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Erziehung

Vor kurzem kam das Gespräch im Freundeskreis auf das Thema Kindererziehung. Im Lauf das Gesprächs wurde mir immer klarer, wie sehr mein Beruf als Betreuer den Umgang mit unseren Kindern beeinflusst hat. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr einen der Beruf prägt, vor allem ein persönlich so fordernder Beruf.

Wie beeinflusst nun das Betreuerdasein die Kindererziehung?

Die wichtigste Grundlage des Betreuungswesens ist ja die Achtung des Selbstbestimmungsrechts der sogenannten Betreuten. Dies ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich es automatisch auch bei meinen Kindern angewandt habe. “Meine” Klienten dürfen Fehler machen, meine Kinder dürfen Fehler machen. Ich weiß nicht alles besser wie sie. Und wenn ich es besser weiß, hilft das allein weder den Klienten noch den Kindern. Sie müssen selber darauf kommen, was gut ist. Nur was man selber lernt, das bleibt. Und Strafen sind sinnlos (und im Betreuungswesen sogar verboten). Entweder eine Handlung hat negative Konsequenzen – dann braucht es keine zusätzliche Strafe. Oder eine Handlung hat keine negative Konsequenzen – wozu dann eine Strafe? Kind oder Klient: Sie müssen die Konsequenzen ihres Handelns tragen, Eltern oder Betreuer müssen nicht noch zusätzlich Richter spielen.

Aus dem Ganzen folgt eine große Gelassenheit. Ich darf Klienten und Kinder mit mitfühlender Zuwendung begleiten (die Kinder natürlich mit wesentlich mehr Gefühl und Liebe), aber ich bin nicht verantwortlich für ihr Leben. Ich schaffe als Betreuer und als Vater die Grundlagen für ein gelungenes Leben, soweit das in meinen Möglichkeiten steht – aber was Klienten und Kinder daraus machen, ist ganz allein ihre Entscheidung. Ich darf mich in unterschiedlichem Ausmaß darüber freuen, aufregen oder entsetzen – aber ich darf und muss mich nicht damit identifizieren. Wenn ein Klient sein Geld versäuft, dann ist das sein Geld. Und wenn er deshalb am Monatsende nichts mehr zu essen hat, dann ist es sein Magen, der knurrt. Ich kümmere mich dann darum, dass er trotzdem was zu essen bekommt, aber ich mache mir nicht seine Sorgen und genieße trotzdem mein reichhaltiges Abendessen. Und wenn ein Kind monatelang daheim rumhängt, weil es keinen Plan hat, wie es mit seinem Leben weitergeht – dann bringe ich meinen Ärger zum Ausdruck, dass es durchaus die Zukunftsüberlegungen während irgendeines Jobs anstellen könnte, anstatt auf dem Sofa liegend den Eltern Geld zu kosten. Aber ich mache keine ungefragten Vorschläge zur Berufswahl, und ich genieße dennoch mein eigenes, völlig ausgefülltes Leben. Und ich liebe mein Kind weiterhin.

Ein weiterer Grund zur großen Gelassenheit gegenüber seinen Kindern: Als Betreuer erlebt man die schrecklichsten Weisen, wie Leben scheitern können. Da ist man froh, wenn die eigenen Kinder nur mal gelegentlich besoffen sind und ansonsten ihr Leben im Griff haben.

Hier wirkt übrigens der Beruf des Betreuers auch präventiv auf die Kinder. Wenn der Betreuer-Papa am Mittagstisch ganz nüchtern aus dem Alltag seiner suchtkranken Klienten erzählt, dann hat das eine enorme abschreckende Wirkung auf die Kinder.

Und wenn man gerade aus einer vollgestopften Messie-Wohnung zurückkehrt, dann erträgt man den pubertären Saustall im Kinderzimmer mit einem leisen Lächeln und schimpft sein Kind bloß noch ein ganz kleines bisschen.

Ich hoffe, meine Kinder sind froh, dass ich einen pädagogisch so wertvollen Beruf habe und nicht etwa Lehrer geworden bin.*

* Das war ein Scherz!

