Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Neues aus dem Knast

Gestern war ich wieder mal im derzeit berühmtesten Gefängnis Deutschlands. Ich habe Kundschaft dort. Diese meine Kundschaft war sehr erbost über das, was da gerade in diesem berühmten Gefängnis abgeht. Weil das Gefängnis, pardon: die Justizvollzugsanstalt so berühmt ist, hatte die Anstaltsleitung nämlich vor ein paar Tagen 157 Journalisten zu einer Führung durch ihre Anstalt eingeladen. Damit alle sehen und berichten können, wie der derzeit berühmteste zukünftige Häftling Deutschlands leben wird. In der Hoffnung, dass danach mit der Belagerung durch die Journaille Schluss ist.

Diese Aktion hatte unter anderem zur Folge, dass der derzeit gedanklich flexibelste Ministerpräsident Deutschlands auf Anregung eines bayerischen Fußballvereins seinen Justizminister in der nächsten Kabinettsitzung zur Sau machte. So nichtöffentlich, dass es zwei Stunden später im Internet stand.

Ich mag diesen GröMaZ (Größter Ministerpräsident aller Zeiten) ja nicht. Das Unheimlichste was seit Frankensteins Monster aus Ingolstadt kommt. Aber in diesem Fall hatte er recht. Denn diese ganze Journalisten-Führungsaktion hatte für die Gefangenen (und damit auch für meinen Klienten) zur Folge, dass sie eineinhalb Tage in ihren Zellen eingeschlossen blieben und in dieser Zeit nicht arbeiten konnten. Mein Klient hatte einen Verdienstausfall von 12 Euro. Das ist im Knast ein Haufen Geld. Vor allem, weil man dort für jede kleine Begünstigung zahlen muss. Selbst für das Stellen eines Antrags auf eine Vergünstigung muss man Porto zahlen.

Für meinen Klienten (und für fast alle anderen) bedeutete das alles also eine massive Verschlechterung ihrer Lebensqualität an einem Ort, an dem die Lebensqualität ohnehin bescheiden ist.

Die Gefangenen protestierten dagegen mit lautstarken Beschimpfungen der Journalisten und mit dem Abladen von Müll im Gefängnishof. Der Ärger der Gefangenen richtet sich seither aber noch mehr gegen den, der da kommen soll. “Er wird nicht sehr viel Spaß haben”, meinte mein Klient.

Man darf gespannt sein.

Zum Wohl!

Besuch gestern bei Herrn Grell. Er ist Alkoholiker mit schwersten Gehirnschäden. Er lebt in einem Sozialwohnungsblock. Als ich unten an der Tür läute, ertönt ein Ruf: “Herr Dempf! Sie sind doch der Betreuer vom Grell!” Ich schaue mich um. Der Ruf kommt von einer Frau, die mit zwei anderen Frauen vor dem Haus sitzt und bei einer Tasse Kaffee die Sonne genießt. Ich gehe zu den Frauen. Sie erzählen mir ausführlich vom Leben mit Herrn Grell. Wie er regelmäßig sturzbetrunken heimkommt und es kaum noch die Treppe hochschafft. Wie er nachts stundenlang um Hilfe ruft und, wenn Hilfe kommt, nicht mehr weiß warum er gerufen hat. Wie er nachts im Vollrausch zu kochen beginnt. “Ich bete dann immer, dass er mit Kochen fertig ist bevor er einschläft”, sagt eine der Nachbarinnen.

Und dann fällt der Satz, der immer irgendwann in solchen Gesprächen fällt: “Kann man den nicht irgendwo hinbringen?” Irgendwohin, wo er keinen Schaden anrichten kann und wo er eine vernünftige Ernährung bekommt?

