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Betreuer für einen Tag

Letzten Montag wurde ich zum Betreuer bestellt für einen Mann, der nach einem Diabetes-Schock im künstlichen Koma lag. Ich fuhr am selben Tag in die Klinik. Die diensthabende Ärztin war sehr erstaunt, dass da ein Betreuer auftauchte. Der Betroffene sei schließlich schon seit einer Woche wieder bei Bewusstsein, und zwar so, dass er auch alles wieder selbst regeln könne.

Ich ging zu meinem neuen Klienten. Der saß auf dem Bett, hellwach und quietschfidel. Er wusste über seine gesundheitliche und finanzielle Situation Bescheid und konnte mir über alles detailliert Auskunft geben.

Ich fuhr zurück ins Büro und beantragte die Aufhebung der Betreuung.

Auch so kann’s gehen.

Lob

Gestern war Herr Huber bei mir. Ich bin seit gut einem Jahr für ihn Betreuer. Diese Betreuung war die aufwendigste seit langem. Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben. Vor zwei Wochen wurde die Betreuung aufgehoben, weil Herr Huber seine Dinge wieder selbst regeln kann.

Gestern fand nun die Übergabe statt. Herr Huber sagte im Lauf des Gesprächs: “Ich bin sehr froh, dass ich eine Betreuung hatte und dass gerade Sie mein Betreuer waren. Ohne Ihre Hilfe wäre ich nicht wieder auf die Beine gekommen. Ich habe Ihnen und den Leuten, die die Betreuung in die Wege geleitet haben viel zu verdanken”

Dies erwähne ich nur als kleinen Hinweis für alle, die eine Betreuung immer noch für eine ganz furchtbare Sache halten.

Und außerdem tut es gut, mal so was Schönes gesagt zu bekommen.

Time to say good-bye

Neulich erzählte mir der nette Mann an der Kasse einer örtlichen Bank, dass Herr Wachter einen Beschwerdebrief über meinen Kollegen an die Betreuungsstelle geschickt habe. (Soviel zum Thema “Informationsfluss in einer Kleinstadt.”)

Herr Wachter ist ein älterer Mann, für den schon eine Betreuung bestand, als das noch “Vormundschaft” hieß. Er wurde von der Betreuungsstelle betreut, bis er sich über diese beschwerte. Da wurde ich zum Betreuer bestellt. Nach ein paar Jahren beschwerte sich Herr Wachter über mich. Da wechselte die Betreuung zu meinem Kollegen. Nun also hat sich Herr Wachter über meinen Kollegen beschwert.

Die Betreuung ist ein sehr flexibles Instrument, wofür Herr Wachter ein Paradebeispiel ist. Keine Betreuung ist zwangsläufig für die Ewigkeit, nicht einmal fürs Leben. Und der Betreuer und sein Klient sind nicht verheiratet (zumindest nicht wenn es ein beruflicher Betreuer ist).

Da gibt es jene wie Herrn Wachter, die einfach mit nichts zufrieden sind und die sich nur wohl fühlen, wenn sie sich schlecht fühlen. Da sie nicht zugeben können, dass sie selbst die Wurzel ihres Unglücks sind, braucht es halt jemand anderen. Naheliegenderweise den Betreuer. Der dann alle paar Jahre wechselt.

Manchmal stimmt einfach die Chemie zwischen Klient und Betreuer nicht. Okay, das tut sie öfter nicht, weil das Krankheitsbild oder die Handlungen, zu denen der Betreuer gezwungen ist, das einfach unmöglich machen. Ein Betreuer, der erwartet, dass alle seine Klienten ihm immer um den Hals fallen vor Begeisterung und Zuneigung, wird bald seinen Job wechseln. Der ideale Betreuer sollte seine Gefühle außen vor lassen und Menschen nicht nach Sympathie und Antipathie einteilen.

Schade dass es den idealen Betreuer nicht gibt. Natürlich gehen einem manche Klienten einfach nur tierisch auf den Sack. Ich war mal Betreuer für eine ältere Dame; eine sture, rechthaberische, uneinsichtige und extrem bösartige Dame. Ich arbeitete für sie genauso professionell wie für alle anderen, aber nach jedem Gespräch mit ihr hatte ich die Fäuste geballt und Mordphantasien im Kopf. Sonst stecke ich alles weg, aber sie brachte etwas in mir zum Schwingen, etwas sehr Ungutes. Ich habe dann einen Betreuerwechsel angeregt. Der Anregung wurde stattgegeben.

Es gibt auch glückliche Anlässe für das Ende einer Betreuung: Wenn der Grund dafür wegfällt. Das bedeutet immer, dass der Betroffene wieder gesund ist. Kommt nicht sehr oft vor, aber doch immer wieder. Eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen man als Betreuer hemmungslos ein gutes Gefühl haben kann.

Dann gibt es noch die Betreuungen, die aufgehoben werden, weil sich der Betroffene einfach nicht helfen lässt. Zum Beispiel Herr Faust, ein Obdachloser, bei dem meine einzige Tätigkeit darin bestand, ständig seinen aktuellen Aufenthaltsort herauszufinden, um irgendetwas mit ihm zu besprechen, das aktuell zu regeln war. Wenn ich ihn dann endlich irgendwo in Deutschland aufgetrieben hatte, war das zu Regelnde nicht mehr aktuell. Diese Betreuung wurde wegen offensichtlicher Sinnlosigkeit aufgehoben.

Viele Menschen haben Ängste, wenn es um eine mögliche Betreuung für sie geht. Sie haben noch die alte Vormundschaft und die Entmündigung im Kopf. Ich versuche immer mit den genannten Beispielen diese Ängste zu mindern. Eine Betreuung und den Betreuer wird man wirklich relativ einfach los. Leichter jedenfalls als einen Vertrag mit Kabel Deutschland.