Dorfleben

Ich habe hier schon öfters über einen Fall berichtet, den ich vor gut einem Jahr übernommen habe. Der Mensch, der diesen Fall ausfüllt, ist der geistig behinderte Dorfdepp in einem kleinen Ort, Erbe eines Bauernhofes, von einem Teil der Dorfmitbewohner unterstützt, vom anderen Teil ausgenützt.

Der Klient musste ins Heim. Eine Woche nach der Heimaufnahme rief mich ein mir bis dato fremder Mann aus dem Dorf an: Ob ich denn den Hof verkaufe, er hätte Interesse daran. Mittlerweile habe ich drei Interessenten, ohne dass ich jemals mit irgendjemand darüber geredet hätte.

Neulich brauchte ich eine Auskunft zu einem Grundstück, das angeblich dem Klienten gehören sollte, dessen Existenz mir aber unbekannt war. Ich mailte dem Bürgermeister, ob er denn Näheres wisse. Eine Stunde später hatte ich alle Details über diese Grundstücke, einschließlich die Namen der Käufer, an die vor Jahren verkauft wurde.

So läuft’s auf dem Dorf.

Stadt, Land, Fluss

Ich betreibe mein Gewerbe in einer idyllischen Kleinstadt. Na ja, idyllisch ist diese Stadt nicht, aber klein auf jeden Fall. Diese Tatsache beeinflusst auch die Tätigkeit des Betreuers. Es bringt viele Vorteile mit sich, aber auch Nachteile.

Ein Vorteil liegt darin, dass man die Leute kennt. Die Hälfte der Stadtverwaltung kennt man aus Kindertagen und ist mit ihnen per Du. Ebenso die wichtigsten Personen bei der Polizei. Oder fast alle Geschäfts- und Bankleute in der Stadt. Das erleichtert die bürokratischen Abläufe, die Suche nach vermissten Betreuten (die der zuständige Polizist oft auch schon seit Kindertagen kennt) oder den Umgang mit mehr oder weniger dubiosen Geschäften, die unsere Klienten manchmal so treiben.

Auch eine Wohnung zu finden für einen Klienten, ist in der Kleinstadt einfacher. “Ach, ich kenne ja Ihre Mutter, dann wird’s schon gutgehen”, – mit dieser Bemerkung vermietete eine ältere Dame einmal eine Wohnung an einen meiner etwas schwierigeren Klienten.

Doch genau in diesen Vorteilen gründen sich auch die Nachteile. Denn je länger ich meinen Job in der Kleinstadt mache, umso mehr spricht es sich herum, dass z.B. meine Klienten nicht immer nur nette, harmlose hilfsbedürftige Menschen sind, sondern gelegentlich auch laut, unsauber oder gewalttätig. Das hat dazu geführt, dass mittlerweile die meisten potentiellen Vermieter laut schreiend davonrennen, wenn ich nur in ihre Nähe komme.

Auch die Nähe zu den “Amtspersonen” birgt in ihren Vorteilen auch die Nachteile. Ich bekomme vieles einfacher und unbürokratischer, aber es wird von mir im Gegenzug dasselbe erwartet.  Typisches Beispiel: Betreute in der städtischen Notunterkunft. Ich kriege für diese Klientel vieles, was nicht Pflicht der Stadt ist. Dafür beharre ich z.B. nicht auf eine Verlegung in eine andere Notunterkunft, wenn die, in der der Betreute wohnt, abgerissen wird, sondern suche eine andere Wohnung.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Wege kurz sind. Zeitweise wohnte ein Drittel meiner Klienten im Umkreis von 500 m um mein Büro. Das ist praktisch, hat aber auch wieder Nachteile. Stichwort “Ich weiß, wo du wohnst!”. Oder wenn einem die nervige Betreute, die diesen blöden, unfähigen Betreuer unbedingt loshaben wollte, nach dem Ende der Betreuung  ständig über den Weg läuft. Zum Beispiel beim trauten Tête-à-Tête mit seiner Gattin im Café. Und diese Ex-Klientin erzählt dann überall in der Stadt herum, was ihr Ex-Betreuer für eine Niete ist. Auch nicht schön.

