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Unterbringung

In den Top Ten der unangenehmen Aufgaben eines Betreuers liegt die Unterbringung ganz vorn. “Unterbringung” hört sich ja ganz nett und freundlich an. Aber sie bezeichnet einen der heftigsten Eingriffe in die Grundrechte eines Menschen: Den Entzug des Rechts, sich frei bewegen zu dürfen und selbst bestimmen zu dürfen, wo man wohnen und sich aufhalten möchte.

Das ist so ein schwerwiegender Eingriff in das Leben eines Menschen, dass ich (und jeder verantwortungsbewusste Betreuer) versuche, ihn zu vermeiden, wo es nur geht. Leider geht es nicht immer. Diese Woche war es wieder so weit.

Immerhin war es die erste Unterbringung einer meiner Klienten seit fast zwei Jahren. Diesmal aber dafür eine der verschärften Art. Denn es gibt ganz unterschiedliche Formen, wie eine Unterbringung zustande kommt.

Der für alle angenehmste Verlauf ist, wenn der Klient schon (bisher freiwillig) in der Klinik ist und irgendwann dann heim will, die Ärzte aber meinen, dass noch Behandlungsbedarf besteht. Da sperrt man die Türe zu und das war’s.

Am anderen Ende der Skala befindet sich die Unterbringung, bei der der Klient noch zu Hause ist, in die geschlossene Station eines Pflegeheimes muss (also für immer weggesperrt wird, nicht nur vorübergehend) und das partout nicht einsieht, weil sein geistiger Zustand halt so ist, und der sich mit Händen und Füßen gegen die Einlieferung wehrt.

In diesem Fall muss die Betreuungsstelle ran. Die holt dann die Polizei dazu und diese befördert den sich heftig wehrenden Menschen mit Gewalt und eventuell in Handschellen in den Sanka.

Genauso lief es diese Woche bei meinem Klienten. Ich will hier nicht die Gründe schildern, weshalb es so weit kam – das würde den Rahmen hier sprengen und würde mich in Konflikt bringen mit dem Persönlichkeitsschutz des Klienten.  Es war notwendig und unabwendbar, dass es so lief. Wirklich, ich habe mir in den Tagen davor und seither immer wieder andere Alternativen überlegt. Das Ergebnis war immer dasselbe: Es ging nicht mehr anders als auf diese Weise.

Leider beruhigt das Wissen, das einzig Richtige, weil Notwendige getan zu haben, nur teilweise das eigene Gewissen. Zum Glück hat man so eine gewaltsame Unterbringung nur extrem selten. Für mich war’s die erste seit sieben Jahre und erst die dritte überhaupt. Ich hätte nichts dagegen wenn ich jetzt bis zur Rente davon verschont bliebe.

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Nachsatz: Ich habe hier nichts über das Prozedere einer Unterbringung geschrieben. War nicht das Thema. Wer es genauer wissen will: Eine kurze Erklärung gibt’s hier.

Abhängigkeit

Als Betreuer ist man ein freier Mensch. Das schätze ich so an diesem Beruf. Man ist sein eigener Chef, kann selbst über seinen Arbeitsumfang und seine Arbeitszeiten bestimmen und selbst seine Arbeitsstruktur festlegen. Die einzige Vorgabe ist, dass man die anfallende Arbeit korrekt zum Wohl der Klienten erledigt.

Trotzdem lebt man als Betreuer in großer Abhängigkeit. Man hängt am Tropf der Betreuungsgerichte und der Betreuungsstellen. Von dort kommen die Aufträge, und es gibt keinerlei Vorgaben, nach welchen Kriterien diese beiden Stellen Betreuer ernennen bzw. vorschlagen müssen. Ein Betreuer hat keinen Rechtsanspruch darauf, eine Betreuung zu bekommen. Und wenn er überhaupt keine Betreuungen mehr erhält, kann er nichts dagegen tun. Ihm bleibt nur der Berufswechsel.

