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Umzüge

Vorletzte Woche war wieder mal ein Umzug fällig. Das zählt ja zu den Hauptbeschäftigungen eines Betreuers, Klienten dabei zu helfen, von Wohnung A nach Wohnung B zu ziehen.

Ehrlich gesagt: Das zählt nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten. Umzüge sind mit viel Arbeit und oft mit viel Ärger verbunden. Der Vermieter der alten Wohnung ist häufig nicht sonderlich begeistert über den Zustand der Wohnung. Noch weniger begeistert ist er von der Aussicht, die Renovierung selber bezahlen zu dürfen, weil mein Klient kein Geld hat. Der Umzug selbst und seine Bezahlung müssen organisiert werden. Die Umzugsfirma muss beaufsichtigt werden, damit sie exakt das mitnehmen, was mit soll, nicht mehr und nicht weniger. Und danach folgt dann der übliche bürokratische Kram mit Ummeldung, Adressänderung an tausend Stellen mitteilen, neuer Antrag beim neu zuständigen Jobcenter usw.

Der letzte Umzug war da mal einfacher. Zumindest der Umzug selbst. Der Klient wohnte bisher bei seiner Mutter und besaß außer einem Schlafsofa und zwei Computern keine Möbel. In 1 1/2 Stunden war der Umzug erledigt. Dafür hält mich das Ganze jetzt danach in Atem. Die neue Wohnung , die logischerweise leer war, musste gefüllt werden. Dafür musste ein Zuschuss beim Jobcenter beantragt werden. Der Ölofen und der Tank waren ebenfalls leer. Also Heizkostenzuschuss beantragen und Öllieferung beauftragen. Der Zuschuss betrug 336,00 Euro, die Mindestliefermenge beträgt aber 500 Liter, also knapp über 500 Euro. Der Klient hat keine finanziellen Reserven. Hier ist wieder betreuerliche Kreativität gefragt. Idee: Ich schicke meinen Klienten zum nächstgelegenen Öl-Lieferanten, damit er dort sein größtes Talent ausspielt: Mitleid erregen. Ob sie denn einem armen Hartz-IV-Empfänger nicht ausnahmsweise, weil doch Weihnachten ist … – Es funktioniert!

Den aufwendigsten Umzug hatte ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Betreuer. Drei Schwestern, die gemeinsam aus dem Sudetenland vertrieben worden waren, gemeinsam in eine Zwei-Zimmer-Genossenschaftswohnung gezogen waren, dort seit vierzig Jahren lebten und in diesen vierzig Jahren nichts weggeworfen hatten. Alles war sauber und ordentlich, alles war voll. In der Küche feinsäuberlich ausgespülte Joghurtbecher mit Ablaufdatum 1979, im Wohnzimmer drei Teppiche übereinander. Man kann doch die alten Teppiche nicht wegschmeißen! Dazu ein großer Dachboden und ein Kellerabteil, beide restlos überfüllt, u.a. mit sieben weiteren Teppichen.

Die drei Schwestern zogen gemeinsam in ein nahegelegenes Pflegeheim. Ich fragte den Heimleiter, ob die Damen persönliche Dinge mitbringen dürften. “Ja, natürlich”. Auch ein bisschen mehr persönliche Dinge? “Kein Problem, wir haben einen großen Dachboden.”

Ein paar Tage später rief mich der Heimleiter an: “Die Damen haben jetzt gerade den hundertsten Umzugskarton in den Dachboden stellen lassen. Es wäre schön, wenn sie jetzt so allmählich mal aufhören würden.” Zu diesem Zeitpunkt hatte die Umzugsfirma noch nicht mal angefangen, die Wohnung leerzuräumen. Sie waren immer noch im Dachboden und im Keller beschäftigt. Wir hatten alle noch viele Wochen Spaß.