Und noch ein Nachteil: Von der Kundschaft nur in einer Kleinstadt kann man als Betreuer nicht leben. Man braucht schon mindestens einen ganzen Gerichtsbezirk dafür. Das macht auf dem flachen Land die Wege wieder weit.

Aber insgesamt überwiegen für mich die Vorteile. Ich könnte es mir jedenfalls nicht vorstellen, meinen Job in einer Großstadt zu machen.

Frage: Wie sind die Erfahrungen von Großstadt-Betreuern?

Gute Betreuer, schlechte Betreuer

Anruf von der Stationsleitung eines Heimes: Frau Ehwald ist gerade gestorben. Wir reden eine Weile über das Sterben und das Leben meiner Klientin. Am Schluss teile ich der Stationsleitung noch meine Anerkennung mit für die äußerst gute Arbeit, die sie und ihre Kolleginnen geleistet haben. Die Dame meint: “Ich muss das Lob zurückgeben. Sie sind einer der besten Betreuer, die wir hatten.”

Ich freue mich natürlich über das Lob. Noch mehr würde ich mich freuen, wenn ich im Fall der Frau Ehwald irgendwas Herausragendes geleistet hätte. Habe ich aber nicht. Seit Frau Ehwald in dieses Heim kam war es eine sehr einfache Betreuung geworden. Ich machte meine monatlichen Besuche, ansonsten gab es nur Routine.

So sagte ich das auch der Stationsleitung. Sie erwiderte, dass eben dieses das Besondere an mir gewesen sei. Dass ich meinen Job gemacht hätte und mich für meine Klientin interessiert hätte. Das würden sie bei weitem nicht bei jedem Betreuer erleben.

Da verging mir dann endgültig die Freude an dem Lob. Man fällt also als Betreuer positiv auf, wenn man einfach seinen Job macht!!

Hey Leute, das ist doch eine Katastrophe für uns Betreuer!

Ich würde jetzt auch nicht darüber schreiben, wenn ich solch ein dubioses Lob nicht schon öfters gehört hätte. Also wirklich, ich halte mich selbst für einen ganz durchschnittlichen Betreuer. Ich versuche für meine Klienten das Beste zu erreichen, unter Berücksichtigung ihrer Wünsche und Bedürfnisse, mache dabei auch Fehler, weiß bei weitem nicht alles und richte gelegentlich auch mehr Schaden an als dass ich helfe, weil ich wie jeder Mensch meine Grenzen und Einschränkungen habe. Und das alles reicht aus, um in den Augen von Leuten aus dem Umfeld meiner Klienten als positives Beispiel eines Betreuers zu gelten!

Natürlich, die Dame aus dem Heim meinte mit “Betreuer” nicht nur die beruflichen Betreuer, sondern auch die Angehörigen-Betreuer und die Ehrenamtlichen. Die sind manchmal einfach überfordert, oder es wurde im Angehörigen-Fall der Bock zum Gärtner gemacht. Da gibt es naturgemäß eine hohe Versagensquote und ein geringes Interesse am Betreuten. Aber ich habe auch schon Fälle von beruflichen KollegInnen übernommen, wo sich mir die Zehennägel aufgerollt haben. Wenn ich da nach der Fall-Übernahme einfach nichts gemacht hätte, wäre das schon eine erhebliche Verbesserung für die Klienten gewesen. Es gibt nämlich tatsächlich BetreuerInnen, die schaffen es, weniger als nichts zu machen! Wenn ich da beim neuen Klienten (der schon seit Jahren einen Betreuer hatte) zum Antrittsbesuch komme, sagt der dann erfreut: “Ah, so sieht also ein Betreuer aus!”

