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Ich mag sie

Die meisten meiner Klienten sind schwierige Menschen. Ist auch logisch, denn wenn sie einfach (im Sinne von gut funktionierend und problemfrei) wären, hätten sie keinen beruflichen Betreuer. Aber “schwierig” heißt nicht zwangsläufig nicht liebenswert. Manche – nein: viele meiner Klienten mag ich richtig gern.

Zum Beispiel Frau Burger. Die fällt mir gerade ein, weil ich eine Urlaubs-Ansichtskarte von ihr bekommen habe. Frau Burger ist eine Frau kurz vor dem Rentenalter mit einer geistigen Behinderung. Sie schreibt ihre jährlichen Ansichtskarten so wie sie redet: Dicht gepackt die Worte, ohne Abstände, jeder Platz genutzt, alle Buchstaben exakt gleich hoch und gleich breit, ohne Hervorhebungen und Übergänge. Der Inhalt der geschriebenen wie der gesprochenen Worte kommt ebenso daher.

Frau Burger hat, bedingt durch ihre Behinderung und die Erziehung als “armes behindertes Kind” ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl. Das führt dazu, dass sie dreimal täglich wegen irgendetwas zutiefst beleidigt ist. Sie verträgt keine Kritik und keine Zurückweisung. Wobei es für sie auch eine Zurückweisung ist, wenn der Betreuer umzieht und sie dann einen 300 m weiteren Weg zu ihm hat.

Außerdem fehlt es ihr fast ganz an sozialer Kompetenz. Sie merkt nicht, wenn ihr keiner mehr zuhört. Sie weiß nicht, wann sie sich zurücknehmen muss und wann sie sich hervortun sollte. Sie hat keinerlei Gespür für die Gefühle anderer oder für notwendige Privatsphäre. Auch eine Folge des Erziehungsstils “Ach, dem armen behinderten Kind darf man doch keine Grenzen setzen, wo es ihm doch eh schon so schlecht geht”.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich mag sie. Ich bin jetzt seit 14 Jahren ihr Betreuer. Sie ist eine von zwei Klienten, die meine Wohnung betreten dürfen. Einmal im Jahr kommt sie zum Kaffee zu mir. Darauf besteht sie. Zu Weihnachten und zu Ostern bekomme ich von ihr kleine Geschenke. Geschenke, die so von Kitsch triefen, dass sie in meiner Familie mittlerweile Kultstatus haben. Ich liebe diese Geschenke und freue mich jedesmal darauf.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich sehe hinter ihrem ständigen Beleidigtsein den missachteten, verletzten Menschen, der einfach nur ernst genommen und geachtet werden will. Und diesen Menschen mag ich.

Und deshalb mag ich die meisten meiner Klienten.

Leben und leben lassen

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Zwei Wochen Sonne, Wärme, stressfreie Zeit.  Am Tag der Rückkehr hat mich der volle Blues gepackt. Nicht so sehr wegen dem Wetter. Auch nicht wegen dem wieder einsetzenden Stress. Der Blues kam, weil ich mich jetzt wieder in einem Land befinde, das von geistiger und seelischer Enge beherrscht wird. Ein Land, in dem der politische Arm der Mafia (im Volksmund “CSU” genannt) alles dominiert – nicht nur das politische und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Köpfe der Menschen. Ein Land, in dem dieses nur möglich ist, weil die meisten Menschen eine panische Angst vor selbständigem Denken haben und deshalb froh sind, wenn sie das delegieren können. Ein Land, in dem folgerichtig selbständiges Denken als persönlicher Angriff empfunden wird. Ein Land, in dem das vorgeblich urbayerische Motto “Leben und leben lassen” so verstanden wird: Ein paar Menschen leben ihr Leben, und der Rest lässt sich von diesen Menschen leben. Ein Land, das krank macht.

Denn das alles führt dazu, dass sich die wenigsten trauen, sich selbst zu sein. Und das deshalb auch anderen nicht zugestehen. Entscheidend ist immer, was die Nachbarn denken, der Chef, die Eltern, die Kinder, die Partei. Und die Nachbarn leben wiederum so wie es ihre Nachbarn von ihnen erwarten. Und diese wiederum … Und am Ende lebt keiner so wie es für ihn gut wäre.

Ich erlebe es immer wieder bei meinem Klienten. Die haben ein Problem – eine psychische Erkrankung, eine geistige Behinderung, Demenz. Dieses Problem ist aber oft gar nicht das Problem. Das Problem ist oft, dass sie dieses Problem nicht haben dürfen. Und dadurch erst so richtig krank werden.