Natürlich gehen die zuständigen Richter und Behördenmitarbeiter verantwortungsvoll mit dieser Thematik um. Die meisten schauen darauf, dass alle Betreuer in ihrem Bezirk gleichmäßig und entsprechend ihren speziellen Fähigkeiten mit Fällen versorgt werden. Aber leider gibt es auch Ausnahmen.

Ich war jahrelang mit einer Richterin gesegnet, die es mit Objektivität und Fairness nicht allzu genau nahm. Einmal beschwerten sich Angehörige eines Klienten bei ihr über mich, weil ich zum Wohl des Betreuten gehandelt hatte und nicht zum Wohl der Angehörigen. Sie stellten das so dar, dass ich nichts tun würde. Die Richterin beschloss daraufhin, mir keine Betreuungen mehr zu geben. Das teilte sie auch so der Betreuungsstelle mit und auch meinem Büropartner. Nur zu mir sagte sie kein Wort. Ich erfuhr erst nach Wochen davon.

Es kam zu einem längeren Telefonat, das von meiner Seite aus nicht allzu freundlich geführt wurde. Die Richterin entschuldigte sich. Immerhin.

Aber es bleibt die grundlegende Problematik, dass man als Betreuer vom Wohlwollen der Auftragverteiler abhängig ist und keinerlei Handhabe hat, eine objektive Auftragsverteilung zu erreichen. In den meisten Gerichtsbezirken ist das auch kein Problem, aber wenn es ein Problem wird, ist man machtlos. Keine befriedigende Situation.

Es ist nicht mein Leben

Vor ein paar Monaten habe ich die Betreuung für Herrn Huber übernommen. Als ich mit dem Herrn von der Betreuungsstelle zum Vorstellungsgespräch bei ihm war, zeigte sich Herr Huber äußerst erfreut, dass er nun endlich Hilfe bekäme. “Ich weiß, ich habe mein Leben gegen die Wand gefahren, und ich komme allein nicht weiter. Ich bin so froh, dass Sie mir helfen werden!”

Ein paar Tage später wurde ich dann zum Betreuer bestellt. Als erstes sorgte ich dafür, dass Herr Huber zur Alkohol-Entgiftung in die Psychiatrie kam. Zwei Wochen später, als die Entlassung anstand, äußerte er sich beim Entlassungsgespräch: “Ich habe eingesehen, dass es so nicht weitergeht. Ich kenne jetzt auch die Gründe, warum ich trinke. Ab jetzt läuft das anders.”

Am nächsten Tag verließ er die Suchtstation. Er ging in die Klinik-Cafeteria, kaufte dort Bier. Als er aus dem Krankenhaus hinausging, war er betrunken.

Ein paar Wochen später, nach weiteren zwei Entgiftungen, kam er in eine Reha-Einrichtung für Alkoholkranke in Oberbayern. Im ersten Telefongespräch nach der Aufnahme dort äußerte er sich begeistert über die Chance, die er dort erhielte. Er sei hochmotiviert.

Ein paar Wochen später, nach vielen intensiven und einsichtsvollen Gesprächen mit der Sozialarbeiterin der Einrichtung, ging Herr Huber zu einem Spaziergang weg. Er kehrte fünf Tage später zurück, aus Dresden, stockbesoffen.

Er war voller Reue, konnte sich seinen Blackout nicht erklären. In der folgenden Zeit arbeitete er noch härter an sich. Ein paar Wochen später verschwand er wieder, tauchte in Stralsund auf, betrunken.

Vor zwei Wochen hatten wir ein Gespräch mit ihm:  der behandelnde Psychiater, die Sozialarbeiterin der Klinik, wo er nach einem Rückfall wieder war, der Leiter der Einrichtung und ich. Herr Huber war voller Zuversicht. Er hätte jetzt erkannt, wieso er sich so verhielte und er wäre jetzt bereit, alles dafür zu tun, dass sein Leben anders würde.

