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Das Privatleben des Betreuers

Es ist das Schicksal eines jeden, der in einem alltagstauglichen Beruf arbeitet, dass seine ganze Verwandt- und Bekanntschaft Hilfe von ihm auf seinem Fachgebiet erwartet. Ein Elektriker darf bei allen Eltern, Kindern, Cousinen, Freunden, Nachbarn und Freunden von Nachbarn von Cousinen Leitungen verlegen. Ein Maler ist für alles zuständig, was mit Farbe in den Wohnungen seiner Verwandtschaft zu tun hat. Und so weiter.

Dem Betreuer geht es ähnlich.  Muss ein Kumpel ein Formular ausfüllen, mit dem er überfordert ist, kommt er damit zu seinem Betreuer-Kumpel. Will eine Freundin der Frau des Betreuers eine Patientenverfügung verfassen, wendet sie sich mit ihren Fragen an den Betreuer-Mann ihrer Freundin. Und so weiter.

Ich mach das ja gerne. Ich rede ja auch gerne über meinen Beruf (siehe dieser Blog). Aber irgendwo hat alles seine Grenzen. Da sind dann da, wo es um meine eigenen Angelegenheiten geht. Gestern sagte ein Kollege zu mir: “Ich hab nie Lust, irgendwelche Anträge für mich selbst auszufüllen.” So geht’s mir auch. Ob Kindergeld oder Schriftverkehr mit den diversen Krankenkassen meiner Familie: Das überlasse ich gerne meiner Frau.

Dann kann ich hinterher, wenn meine Frau wieder jammert, wie schwierig das alles ist, ganz bescheiden sagen: “Siehst du, Schatz, für mich ist das Alltag.” Und meine Frau bewundert mich dann maßlos … Bilde ich mir zumindest ein.

Überflüssige Arbeit

Ich arbeite gern für meine Klienten, auch wenn ich bei manchen Dingen von vornherein weiß, dass das, was ich jetzt anfange, für die Katz ist. Zum Beispiel mit großem Aufwand eine Reha-Maßnahme für einen Alkoholiker organisieren, weil der die momentan unbedingt will. Ich weiß aber ziemlich sicher, dass er sie nach zwei Wochen abbrechen wird. So geschieht es dann auch. Aber ich muss ihm diese Chance geben, deshalb ist der ganze Aufwand, den ich da treibe, zwar nutzlos, aber nicht sinnlos.

Was mich aber jedes Mal fürchterlich ärgert, ist Arbeit, die nutz- und sinnlos ist. Womit wir beim Stichwort “Bürokratie” wären. Ein Beispiel, das ich dieser Tage auf dem Schreibtisch hatte (zum 106. Mal):

Es gibt Menschen, die in Heimen leben. Für viele dieser Menschen zahlt die Sozialhilfe die Heimkosten. Bei uns in Bayern übernehmen das die Regierungsbezirke. Und viele Menschen, die in Heimen wohnen, haben Anspruch auf Wohngeld. Das zahlen die Landkreise. Nun gibt es viele Heimbewohner, die Anspruch auf Sozialhilfe + Wohngeld haben. Da muss dann der Betreuer einen Antrag auf Wohngeld stellen, mit allem Nachweis-Brimborium, beim zuständigen Landratsamt bearbeitet jemand den Antrag und beim zuständigen Bezirk kontrolliert jemand den Bescheid. Und das alles, damit eine öffentliche Stelle (Landkreis) der anderen (Bezirk) Geld zahlt.

Besonders pikant dabei: Die bayerischen Bezirke finanzieren sich größtenteils über Umlagen der zugehörigen Landkreise. Also der Landkreis zahlt sowieso an den Bezirk. Der einzige Erfolg des ganzen Aufwands mit der Wohngeld-Antragstellung ist, dass der Landkreis statt der Umlage Wohngeld an den Bezirk überweist.

Für die, die sowohl die Landkreise wie die Bezirke finanzieren, nämlich die Steuerzahler, bleibt alles gleich. Stopp, nein, stimmt nicht: Ein Betreuer, ein Landratsamt-Mitarbeiter und ein Bezirk-Mitarbeiter haben jede Menge zusätzliche Arbeit, die die Steuerzahler bezahlen müssen.

Es kostet uns allen also Geld (viel Geld) und einigen Leuten viel Arbeit, nur damit Geld vom öffentlichen Budget A zum öffentlichen Budget B verschoben wird.

Nutzloser und sinnloser geht’s ja wohl nicht.