Ungehörige Angehörige – wieder mal

Ich muss mal wieder über Angehörige von Betreuten ablästern. Tu ich ja gern. Also, dass kein falscher Eindruck entsteht: Die meisten Eltern, Kinder und Geschwister meiner Klienten sind voll in Ordnung. Sie kümmern sich und tun ihr bestes. Aber manche Angehörige …

Eine meiner Klientinnen lebt in einem Pflegeheim. Sie ist erst 47, aber dank einer alkoholbedingten Demenz kann sie nicht mehr selbständig wohnen. Das Heim – ein normales Altenheim – ist mit ihr überfordert. Ich wurde aufgefordert, für sie ein geeignetes Heim zu suchen. Ansonsten würde der Heimplatz von der Einrichtung gekündigt.

Die Mutter der Klientin ist entsetzt. Sie wohnt in der gleichen Stadt und besucht ihre Tochter jeden Tag. Die Mutter ist gehbehindert und hat keinen Führerschein. Ich sage ihr, dass ich ihre Tochter in einem Heim für Menschen mit alkoholbedingter Demenz angemeldet habe, in einem Ort in 30 km Entfernung. Der Lebensgefährt der Mutter sagt: “Da kann ich meine Lebensgefährtin nicht hinfahren. Das Geld für das Benzin habe ich nicht.” Ich erkläre der Mutter ausführlich die Gründe für den Heimwechsel und dass es gar keine Alternative gibt. Die Mutter beendet nach einer halben Stunde das Gespräch mit den Worten: “Ja, wenn das so ist, dann muss das wohl so sein. Aber ich werde alle Mittel ausschöpfen, um das zu verhindern.”

Am nächsten Tag ruft sie wieder an. Das Gespräch ist fast wortgleich identisch mit dem vorigen. Die Mutter schließt mit “Sie haben ja recht. Man kann nichts machen. Ich gehe zum Anwalt!”

Drei Tage später wieder das Selbe. Und die Woche drauf wieder. Und so weiter. Immer mit einem einsichtigen Ende bei der Mutter, verbunden mit der Ankündigung, sich das nicht gefallen zu lassen.

Irgendwann beschränke ich die Gespräche mit ihr auf den Satz: “Ich habe alles gesagt, was zu sagen ist, es gibt nichts Neues.”

Dann kommt ein Brief von einem Anwalt. Ich schreibe ihm das, was ich der Mutter schon 37mal gesagt habe. Der Anwalt gibt meine Antwort an die Mutter weiter, zusammen mit seiner Rechnung über 300 EUR. Die Mutter ruft mich an. Sie ist entsetzt, dass der Anwalt Geld will. Sie hat doch nichts. Ob ich nicht die 300 EUR aus dem Taschengeld ihrer Tochter bezahlen könnte.

Mir kommt der Gedanke, dass man bei so einer Mutter zwangsläufig zur Alkoholikerin werden muss. Aber das ist ein ganz, ganz böser Gedanke. Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von ihm!

Heim-lichkeiten

Neulich habe ich ein Jubiläum gefeiert. Ich habe einen Klienten in ein Heim gebracht. Das war das 25. Heim, das ich auf diese Weise kennengelernt habe. Insgesamt also ein Viertelhundert Heime – Pflegeheime, Wohnheime für Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung, Einrichtungen für Suchtkranke – in denen Klienten von mir wohn(t)en.

Da bekommt man einen breiten Einblick in die deutsche Heim-at. Dieser Einblick ist überwiegend positiv, oder zumindest nicht so negativ wie vor allem die Pflegeheime in den Medien dargestellt werden. Mit der Betonung auf “überwiegend”. Denn natürlich geht es in den Heimen so menschlich-unmenschlich zu wie überall. Da gibt es psychisch stabile Pflegekräfte und Erzieher, die ihren Job aus Überzeugung machen; da gibt es die, die halt ihren Arbeitstag runterreißen; da gibt es die, die wegen ihres kaputten Ego einen Beruf brauchen, in dem sie Macht über andere haben. Man muss deshalb als Betreuer immer wachsam sein, darf sich aber einen freundlich-entspannten Umgang mit den Mitarbeitern in den Heimen erlauben.

