Eine Entwicklung lässt sich die letzten Jahre beobachten: Wenn man etwas beantragen will, dann wird das immer komplizierter und aufwändiger. Die Antragsformulare legen an Umfang zu, und man benötigt immer noch mehr Nachweise.
Ein Beispiel, die Mobilitätshilfe für Behinderte, habe ich früher schon mal beschrieben. Ein weiteres Beispiel von vielen ist die Zuzahlungsbefreiung in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Früher gab’s da eine Einkommensgrenze. Wenn man da drunter lag, musste man keine Zuzahlungen für Medikamente, Krankenhausbehandlung usw. zahlen. Man reichte bei der Krankenkasse einen einseitigen Antrag und einen Einkommensnachweis ein und wurde dann für mehrere Jahre befreit.
Heute muss man grundsätzlich 2 % seines Einkommens zuzahlen. (Womit schon mal Sozialhilfe-Empfänger wieder die Blöden sind. Die steigerten sich von 0 % auf 2 %. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.) Man muss erst mal die Quittungen für die ganzen Zuzahlungen sammeln, grob kalkulieren, wann man damit 2 % seines Einkommens erreicht hat, dann die Antragsunterlagen bei der Krankenkasse anfordern und dann ausfüllen: Einen zweiseitigen Antrag mit den persönlichen Daten und den Einkommensverhältnissen, eine Zinsbescheinigung, die von der Bank zu bestätigen ist und – wenn man nur 1 % zuzahlen will, weil man diese Ermäßigung für chronisch Kranke in Anspruch nehmen will – ein entsprechendes Attest vom Arzt. Dazu in diesem Fall noch eine Kopie des Schwerbehindertenausweises bzw. des Bescheids der Pflegeversicherung. Das alles reicht man zusammen mit den gesammelten Zuzahlungsbelegen bei der Krankenkasse ein und wird dann für den Rest des Jahres befreit.
Fürs nächste Jahr beginnt dann die ganze Prozedur wieder von vorn.
Nun könnte man das Ganze als normalen Auswuchs von Bürokraten abtun, die halt irgendwie ihre Daseinsberechtigung nachweisen müssen. – Wenn es denn nur das wäre. Aber (nicht nur) ich habe den Verdacht, dass da mehr dahintersteckt.
Denn je umfangreicher und schwieriger eine Antragstellung wird, umso weniger Menschen nehmen sie auf sich. Uns beruflichen Betreuer ist das wurscht. Wir sind verpflichtet, diese Anträge auszuführen, auch wenn sie noch so bescheuert gestaltet sind. Bei uns wächst halt das Gemotze proportional zum Umfang des Antrags.
Aber die 80jährige Witwe mit kleiner Rente, bei der immer der verstorbene Mann den Behördenkram gemacht hat, und die noch zu fit ist um einen Betreuer zu bekommen, die sagt sich: “Ach, da verzichte ich doch lieber auf die paar Euro.”
Und da es sehr viele solcher Menschen gibt, spart der Staat mit jeder zusätzlichen Seite bei einem Antrag ein paar Millionen mehr ein. Auf Kosten der Schwachen, die keine Hilfe haben.
Sehr sozial. Ich bin für die Einführung eines neuen Paragraphen im Strafgesetzbuch: “Wer Anträge für Sozialleistungen aller Art mehr als notwendig verkompliziert, muss alle diese Anträge selbst ausfüllen. Während der Dauer dieses Vorgangs wird der Täter bei Wasser und Brot in Einzelhaft gehalten.”