Wenn ich dann Kollegen treffe, die 75 Betreuungen haben (in einem Umkreis von 100 km), dann wundert mich nichts mehr. Oder nur 15 Betreuungen, aber die neben einem Vollzeit-Beruf.

Und dann jammert alles, dass wir Betreuer so ein schlechtes Image haben.

Aaaah!

Entschuldigung, dass ich in der Überschrift schreie. Ich weiß, das tut man nicht. Aber ich ärgere mich maßlos – über böse Mitmenschen und über blöde Betreuer namens Manfred Dempf.

Im vorigen Artikel habe ich über einen neuen Klienten von mir geschrieben. Der schließt massenweise Verträge am Telefon ab, überwiegend mit Internet-Glücksspielfirmen, Zeitschriften und seit neuestem mit Handyanbietern. Mittlerweile ist er bei 30 Verträgen pro Monat, Tendenz steigend statt fallend.

Es ist ja verboten, Leute unaufgefordert anzurufen, um ihnen Verträge aufzuschwatzen. Und es ist laut UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) verboten, offensichtliche Nachteile des potentiellen Kunden wie etwa Alter, Behinderung, fehlende Intelligenz auszunutzen, um Geschäfte zu machen. Mein Klient ist selbst am Telefon deutlich vernehmbar nicht geschäftsfähig. Was diese Typen da am Telefon treiben, ist also eindeutig kriminell.

Aber es geht noch übler. Gelegentlich bekommt mein Klient Anrufe von Leuten, die ihm anbieten, ihm gegen diese Anrufe zu helfen. Sie würden alle diese bösen Menschen anschreiben und dann hätten die Anrufe ein Ende. Kostet nur 80 Euro im Quartal. – Also das Prinzip Schutzgelderpressung wie bei der Mafia. Nur mit dem Unterschied, dass einen die Mafia in Ruhe lässt, wenn man Schutzgeld zahlt. Die Anrufe gehen weiter.

Und immer wenn man meint es geht nicht mehr … schlimmer, kommt von irgendwo ein … nein, kein Lichtlein – ein noch größerer Ganove daher. Diese Woche lag eine Benachrichtigung der Post in meinem Briefkasten. Für meinen Klienten sei eine Sendung mit Nachnahme gekommen. (Ich habe einen Nachsendeauftrag eingerichtet, damit die ganzen Vertragsbestätigungen zu mir kommen.) Ich rufe meinen Klienten an. Ja, er hat was bestellt. Etwas, das er tatsächlich braucht. Das geht in Ordnung, wenn ich es abhole.

Ich fahre zur Post. Die Sendung ist ein DIN-A-4-Kuvert, sehr dünn und kostet 89,00 EUR. Ich wundere mich, nehme aber die Sendung an, zahle und fahre zum Klienten. Der wundert sich nun auch und macht das Kuvert auf. Inhalt: Eine DIN-A-4-Seite Anschreiben an den Klienten, zwei DIN-A-4-Seiten Kopiervorlage eines Anschreibens an Firmen, die einem telefonisch Verträge aufschwatzen. Mit diesem Anschreiben werden diese Firmen aufgefordert, die Verträge zu annullieren. Diese drei Seiten kosten 89,00 EUR.

Und nirgends, weder auf Kuvert noch irgendwo auf den drei Seiten, steht ein Absender. Es gibt keine Möglichkeit, den “Verkäufer” festzustellen und das Geld zurückzufordern. Die Post nimmt die Sendung auch nicht mehr zurück, da sie ja geöffnet wurde. Ich kann nur die Kontonummer des Absenders in Erfahrung bringen.

Ich ärgere mich tierisch. Über meinen Klienten, der auf jeden Blödsinn reinfällt. Mehr noch über seinen dusseligen Betreuer, der in diesen zwei Minuten auf der Post einfach unkonzentriert war und deshalb die Sendung angenommen hat. Am meisten ärgere ich mich aber über diese Drecksverbrecher, die noch übler sind als die Mafia. Sie kassieren nicht einmal Schutzgeld, sondern stellen nur eine Kopiervorlage zum Beantragen von Schutzgeld zur Verfügung, für ein Schweinegeld und völlig anonym, so dass man sich nicht wehren kann.

