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Heim-lichkeiten

Neulich habe ich ein Jubiläum gefeiert. Ich habe einen Klienten in ein Heim gebracht. Das war das 25. Heim, das ich auf diese Weise kennengelernt habe. Insgesamt also ein Viertelhundert Heime – Pflegeheime, Wohnheime für Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung, Einrichtungen für Suchtkranke – in denen Klienten von mir wohn(t)en.

Da bekommt man einen breiten Einblick in die deutsche Heim-at. Dieser Einblick ist überwiegend positiv, oder zumindest nicht so negativ wie vor allem die Pflegeheime in den Medien dargestellt werden. Mit der Betonung auf “überwiegend”. Denn natürlich geht es in den Heimen so menschlich-unmenschlich zu wie überall. Da gibt es psychisch stabile Pflegekräfte und Erzieher, die ihren Job aus Überzeugung machen; da gibt es die, die halt ihren Arbeitstag runterreißen; da gibt es die, die wegen ihres kaputten Ego einen Beruf brauchen, in dem sie Macht über andere haben. Man muss deshalb als Betreuer immer wachsam sein, darf sich aber einen freundlich-entspannten Umgang mit den Mitarbeitern in den Heimen erlauben.

Es gibt allerdings ein immer größer werdendes Problem, das jedoch nicht in den Heimen selbst liegt, sondern im gesellschaftlichen Umfeld. Als beruflicher Betreuer bekommt man ja überwiegend sogenannte “schwierige” Fälle zugewiesen. Hinter diesen Fällen stehen immer Menschen, die irgendwie aus dem Rahmen fallen; die zwar meistens durch eine klare Diagnose in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, dort aber in den seltensten Fällen ganz hineinpassen. Da funktioniert noch alles leidlich, solange sich diese Menschen in freier Wildbahn bewegen. Aber wenn dann ein Heim nötig wird, vor allem ein Pflegeheim, dann wird’s schwierig. Denn die deutsche Heimlandschaft ist spezialisiert. In einem Pflegeheim wird gepflegt. Und sonst nichts. Ein ungepflegter Alkoholiker passt da erst mal nicht rein. Und eine geistig Behinderte mit einer Psychose auch nicht.

Beispiel aus der Praxis: Eine 65jährige mit bipolarer Störung (manisch-depressive Erkrankung), pflegebedürftig, suchtabhängig von Schnupftabak. Braucht täglich eine Dose Schnupftabak, wenn sie den nicht bekommt, wird sie aggressiv. Sie kommt in ein herkömmliches Satt-und-Sauber-Pflegeheim. Nach zwei Wochen beschwert sich die Stationsleitung, dass die gute Frau sehr unhygienisch aussieht, weil der Schnupftabak nicht nur in ihrer Nase landet. “Was sollen denn die Besucher von uns denken, wenn hier jemand so rumläuft wie Ihre Klientin?”, sagt sie. Meine Klientin lässt sich jedoch nicht waschen, ist wegen ihrer psychischen Erkrankung überhaupt wenig zugänglich. Die Aggressionen steigern sich gegenseitig hoch, bis die Klientin die Zimmermitbewohnerin schlägt und daraufhin aus dem Heim fliegt.

Es ist verdammt schierig, für solche Menschen ein Heim zu finden. Zum Glück gibt es bei mir im näheren Umkreis ein paar Heime, die zwar offiziell nicht für solche “schweren Fälle” ausgerichtet sind, in denen aber die Heimleitung und das Personal damit umgehen können und (vor allem) wollen.

Heime für Menschen, die aus dem Raster fallen: Das ist eine Marktlücke in unserem Land. Haben Sie nicht Lust, eins aufzumachen?

Ein Scheissjob

Manchmal hat man als Betreuer einen Scheissjob. Immer dann, wenn man für einen Klienten eine Lebensentscheidung treffen muss und nur die Auswahl zwischen verschiedenen schlechten Alternativen hat. Ich schreibe bewusst nicht “gleich schlecht”, weil die Alternativen auf ihre je ganz eigenen, individuellen Weisen schlecht sind.

