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Jung und Alt

Ein gängiges Klischee über Betreuung lautet: Es sind davon nur alte Menschen betroffen.

Wie bei vielen Klischees steckt auch in diesem ein Funken Wahrheit. Die größte Gruppe an Menschen mit Betreuung sind die Demenzkranken. Und die sind meistens alt. Da der größte Teil dieser Gruppe von Angehörigen betreut wird, kennen die meisten Leute auch nur Demenzkranke als Betreute. Wodurch der Eindruck entsteht, es gäbe nur diese Gruppe.

Tatsächlich jedoch ist dies nur ein Teil der Betreuungswirklichkeit. Zwar der größte, aber nicht die Mehrzahl. Zum “Betreuungsfall” kann jeder volljährige Mensch werden. Ich komme da drauf, weil mein neuester und jüngster Klient heute 18 wird und – falls in den nächsten Tagen der Beschluss zur Betreuerbestellung kommt – ich dann für ihn tätig werden kann.

Dieser Klient ist geistig behindert, womit er zur größten Gruppe der jungen Betreuten gehört. Da bei mir in der Nähe eine große Behinderteneinrichtung steht habe ich viele Klienten aus diesem Kreis. Das schöne daran ist, dass man diese Leute über einen langen Zeitraum begleiten kann und nicht nur die letzte Lebensphase abwickeln muss. Mit dreien meiner dienstältesten Klienten habe ich neulich das zehnjährige Jubiläum gefeiert mit einer Einladung zum Eisessen. Ein schöner, entspannter Termin in freundschaftlicher Atmosphäre. Tat richtig gut.

Die zweite, zum Glück nicht so große Gruppe an jungen Klienten sind die alkohol- und drogenabhängigen Menschen. Die sind dafür die härteren Fälle. Zuerst natürlich für die Betroffenen selbst, aber auch für den Betreuer. Wenn eine 20jährige Klientin an einer Überdosis Heroin stirbt, beschäftigt einen das schon länger. Oder der 18jährige, der nach 40 Stunden Internetsurfen am Stück unter Cannabiseinfluss plötzlich hört wie ihm über das Internet Befehle zur Übernahme der Weltherrschaft erteilt werden. Ein braver, netter Junge mit braven, netten, gutbürgerlichen Eltern, bei denen plötzlich das Leben aus dem Ruder läuft. Zum Glück blieb es hier bei dieser einen Episode und der Junge hat sich wieder gefangen.

Ich sage es immer wieder: Betreuung umfasst das ganze Leben. Das gilt auch für die Altersspanne (naja, mal ausgenommen die 0 – 17jährigen).

Jenny – ein Nachruf

Dies ist ein Nachruf auf Jenny. Ihr Leben und ihr Sterben geht mir immer noch nach, obwohl es seit drei Jahren vorbei ist.

Ich habe die Betreuung für Jenny übernommen als sie knapp neunzehn war. Hinter ihr lagen zu dem Zeitpunkt die Erfahrung von sexuellem Missbrauch, der Tod ihres Vaters an AIDS und eine jahrelange Drogenkarriere.

Jenny war nie unfreundlich. Sie war auch nie freundlich. Sie war … wie soll ich es beschreiben? – Sie war einfach nicht da. Das einzige, was man von ihr zu spüren bekam war eine massive Abwehrmauer um sie herum. Sie zeigte keine Gefühle, verriet keine Gedanken, zeigte keine Zustimmung und keine Ablehnung.

Man konnte ihre Wünsche nur aus ihren Handlungen erahnen. Wenn sie eine Verabredung nicht einhielt. Wenn sie nicht mehr zum Schulunterricht kam. Wenn sie für einige Tage verschwand.

Aber auch dann wusste man nie, waren das jetzt die Drogen, die sie dazu trieben, oder war sie selbst es.

Immerhin, anlässlich eines Aufenthaltes in der Psychiatrie erklärte sie sich bereit, eine Reha-Maßnahme anzutreten. So etwas hatte sie schon einmal abgebrochen, aber diesmal zog sie es durch. Weg von Zuhause, weg vom vertrauten Drogenmilieu, hin in eine Einrichtung mit strengen Regeln und absolutem Suchtmittel-Verbot.

Ein halbes Jahr hielt sie durch, ohne Drogen, mit festen Regeln. Es muss ein starker Wille in ihr gewesen sein, darin waren wir uns alle, die sie unterstützten, einig. Aber die Mauer um sie herum bröckelte nicht. Der Mensch wurde nicht sichtbar.

Dann, nach sechs Monaten, der Rückfall. Sie haute ab, nahm wieder Drogen, musste wieder in die Psychiatrie.

Entgegen ihren Regeln nahm die Reha-Einrichtung sie wieder auf. Alle waren überzeugt, dass Jenny es schafft und diese Chance verdient hat.

Ein weiteres halbes Jahr später (ohne Drogen verbracht), wurde sie als so stabil eingeschätzt, dass sie in eine offene Wohngemeinschaft umziehen konnte. Dort sollte sie wieder ein selbstbestimmtes Leben lernen.

In der WG hatte sie zunächst eine Woche lang keinen Ausgang, um sich dort erst einmal einzufinden. Nach dieser Woche durfte sie allein zu einem Arzt in der Nähe. Unterwegs besorgte sie sich Heroin, ging in eine öffentliche Toilette, spritzte sich eine Überdosis und starb.

Jenny wurde 20 Jahre alt.

Und bis heute frage ich mich: Warum?

Warum dieser Tod? Warum dieses Leben?