Verständlich, diese Frage. Jahrzehntelang war das ja auch die bevorzugte Lösung solcher Probleme. Jahrzehntelang stand bei solchen Fällen das Allgemeinwohl im Vordergrund, das Wohl und der Wille des Betroffenen spielte nicht die geringste Rolle. Seit 1992 ist das anders. Und wie immer wenn sich irgendwas in ein Extrem entwickelt hat, schlägt das Pendel dann ins andere Extrem aus. Seit 1992 zählt nur noch das Wohl und der Wille des Betroffenen, das Wohl der anderen um den Betroffenen herum interessiert nur noch am Rande.

Konkret heißt das: Menschen wie Herrn Grell konnte man früher wegsperren, einfach weil sie störten und eine mögliche Gefahr für andere darstellten. Heute gibt es nur noch einen Grund, um einen Menschen dauerhaft auf eine geschlossene Station zu bringen: Er muss sich selbst gefährden. Und diese Gefährdung muss schwerwiegend sein, sie muss tatsächlich geschehen (und nicht nur eine Möglichkeit sein), und der Mensch muss nicht mehr wissen, was er tut.

Das heißt ganz konkret bei Herrn Grell. Er weiß schon lang nicht mehr, was er tut. Er gefährdet sich selbst, aber: Diese Gefährdung ist bis jetzt nur potentiell. Bis jetzt ist noch nichts geschehen, was ihm tatsächlich geschadet hätte.

Ich und die Nachbarn und alle anderen um ihn herum müssen also warten bis er mal vom Rad fällt und von einem Auto überfahren wird. Oder bis er mal vergisst, den Herd auszuschalten und seine Küche brennt. Oder noch mehr.

Bis dahin kann ich nur versuchen, den Schaden zu begrenzen und hinauszuzögern. Zum Beispiel durch den Einbau einer Zeitschaltuhr im Herd. Aber dazu braucht es a) das Einverständnis von Herrn Grell und b) Geld. Beides ist nicht gegeben.

Und so müssen Betreuer, Nachbarn, Eltern, Polizei und alle anderen abwarten, zuschauen und hoffen, dass der kommende Schaden sich im Rahmen hält. Denn das Wohl der anderen zählt nichts mehr. Es zählt nur das Wohl und der Wille des Betroffenen.

Ich setze mich dafür ein und verteidige das auch. Aber ich halte das in dieser extremen Ausformung für genauso falsch wie das Extrem, das davor praktiziert wurde. Ich warte darauf, dass sich das Pendel irgendwann wieder der Mitte nähert. Dort wo sich Selbstbestimmung und Rücksichtnahme treffen. Dort wo es um das Wohl aller geht.

 

Genie und Wahnsinn

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie nahe Genie und Wahnsinn im Menschen beieinander liegen. Nicht nur im betreuten Menschen, sondern bei jedem, auch bei mir. Im Alltag äußert es sich meistens eine Stufe tiefer als Schlauheit und Dummheit in enger Kooperation. Aber auch hier ist der Mensch in seiner Widersprüchlichkeit immer wieder schön anzuschauen.

So wie zum Beispiel Herr Förster. Für den darf ich Betreuer sein. Er hat eine geistige Behinderung und schafft es immer wieder, gleichzeitig schlau und dumm zu sein.

Neulich hat er eine Mahnung bekommen über eine noch offene Rechnung. Die Höhe dieser Rechnung überstieg sein Hartz-IV-Budget. Schlau wie er ist, ruft Herr Förster bei der Inkassofirma an und bittet um Ratenzahlung. Er erhält auch die Möglichkeit, die Schulden in drei Raten zu zahlen. Herr Förster ist auch so schlau, diese Raten selbst zu überweisen, ohne meine Hilfe. Aber jetzt kommt der Wahnsinn im Genie: Er überweist alle drei Raten am selben Tag!

Und wundert sich dann, dass er schon Mitte des Monats kein Geld mehr hat.

Ich mag sie

Die meisten meiner Klienten sind schwierige Menschen. Ist auch logisch, denn wenn sie einfach (im Sinne von gut funktionierend und problemfrei) wären, hätten sie keinen beruflichen Betreuer. Aber “schwierig” heißt nicht zwangsläufig nicht liebenswert. Manche – nein: viele meiner Klienten mag ich richtig gern.