Zur Zeit stehe ich wieder knietief in solch einem Dilemma. Ich habe vor ein paar Wochen die Betreuung für Herrn Schwarz übernommen. Er ist das Paradebeispiel dafür was man im Schwäbischen als “oischichtig” bezeichnet. Ein eigenbrötlerischer, alleinstehender, geistig einfach gestrickter Bauer, der mit dem ganzen Dorf und seiner Verwandtschaft heftigst verstritten ist, der es aber auf seine eingeschränkte Art immer geschafft hat, sein Leben zu meistern. Über sechzig Jahre lang.

Herr Schwarz hat Diabetes, die mittlerweile zu einem stark infizierten Bein geführt hat. Zwei Zehen mussten bereits amputiert werden. Er befindet sich seit Wochen deswegen im Krankenhaus. In Kürze steht die Entlassung an. Der behandelnde Arzt macht mir eindringlich klar, dass nur bei einer intensiven und konsequenten Pflege ein dauerhaft erträglicher Zustand des Beines gewährleistet sei. Bei Nachlässigkeiten könnte innerhalb von Stunden die Infektion sich so stark ausbreiten, dass das gesamte Beim amputiert werden müsste bzw. sogar Lebensgefahr bestünde.

Herr Schwarz will aber nicht in ein Heim. Er will nach Hause und dann zum Heilpraktiker. “Der behandelt mich fünf Tage lang und dann ist das Bein wieder gut”, sagt er. Und Pflege braucht er nicht. Zwei Pflegedienste hat er in der Vergangenheit bereits verschlissen.

Welche Alternativen hat nun der Betreuer?

Er kann dem Wunsch des Betreuten nachkommen. Das heißt: Entlassung nach Hause in den Bauernhof, den Herr Schwarz allein bewohnt. Organisation eines Pflegedienstes, der ihn intensiv versorgt, dazu eine Bekannte, die sich auch bisher schon um ihn gekümmert hat. Dann darauf warten, bis der Pflegedienst wieder abspringt, weil Herr Schwarz die Pflegekräfte nicht herein lässt. Dann mit hoher Wahrscheinlichkeit notfallmäßige Einlieferung ins Krankenhaus mit Amputation des Beines oder gar mit Amputation des ganzen Körpers, sprich Exitus.

Der Betreuer kann aber auch zum Wohle des Betreuten handeln. Das heißt: Einweisung in ein Pflegeheim per Unterbringung auf der geschlossenen Station, da Herr Schwarz ja nicht freiwillig will. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür würden sicher vorliegen. Das Leben von Herrn Schwarz würde sicher verlängert werden und die Wahrscheinlichkeit eines gesunden Lebens wäre größer. Aber Herr Schwarz würde dies nicht als lebenswert empfinden. Es wäre für ihn die Hölle.

Der Betreuer steht also vor der Wahl, den Tod des Klienten zu riskieren oder ihm den Rest seines Lebens zu versauen. Gründlich zu versauen.

Was tun? – Ich weiß es noch nicht. Vielleicht fällt mir ja noch eine kreative dritte Alternative ein, bei der Herr Schwarz mitspielt, die gesund für ihn ist und die finanzierbar ist. Ein Scheissjob bleibt es auf jeden Fall.

Netter Versprecher

Gestern habe ich ein Heim angeschaut, um zu sehen ob es für eine Klientin geeignet ist. Der Heimleiter führte mich durchs Haus. Wir kamen zur geschlossenen Station. Der Heimleiter konnte sich offensichtlich nicht entscheiden ob er die Station als “beschützend” oder “geschlossen” bezeichnen wollte. Und so sagte er den denkwürdigen Satz: “Und jetzt zeige ich Ihnen noch unsere beschissene Abteilung.”

Wir haben beide herzhaft gelacht.

Suchverhalten

Nein, in der Überschrift fehlt kein “t”. Es geht tatsächlich um das Suchverhalten des Betreuers. Denn einen großen Teil seines Berufslebens ist der Betreuer auf der Suche.