Am nächsten Tag verschwand er. In die Türkei.

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Als Helfer für Herrn Huber könnte man jetzt frustriert sein. Wäre naheliegend, aber wenig hilfreich. Was hilft, ist einzig das ständige Vorsagen des Betreuer-Mantras: “Das ist nicht mein Leben.”

Das Leben des Klienten ist nicht mein Leben. Ich kann nur helfen, wenn ich mich nicht in das kaputte Leben des anderen reinziehen lasse. Klingt hart, ist aber so.

Grenzen erkennen

Meine Kollegin hat heute von einer Betreuungsstelle eine neue Betreuung angetragen bekommen. Ein Mann mit manisch-depressiver Erkrankung, einem Handelsbetrieb und Immobilienbesitz. Meine Kollegin hat zum ersten Mal in ihrem Berufsleben eine Betreuung abgelehnt.

Das darf man tatsächlich! Natürlich will man als beruflicher Betreuer eine möglichst ausgefüllte Auftragslage haben, aber man muss seine Grenzen kennen. Und wenn die Leute in den Betreuungsstellen und Gerichten vernünftig sind (was sie in den allermeisten Fällen auch wirklich sind), dann respektieren sie das.

Selbstverständlich sollte der Raum zwischen den Grenzen so weit sein, dass zumindest ein paar Betreuungen Platz haben. Aber Betreuer sind auch nur Menschen (die meisten jedenfalls) und haben ihre Limits, was Zeit, Nerven, Können und Finanzen angeht.

Der Fall, den meine Kollegin übernehmen hätte sollen, sprengt alle Grenzen des durchschnittlichen beruflichen Betreuers. Jemand mit einer manisch-depressiven Erkrankung schwankt ständig zwischen tiefster Depression und totaler Überdrehtheit. Wenn so jemand ein Geschäft führt, heißt das: Entweder er kümmert sich um nichts, oder er überschreitet alle seine finanziellen und kräftemäßigen Verhältnisse. Im Endeffekt führt das dazu, dass der Betreuer das Geschäft führt, und dazu noch die Immobilien verwaltet, und das alles zum ganz gewöhnlichen zeit- und nervenaufwendigen Ärger, den eine manisch-depressive Erkrankung mit sich bringt.

Letztendlich bleiben dem Betreuer nur zwei Alternativen: Entweder er macht alles selbst. Da der gewöhnliche Betreuer aber kein Fachmensch für Geschäftsführung, Buchhaltung, Handelsrecht usw. ist, riskiert er mit großer Wahrscheinlichkeit einen Schadensfall. Dafür hat man zwar eine Versicherung, aber deren Seriosität will man lieber nicht austesten, vor allem nicht in diesen Größenordnungen.

Oder der Betreuer übergibt alles einem Rechtsanwalt und/oder einem Buchhalter. Dann kann der aber die Betreuung gleich selber machen.

Genau das hat meine Kollegin der Betreuungsstelle auch gesagt. Sie kennt ihre Grenzen.

Dreck

Ein Erlebnis meiner Kollegin vor einiger Zeit: Sie hatte einen Gesprächstermin mit einer Frau, für die sie zur Betreuerin bestellt werden sollte. Mit dabei jemand von der Betreuungsstelle und der neue Leiter des Sozialamtes, dem die Betreuungsstelle untergeordnet ist. Dieser neue Leiter wollte den Alltag seiner Mitarbeiter praktisch kennenlernen.

Die Frau öffnete die Tür. Ihre Wohnung war … nun ja, extrem ungepflegt. Meine Kollegin ging ungerührt hinein. Der neue Leiter des Sozialamtes folgte ihr, drehte schnell wieder um, rannte hinaus und kotzte.

Womit wir bei einem wesentlichen Charakter-Unterschied  zwischen Betreuern und normalen Menschen sind: Betreuer sind dreckresistent.