Ich habe natürlich sofort Strafanzeige gestellt. Wird erfahrungsgemäß für die Katz sein, aber was soll ich sonst tun außer mich dreimal täglich in den Hintern zu beißen?

Keiner hört zu

Diese Woche hat sich wieder mal ein Vorurteil bestätigt, das ich schon länger hege. Es lautet: Menschen, die in sozialen Berufen tätig sind, hören nur zu wenn man sie dafür bezahlt. Im außerberuflichen Bereich sind sie in puncto Zuhören so begabt wie eine Wand.

Die Bestätigung dieses Vorurteils erfolgte über die Mailingliste Betreuungsrecht. Dort schilderte ich einen Fall, den ich neu übernommen habe und bat um Tipps. Es geht um einen freundlichen, netten Mann, der so freundlich und nett ist, dass er zu allem “Ja” sagt. Auch am Telefon, wenn ihn jemand fragt, ob er bei Internet-Gewinnspielen mitmachen oder eine Zeitschrift abonnieren will. Das führt dazu, dass er jeden Monat etwa 30 solcher Verträge abschließt. Dank eines Nachsendeauftrags kommen die ganzen Vertragsbestätigungen zu mir. Ich darf dann jeden Monat 30 Briefe schreiben mit dem Inhalt: “Ihr seid Ganoven, ihr kriegt nichts.” Und ich darf jeden Monat 15 – 20 Lastschriften vom Konto des Betreuten zurückbuchen.

Das Problem ist nicht, die Verträge zu annullieren. Die Typen am anderen Ende wissen, dass sie illegal handeln und wehren sich nicht. Sie rufen halt meinen Klienten an und schließen wieder einen neuen Vertrag.  Das Problem ist, dass ich jeden Monat 30 Briefe schreiben muss und dass mein Klient nicht in der Lage ist, nicht ans Telefon zu gehen oder dort mal “Nein” zu sagen. Also das Problem ist genau, dass ich die Aussicht habe, die nächsten zehn Jahre oder so jeden einzelnen Monat immer wieder 30 Briefe schreiben zu müssen und es nie ein Ende nehmen wird.

Dies habe ich alles in der Mailingliste geschildert. Ich erklärte ausdrücklich und -führlich, dass mein Problem nicht die Annullierung der Verträge ist, sondern die Masse, die nicht weniger wird. Ich bat um Tipps, wie ich diesen Wahnsinn von vornherein beenden kann, ohne dass es erst zu Vertragsabschlüssen kommt.

Ich erhielt viele Tipps, wie ich die Verträge annullieren kann. Einer mailte, ich solle doch einfach jedem Vertragspartner einen Brief schreiben. Einen Tipp, wie ich die Vertragsabschlüsse von vornherein verhindern kann, gab mir keiner.

Eigentlich war mir dieses Ergebnis von vornherein klar. Ich kenne meine Kollegenschaft. Aber als Betreuer hat man ja einen Hang zum Masochismus. Außerdem macht es doch Freude, wenn man ein Vorurteil bestätigt bekommt.

Sozialberufler hören privat einfach nicht zu. – Äh, was haben Sie gerade gesagt?

Eine Betreuerin mordet

In einem früheren Artikel habe ich darüber geschrieben, wie sich die Wahrnehmung der Betreuer-Tätigkeit in der Öffentlichkeit geändert hat. Letzten Sonntag gab es dazu nun ein interessantes und höchst erfreuliches Beispiel.

Da kam nämlich in der neuesten “Tatort”-Folge eine Betreuerin vor. Meines Wissens war dies das erste Mal, dass unsere Tätigkeit in einem deutschen Spielfilm Erwähnung und Darstellung fand.