Nehmen wir den Fall des Herrn Magg. Ein sehr rüstiger Rentner, sofern er nüchtern ist. Ich übernahm die Betreuung für ihn vor fünf Jahren. Meine erste Aufgabe war, ihn selbst zu suchen. Er war trotz Terminvereinbarung nicht in seiner Wohnung, sondern unterwegs auf Stoffbeschaffung. Irgendwann trafen wir dann doch zusammen, in der weitgehend leeren Wohnung. Die hatte der Vermieter leerräumen lassen, nach einem Wasserschaden, während Herr Magg sich auf Reha befand, nach einem Herzinfarkt.

Also machte ich mich auf die Suche nach den Möbeln. Die lagerten verstreut in der Wohnanlage, im Heizungskeller, im Waschraum, im Keller von Herrn Magg. Dann suchte ich nach jemanden, der den ganzen Krempel möglichst kostengünstig wieder nach oben schaffte. Als ich jemand gefunden hatte, waren alle Möbel bereits wieder in der Wohnung. Herr Magg hatte das selbst erledigt. Er war sehr rüstig. Und sehr stur.

Dann suchte ich nach dem Geld von Herrn Magg. Oder eher nach seinen Schulden. Diese Suche gestaltete sich einfach. Die Gläubiger meldeten sich von selbst.

Als nächstes suchte ich die Angehörigen. Herr Magg war geschieden, zu seinen Kindern hatte er keinen Kontakt mehr. Monatelang forschte ich über Google, Telefonbuch, Stayfriends nach dem Nachwuchs, bis ich irgendwann die Tochter fand. Das gehört jetzt zwar nicht zu den unmittelbaren Betreueraufgaben, aber erfahrungsgemäß brauche ich die Kinder eines Klienten irgendwann einmal, und deshalb suche ich lieber nach ihnen solange es nicht pressiert.

Später suchte ich dann ein Heim für Herrn Magg. Ich fand eins, sogar mehrere. Aber Herr Magg wollte nicht. Also blieb er in der Wohnung bzw. häufig im Treppenhaus, weil er zu betrunken war um noch in die Wohnung zu kommen. Der Vermieter und die Nachbarn teilten mir regelmäßig ihre Begeisterung mit.

Ende letzten Jahres verschlechterte sich der Zustand von Herrn Magg so sehr dass er nun wirklich ins Heim wollte. Dankenswerterweise suchte und fand die Sozialarbeiterin des Krankenhauses, in dem Herr Magg gerade behandelt wurde, ein passendes Heim.

Ich stellte einen Sozialhilfeantrag für die Heimkosten und für die Übernahme der Räumungskosten für die Wohnung. Der Bezirk, der in Bayern dafür zuständig ist, teilte mir mit dass er nicht zuständig sei, zumindest nicht für die Räumungskosten. Also suchte ich den zuständigen Sozialhilfeträger. Es musste der Landkreis sein. War es aber nicht. Also wieder zurück zum Bezirk. Die zuständige Berarbeiterin erklärte sich zwar weiter nicht für zuständig, aber bereit, in Vorleistung zu gehen und die Sache dann intern mit dem Landkreis zu klären. Juhu.

Dann die Suche nach einer Firma, die die Wohnungsräumung macht. Nebenher noch Suche nach dem Personalausweis, der verlorengegangen war, nach diversen Wohnungs-, Briefkasten- und Kellerschlüsseln. Und die Suche nach der Stelle, wo ich eine Geburtsurkunde für einen Heimatvertriebenen bekomme.

Auch die Tochter suche ich inzwischen wieder. Die ist jetzt nämlich umgezogen, ohne mir die neue Adresse zu nennen. Ich habe nur die Nummer eines Handys, an das sie nicht mehr rangeht. Der Bezirk will das Scheidungsurteil und die Adressen aller Kinder (wegen Prüfung von Unterhaltsansprüchen). Die Tochter hat zumindest das Urteil und die Adresse eines Bruders, sagt sie. Hat sie aber bisher nicht rausgerückt. Und sie ist jetzt nicht mehr aufzutreiben, die Tochter.

Ach ja, zwischendurch war mal die Polizei auf der Suche, mit einem richtigen Durchsuchungsbeschluss. Gesucht (und gefunden) wurden Waffen in der Wohnung von Herrn Magg. Lief übrigens ganz anders ab als im Fernsehen. Sehr zurückhaltend und höflich. Ich durfte sogar mitsuchen. Und hinterher haben die Polizisten alles wieder aufgeräumt.