Es gibt allerdings ein immer größer werdendes Problem, das jedoch nicht in den Heimen selbst liegt, sondern im gesellschaftlichen Umfeld. Als beruflicher Betreuer bekommt man ja überwiegend sogenannte “schwierige” Fälle zugewiesen. Hinter diesen Fällen stehen immer Menschen, die irgendwie aus dem Rahmen fallen; die zwar meistens durch eine klare Diagnose in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, dort aber in den seltensten Fällen ganz hineinpassen. Da funktioniert noch alles leidlich, solange sich diese Menschen in freier Wildbahn bewegen. Aber wenn dann ein Heim nötig wird, vor allem ein Pflegeheim, dann wird’s schwierig. Denn die deutsche Heimlandschaft ist spezialisiert. In einem Pflegeheim wird gepflegt. Und sonst nichts. Ein ungepflegter Alkoholiker passt da erst mal nicht rein. Und eine geistig Behinderte mit einer Psychose auch nicht.

Beispiel aus der Praxis: Eine 65jährige mit bipolarer Störung (manisch-depressive Erkrankung), pflegebedürftig, suchtabhängig von Schnupftabak. Braucht täglich eine Dose Schnupftabak, wenn sie den nicht bekommt, wird sie aggressiv. Sie kommt in ein herkömmliches Satt-und-Sauber-Pflegeheim. Nach zwei Wochen beschwert sich die Stationsleitung, dass die gute Frau sehr unhygienisch aussieht, weil der Schnupftabak nicht nur in ihrer Nase landet. “Was sollen denn die Besucher von uns denken, wenn hier jemand so rumläuft wie Ihre Klientin?”, sagt sie. Meine Klientin lässt sich jedoch nicht waschen, ist wegen ihrer psychischen Erkrankung überhaupt wenig zugänglich. Die Aggressionen steigern sich gegenseitig hoch, bis die Klientin die Zimmermitbewohnerin schlägt und daraufhin aus dem Heim fliegt.

Es ist verdammt schierig, für solche Menschen ein Heim zu finden. Zum Glück gibt es bei mir im näheren Umkreis ein paar Heime, die zwar offiziell nicht für solche “schweren Fälle” ausgerichtet sind, in denen aber die Heimleitung und das Personal damit umgehen können und (vor allem) wollen.

Heime für Menschen, die aus dem Raster fallen: Das ist eine Marktlücke in unserem Land. Haben Sie nicht Lust, eins aufzumachen?

Ein Scheissjob

Manchmal hat man als Betreuer einen Scheissjob. Immer dann, wenn man für einen Klienten eine Lebensentscheidung treffen muss und nur die Auswahl zwischen verschiedenen schlechten Alternativen hat. Ich schreibe bewusst nicht “gleich schlecht”, weil die Alternativen auf ihre je ganz eigenen, individuellen Weisen schlecht sind.

Zur Zeit stehe ich wieder knietief in solch einem Dilemma. Ich habe vor ein paar Wochen die Betreuung für Herrn Schwarz übernommen. Er ist das Paradebeispiel dafür was man im Schwäbischen als “oischichtig” bezeichnet. Ein eigenbrötlerischer, alleinstehender, geistig einfach gestrickter Bauer, der mit dem ganzen Dorf und seiner Verwandtschaft heftigst verstritten ist, der es aber auf seine eingeschränkte Art immer geschafft hat, sein Leben zu meistern. Über sechzig Jahre lang.