Was dabei höchst erfreulich war: Die Frau (dargestellt übrigens von Thekla Carola Wied) war einfach “die Betreuerin”, es wurde nicht erklärt, was sie machte, wofür die Betreuung stand. Ein Zeichen dafür, dass unsere Tätigkeit mittlerweile so bekannt ist, dass sie keine weiteren Informationen braucht. Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht vorstellbar gewesen. Da ist allein schon deshalb nie ein Betreuer in einem Spielfilm aufgetaucht, weil man da erst minutenlang hätte erklären müssen, was der überhaupt macht.

Die Betreuerin im “Tatort” war übrigens die Mutter des Betreuten. Dieser wurde zu Beginn des Films ermordet. Am Ende des Films tötete die Betreuerin den Mörder ihres Sohnes.

Es muss hier betont werden, dass dies nicht dem durchschnittlichen Verhalten des durchschnittlichen Betreuers entspricht. Höchstens manchen Wunschträumen. In der Realität lösen wir die anstehenden Konflikte doch sozialverträglicher.

Die schönen Seiten des Lebens

Wenn man meine Beiträge so liest, könnte man meinen, das Betreuerdasein bestehe überwiegend aus negativen Dingen. Das ist entspricht durchaus der Realität. Als Betreuer hat man es zum größten Teil mit den Schattenseiten des Lebens zu tun: mit Krankheit und Tod, mit Leid und Elend, mit Kabel Deutschland und Deutscher Telekom.

Aber eben nur überwiegend. Als Betreuer erlebt man auch immer wieder die schönen Seiten des Lebens.

Schön ist zum Beispiel das Verhältnis zu vielen meiner Klienten. Okay, für einige bin ich eine Nervensäge, die nicht zulässt, dass der Betreute Schulden machen kann. Für einige bin ich nur ein Dienstleister, mit denen mich ein rein geschäftliches Verhältnis verbindet. Manchen bin ich einfach wurscht. Aber zu einigen habe ich eine fast familiäre Beziehung.

Das sind vor allem Bewohner von Regens Wagner, einer großen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Nicht, dass geistig Behinderte automatisch auf der Sonnenseite des Lebens stehen würden. Eine geistige Behinderung bewahrt einen nicht vor psychischen und körperlichen Erkrankungen. Und dass alle geistig Behinderten sympathische Wonneproppen sind, ist ein Mythos aus Film und Fernsehen. Aber auch wenn jede(r) Bewohner(in) von Regens Wagner mit ihren persönlichen Einschränkungen zu kämpfen hat, so ergibt sich doch in den meisten Fällen eine sehr positive Beziehung zu ihnen.

Eine Außenwohngruppe des Heims befindet sich gleich neben meiner Wohnung. Dort habe ich zwei Betreute. Verstößt zwar gegen alle meine Prinzipien, weil ich Beruf und Privatleben eigentlich streng trenne. Aber die zwei sind einfach so nette Menschen, dass mir das wurscht ist. Die kommen dann auch gelegentlich zum Kaffee oder zum Fußball schauen zu mir. (Bitte nicht weitersagen! Das ist nämlich wirklich absolut unprofessionell!)

Bei einer von den beiden, nennen wir sie Martina, habe ich mal angeregt, die Betreuung aufzuheben, weil es eigentlich nichts zu tun gab, was Martina nicht selbst mit Hilfe der ErzieherInnen hätte erledigen können. Zunächst war Martina damit einverstanden. Ein paar Tage später kam sie zu mir und meinte: “Die Betreuung muss weitergehen. Ich bin sonst die einzige im Heim, die keinen Betreuer hat. Wie stehe ich denn dann da!”

Der Betreuer als Statussymbol. Hat auch was. Bei den Bewohnern von Regens Wagner gilt aber nicht nur die Betreuung an sich als prestigefördernd, sondern noch mehr die Person des Betreuers. Folgenden Dialog habe ich in einer Wohngruppe mal mitgehört: (Vorbemerkung: Frau A. ist eine Kollegin von mir mit sehr vielen Klienten im Heim, und ich ändere gelegentlich meine Haarfarbe.)

Bewohner A (stolz): Meine Betreuerin ist die Frau A.!