Und so suche ich Tag für Tag. So eine Art Echtes-Leben-Google für Betreuer, das wäre was!

Unter Spannung

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis, in welchem Spannungsfeld sich ein Betreuer gelegentlich bewegt:

Frau Groß ist Anfang fünfzig, geistig schwer behindert und mit einer Psychose geplagt. Sie lebte jahrelang in einer Behinderteneinrichtung und besuchte dort die Förderstätte. Irgendwann ging es mit ihr immer mehr bergab. Ihre Belastungsfähigkeit sank, sie hielt es kaum noch unter Menschen aus. Auf Überlastung durch zu viel Nähe oder Zuwendung reagiert sie mit Schreien und wildem, ziellosen Umsichschlagen. In der Förderstätte musste sie immer mehr Zeit allein im Ruheraum verbringen. Eine Förderung war nicht mehr möglich, der Sozialhilfeträger würde deshalb in absehbarer Zeit die Zahlung einstellen.

Der behandelnde Psychiater diagnostiziert eine beginnende Demenz und empfiehlt den Wechsel in ein Pflegeheim.

Ich suche ein passendes Heim. Es soll folgende Voraussetzungen haben:

* Es muss mit der Mehrfachbehinderung umgehen können. * Es muss ein Einzelzimmer anbieten. * Die Bezahlung muss auf der Basis der Pflegeversicherung erfolgen, nicht auf Eingliederungshilfe. * Das Heim muss in erreichbarer Entfernung für die Angehörigen sein. Diese wohnen alle im gleichen Eck und sind die emotionalen Stützen für Frau Groß.

In dem Bereich, den die Angehörigen als “erreichbare Entfernung” betrachten (= maximal 40 km), gibt es nur zwei Heime, die alle Voraussetzungen ohne Einschränkungen erfüllen. Eins hat aber nur ein einziges Einzelzimmer, das auf unabsehbare Zeit belegt ist. Das andere Heim hat eine Warteliste von mehreren Jahren.

Ich finde schließlich ein “normales” Seniorenheim, das nach eingehenden Vorgesprächen und persönlicher Vorstellung von Frau Groß zusagt, mit ihren Behinderungen umgehen zu können und sie aufzunehmen.

Frau Groß kommt in dieses Heim. Der Umzug macht sie extrem nervös. Sie ist sichtlich gereizt. Als nach zwei Stunden im neuen Heim das erste Mal die Einlage gewechselt werden muss, schlägt sie wild um sich und bricht dabei der Pflegekraft die Nase.

Die Heim- und die Pflegedienstleitung sind außer sich. Sie drängen darauf, dass ich sofort ein anderes Heim suche. Ich melde Frau Groß in zwei Pflegeheimen an, die zwar auch nur “normale” Heime sind, aber von denen ich aus Erfahrung weiß, dass die etwas härter im Nehmen und etwas großzügiger im Geben sind. Leider haben beide Heime nur wenige Einzelzimmer, so dass es Monate dauert, bis dort ein Platz frei wird.

Von der Heimleitung bekomme ich seither regelmäßig wütende Mails, wann ich sie denn endlich von Frau Groß erlöse. Die Angehörigen rufen mich regelmäßig an und jammern, wie ihre Schwester/Cousine/Nichte in diesem Heim vernachlässigt wird und verkommt. Die Pflegekräfte auf der Station sagen bei meinen Besuchen jedesmal, dass es mit Frau Groß zwar schwierig sei, sie aber damit zurechtkämen und von ihnen aus sie gerne hier bleiben könnte. Frau Groß ist sichtlich unglücklich und überfordert, aber das war sie vorher in der Behinderteneinrichtung auch schon immer mehr.

Ich kann nur warten bis ein Platz frei wird. Ich werde nicht den Forderungen der Angehörigen nachkommen und Frau Groß in das nächstbeste Heim mit einem freien Platz stecken, nur damit Ruhe ist. Die Ruhe wäre dann nur kurz und trügerisch, und jeder Ortswechsel bedeutet für Frau Groß eine zusätzliche Belastung. Zum Wohl von Frau Groß werde ich abwarten und mich abwechselnd bedrohen und beschimpfen lassen. So ist das als Betreuer nun mal.

