Letzte Woche vormittags hatte ich einen Termin, der mir wieder vor Augen führte, wozu der menschliche Geist fähig ist. Ich erlebte wieder mal dramatisch verdichtet die am besten entwickelte menschliche Errungenschaft: Die Fähigkeit, sich das eigene Leben unnötig schwer zu machen.
Der Termin fand bei McDonald’s statt. Ich traf mich dort mit Frau Faust, Frührentnerin mit leichter geistiger Behinderung und Verwahrlosungstendenz. Sie hat einen Ehemann und einen Liebhaber. Wegen letzterem hat sie Liebeskummer, weshalb sie sich bei mir ausweinen wollte, wovon aber ersterer natürlich nichts mitkriegen sollte. Deshalb nicht die eheliche Wohnung, sondern McDonald’s.
Frau Faust schilderte mir ausführlichst und detailreich die letzten Tage mit ihrem Lover. Seine Ex, die im gleichen Block wie Frau Faust wohnt, hat damit gedroht, ihre Wohnung anzuzünden, wenn er nicht zu ihr zurückkehrt. Um Schlimmeres zu verhindern, ist er zur Ex gegangen, was mit Sex mit der Ex endete. Nun ist Frau Faust völlig aufgelöst.
Ihren Lover kennt Frau Faust schon lange, aber erst vor kurzem hat es so richtig gefunkt. Ihr Lover stammt aus den USA, ist ein bekannter Promi, der immer seinen Bodyguard dabei hat, wohnt im selben Sozialwohnungsbau wie Frau Faust und existiert nicht. Es gibt ihn so wenig wie seine Ex und die ganze Geschichte mit der Drohung und dem Sex.
Denn immer wenn es zwischen Frau Faust und ihrem Mann kracht (also ungefähr einmal im Monat, immer wenn z.B. das Thema Geschirrspülen ansteht, weil kein sauberes Geschirr mehr da ist), – also immer wenn es in der real existierenden Beziehung kracht, flüchtet sich Frau Faust in eine Traumbeziehung. Immer mit einem reichen, attraktiven, berühmten Mann. Immer sehr detailreich und immer mit vollster Überzeugung. Es entsteht eine für sie völlig reale Parallelwelt. Dumm nur, wenn jemand den gleichen Namen trägt wie ihr Fantasiefreund und mit diesem Namen im Telefonbuch steht. Dieser arme Mensch muss ein paar Wochen lang einiges ertragen.
Wenn es dann mit dem realen Mann wieder läuft, wird der Traum-Mann entsorgt. Wenn er Glück hat, endet die Beziehung, weil er irgendwo weit weg einen tollen Job bekommt. Wenn er Pech hat, stirbt er im Tsunami. Und Frau Faust ruft dann tränenüberströmt bei mir an, dass gerade eben die Polizei bei ihr war und die Todesnachricht überbracht hat. Für Frau Faust ist das in diesem Moment Realität, ebenso wie die dreitägige Reise nach Berlin zum Grab der verstorbenen gemeinsamen Tochter ein paar Tage zuvor. Eine Reise, die natürlich nie stattgefunden hat, genau so wie es die Tochter aus der fiktiven Beziehung nie gab.
Erschreckend, aber auch immer wieder faszinierend, wozu der menschliche Geist in der Lage ist. Was mich am meisten fasziniert: Welche Mühen ein Mensch auf sich nimmt, nur um sich nicht mit der naheliegenden Realität befassen zu müssen. Im Falle Frau Faust: Der naheliegende Gedanke für sie wäre: Ich bin – wie mein Mann – stinkfaul und egoistisch. Deshalb kriselt es bei uns immer. Dieser Gedanke ist aber zu naheliegend und mit persönlichen Konsequenzen verbunden. Da ist es leichter, mit enormem Aufwand eine Traumwelt aufzubauen und sie nach ein paar Wochen wieder abzubauen.
Die Hälfte der Betreuungen wäre überflüssig, wenn Menschen geradeaus denken würden, auch wenn es weh tut.
Bloß gut, dass wir – ich und Sie, werter Leser – da ganz anders sind …