Herr Schwarz hat Diabetes, die mittlerweile zu einem stark infizierten Bein geführt hat. Zwei Zehen mussten bereits amputiert werden. Er befindet sich seit Wochen deswegen im Krankenhaus. In Kürze steht die Entlassung an. Der behandelnde Arzt macht mir eindringlich klar, dass nur bei einer intensiven und konsequenten Pflege ein dauerhaft erträglicher Zustand des Beines gewährleistet sei. Bei Nachlässigkeiten könnte innerhalb von Stunden die Infektion sich so stark ausbreiten, dass das gesamte Beim amputiert werden müsste bzw. sogar Lebensgefahr bestünde.

Herr Schwarz will aber nicht in ein Heim. Er will nach Hause und dann zum Heilpraktiker. “Der behandelt mich fünf Tage lang und dann ist das Bein wieder gut”, sagt er. Und Pflege braucht er nicht. Zwei Pflegedienste hat er in der Vergangenheit bereits verschlissen.

Welche Alternativen hat nun der Betreuer?

Er kann dem Wunsch des Betreuten nachkommen. Das heißt: Entlassung nach Hause in den Bauernhof, den Herr Schwarz allein bewohnt. Organisation eines Pflegedienstes, der ihn intensiv versorgt, dazu eine Bekannte, die sich auch bisher schon um ihn gekümmert hat. Dann darauf warten, bis der Pflegedienst wieder abspringt, weil Herr Schwarz die Pflegekräfte nicht herein lässt. Dann mit hoher Wahrscheinlichkeit notfallmäßige Einlieferung ins Krankenhaus mit Amputation des Beines oder gar mit Amputation des ganzen Körpers, sprich Exitus.

Der Betreuer kann aber auch zum Wohle des Betreuten handeln. Das heißt: Einweisung in ein Pflegeheim per Unterbringung auf der geschlossenen Station, da Herr Schwarz ja nicht freiwillig will. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür würden sicher vorliegen. Das Leben von Herrn Schwarz würde sicher verlängert werden und die Wahrscheinlichkeit eines gesunden Lebens wäre größer. Aber Herr Schwarz würde dies nicht als lebenswert empfinden. Es wäre für ihn die Hölle.

Der Betreuer steht also vor der Wahl, den Tod des Klienten zu riskieren oder ihm den Rest seines Lebens zu versauen. Gründlich zu versauen.

Was tun? – Ich weiß es noch nicht. Vielleicht fällt mir ja noch eine kreative dritte Alternative ein, bei der Herr Schwarz mitspielt, die gesund für ihn ist und die finanzierbar ist. Ein Scheissjob bleibt es auf jeden Fall.

Netter Versprecher

Gestern habe ich ein Heim angeschaut, um zu sehen ob es für eine Klientin geeignet ist. Der Heimleiter führte mich durchs Haus. Wir kamen zur geschlossenen Station. Der Heimleiter konnte sich offensichtlich nicht entscheiden ob er die Station als “beschützend” oder “geschlossen” bezeichnen wollte. Und so sagte er den denkwürdigen Satz: “Und jetzt zeige ich Ihnen noch unsere beschissene Abteilung.”

Wir haben beide herzhaft gelacht.

Suchverhalten

Nein, in der Überschrift fehlt kein “t”. Es geht tatsächlich um das Suchverhalten des Betreuers. Denn einen großen Teil seines Berufslebens ist der Betreuer auf der Suche.

Nehmen wir den Fall des Herrn Magg. Ein sehr rüstiger Rentner, sofern er nüchtern ist. Ich übernahm die Betreuung für ihn vor fünf Jahren. Meine erste Aufgabe war, ihn selbst zu suchen. Er war trotz Terminvereinbarung nicht in seiner Wohnung, sondern unterwegs auf Stoffbeschaffung. Irgendwann trafen wir dann doch zusammen, in der weitgehend leeren Wohnung. Die hatte der Vermieter leerräumen lassen, nach einem Wasserschaden, während Herr Magg sich auf Reha befand, nach einem Herzinfarkt.