Meine Betreute (noch stolzer): Und mein Betreuer hat blaue Haare!

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Schön ist auch zu erleben, wieviel Hilfsbereitschaft und menschliches Entgegenkommen man in den Ämtern erlebt. Von wegen “faule Beamte”! Gut, die erlebt man auch. Aber vor allem in den Sozialämtern, mit denen ich zu tun habe, gibt es sehr viele Mitarbeiter, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. Ein ganz aktuelles Beispiel von heute: Bei meinem Lieblings-Messie steht wieder mal eine Entmüllung an. Die für ihn zuständige Mitarbeiterin des Sozialamts besorgt ein paar Zimmer weiter für ihn Sperrmüllkarten, damit das Ganze für ihn billiger wird. Und das, obwohl er vorübergehend gar keine Grundsicherung bezieht!

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Schön sind auch die kleinen und großen Zeichen der Anerkennung, die man immer wieder bekommt. Eine Tafel Schokolade zu Weihnachten von jemand, der mit 86 Euro Barbetrag im Monat auskommen muss; eine Ansichtskarte aus dem Urlaub; ein Anruf des Betreuten, einfach so, “um zu schauen, wie es Ihnen geht”; die Frage am Ende eines Besuchs: “Wann kommen Sie denn wieder?”

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Und schön ist es, wenn man mit den Betreuten lachen kann. Oder mal Kicker spielen oder FIFA spielen auf der Playstation. Und wenn der Betreute (auch ein Bewohner von Regens Wagner) mich dabei jedes Mal in Grund und Boden spielt, ist das so richtig schön … für den Betreuten.

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Nachbemerkung: Ich habe gerade diesen Beitrag noch mal durchgelesen. Er klingt irgendwie kitschig. Tut mir leid, aber so ist das Betreuerleben eben manchmal auch.

Leben Betreuer gefährlich?

Gelegentlich fragen mich besorgte Mitmenschen (nachdem sie endlich begriffen haben, was ein Betreuer tatsächlich macht), ob das denn nicht gefährlich sei, ständig mit “Irren” zu arbeiten.  Auf meine Antwort, dass die Mitarbeiter von Kabel Deutschland so schlimm nun auch wieder nicht sind, kommt dann immer die Klarstellung, dass mit “Irre” die Betreuten gemeint sind.

Nun, ich habe bisher von zwei Betreuern erfahren, die von ihren Klienten getötet worden sind. Ich selbst wurde auch einmal von einem Betreuten mit dem Messer angegriffen. Ging aber gut aus, da der Betreute so um die vier Promille intus hatte und ich mich deshalb mit der Flucht relativ leicht tat.

Mein Kollege, mit dem ich zu der Zeit eine Bürogemeinschaft hatte, läutete einmal an der Wohnung eines Klienten mit einer hochgradigen Psychose. Der öffnete das Fenster und zielte mit einer Pistole auf meinen Kollegen. Dieser hechtete hinter sein Auto und rief die Polizei. Die rückten zu viert mit schusssicheren Westen an und brachten den Klienten in die Psychiatrie.

Ganz ungefährlich ist es also nicht. Dennoch ist eins von der statistischen Wahrscheinlichkeit her ganz klar: Das gefährlichste für einen Betreuer ist nicht der Umgang mit seinen Klienten, das gefährlichste ist die Autofahrt zu ihnen. Es werden mit Sicherheit mehr Betreuer im Straßenverkehr verletzt und getötet als durch ihre Klienten.

Also, liebe besorgte Mitmenschen: Wenn Sie schon Angst um mich haben, dann bitte wenn ich im Auto sitze! (Da bin ich auch für Sie gefährlicher!)

Eigenschaften

Welche Eigenschaften muss man haben, um als beruflicher Betreuer bestehen zu können?

