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Immer mal was Neues

Das schöne am Beruf des Betreuers ist, dass man auch nach vielen Jahren immer noch Neues erlebt und Dinge zum ersten Mal macht.

Ich habe jetzt zum ersten Mal nach 13 Jahren in diesem Job mit einem Wiederaufnahmeverfahren zu tun. Dieses Verfahren gibt es, wenn jemand zu einer Strafe verurteilt wird und irgendwann, nach Rechtskraft des Urteils, Umstände bekannt werden, die die Strafe verändern könnten.

Es geht bei mir um einen Klienten, dessen Betreuung ich neu übernommen habe. Er ist geistig behindert und notorischer Schwarzfahrer. Deshalb wurde er letztes Jahr zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Strafe hat er auch abgesessen, um gleich nach der Entlassung fröhlich weiter ohne Ticket mit dem Zug zu fahren. Kurz vor der Betreuungsübernahme erhielt er deshalb 10 Monate Gefängnis.

Gegen dieses Urteil legte der Klient Berufung ein. Ich begründete dann, als ich Betreuer für ihn wurde, die Berufung mit der fehlenden Straffähigkeit des Klienten, unter Verweis auf das Betreuungsgutachten, wo ein entsprechender Satz stand. Außerdem, so schrieb ich, “merkt man nach fünf Minuten Gespräch mit Herrn X., dass er offensichtlich keine Ahnung hat, was er tut.”

Der zuständige Richter am Landgericht, der Berufungsinstanz, ließ sich das Betreuungsgutachten kommen und stellte daraufhin ohne jede weitere Untersuchung oder Verhandlung das Verfahren ein. Die größtmögliche Ohrfeige für den Richter am Amtsgericht, der den Prozess geführt hatte.

Wenn mein Klient also gerichtlich festgestellt 2011 nicht straffähig war, dann war er das 2010 auch nicht, weil er da genauso geistig behindert war wie heute. Also habe ich einen Anwalt beauftragt, damit der das Verfahren von damals wieder in Gang bringt, mit dem Ziel eines Freispruchs und einer Haftentschädigung.

Das Ganze ist, wie gesagt, Neuland für mich. Ich bin gespannt, wie es läuft und vor allem: wie lang es läuft.

Schicksale

Was mich immer wieder berührt, sind die Lebensgeschichten der Menschen, für die ich da bin. Was sie durchgemacht haben, wie sie leben, wie sie überleben – wenn man es nicht selbst miterlebt, kann man es sich nicht vorstellen.

Zum Beispiel einer meiner liebsten Klienten: Herr Bergmann, ein Mann im mittleren Alter mit dem ausgeprägtesten Messie-Syndrom, das ich je gesehen habe. Ein “Messie” ist jemand, der alles sammeln muss und nichts wegwerfen kann. Das führt zwangsläufig zu Wohnungen, die Nicht-Messies als “vermüllt” bezeichnen. Bei “meinem” Messie geht das so weit, dass seine Ein-Zimmer-Wohnung in einer Notunterkunft komplett voll ist und er an guten Tagen auf einer Matratze schläft, die auf seinen Habseligkeiten drauf liegt. An schlechten Tagen schläft er im Freien oder in der Gemeinschaftsdusche. Das Umfeld um seine Wohnung herum ist ebenfalls vollgestellt, genauso wie die drei Gemeinschaftsklos. Einmal im Jahr lässt die Stadt das Umfeld und die Klos räumen. Als wir beim letzten Mal auf die Arbeiter des Bauhofs warteten, verbrachte Herr Bergmann die Wartezeit damit, in den Mülltonnen der anderen Bewohner zu kramen und den Inhalt in seine Wohnung zu bringen. Als ich vorgestern mit ihm zum Arzt fuhr, nahm er sieben Plastiktüten mit seinem Besitz mit. Das macht er immer, wenn er irgendwo hin geht, z.B. in die Arbeit. Das Zeug könnte ja sonst gestohlen werden, sagt er.

Am meisten gehen mir die Schicksale der Frauen (und Männer) nahe, die missbraucht wurden. Dass es so viele sind, hätte ich mir nie vorstellen können. Fast alle meine Klientinnen, die drogen- oder alkoholabhängig sind, sind durch sexuellen Missbrauch da hingekommen. Von den psychischen Folgen ganz zu schweigen.

Und dann habe ich einen Klienten, der im Knast saß, weil er seine beiden Töchter über Jahre hinweg missbraucht hat … Da braucht man viel Professionalität, um auch diesem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Ein anderes Schicksal: Ein Manager in einem Konzern, Weiterlesen