Also machte ich mich auf die Suche nach den Möbeln. Die lagerten verstreut in der Wohnanlage, im Heizungskeller, im Waschraum, im Keller von Herrn Magg. Dann suchte ich nach jemanden, der den ganzen Krempel möglichst kostengünstig wieder nach oben schaffte. Als ich jemand gefunden hatte, waren alle Möbel bereits wieder in der Wohnung. Herr Magg hatte das selbst erledigt. Er war sehr rüstig. Und sehr stur.

Dann suchte ich nach dem Geld von Herrn Magg. Oder eher nach seinen Schulden. Diese Suche gestaltete sich einfach. Die Gläubiger meldeten sich von selbst.

Als nächstes suchte ich die Angehörigen. Herr Magg war geschieden, zu seinen Kindern hatte er keinen Kontakt mehr. Monatelang forschte ich über Google, Telefonbuch, Stayfriends nach dem Nachwuchs, bis ich irgendwann die Tochter fand. Das gehört jetzt zwar nicht zu den unmittelbaren Betreueraufgaben, aber erfahrungsgemäß brauche ich die Kinder eines Klienten irgendwann einmal, und deshalb suche ich lieber nach ihnen solange es nicht pressiert.

Später suchte ich dann ein Heim für Herrn Magg. Ich fand eins, sogar mehrere. Aber Herr Magg wollte nicht. Also blieb er in der Wohnung bzw. häufig im Treppenhaus, weil er zu betrunken war um noch in die Wohnung zu kommen. Der Vermieter und die Nachbarn teilten mir regelmäßig ihre Begeisterung mit.

Ende letzten Jahres verschlechterte sich der Zustand von Herrn Magg so sehr dass er nun wirklich ins Heim wollte. Dankenswerterweise suchte und fand die Sozialarbeiterin des Krankenhauses, in dem Herr Magg gerade behandelt wurde, ein passendes Heim.

Ich stellte einen Sozialhilfeantrag für die Heimkosten und für die Übernahme der Räumungskosten für die Wohnung. Der Bezirk, der in Bayern dafür zuständig ist, teilte mir mit dass er nicht zuständig sei, zumindest nicht für die Räumungskosten. Also suchte ich den zuständigen Sozialhilfeträger. Es musste der Landkreis sein. War es aber nicht. Also wieder zurück zum Bezirk. Die zuständige Berarbeiterin erklärte sich zwar weiter nicht für zuständig, aber bereit, in Vorleistung zu gehen und die Sache dann intern mit dem Landkreis zu klären. Juhu.

Dann die Suche nach einer Firma, die die Wohnungsräumung macht. Nebenher noch Suche nach dem Personalausweis, der verlorengegangen war, nach diversen Wohnungs-, Briefkasten- und Kellerschlüsseln. Und die Suche nach der Stelle, wo ich eine Geburtsurkunde für einen Heimatvertriebenen bekomme.

Auch die Tochter suche ich inzwischen wieder. Die ist jetzt nämlich umgezogen, ohne mir die neue Adresse zu nennen. Ich habe nur die Nummer eines Handys, an das sie nicht mehr rangeht. Der Bezirk will das Scheidungsurteil und die Adressen aller Kinder (wegen Prüfung von Unterhaltsansprüchen). Die Tochter hat zumindest das Urteil und die Adresse eines Bruders, sagt sie. Hat sie aber bisher nicht rausgerückt. Und sie ist jetzt nicht mehr aufzutreiben, die Tochter.

Ach ja, zwischendurch war mal die Polizei auf der Suche, mit einem richtigen Durchsuchungsbeschluss. Gesucht (und gefunden) wurden Waffen in der Wohnung von Herrn Magg. Lief übrigens ganz anders ab als im Fernsehen. Sehr zurückhaltend und höflich. Ich durfte sogar mitsuchen. Und hinterher haben die Polizisten alles wieder aufgeräumt.

Und so suche ich Tag für Tag. So eine Art Echtes-Leben-Google für Betreuer, das wäre was!

