Vor kurzem kam das Gespräch im Freundeskreis auf das Thema Kindererziehung. Im Lauf das Gesprächs wurde mir immer klarer, wie sehr mein Beruf als Betreuer den Umgang mit unseren Kindern beeinflusst hat. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr einen der Beruf prägt, vor allem ein persönlich so fordernder Beruf.
Wie beeinflusst nun das Betreuerdasein die Kindererziehung?
Die wichtigste Grundlage des Betreuungswesens ist ja die Achtung des Selbstbestimmungsrechts der sogenannten Betreuten. Dies ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich es automatisch auch bei meinen Kindern angewandt habe. “Meine” Klienten dürfen Fehler machen, meine Kinder dürfen Fehler machen. Ich weiß nicht alles besser wie sie. Und wenn ich es besser weiß, hilft das allein weder den Klienten noch den Kindern. Sie müssen selber darauf kommen, was gut ist. Nur was man selber lernt, das bleibt. Und Strafen sind sinnlos (und im Betreuungswesen sogar verboten). Entweder eine Handlung hat negative Konsequenzen – dann braucht es keine zusätzliche Strafe. Oder eine Handlung hat keine negative Konsequenzen – wozu dann eine Strafe? Kind oder Klient: Sie müssen die Konsequenzen ihres Handelns tragen, Eltern oder Betreuer müssen nicht noch zusätzlich Richter spielen.
Aus dem Ganzen folgt eine große Gelassenheit. Ich darf Klienten und Kinder mit mitfühlender Zuwendung begleiten (die Kinder natürlich mit wesentlich mehr Gefühl und Liebe), aber ich bin nicht verantwortlich für ihr Leben. Ich schaffe als Betreuer und als Vater die Grundlagen für ein gelungenes Leben, soweit das in meinen Möglichkeiten steht – aber was Klienten und Kinder daraus machen, ist ganz allein ihre Entscheidung. Ich darf mich in unterschiedlichem Ausmaß darüber freuen, aufregen oder entsetzen – aber ich darf und muss mich nicht damit identifizieren. Wenn ein Klient sein Geld versäuft, dann ist das sein Geld. Und wenn er deshalb am Monatsende nichts mehr zu essen hat, dann ist es sein Magen, der knurrt. Ich kümmere mich dann darum, dass er trotzdem was zu essen bekommt, aber ich mache mir nicht seine Sorgen und genieße trotzdem mein reichhaltiges Abendessen. Und wenn ein Kind monatelang daheim rumhängt, weil es keinen Plan hat, wie es mit seinem Leben weitergeht – dann bringe ich meinen Ärger zum Ausdruck, dass es durchaus die Zukunftsüberlegungen während irgendeines Jobs anstellen könnte, anstatt auf dem Sofa liegend den Eltern Geld zu kosten. Aber ich mache keine ungefragten Vorschläge zur Berufswahl, und ich genieße dennoch mein eigenes, völlig ausgefülltes Leben. Und ich liebe mein Kind weiterhin.
Ein weiterer Grund zur großen Gelassenheit gegenüber seinen Kindern: Als Betreuer erlebt man die schrecklichsten Weisen, wie Leben scheitern können. Da ist man froh, wenn die eigenen Kinder nur mal gelegentlich besoffen sind und ansonsten ihr Leben im Griff haben.
Hier wirkt übrigens der Beruf des Betreuers auch präventiv auf die Kinder. Wenn der Betreuer-Papa am Mittagstisch ganz nüchtern aus dem Alltag seiner suchtkranken Klienten erzählt, dann hat das eine enorme abschreckende Wirkung auf die Kinder.
Und wenn man gerade aus einer vollgestopften Messie-Wohnung zurückkehrt, dann erträgt man den pubertären Saustall im Kinderzimmer mit einem leisen Lächeln und schimpft sein Kind bloß noch ein ganz kleines bisschen.
Ich hoffe, meine Kinder sind froh, dass ich einen pädagogisch so wertvollen Beruf habe und nicht etwa Lehrer geworden bin.*
* Das war ein Scherz!