Neulich habe ich ein Jubiläum gefeiert. Ich habe einen Klienten in ein Heim gebracht. Das war das 25. Heim, das ich auf diese Weise kennengelernt habe. Insgesamt also ein Viertelhundert Heime – Pflegeheime, Wohnheime für Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung, Einrichtungen für Suchtkranke – in denen Klienten von mir wohn(t)en.
Da bekommt man einen breiten Einblick in die deutsche Heim-at. Dieser Einblick ist überwiegend positiv, oder zumindest nicht so negativ wie vor allem die Pflegeheime in den Medien dargestellt werden. Mit der Betonung auf “überwiegend”. Denn natürlich geht es in den Heimen so menschlich-unmenschlich zu wie überall. Da gibt es psychisch stabile Pflegekräfte und Erzieher, die ihren Job aus Überzeugung machen; da gibt es die, die halt ihren Arbeitstag runterreißen; da gibt es die, die wegen ihres kaputten Ego einen Beruf brauchen, in dem sie Macht über andere haben. Man muss deshalb als Betreuer immer wachsam sein, darf sich aber einen freundlich-entspannten Umgang mit den Mitarbeitern in den Heimen erlauben.
Es gibt allerdings ein immer größer werdendes Problem, das jedoch nicht in den Heimen selbst liegt, sondern im gesellschaftlichen Umfeld. Als beruflicher Betreuer bekommt man ja überwiegend sogenannte “schwierige” Fälle zugewiesen. Hinter diesen Fällen stehen immer Menschen, die irgendwie aus dem Rahmen fallen; die zwar meistens durch eine klare Diagnose in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, dort aber in den seltensten Fällen ganz hineinpassen. Da funktioniert noch alles leidlich, solange sich diese Menschen in freier Wildbahn bewegen. Aber wenn dann ein Heim nötig wird, vor allem ein Pflegeheim, dann wird’s schwierig. Denn die deutsche Heimlandschaft ist spezialisiert. In einem Pflegeheim wird gepflegt. Und sonst nichts. Ein ungepflegter Alkoholiker passt da erst mal nicht rein. Und eine geistig Behinderte mit einer Psychose auch nicht.
Beispiel aus der Praxis: Eine 65jährige mit bipolarer Störung (manisch-depressive Erkrankung), pflegebedürftig, suchtabhängig von Schnupftabak. Braucht täglich eine Dose Schnupftabak, wenn sie den nicht bekommt, wird sie aggressiv. Sie kommt in ein herkömmliches Satt-und-Sauber-Pflegeheim. Nach zwei Wochen beschwert sich die Stationsleitung, dass die gute Frau sehr unhygienisch aussieht, weil der Schnupftabak nicht nur in ihrer Nase landet. “Was sollen denn die Besucher von uns denken, wenn hier jemand so rumläuft wie Ihre Klientin?”, sagt sie. Meine Klientin lässt sich jedoch nicht waschen, ist wegen ihrer psychischen Erkrankung überhaupt wenig zugänglich. Die Aggressionen steigern sich gegenseitig hoch, bis die Klientin die Zimmermitbewohnerin schlägt und daraufhin aus dem Heim fliegt.
Es ist verdammt schierig, für solche Menschen ein Heim zu finden. Zum Glück gibt es bei mir im näheren Umkreis ein paar Heime, die zwar offiziell nicht für solche “schweren Fälle” ausgerichtet sind, in denen aber die Heimleitung und das Personal damit umgehen können und (vor allem) wollen.
Heime für Menschen, die aus dem Raster fallen: Das ist eine Marktlücke in unserem Land. Haben Sie nicht Lust, eins aufzumachen?