Menschen können sich ändern – wenn man sie lässt

Es wird Zeit, wieder mal von positiven Ereignissen zu berichten. Gelegentlich erlebt man als Betreuer tatsächlich, dass sich ein Mensch verändert, und zwar zum Guten.

Zum Beispiel Frau Bäcker. Als ich die Betreuung übernahm war sie schon weit über achtzig und gerade aus einem Altersheim rausgeworfen worden. Dieses Heim war eins der typischen Satt-und-Sauber-Heime. Hauptsache, alles sah rein und ordentlich aus, der Betrieb funktionierte und die Bewohner machten einen guten Eindruck.

Genau das hatte Frau Bäcker nicht getan. Aufgrund einer Psychose verhielt sie sich halt nicht normgemäß. Das Personal versuchte sie zu einem “normalen” Menschen erziehen. Frau Bäcker reagierte darauf mit einem völligen Rückzug. Am Ende ließ sie niemanden mehr ins Zimmer. Aus diesem Zimmer drangen nicht normgemäße Gerüche. Als das Personal gewaltsam in Frau Bäckers Wohnbereich eindringen wollte, reagierte Frau Bäcker mit Gegengewalt. Daraufhin wurde sie in die Psychiatrie verfrachtet und ihr der Heimplatz gekündigt.

Ich fand für sie ein neues Heim, ein privates mit zehn Plätzen. Dies lehnte sie zunächst ab, fügte sich aber in die Unvermeidlichkeit. Im neuen Heim zog sie sich wieder völlig zurück. Auch zu mir verweigerte sie jeden Kontakt. Diesmal jedoch ließ man sie so sein wie sie war. Sie durfte ihr eigenes, zurückgezogenes Leben führen. Auch ich drängte mich nicht auf.

Nach zwei Jahren kam ein Anruf: “Frau Bäcker will Sie sprechen.” Und nicht nur mit mir sprach sie, auch mit den Mitbewohnern und dem Personal.

Heute ist Frau Bäcker immer noch sehr zurückhaltend und eigen. Aber die Psychose (wenn es denn je eine war) ist verschwunden, sie lebt als vollwertiges Mitglied der Heimgemeinschaft und freut sich jedes Mal, wenn ich sie besuche.

Oder Herr Gott. Ich nenne ihn mal so, weil es so gut passt. Weiterlesen

Ist doch nicht so schlimm – oder?

Vorgestern geschah in einem deutschen Gericht etwas höchst seltenes: Ein Richter wurde wegen Rechtsbeugung verurteilt. In diesem Fall war es ein Betreuungsrichter. Er hatte in über 40 Fällen, in denen es um die Genehmigung unterbringungsähnlicher Maßnahmen ging, die Betroffenen nicht im persönlichen Gespräch angehört, wie das gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Unterlassung hatte er vertuscht, indem er die Protokolle der angeblichen Anhörungen einfach aus seiner Phantasie verfasste. Aufgeflogen war das erst, als diese Protokolle in mehreren Fällen Daten trugen, an denen die Betroffenen schon verstorben waren.

Schlimm genug, dass ein Richter sich zu so etwas hinreißen lässt. Schließlich basiert unser ganzes Rechtssystem darauf, dass die, die Recht sprechen, das in ehrlichster Absicht tun. Was mich aber wirklich auf die Palme bringt, ist die kaltschnäuzige Unverschämtheit dieses Richters. Zu Beginn des Prozesses erklärt er freundlich lächelnd im Fernsehen: Ich war ja gezwungen, so zu handeln. Bei der Arbeitsüberlastung blieb mir nichts anderes übrig. Außerdem machen das viele so. Und ich habe ja niemandem geschadet.

Das Schlimme ist: Viele denken so. Anhörungen sind ja nur Formalien. Und wenn ein alter Mensch ein bisschen gefesselt wird – was soll’s.