Ich rede jetzt nicht von den formalen Qualifikationen. Die sind klar: Beruflicher Betreuer kann jeder Depp werden. Man braucht kein Studium, keine Ausbildung, keine Vorbildung, nur zwei Dinge: Ein unbeflecktes Führungszeugnis und die Fähigkeit, die zuständige Betreuungsstelle und den Vormundschaftsrichter überzeugen zu können. Allerdings ist die Vergütung umso höher, je besser die formale Qualifikation ist. Den Höchstsatz gibt es nur bei abgeschlossenem Sozialpädagogik-Studium oder etwas Vergleichbarem (bei mir ist es Religionspädagogik). Bei den anderen, niedrigeren Vergütungssätzen rentiert es sich gar nicht, mit Arbeiten zu beginnen. Von daher regelt sich das von selbst.

Bevor sich jemand aufregt: Das eben gesagte bedeutet nicht, dass jemand ohne Sozpäd-Studienabschluss automatisch ein Depp ist. Es gibt genug Deppen mit Hochschulstudium!

Nein, mit den Eigenschaften, die man als Betreuer benötigt, meine ich die persönlichen Voraussetzungen.

Als da wären:

Auf Platz 1 unbestritten die Fähigkeit, das richtige Maß zwischen Einfühlung und Distanz zu den Klienten und ihrem Leben zu finden. Ich kenne einige Betreuer (nur Männer), für die ihre Aufgabe nur ein Job ist und die ihre Klienten nur als “Fälle” sehen. Die muss man abarbeiten, möglichst effizient und kostengünstig.

Und ich kenne einige (nur Frauen), die gehen ganz in den Problemen “ihrer” Betreuten auf. Die arbeiten rund um die Uhr, sind auch nachts um 3.14 Uhr auf dem Handy zu erreichen, und denken nur noch daran, wie sie das Leben “ihrer Leute” noch besser machen können. Geht’s den Klienten gut, geht es auch diesen Betreuerinnen gut; geht es einem Klienten schlecht, stellen sie die Welt auf den Kopf, bis ihm geholfen wird, ob er will oder nicht.

Das eine Extrem führt zu einer zwar äußerst effektiven Hilfe, die aber vom Betroffenen selten als Hilfe, oft aber als kalter Verwaltungsakt erlebt wird. Dem Betroffenen geht es nach der Hilfe genauso schlecht wie vorher. – Das andere Extrem führt zu Klienten, die irgendwann froh sind, wenn die Mama-Betreuerin sie mal einen Tag lang in Ruhe lässt. Oder die froh sind um die Mama-Betreuerin und sie bereitwillig jede Nacht um 3.14 Uhr auf dem Handy anrufen. Das führt dann ziemlich schnell zu einer Betreuerin mit Burn-Out-Syndrom, und von dort zu einer kaputten Ex-Betreuerin.

Der richtige Weg liegt in der Mitte. Ich muss den Klienten immer als Menschen sehen, mit seiner ganz persönlichen Geschichte, seinen ganz eigenen Ängsten, Freuden, Gefühlen. Das alles ist so wichtig und ernst zu nehmen wie meine eigenen Gefühle. Aber: Das Leben des Klienten ist nicht mein Leben. Seine Probleme sind nicht meine. Ich hänge mich den ganzen Arbeitstag über mit aller Kraft rein, um meinen Leuten zu helfen. Aber wenn ich das Büro zusperre, schließe ich auch diese Probleme ab. (Na ja, meistens.) Und ich mache mir nicht die Gefühle, Ängste und Freuden der Klienten zu eigen. Wie könnte ich ihnen helfen, wenn ich selbst mittendrin stecke in ihren Problemen?

Platz 2 der notwendigen Betreuereigenschaften: Fachwissen. Eh klar. Da ein Betreuer alles wissen und alles können muss, setzt das ständige Fortbildung und ständigen Wissenserwerb voraus. Der Betreuer als Jäger und Sammler von Informationen.

Platz 3: Selbstdisziplin und Ordnung. Da fragen Sie am besten andere Betreuer. Ist jetzt nicht so meine Baustelle.

Platz 4: eine unheimlich große Leidensbereitschaft und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Denn der Betreuer ist an allem schuld und haftet für alles. Weiterlesen