicht mehr runterziehen. Er traut sich wieder etwas zu, er traut sich, Fehler zu machen. Und bringt dadurch wieder mehr zustande. Was ihm wieder Selbstvertrauen gibt. Er ist offener und sicherer geworden. Er hat sein Leben in den Griff bekommen.

In ein paar Wochen heiraten Herr Hauser und Marianne.

Natürlich kann man sagen: Ist das eine echte Liebesbeziehung und nicht nur eine Helfer-Beziehung? – Ich sag: Na und? Diese Beziehung tut beiden gut und verändert beide von Grund auf zum Positiven. Wenn das nicht Liebe ist …

Natürlich kann man sagen: Wer weiß wie lang das gut geht? – Ich sag: Na und? Und wenn es morgen vorbei wäre: Herr Hauser hätte dann ein Jahr lang erlebt, wie es ist, angenommen, geachtet und vertraut zu werden. Eine Erfahrung, die bleiben wird und ihn auch künftig tragen kann.

Die Macht der Liebe. Scheiß auf Rosamunde Pilcher. Das richtige Leben bringt die viel besseren Stories.

Wahrheit und Lügen

Das Hauptthema im Betreuerdasein ist Krankheit, Behinderung und gelegentlich auch Heilung. Vor allem mit psychischen Einschränkungen hat man da sehr viel zu tun. Da ist ja einiges auf dem Markt: Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen aller Art, Suchtabhängigkeiten – um nur die populärsten zu nennen.

Manche Menschen tragen diese Einschränkungen ein Leben lang mit sich herum, manche kommen davon los. Die Gründe, weshalb es zur Erkrankung kam, sind so vielfältig wie die Menschen. Der Grund, weshalb ein Mensch krank bleibt ist immer derselbe: Er lügt sich selbst an. Und der Beginn der Heilung ist auch immer derselbe: Der Mensch wird ehrlich sich selbst gegenüber.

Die beliebtesten Selbstlügen sind:

* Ich bin nicht krank.

* Ich bin krank, aber ich hab’s im Griff.

* Die Krankheit hat auch ihre guten Seiten.

* Mein Vater / Meine Mutter / Die Ärzte / Die Schule / Die Gesellschaft sind schuld.

* Es liegt nicht an mir. Die Umstände müssen sich ändern.

* Die Tabletten helfen mir.

* Momentan geht’s mir ja gut.

* Wenn ich nicht dran denke, tut’s auch nicht weh.

* Ich bin halt so.

Das Fiese an diesen Selbstlügen ist, dass sie immer ein Stück Wahrheit enthalten. Sonst würden sie ja auch nicht so wunderbar funktionieren. Natürlich sind es z.B. manchmal die Lebensumstände, die einen Menschen in die Depression treiben. Aber dass dieser Mensch dann in der Depression bleibt, liegt nicht an den Umständen. Denn die Umstände sind in diesem Fall nur der Auslöser, nicht der Grund der Depression. Und dieser Grund bleibt, auch wenn sich die Umstände ändern. Sich diesen Ursachen (statt der Auslöser) der Depression zu stellen, macht aber Angst. Wenn sie nicht Angst machen würden, bräuchte man ja auch die Depression nicht.

Und deshalb beginnt Heilung immer damit, dass sich ein Mensch dieser Angst stellt – der Angst vor dem, was ihn in die Krankheit treibt. Das heißt praktisch: Ich höre auf, mich anzulügen, mir vorzumachen, dass irgendwie ja doch eigentlich alles gut ist, in gewisser Weise. Ich komme an den Punkt, wo ich sage: „Depression/Psychose/Sucht ist scheiße. Da ist absolut nix Gutes dran. Ich kann nicht mehr so weiter machen. Ich will diese Scheiße loswerden.“

Von da an fängt der Mensch an, heil zu werden. Ehrlich.

Erfolg

Die Tätigkeit des Betreuers besteht größtenteils aus dem Verwalten des Elends. Es ist ein Erfolg, wenn es im Leben des Klienten nicht noch weiter bergab geht.