Unter Spannung

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis, in welchem Spannungsfeld sich ein Betreuer gelegentlich bewegt:

Frau Groß ist Anfang fünfzig, geistig schwer behindert und mit einer Psychose geplagt. Sie lebte jahrelang in einer Behinderteneinrichtung und besuchte dort die Förderstätte. Irgendwann ging es mit ihr immer mehr bergab. Ihre Belastungsfähigkeit sank, sie hielt es kaum noch unter Menschen aus. Auf Überlastung durch zu viel Nähe oder Zuwendung reagiert sie mit Schreien und wildem, ziellosen Umsichschlagen. In der Förderstätte musste sie immer mehr Zeit allein im Ruheraum verbringen. Eine Förderung war nicht mehr möglich, der Sozialhilfeträger würde deshalb in absehbarer Zeit die Zahlung einstellen.

Der behandelnde Psychiater diagnostiziert eine beginnende Demenz und empfiehlt den Wechsel in ein Pflegeheim.

Ich suche ein passendes Heim. Es soll folgende Voraussetzungen haben:

* Es muss mit der Mehrfachbehinderung umgehen können. * Es muss ein Einzelzimmer anbieten. * Die Bezahlung muss auf der Basis der Pflegeversicherung erfolgen, nicht auf Eingliederungshilfe. * Das Heim muss in erreichbarer Entfernung für die Angehörigen sein. Diese wohnen alle im gleichen Eck und sind die emotionalen Stützen für Frau Groß.

In dem Bereich, den die Angehörigen als “erreichbare Entfernung” betrachten (= maximal 40 km), gibt es nur zwei Heime, die alle Voraussetzungen ohne Einschränkungen erfüllen. Eins hat aber nur ein einziges Einzelzimmer, das auf unabsehbare Zeit belegt ist. Das andere Heim hat eine Warteliste von mehreren Jahren.

Ich finde schließlich ein “normales” Seniorenheim, das nach eingehenden Vorgesprächen und persönlicher Vorstellung von Frau Groß zusagt, mit ihren Behinderungen umgehen zu können und sie aufzunehmen.

Frau Groß kommt in dieses Heim. Der Umzug macht sie extrem nervös. Sie ist sichtlich gereizt. Als nach zwei Stunden im neuen Heim das erste Mal die Einlage gewechselt werden muss, schlägt sie wild um sich und bricht dabei der Pflegekraft die Nase.

Die Heim- und die Pflegedienstleitung sind außer sich. Sie drängen darauf, dass ich sofort ein anderes Heim suche. Ich melde Frau Groß in zwei Pflegeheimen an, die zwar auch nur “normale” Heime sind, aber von denen ich aus Erfahrung weiß, dass die etwas härter im Nehmen und etwas großzügiger im Geben sind. Leider haben beide Heime nur wenige Einzelzimmer, so dass es Monate dauert, bis dort ein Platz frei wird.

Von der Heimleitung bekomme ich seither regelmäßig wütende Mails, wann ich sie denn endlich von Frau Groß erlöse. Die Angehörigen rufen mich regelmäßig an und jammern, wie ihre Schwester/Cousine/Nichte in diesem Heim vernachlässigt wird und verkommt. Die Pflegekräfte auf der Station sagen bei meinen Besuchen jedesmal, dass es mit Frau Groß zwar schwierig sei, sie aber damit zurechtkämen und von ihnen aus sie gerne hier bleiben könnte. Frau Groß ist sichtlich unglücklich und überfordert, aber das war sie vorher in der Behinderteneinrichtung auch schon immer mehr.

Ich kann nur warten bis ein Platz frei wird. Ich werde nicht den Forderungen der Angehörigen nachkommen und Frau Groß in das nächstbeste Heim mit einem freien Platz stecken, nur damit Ruhe ist. Die Ruhe wäre dann nur kurz und trügerisch, und jeder Ortswechsel bedeutet für Frau Groß eine zusätzliche Belastung. Zum Wohl von Frau Groß werde ich abwarten und mich abwechselnd bedrohen und beschimpfen lassen. So ist das als Betreuer nun mal.