Zum Beispiel Frau Burger. Die fällt mir gerade ein, weil ich eine Urlaubs-Ansichtskarte von ihr bekommen habe. Frau Burger ist eine Frau kurz vor dem Rentenalter mit einer geistigen Behinderung. Sie schreibt ihre jährlichen Ansichtskarten so wie sie redet: Dicht gepackt die Worte, ohne Abstände, jeder Platz genutzt, alle Buchstaben exakt gleich hoch und gleich breit, ohne Hervorhebungen und Übergänge. Der Inhalt der geschriebenen wie der gesprochenen Worte kommt ebenso daher.

Frau Burger hat, bedingt durch ihre Behinderung und die Erziehung als “armes behindertes Kind” ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl. Das führt dazu, dass sie dreimal täglich wegen irgendetwas zutiefst beleidigt ist. Sie verträgt keine Kritik und keine Zurückweisung. Wobei es für sie auch eine Zurückweisung ist, wenn der Betreuer umzieht und sie dann einen 300 m weiteren Weg zu ihm hat.

Außerdem fehlt es ihr fast ganz an sozialer Kompetenz. Sie merkt nicht, wenn ihr keiner mehr zuhört. Sie weiß nicht, wann sie sich zurücknehmen muss und wann sie sich hervortun sollte. Sie hat keinerlei Gespür für die Gefühle anderer oder für notwendige Privatsphäre. Auch eine Folge des Erziehungsstils “Ach, dem armen behinderten Kind darf man doch keine Grenzen setzen, wo es ihm doch eh schon so schlecht geht”.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich mag sie. Ich bin jetzt seit 14 Jahren ihr Betreuer. Sie ist eine von zwei Klienten, die meine Wohnung betreten dürfen. Einmal im Jahr kommt sie zum Kaffee zu mir. Darauf besteht sie. Zu Weihnachten und zu Ostern bekomme ich von ihr kleine Geschenke. Geschenke, die so von Kitsch triefen, dass sie in meiner Familie mittlerweile Kultstatus haben. Ich liebe diese Geschenke und freue mich jedesmal darauf.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich sehe hinter ihrem ständigen Beleidigtsein den missachteten, verletzten Menschen, der einfach nur ernst genommen und geachtet werden will. Und diesen Menschen mag ich.

Und deshalb mag ich die meisten meiner Klienten.

Leben und leben lassen

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Zwei Wochen Sonne, Wärme, stressfreie Zeit.  Am Tag der Rückkehr hat mich der volle Blues gepackt. Nicht so sehr wegen dem Wetter. Auch nicht wegen dem wieder einsetzenden Stress. Der Blues kam, weil ich mich jetzt wieder in einem Land befinde, das von geistiger und seelischer Enge beherrscht wird. Ein Land, in dem der politische Arm der Mafia (im Volksmund “CSU” genannt) alles dominiert – nicht nur das politische und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Köpfe der Menschen. Ein Land, in dem dieses nur möglich ist, weil die meisten Menschen eine panische Angst vor selbständigem Denken haben und deshalb froh sind, wenn sie das delegieren können. Ein Land, in dem folgerichtig selbständiges Denken als persönlicher Angriff empfunden wird. Ein Land, in dem das vorgeblich urbayerische Motto “Leben und leben lassen” so verstanden wird: Ein paar Menschen leben ihr Leben, und der Rest lässt sich von diesen Menschen leben. Ein Land, das krank macht.

Denn das alles führt dazu, dass sich die wenigsten trauen, sich selbst zu sein. Und das deshalb auch anderen nicht zugestehen. Entscheidend ist immer, was die Nachbarn denken, der Chef, die Eltern, die Kinder, die Partei. Und die Nachbarn leben wiederum so wie es ihre Nachbarn von ihnen erwarten. Und diese wiederum … Und am Ende lebt keiner so wie es für ihn gut wäre.