Doch gelegentlich erlebt man auch einen Erfolg, der in die andere Richtung weist. Ein Mensch befreit sich aus seiner Not und findet wieder zu einem selbstbestimmten Leben zurück.

Einer meiner Klienten, Herr Reuter, beschert sich selbst – und damit auch mir – gerade solch ein Erfolgserlebnis. Fünfzehn Jahre lang vegetierte er in Depressionen und Ängsten in einer komplett vermüllten Wohnung dahin. Seine sozialen Kontakte wurde immer weniger, die Schulden immer mehr. Zehn Jahre lang war er arbeitslos. Er unternahm mit meiner Hilfe mehrere Anläufe, aus dem Ganzen herauszukommen. Aber immer wenn sich eine reale Änderung abzeichnete bekam er Panik und brach die Reha-Maßnahmen ab.

Vor zwei Jahren war er nun so weit, dass er sein Leben nicht mehr ertragen konnte und ernsthaft eine Änderung anstrebte. Er organisierte selbständig einen Platz in einer neu eröffneten therapeutischen Wohngruppe. Leider geriet er damit in die bürokratischen Mühlen von Jobcenter, Sozialhilfeträger, Rentenversicherung und WG-Anbieter. Das Fazit nach vier Monaten Anträge schreiben, Telefonaten, Faxe und vielen Gesprächen: Herr Reuter kann den WG-Platz haben, wenn er ihn selber bezahlt. Haha.

Herr Reuter war kurz vor dem Aufgeben. Glücklicherweise wurde gerade zu der Zeit ein Platz in einer anderen therapeutischen WG in der Nähe frei. Ich griff sofort zu. Hier klappte es erstaunlicherweise auch reibungslos mit der Bürokratie. Herr Reuter zog ein.

Das war vor knapp zwei Jahren. Seither hat Herr Reuter eine erstaunliche, begeisternde Wandlung durchgemacht. Die Depressionen sind verschwunden, er hat wieder Energie und Antrieb. Er achtet wieder auf sein Äußeres und auf seine Wohnung, er hat wieder Freunde. Seit ein paar Monaten arbeitet er sogar wieder. Und in Kürze, wenn das Privatinsolvenzverfahren beendet ist, wird er auch schuldenfrei sein.

Wenn es so bleibt, kann die Betreuung in absehbarer Zeit aufgehoben werden. Das ist für den Betreuer – wenn es unter diesen Umständen geschieht – die größte Freude.

Kontrolle ist gut – hilft aber nix

Das Betreuungsrecht ist für die Medien ja nicht gerade das hippste Thema. Aber gelegentlich ist es doch mal eine Schlagzeile wert. So wie in den vergangenen Wochen. Da ging die Meldung herum, dass Cornelia Scheel beim Betreuungsgericht angeregt hatte, dass sie als Kontrollbetreuerin gegenüber der Bevollmächtigten ihres Vaters bestellt wird.

Ihr Vater ist Walter Scheel, ehemaliger Bundespräsident und Politiker der Partei, deren Name mir jetzt gerade nicht einfällt. Er lebt nicht mehr hoch auf dem gelben Wagen, sondern schwer dement in einem Pflegeheim. Die von ihm Bevollmächtigte ist seine jetzige Ehefrau. Und die hält ihren Mann – so sagt es zumindest das Heim, sagen die Medien – vom Rest der Welt fern und lässt ihn verwahrlosen. Weshalb Herrn Scheels Tochter, eben jene Cornelia Scheel, gerne ihre Stiefmutter und deren Ausübung der Vollmacht kontrollieren möchte.

Das gibt es tatsächlich. Das nennt sich “Kontrollbetreuung” und der so bestellte Betreuer hat als einzige Aufgabe die Kontrolle des Bevollmächtigten. Hört sich toll an, klingt nach Macht und Unterstützung im Kampf gegen das Böse und ist meistens komplett für’n Arsch.