Na gut. Stellen Sie sich mal vor: Sie sind alt, Ihr Gehirn funktioniert nur noch bruchstückhaft. Ihnen kommen zwar viele Gedanken, aber Sie können nichts zu Ende denken. Das macht Sie auf Dauer natürlich wütend. Außerdem können Sie sich nichts Neues mehr merken. Das bedeutet z.B., dass jedesmal eine neue Altenpflegerin zu Ihnen kommt, die Sie noch nie gesehen haben. Jeden Tag dutzende neuer Menschen, kein einziges bekanntes Gesicht, keine Vertrautheit mit Menschen, mit Gegenständen, mit der Umgebung. Sie fühlen sich folglich sehr, sehr einsam und hilflos. Sie können Ihre Gefühle aber nicht in Worte fassen. Alles was Ihnen bleibt, ist Wut und ziellose Unruhe.

Das Pflegepersonal kann damit nicht umgehen, weil es zu viele unruhige, wütende Menschen auf der Station sind, aber zu wenige Menschen, die sich darum kümmern können. Also stellt man die wütenden, unruhigen Menschen ruhig. Mit Gurten im Bett, mit Bettgittern, mit einem Tischchen auf dem Rollstuhl, mit Medikamenten. Die Menschen sind dann immer noch wütend und unruhig, aber sie stören nicht mehr.

Oft besteht natürlich tatsächlich eine ganz objektive Gefährdung Weiterlesen

Die liebe Familie

Fragt man einen beruflichen Betreuer nach seinen Erfahrungen mit Angehörigen von Betreuten, wird man in der Regel einen langen Seufzer als Antwort erhalten.

Okay, natürlich sind viele der Eltern, Kinder und Geschwister unserer Klienten völlig in Ordnung, beziehungsweise sind uns sogar eine große Unterstützung in der Hilfe für “unsere Leute”. Genau so hatte ich das auch erwartet, als ich in diesem wunderbaren Beruf angefangen hatte. Was ich nicht erwartet hatte, war, wieviel Neid, Hass, Hinterfotzigkeit, Habgier und schlichte Blödheit in deutschen Familien verbreitet ist.

Den härtesten Fall erlebte ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit: Frau Lehmann, Bewohnerin eines Pflegeheims, kaum ansprechbar, über eine Magensonde ernährt. Der Sohn hatte eine Generalvollmacht, war aber zu blöd zu allem (na ja, zu fast allem, wie ich dann bald merkte), weshalb ich zum Betreuer bestellt wurde.

Frau Lehmann war privat versichert. Der Sohn hatte die Rechnungen für die Sondennahrung bei der Krankenkasse eingereicht. Die Kasse hatte das Geld auf das Konto des Sohnes überwiesen. Der Sohn bezahlte aber nicht die Rechnungen, sondern verabschiedete sich mit dem Geld zu einem mehrmonatigen Urlaub auf die Malediven.

Der Lieferant der Sondennahrung stellte die Lieferung ein, als die Zahlungsrückstände einige tausend DM erreicht hatten (was bei Sondennahrung relativ schnell geschieht). Frau Lehmann wäre verhungert, wenn nicht das Heim die weitere Sondennahrung aus dem eigenen Budget bezahlt hätte. Der Sohn war währenddessen auf den Malediven natürlich nicht zu erreichen.

Oder die Familie Waldmann. Vater Ende siebzig, schwer dement, zwei Söhne. Der Ältere ist Berufssoldat wie sein Vater, diszipliniert, erfolgreich. Der Jüngere ist Möchtegern-Musiker ohne Engagement und Einkommen. Der eine hat ein eigenes Haus 800 km vom Vater entfernt, der andere lebt beim Vater und von Ausreden.

Zwischen den Söhnen tobt ein Krieg bis aufs Blut um die Zuneigung des Vaters. Eindeutiger Sieger Weiterlesen

Mein schwierigster Arbeitstag

3. Mai 2001: Mein bisher schwierigster Arbeitstag. Und das wird er hoffentlich auch bleiben.

Ich verbringe diesen Tag überwiegend mit Herrn Preuß. Die Betreuung für ihn habe ich vor ein paar Monaten übernommen. Er lag damals nach einem alkoholbedingten Unfall im Koma in einer Spezialklinik einige hundert Kilometer entfernt. Nun ist er wieder bei Bewusstsein und körperlich und geistig so weit hergestellt, dass er entlassen werden kann. Allerdings fehlt ihm die Erinnerung an die letzten 30 Jahre, und er ist in seinen Bewegungen sehr eingeschränkt.