Ich erlebe es immer wieder bei meinem Klienten. Die haben ein Problem – eine psychische Erkrankung, eine geistige Behinderung, Demenz. Dieses Problem ist aber oft gar nicht das Problem. Das Problem ist oft, dass sie dieses Problem nicht haben dürfen. Und dadurch erst so richtig krank werden.

Ein paar Beispiele:

Herr Mayer hat eine Psychose. Er wird jede Nacht von Dämonen heimgesucht, gegen die er sich mit lautem Schreien wehrt. Er wohnt in einem Wohnblock. Die Nachbarn setzen ihn unter Druck, weshalb seine Mutter ihn ganz extrem unter Druck setzt. “Was sollen denn die Nachbarn denken!” Die Psychose wird immer schlimmer. Herr Mayer ist kaum noch ansprechbar. Er verliert die Wohnung und bekommt eine Wohnung in einem Haus, in dem nur psychisch Kranke wohnen. Dort stört es keinen, wenn er in der Nacht schreit. Das war vor acht Jahren. Heute wird Herr Mayer immer noch von Dämonen angegriffen, aber ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Und man kann sich wieder ganz normal mit ihm unterhalten.

Herr Müller erlitt bei der Geburt einen Gehirnschaden, was zu einer geistigen Behinderung führte. Was seine Mutter nicht akzeptierte. Sie setzte ihren Sohn immer massiv unter Druck. Er könne alles erreichen, wenn er nur genügend lernte. Dass er nicht mal lesen und schreiben lernen konnte, lag an seiner Faulheit und weil er seine Mutter nicht liebte – sagte seine Mutter. Seit 15 Jahren ist Herr Müller in einem Heim, seine Mutter lebt jetzt im Ausland. Herr Müller ist immer noch, nach 15 Jahren, voller Anspannung – körperlich und seelisch. Er traut sich nichts zu, hat Angst vor Beziehungen, hält sich für einen schlechten Menschen.

Frau Schmidt hat Demenz. Ihr Mann kann das nicht akzeptieren. Er schimpft sie, wenn sie was vergisst. Er wirft ihr vor, dass sie ihn bloß ärgern will. Frau Schmidt, eine ruhige Person, wird immer aggressiver. Sie bekommt immer heftigere Beruhigungsmittel verabreicht.

Herr Mayer, Herr Müller, Frau Schmidt: Wenn man sie krank oder behindert sein ließe, wären sie nicht mehr so krank oder behindert. So ist das bei jedem Menschen: Man hat nur eine Chance, gesund (glücklich, im Reinen) zu sein, wenn man so sein darf, wie man ist. Auch wenn man krank ist – oder störend für die anderen, oder ein Kotzbrocken, oder nicht CSU wählt. Was Menschen am meisten krank macht, sind nicht Krankheiten, sondern die Versuche, sie gesund zu machen oder zu erhalten. Die Psychiatrien wären fast leer, wenn alle Menschen ihr eigenes Leben leben dürften.

Vom Umgang mit der eigenen Demenz

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, folgt sein Verhalten fast immer dem selben Muster: Die ersten Symptome werden als “Vergesslichkeit” abgetan. Die folgende Häufung der Symptome wird ignoriert. Wird irgendwann die Diagnose Demenz gestellt, wird diese abgestritten und sofort wieder ins dementielle Vergessen geschickt. Der Erkrankte gaukelt sich ein Leben vor, das er schon lang nicht mehr führen kann, bis er irgendwann auch zur Selbstlüge nicht mehr fähig ist.

Meine Frau (Altenpflegerin) und ich haben uns angesichts dieses Standardverhaltens schon oft überlegt, ob das bei Menschen, die sich mit Demenz auskennen, im Ernstfall anders ist. Also ob wir zwei, falls wir mal an Demenz erkranken, uns anders verhalten werden.

Zur Zeit erlebe ich den Praxistest. Nein, nicht bei mir. Ich zeige auch gelegentlich dementielle Syndrome, aber die kommen dann von Überarbeitung. Nein, die zwei Schwestern, über die ich gerade ständig schreibe, führen mir sehr drastisch zwei sehr unterschiedliche Arten des Umgangs mit der eigenen Demenz vor.