Menschen können sich ändern – wenn man sie lässt

Es wird Zeit, wieder mal von positiven Ereignissen zu berichten. Gelegentlich erlebt man als Betreuer tatsächlich, dass sich ein Mensch verändert, und zwar zum Guten.

Zum Beispiel Frau Bäcker. Als ich die Betreuung übernahm war sie schon weit über achtzig und gerade aus einem Altersheim rausgeworfen worden. Dieses Heim war eins der typischen Satt-und-Sauber-Heime. Hauptsache, alles sah rein und ordentlich aus, der Betrieb funktionierte und die Bewohner machten einen guten Eindruck.

Genau das hatte Frau Bäcker nicht getan. Aufgrund einer Psychose verhielt sie sich halt nicht normgemäß. Das Personal versuchte sie zu einem “normalen” Menschen erziehen. Frau Bäcker reagierte darauf mit einem völligen Rückzug. Am Ende ließ sie niemanden mehr ins Zimmer. Aus diesem Zimmer drangen nicht normgemäße Gerüche. Als das Personal gewaltsam in Frau Bäckers Wohnbereich eindringen wollte, reagierte Frau Bäcker mit Gegengewalt. Daraufhin wurde sie in die Psychiatrie verfrachtet und ihr der Heimplatz gekündigt.

Ich fand für sie ein neues Heim, ein privates mit zehn Plätzen. Dies lehnte sie zunächst ab, fügte sich aber in die Unvermeidlichkeit. Im neuen Heim zog sie sich wieder völlig zurück. Auch zu mir verweigerte sie jeden Kontakt. Diesmal jedoch ließ man sie so sein wie sie war. Sie durfte ihr eigenes, zurückgezogenes Leben führen. Auch ich drängte mich nicht auf.

Nach zwei Jahren kam ein Anruf: “Frau Bäcker will Sie sprechen.” Und nicht nur mit mir sprach sie, auch mit den Mitbewohnern und dem Personal.

Heute ist Frau Bäcker immer noch sehr zurückhaltend und eigen. Aber die Psychose (wenn es denn je eine war) ist verschwunden, sie lebt als vollwertiges Mitglied der Heimgemeinschaft und freut sich jedes Mal, wenn ich sie besuche.

Oder Herr Gott. Ich nenne ihn mal so, weil es so gut passt. Weiterlesen

Ist doch nicht so schlimm – oder?

Vorgestern geschah in einem deutschen Gericht etwas höchst seltenes: Ein Richter wurde wegen Rechtsbeugung verurteilt. In diesem Fall war es ein Betreuungsrichter. Er hatte in über 40 Fällen, in denen es um die Genehmigung unterbringungsähnlicher Maßnahmen ging, die Betroffenen nicht im persönlichen Gespräch angehört, wie das gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Unterlassung hatte er vertuscht, indem er die Protokolle der angeblichen Anhörungen einfach aus seiner Phantasie verfasste. Aufgeflogen war das erst, als diese Protokolle in mehreren Fällen Daten trugen, an denen die Betroffenen schon verstorben waren.

Schlimm genug, dass ein Richter sich zu so etwas hinreißen lässt. Schließlich basiert unser ganzes Rechtssystem darauf, dass die, die Recht sprechen, das in ehrlichster Absicht tun. Was mich aber wirklich auf die Palme bringt, ist die kaltschnäuzige Unverschämtheit dieses Richters. Zu Beginn des Prozesses erklärt er freundlich lächelnd im Fernsehen: Ich war ja gezwungen, so zu handeln. Bei der Arbeitsüberlastung blieb mir nichts anderes übrig. Außerdem machen das viele so. Und ich habe ja niemandem geschadet.

Das Schlimme ist: Viele denken so. Anhörungen sind ja nur Formalien. Und wenn ein alter Mensch ein bisschen gefesselt wird – was soll’s.