Das müssen sie auch sein. Wer es nicht ist, macht es nicht lange. Denn viele unserer Klienten (viele, nicht alle!) haben ein sehr spezielles Verhältnis zu Hygiene und Sauberkeit. Das ist meistens krankheitsbedingt, entweder ein Symptom der Krankheit selbst wie bei den meisten Messies, oder eine Folge der Erkrankung. Wer in Depressionen versinkt, dem ist sein Umfeld wurscht. Und wer den ganzen Tag mit seinen Wahnbildern beschäftigt ist, hat einfach keine Energien mehr übrig für Ordnung und Reinlichkeit.  Dass Demenzkranke den Überblick auch über ihre hygienische Situation verlieren, liegt auf der Hand. Und mit permanent drei Promille im Blut kann man sich nur schwer aufs Saubermachen konzentrieren.

Oft ist das Leben im Dreck auch sozial bedingt. Die Eltern haben sich schon nie gewaschen, die Großeltern auch nicht, warum soll man dann in der dritten Generation damit anfangen?

Ein paar Beispiele, wie Menschen leben: (Achtung: Wenn Sie einen empfindlichen Magen haben, lesen Sie jetzt bitte nicht weiter!)

Ein Klient eines Kollegen von mir lebt in einem Wohnblock, dritter Stock, Einzimmerwohnung. Dort schlachtete er Hasen, nahm sie dort auch aus und lagerte sie. Die Nachbarn konnten die Fenster nicht mehr öffnen, weil sonst das Ungeziefer reinkrabbelte und -flog. Mein Kollege betrat die Wohnung nur mit Atemschutz.

Meine allererste Betreuung war für eine ältere Dame, die sich zu Tode trinken wollte, was ihr fast gelang. Als ich die Betreuung übernahm, war sie seit zwei Monaten im Heim. Die Wohnung hatte folglich seit zwei Monaten niemand mehr betreten und gelüftet. Ich war dann der erste. Die Wohnung war so mit Müll bedeckt, dass der Fußboden nicht mehr zu sehen war. In der Küche stand das verbrannte Essen in der Pfanne noch auf dem Herd, in der Kloschüssel lag die Scheiße. Als man die Wohnung nach der Räumung renovierte, musste man die Wände viermal streichen, bis der Geruch weg war.

Eine Klientin, die stark übergewichtig und an Multipler Sklerose erkrankt war, konnte sich nur noch entsprechend schwerfällig fortbewegen. Außerdem litt sie an Stuhl-Inkontinenz, weigerte sich aber, Windeln zu tragen. Meistens trug sie nicht mal Unterwäsche. Die Treppe rutschte sie immer auf dem Hintern hinunter. Die bevorzugten Wege auf der Treppe waren deutlich zu erkennen.

Eine Klientin litt an einem Sauberkeitswahn. Deshalb war sie immer extrem verschmutzt. Paradox. Erklärung: Sie hatte u.a. panische Angst vor Toiletten, auf denen schon jemand gesessen hatte. Deswegen machte sie lieber in die Hose oder ins Bett. Einmal war sie vier Wochen verschwunden. Als sie wieder auftauchte fuhr ich zu einem Gespräch zu ihr. Sie hatte vier Wochen lang in ihre Hose gemacht. Die Hose hatte sie nicht gewechselt. Ich führte das Gespräch im Freien, mit drei Meter Abstand und dem Wind in meinem Rücken. Trotzdem konnte ich nur sehr flach atmen.

Ein Klient meiner Kollegin pinkelt mit Vorliebe auf den Fußabstreifer vor der Wohnung.

Ein demenzkranker  Klient benutzte zum Kaffeekochen als Filter einen gebrauchten Putzlumpen.

Undsoweiter. Nur einige besonders markante Vorkommnisse, aber nichts Außergewöhnliches.

Manchmal wundert es mich immer noch, in welchen Umständen Menschen leben können. Aber meistens nehme ich es nicht mehr zur Kenntnis. Man gewöhnt sich dran. So wie die, die darin leben. Darum leben sie auch so.