Die ältere Schwester war Altenpflegerin, die jüngere Verkäuferin. Überraschenderweise zeigt aber nun die ehemalige Altenpflegerin das Standardverhalten (“Ich gehe noch jeden Tag einkaufen!”), während die Ex-Verkäuferin mir gestern ungefähr folgendes sagte:

“Ich soll andere Heimbewohner angegriffen haben? Das schockiert mich. Aber gut, ich habe Demenz, da passiert so was. War wohl einfach Überforderung. Warum krieg ich denn keine Medikamente zur Beruhigung? – Ach, die bekomme ich schon? – Ja gut, zu viel davon will ich auch nicht. Ich will nicht total apathisch rumsitzen. – Aber dass ich in meiner Demenz auf andere Menschen losgehe, das kann man so nicht lassen. Ich gehe in ein anderes Heim, ohne meine Schwester, vielleicht hört sich das dann auf.”

Der Umgang mit der eigenen Demenz scheint also nicht von der Vorbildung abhängig zu sein, sondern mehr von der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber auch schon in gesunden Tagen. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst: Eine Eigenschaft, die es so oft gibt wie FDP-Bundestagsabgeordnete.

Polen holen

Heute mal ein Erfahrungsbericht aus der Welt der häuslichen Pflege, zur Information und Warnung für alle Interessierten.

Ich habe hier ja schon öfter über zwei Klientinnen geschrieben, die mich die letzten Monate sehr auf Trab gehalten haben. Zwei Schwestern, beide über achtzig, beide dement, im selben Haus in zwei Wohnungen lebend. Die Gesamtsituation war so, dass man sie nicht mehr allein in der Wohnung lassen konnte. Agressionen aufeinander bis hin zu Handgreiflichkeiten, Weggehen und nicht zurückfinden, Zerlegen der Einrichtung in einer Mischung aus Demenz und urschwäbischem “Gwalt”. Um eine Heimaufnahme zu vermeiden engagiere ich eine polnische 24-Stunden-Pflegekraft. Das hätte ich nicht tun sollen.

Das Engagement läuft über eine polnische Agentur, die mit polnischen Arbeitsämtern zusammenarbeitet. Diese Agentur hat wiederum eine Vermittlerin vor Ort. Diese Vermittlerin kommt zum Erstgespräch und dann noch mal zur Vertragsunterzeichnung zu den beiden Klientinnen. Es wird detailliert aufgenommen, wie die Situation ist, was die beiden Schwestern brauchen, wo die Schwierigkeiten liegen.

Nach diesem Gespräch denke ich mir “hm!?”. Die Vermittlerin wirkt unsicher und inkompetent. Sie kann nicht einmal einen dreibuchstabigen Namen richtig schreiben, obwohl man ihr alle drei Buchstaben buchstabiert. Als ich den Vertrag bekomme denke ich “hmmm!?”. In diesem Vertrag steht überwiegend drin, was die Pflegekraft aus Polen nicht machen wird. Es bleibt eigentlich nichts mehr übrig, was sie machen könnte. Ich frage bei der Vermittlerin nach. “Ach, das brauchen Sie nicht wörtlich zu nehmen”, lautet die Antwort. Hmmmmm.

Ein paar Tage später kommt die Dame aus Polen. Sie kann gut Deutsch, hat aber offensichtlich von der Agentur keinerlei Einweisung bekommen. Sie hat keine Ahnung von Demenz, sie weiß nichts über die Situation bei den beiden Klientinnen, sie weiß nicht was sie tun muss, darf und nicht darf. Folgerichtig ist sie schon bald (nach einem Tag) überfordert und flüchtet nach vier Wochen zurück nach Polen.