Na gut. Stellen Sie sich mal vor: Sie sind alt, Ihr Gehirn funktioniert nur noch bruchstückhaft. Ihnen kommen zwar viele Gedanken, aber Sie können nichts zu Ende denken. Das macht Sie auf Dauer natürlich wütend. Außerdem können Sie sich nichts Neues mehr merken. Das bedeutet z.B., dass jedesmal eine neue Altenpflegerin zu Ihnen kommt, die Sie noch nie gesehen haben. Jeden Tag dutzende neuer Menschen, kein einziges bekanntes Gesicht, keine Vertrautheit mit Menschen, mit Gegenständen, mit der Umgebung. Sie fühlen sich folglich sehr, sehr einsam und hilflos. Sie können Ihre Gefühle aber nicht in Worte fassen. Alles was Ihnen bleibt, ist Wut und ziellose Unruhe.

Das Pflegepersonal kann damit nicht umgehen, weil es zu viele unruhige, wütende Menschen auf der Station sind, aber zu wenige Menschen, die sich darum kümmern können. Also stellt man die wütenden, unruhigen Menschen ruhig. Mit Gurten im Bett, mit Bettgittern, mit einem Tischchen auf dem Rollstuhl, mit Medikamenten. Die Menschen sind dann immer noch wütend und unruhig, aber sie stören nicht mehr.

Oft besteht natürlich tatsächlich eine ganz objektive Gefährdung Weiterlesen

Die liebe Familie

Fragt man einen beruflichen Betreuer nach seinen Erfahrungen mit Angehörigen von Betreuten, wird man in der Regel einen langen Seufzer als Antwort erhalten.

Okay, natürlich sind viele der Eltern, Kinder und Geschwister unserer Klienten völlig in Ordnung, beziehungsweise sind uns sogar eine große Unterstützung in der Hilfe für “unsere Leute”. Genau so hatte ich das auch erwartet, als ich in diesem wunderbaren Beruf angefangen hatte. Was ich nicht erwartet hatte, war, wieviel Neid, Hass, Hinterfotzigkeit, Habgier und schlichte Blödheit in deutschen Familien verbreitet ist.

Den härtesten Fall erlebte ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit: Frau Lehmann, Bewohnerin eines Pflegeheims, kaum ansprechbar, über eine Magensonde ernährt. Der Sohn hatte eine Generalvollmacht, war aber zu blöd zu allem (na ja, zu fast allem, wie ich dann bald merkte), weshalb ich zum Betreuer bestellt wurde.

Frau Lehmann war privat versichert. Der Sohn hatte die Rechnungen für die Sondennahrung bei der Krankenkasse eingereicht. Die Kasse hatte das Geld auf das Konto des Sohnes überwiesen. Der Sohn bezahlte aber nicht die Rechnungen, sondern verabschiedete sich mit dem Geld zu einem mehrmonatigen Urlaub auf die Malediven.

Der Lieferant der Sondennahrung stellte die Lieferung ein, als die Zahlungsrückstände einige tausend DM erreicht hatten (was bei Sondennahrung relativ schnell geschieht). Frau Lehmann wäre verhungert, wenn nicht das Heim die weitere Sondennahrung aus dem eigenen Budget bezahlt hätte. Der Sohn war währenddessen auf den Malediven natürlich nicht zu erreichen.

Oder die Familie Waldmann. Vater Ende siebzig, schwer dement, zwei Söhne. Der Ältere ist Berufssoldat wie sein Vater, diszipliniert, erfolgreich. Der Jüngere ist Möchtegern-Musiker ohne Engagement und Einkommen. Der eine hat ein eigenes Haus 800 km vom Vater entfernt, der andere lebt beim Vater und von Ausreden.

Zwischen den Söhnen tobt ein Krieg bis aufs Blut um die Zuneigung des Vaters. Eindeutiger Sieger Weiterlesen