In den letzten Monaten hatte ich regelmäßig in der Klinik angefragt, ob Herr Preuß entlassfähig ist. Es war klar, dass er nicht mehr in seine Wohnung zurück kann und ins Heim muss. Deshalb hatte ich seine Wohnung aufgelöst. Bei jeder Anfrage erhielt ich die Auskunft: Herr Preuß braucht noch längere Behandlung, ich muss noch keinen konkreten Heimplatz suchen. So auch bei meiner letzten Anfrage Anfang April.

Zwei Wochen später ein Anruf von der Sozialarbeiterin der Klinik: Herr Preuß wird in einer Woche entlassen, ich soll doch bitte einen Heimplatz organisieren. Ich versuche möglichst höflich die Frage zu formulieren, ob sie den Arsch offen hat. Nein, hat sie nicht, nur großen Druck von den Ärzten. Falls ich keinen Heimplatz finde, kommt Herr Preuß in Kurzzeitpflege in wechselnde Heime, so lange, bis ein dauerhafter Platz da ist. Wäre sehr förderlich für die weitere Genesung :-(

Ich rufe in den folgenden Tagen 30 Heime an, aber natürlich ist nirgends was frei. Ich kann die Klinik noch um eine Woche Aufenthalt für Herrn Preuß raufhandeln, aber am 2.5. ist definitiv Schluss. Am 2.5. vormittags habe ich noch ein Heim übrig (von 30), das möglicherweise einen Kurzzeit-Platz hat. Um 14.15 Uhr will die Klinik Herrn Preuß verlegen. Um 14.13 Uhr kommt ein Anruf vom Heim: Sie haben nicht nur einen Kurzzeitplatz, sondern einen Dauerplatz ab morgen!

Am 3.5. kommt Herr Preuß mit dem Taxi von der Klinik zu mir ans Büro. Ich soll ihn dann ins 50 km entfernte Heim bringen. Ein letzter Anruf von der Klinik-Sozialfrau: Herr Preuß ist gerade losgefahren, und – ach ja – wir haben ihm nicht gesagt, dass er keine Wohnung mehr hat und dass er jetzt ins Heim muss. Er wäre sonst aggressiv geworden. Bitte informieren doch Sie ihn!

Na klasse. Um 14 Uhr kommt Herr Preuß an, voller Vorfreude auf seine Wohnung, die er seit Monaten nicht mehr gesehen hat, und bekannter Neigung zu Aggressivität, wenn was nicht nach seinem Kopf läuft. (Er saß deswegen auch im Knast.) Und bis zum Abend muss ich ihn im Heim haben, auf freiwilliger Basis, eine andere Lösung gibt es nicht.

Herr Preuß kommt an, gut gelaunt. Er lädt mich erst mal auf ein Bier in der benachbarten Wirtschaft ein. Mich von Betreuten einladen zu lassen ist zwar gegen meine Prinzipien, aber wenn’s ihn friedlich stimmt … Im Wirtshaus eröffne ich Herrn Preuß, dass seine Wohnung “gerade renoviert wird” und er “momentan” nicht da rein kann. Er reagiert gelassen: “Na, dann zieh ich derweil zu meinen Eltern. Da können wir jetzt gleich hinfahren” Die Eltern sind seit 20 Jahren tot. Aber “na gut”, denke ich, dann mach ich’s halt auf die harte Tour.

Ich fahre mit ihm zur (früheren) Wohnung der Eltern. Herr Preuß läutet, ein junger Mann öffnet. Natürlich hat er nie was von Herrn Preuß’ Eltern gehört. Herr Preuß setzt sich zu mir ins Auto, völlig verstört. “Wo soll ich jetzt hin?” Mein Stichwort: “Ich hätte da ein Heim, wo Sie – natürlich nur vorübergehend – einen Platz hätten.” Nach längeren Diskussionen sagt Herr Preuß: Weiterlesen