Es kommt Frau Polin Nummer zwei. Die kann nicht ganz so gut Deutsch und hat genauso wenig Ahnung von allem. Sie ist von Beruf Lehrerin und behandelt meine beiden Damen auch so. Als erstes schafft sie Ordnung in der Wohnung, ohne Rücksicht auf die heftigen Proteste der Schwestern. Wenn diese mal demenzbedingt etwas vergessen, werden sie von der Lehrerin scharf zurechtgewiesen. Die Schwestern reagieren auf dieses Verhalten so wie alle Demenzkranken: Mit Agression.

Nach vier Wochen sagt die Lehrerin mir in einem Nebensatz, dass sie übermorgen zurück nach Polen fährt, weil ja das neue Schuljahr beginnt. Die Agentur weiß davon nichts. Es folgen ein paar Stunden mit hektischen Telefonaten und Mails. Zwei Tage später steht Polin Nummer 3 in der Tür. Diese Polin ist eine Rumänin und kann kein Wort Deutsch. Ich habe deshalb auch einen Preisnachlass erhalten.

Die Situation eskaliert. Meine beiden Damen haben die fremden Damen, die ja in der Wohnung wohnen, von Anfang an als Eindringlinge empfunden. Wenn man ihnen dann erklärte, was diese Fremden tun und warum sie hier sind, konnten sie das aber immer akzeptieren und freuten sich sogar über die Gesellschaft. Eine halbe Stunde lang. Bis sie alles wieder vergessen hatten und das Spiel von vorn begann.

Die rumänische Polin kann nichts erklären, weil sie kein Deutsch kann. So wird sie durchgehend als Eindringling gesehen, den man entfernen muss. Notfalls unter Anwendung körperlicher Gewalt. Als zum zweiten Mal mitten in der Nacht die Polizei kommt und die Rumänin mitsamt einer der Schwestern heulend bei Nachbarn sitzt und sich weigert, das Haus noch einmal zu betreten, breche ich das Experiment ab. Am nächsten Tag fährt die Dame heim nach Rumänien und wenig später kommen die beiden Schwestern ins Heim.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Ich kriege nämlich noch eine letzte Rechnung der Agentur. Ohne Preisnachlass. Ich frage per Mail nach, was der Scheiß soll (ich formuliere es freundlicher). Nach nur zwei Monaten und heftigem Mailverkehr schafft es die Agentur endlich, eine korrekte Rechnung zu schicken.

Das war jetzt die Kurzfassung der Ereignisse. Ich könnte mich noch ein paar hundert Zeilen über die Details auslassen. Aber machen wir es kurz: Ich bin geheilt von dem Modell “24-Stunden-Pflegekraft”.

Von wegen!

Von wegen: Demente Menschen kriegen nichts mehr mit! Gestern habe ich ein Beispiel erfahren, dass ein Mensch auch mit stark eingeschränkten Gehirnfunktionen durchaus noch “da” ist.

Ich habe die beiden Schwestern besucht, von denen ich im letzten Artikel berichtet habe. Die mit der Katze im kleinen, feinen Pflegeheim. Mit ihnen sind dort noch etwa ein Dutzend anderer Demenzkranker. Die meisten von ihnen sitzen den ganzen Tag (scheinbar) geistesabwesend herum oder erkunden (scheinbar) geistesabwesend das Haus.

“Meine” beiden Schwestern pflegen einen recht robusten Umgang mit der Katze. Wenn sie gehen will, ziehen sie sie am Schwanz zurück zu sich auf den Schoß. Zum Beispiel. Das tun sie auch wenn sie mit den anderen Bewohnern im Speisesaal sitzen. Und dort hat sich jetzt schon mehrmals diese Szene abgespielt: Eine der Schwestern zieht die Katze am Schwanz. Die Katze miaut laut. Und plötzlich fangen alle Dementen, die (scheinbar) geistesabwesend herumsitzen, laut zu schreien an. Wodurch sich eine der Schwestern bedroht fühlt und nicht nur verbal zurückschlägt. Ruckzuck ist die fröhlichste Schlägerei im Gange.