Ich spreche aus Erfahrung. Vor Jahren wurde ich zum Kontrollbetreuer für einen Sohn bestellt, der von seinem Vater bevollmächtigt worden war. Der Vater war dement, der Sohn war von Beruf Sohn und lebte mit seinen 45 Jahren bei Papi. Papi hatte (noch) einigermaßen Geld und seinen Sohn sehr lieb.  Eine Kombination, die der Sohn intensiv ausnützte. So intensiv, dass es sich bis zum Betreuungsgericht herumsprach, das deshalb mich eben zum Kontrollbetreuer bestellte.

Ich kontrollierte pflichtgemäß den Sohn und seine Amtsführung. Ich stellte fest, dass Papi das neue Auto des Sohns bezahlt hatte, dass dieses Auto mit Papis EC-Karte betankt wurde, dass Papi allein die Miete für die gemeinsame Wohnung bezahlte, dass Papi den Urlaub von Sohn, Freundin und Kind finanzierte (immerhin durfte Papi mitfahren) und so weiter.

Ich legte Papi den Kontoauszug vor. Papi konnte sich zwar nicht mehr an die Details erinnern, aber – ja doch – natürlich wollte er, dass sein Sohn ein schönes Leben hat. Wo der sich doch auch so rührend um ihn kümmerte und jeden Tag Dosensuppe für ihn kochte. “Jaja, das geht schon in Ordnung so, Herr äh wie war doch gleich Ihr Name?”

So lief das über Monate. Ich berichtete regelmäßig dem Gericht, dass der Sohn seinen Papi gnadenlos ausnehme, aber das in Papis Sinne wäre. Woraufhin das Gericht jedesmal hilflos mit den Schultern zuckte und wir weiterhin tatenlos den Sohn kontrollieren mussten.

Immerhin fand diese Geschichte noch ein Happy End. Eines Tages lief Papi nämlich in seiner Demenz gegen einen fahrenden Lkw. Dummerweise kurz bevor der Sohn das letzte Geld verbraucht hatte. So musste der dieses letzte Geld für die Beerdigung aufwenden und danach von Hartz IV leben. Er hat schwer um seinen Vater getrauert.

Alles ist gut

Frau Huber hat diese Woche zu mir gesagt: “So gut wie jetzt ist es mir in meinem ganzen Leben nicht gegangen!”

Das ist bemerkenswert, denn Frau Huber hatte ein erfolgreiches Leben in relativem Wohlstand; und vor einem Jahr hatte sie den größten Teil ihres Besitzes einschließlich ihrem Haus aufgegeben, um in ein Pflegeheim zu gehen. Außerdem leidet sie an Demenz im Anfangsstadium.

Aber das erfolgreiche Leben verbrachte sie an der Seite eines sehr dominanten Ehemanns, der seinen Machtanspruch auch mit körperlicher Gewalt durchsetzte. Eigentlich lebte Frau Huber nicht an der Seite ihres Mannes, sondern unter ihm. Und als der Gatte endlich so nett war, vor ihr zu sterben, zog Frau Hubers Schwester bei ihr ein. Die genauso dominant und genauso gewaltbereit war.

Ich wurde Betreuer für beide Schwestern. Beide gingen zusammen ins Heim. Als sich bei Frau Huber die Demenz immer breiter machte, ging es ihr wie allen Demenzkranken: Die soziale Selbstkontrolle brach nach und nach weg. Frau Huber wurde immer aggressiver. Auch im Heim wütete sie gegen ihre Schwester und andere Bewohner. Die Zustände waren grenzwertig.

Nach drei Monaten im Heim starb ihre Schwester. Und von einem Tag auf den anderen war Frau Huber ausgeglichen, voller Humor und Freude, trotz gelegentlicher demenzbedingter depressiver Phasen.

Das Heim, in dem Frau Huber jetzt ist, ist ein kleines Heim, in dem jeder Bewohner seine ganz individuelle Zuwendung bekommt. In dem jeder Bewohner so sein darf, wie er ist. Eine Erfahrung, die Frau Huber zum ersten Mal seit sechzig Jahren macht. Eine Erfahrung, die sie aufblühen lässt; die sie, trotz der Demenz, sagen lässt: “So gut wie jetzt ist es mir noch nie gegangen.”