Von wegen: Demente kriegen nichts mehr mit. Man muss nur die richtigen Reize setzen.

Glück

Zum Glück hat man als Betreuer auch Glück. Oder erlebt es mit. So wie meine Lieblingskollegin. Die hatte die Betreuung für ein Ehepaar übernommen. Als dieses Paar heiratete, war er 18 und sie 16 gewesen. 75 Jahre lang waren sie verheiratet. Glücklich, wie meine Kollegin beobachten konnte. Auch nach 75 Jahren pflegten sie noch einen zärtlichen und liebevollen Umgang. Letzte Woche nun starb der Mann. Am Tag darauf starb die Frau.

Eine Liebesgeschichte.

***

Berufliches Glück hatte ich vorletzte Woche. Ich bin seit ein paar Monaten Betreuer für ein älteres Schwesternpaar. Beide dement, beide im selben Haus lebend, unzertrennlich und im Besitz einer Katze.Die Umstände zwangen zu einem Wechsel in ein Pflegeheim. Mein Job war es also, ein Heim zu finden, das zwei Plätze gleichzeitig frei hat, eine Katze mit aufnimmt, und eine offene Station hat, die aber baulich so gestaltet ist, dass ein mobiler dementer Mensch nicht in Sekundenschnelle davonlaufen kann. Und da die beiden Schwestern sehr zurückgezogen lebten und größere Menschenansammlungen scheuten, sollte das Heim nicht allzu groß sein. Ach ja, in der Nähe ihres Wohnortes sollte das Ganze auch noch sein.

Ein unmöglicher Job, dieses Traumheim zu finden. – Halt, eins kannte ich, das alle Anforderungen erfüllte. Aber dieses Heim hat nur 15 Plätze. “Na egal, ich versuch’s halt”, dachte ich mir, “damit das abgehakt ist.” Ich rufe an. Ja, man hat einen Platz frei. Und in vier Tagen wird ein Kurzzeitpflegeplatz frei. Und die Katze passt gut zu den zwei Katzen, die schon da sind.

Ein Anruf – und der unmögliche Job war erledigt. Seit Montag sind die beiden Schwestern in diesem Heim. Samt Katze. Den Schwestern gefällt’s dort. Die Katze sitzt im Keller und traut sich (noch) nicht rauf.

Und der Betreuer freut sich über das Glück, das er hatte.

Man hat nur eine Wahl

Bald sind wieder Wahlen. Damit beginnt die Zeit, in der ich als Betreuer massenweise Wahlbenachrichtigungen zugeschickt bekomme. Soviel, dass ich jeder Partei, die bei der Wahl vertreten ist, eine Stimme geben könnte.

Kann ich natürlich nicht. Jeder Bürger kann pro Wahl nur einmal wählen gehen. Wählen ist schließlich eine höchstpersönliche Angelegenheit, die nicht auf andere übertragen werden kann. So wie Heiraten zum Beispiel. Ist eigentlich klar, das Ganze.

Trotzdem bekomme ich zuhauf Wahlbenachrichtigungen zugeschickt, also die Berechtigung zum Wählen. Natürlich nicht von den zuständigen Wahlämtern, sondern von Heimen, Pflegediensten und Angehörigen. Die sind halt von mir so gut erzogen, dass sie alle Post, die beim Klienten eingeht, an mich weitergeben. Ist ja auch gut so und erleichtert die Arbeit. Nur, was soll ich mit den Wahlbenachrichtigungen? Auf die entsprechende Frage kommt dann als Antwort nur ein Schulterzucken.

Ich bringe die Schreiben halt wieder dem Klienten mit, damit der Wählen gehen kann oder auch nicht. Der Erfolg ist oft, dass ein paar Tage später die Briefe wieder bei mir auf dem Schreibtisch liegen.

Aber irgendwann ist dann die Wahl vorbei, und die Wahlbenachrichtigungen werden entsorgt, nach Gebrauch oder ohne, von wem auch immer. Bis zur nächsten Wahl.