Es wäre so einfach, Menschen glücklich zu machen. Man muss gar nichts dazu tun. Nur jeden Menschen so sein lassen, wie er ist anstatt ihn nach dem eigenen Bild zu formen.

Bluff

Meine bevorzugte Herangehensweise an Menschen und Situationen ist Ehrlichkeit. Das ist kurzfristig manchmal unbequem, langfristig jedoch am hilfreichsten. Gelegentlich kommt man als Betreuer aber nicht umhin, auch mal kräftig zu bluffen.

So wie diese Woche. Da erhielt ich einen Anruf von einer Hausmitbewohnerin eines Klienten, Herrn Gärtner. “Die Polin ist grad wieder da, zusammen mit zwei Männern. Und den Gärtner haben sie wieder weggeschickt!”

Die Polin ist eine hauptberufliche Alkoholikerin und Nebenerwerbs-Nutte. Sie schmeißt sich schon seit Jahren an Herrn Gärtner ran, um in seiner Wohnung ihrem Gewerbe nachzugehen und dort ihre Kundschaft auch mit Essen zu versorgen – auf Herrn Gärtners Kosten. Der wird derweil zum Einkaufen geschickt. Mein Klient ist ebenfalls Alkoholiker und wegen einer Hirnschädigung nicht mehr in der Lage, sich gegen solche Dreistigkeiten zu wehren.

Ich konnte der netten Dame bisher nichts beweisen. Deshalb kam mir der Anruf gerade recht. Ich sprinte sofort zur nahe gelegenen Wohnung von Herrn Gärtner. Die Dame macht mir sogar auf. Leider sind die beiden Männer schon wieder weg. Aber alle Indizien deuten auf das übliche hin: Sex und Kochen.

Dummerweise habe ich null Befugnisse. Ich habe weder den Aufgabenkreis “Wohnungsangelegenheiten” noch “Ausübung des Hausrechts”. Aber ich gehe davon aus, dass die Dame im deutschen Rechtswesen nicht sehr bewandert ist. Und ich habe zwölf Jahre Erfahrung als Schauspieler. Also spiele ich jetzt die Rolle “Ich bin Gott und du bist nix”. Ich teile der Dame mit, dass sie ab sofort Hausverbot hat, sofort hier verschwindet und vorher noch den Wohnungsschlüssel rausrückt. Ansonsten kommt die Polizei.

Nach langem Palaver packt die Dame tatsächlich ihre Sachen und geht. Aber den Schlüssel rückt sie nicht raus. Ich rufe die 110 an. Ich höre ganz weit entfernt jemand reden. Verstehen tu ich nichts. Zweiter Versuch. Wieder dasselbe. Ich hoffe, dass jemand vom Notruf mich zurückruft. Passiert nicht. – Landpolizei …

Na gut, dann soll sie den Schlüssel behalten. Immerhin hat sie jetzt Hausverbot und das nächste Betreten des Hauses ist ein Vergehen, das einen Einsatz der Polizei rechtfertigt. Falls man die erreicht.

Ein erster Erfolg. Es werden noch mehrere Schlachten folgen.

Bleibt noch eine letzte Frage zu klären: Wie nennt man eine betrunkene Nutte?

Prost!ituierte.

Betreute Theologie

Frau Bauer ist eine meiner dienstältesten Klientinnen. Sie ist über sechzig, geistig behindert und sehr schlecht zu Fuß. Außerdem ist sie eine begeisterte Kirchgängerin. Katholische Kirchgängerin. Da sie wegen ihrer Gehbeschwerden nicht mehr in die weit entfernte katholische Kirche kommt, geht sie jetzt in die nahe gelegene evangelische Kirche.

Ihr Fazit nach den ersten Gottesdienstbesuchen bei der “Konkurrenz”: “Es ist bei den Evangelischen ganz genau so wie bei uns Katholischen, nur anders.”

Das ist Theologie auf den Punkt gebracht.