Ein paar Beispiele:

Herr Mayer hat eine Psychose. Er wird jede Nacht von Dämonen heimgesucht, gegen die er sich mit lautem Schreien wehrt. Er wohnt in einem Wohnblock. Die Nachbarn setzen ihn unter Druck, weshalb seine Mutter ihn ganz extrem unter Druck setzt. “Was sollen denn die Nachbarn denken!” Die Psychose wird immer schlimmer. Herr Mayer ist kaum noch ansprechbar. Er verliert die Wohnung und bekommt eine Wohnung in einem Haus, in dem nur psychisch Kranke wohnen. Dort stört es keinen, wenn er in der Nacht schreit. Das war vor acht Jahren. Heute wird Herr Mayer immer noch von Dämonen angegriffen, aber ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Und man kann sich wieder ganz normal mit ihm unterhalten.

Herr Müller erlitt bei der Geburt einen Gehirnschaden, was zu einer geistigen Behinderung führte. Was seine Mutter nicht akzeptierte. Sie setzte ihren Sohn immer massiv unter Druck. Er könne alles erreichen, wenn er nur genügend lernte. Dass er nicht mal lesen und schreiben lernen konnte, lag an seiner Faulheit und weil er seine Mutter nicht liebte – sagte seine Mutter. Seit 15 Jahren ist Herr Müller in einem Heim, seine Mutter lebt jetzt im Ausland. Herr Müller ist immer noch, nach 15 Jahren, voller Anspannung – körperlich und seelisch. Er traut sich nichts zu, hat Angst vor Beziehungen, hält sich für einen schlechten Menschen.

Frau Schmidt hat Demenz. Ihr Mann kann das nicht akzeptieren. Er schimpft sie, wenn sie was vergisst. Er wirft ihr vor, dass sie ihn bloß ärgern will. Frau Schmidt, eine ruhige Person, wird immer aggressiver. Sie bekommt immer heftigere Beruhigungsmittel verabreicht.

Herr Mayer, Herr Müller, Frau Schmidt: Wenn man sie krank oder behindert sein ließe, wären sie nicht mehr so krank oder behindert. So ist das bei jedem Menschen: Man hat nur eine Chance, gesund (glücklich, im Reinen) zu sein, wenn man so sein darf, wie man ist. Auch wenn man krank ist – oder störend für die anderen, oder ein Kotzbrocken, oder nicht CSU wählt. Was Menschen am meisten krank macht, sind nicht Krankheiten, sondern die Versuche, sie gesund zu machen oder zu erhalten. Die Psychiatrien wären fast leer, wenn alle Menschen ihr eigenes Leben leben dürften.

Fehlende Betreubarkeit

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Menschen keine Betreuung bekommen:

  • Sie brauchen Hilfe, sind aber nicht behindert.
  • Sie sind behindert, brauchen aber keine Hilfe.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten diese aber auf anderem Weg.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, wollen die aber aus einer freien Willensentscheidung heraus nicht.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten die nur über eine Betreuung, aber man kann ihnen nicht helfen.

Das letztere nennt sich dann “fehlende Betreubarkeit”. Mit diesem Fall habe ich es gerade zu tun.

Ein junger Mann mit einer leichten geistigen Behinderung und ADHS. Das führt dazu, dass er sich sehr schwer tut, irgendetwas zu planen oder sich auf etwas zu konzentrieren. Er hebt z.B. Geld ab, um sich eine Monatsfahrkarte für die Arbeit zu kaufen. Auf dem Weg von der Bank zum Bahnhof kommt er an irgendeinem Geschäft vorbei, das irgendeinen Konsumwunsch in ihm weckt. Kurz danach ist er am Bahnhof und tief betrübt, dass das Geld für die Fahrkarte nicht mehr da ist.

Oder er hat eine Freundin, entdeckt ein anderes Mädchen, das auch sehr nett ist und ist dann mit ihr zusammen – solange, bis er die vorige Freundin wieder trifft.

Um eine lange Geschichte abzukürzen: Das alles führte dazu, dass er jetzt mal hier, mal dort wohnt, jeden Kontakt mit mir verweigert und für keinerlei Hilfe mehr erreichbar ist. Er müsste Arbeitslosengeld beantragen, verschiedene Rechnungen bezahlen, sich um eine Wohnung kümmern. Noch kann ich ihm helfen ohne dass wir Kontakt haben, z.B. mit der Regelung der Krankenversicherung oder Bezahlung von Rechungen, von denen ich erfahre. Aber bald  werde ich nichts mehr für ihn tun können. Die Betreuung wird aufgehoben werden, eben wegen “fehlender Betreubarkeit”. Irgendwann wird der junge Mann irgendwo hart aufschlagen. Dann kann man ihm wieder helfen. Vorher nicht.

Immer mal was Neues

Das schöne am Beruf des Betreuers ist, dass man auch nach vielen Jahren immer noch Neues erlebt und Dinge zum ersten Mal macht.

Ich habe jetzt zum ersten Mal nach 13 Jahren in diesem Job mit einem Wiederaufnahmeverfahren zu tun. Dieses Verfahren gibt es, wenn jemand zu einer Strafe verurteilt wird und irgendwann, nach Rechtskraft des Urteils, Umstände bekannt werden, die die Strafe verändern könnten.

Es geht bei mir um einen Klienten, dessen Betreuung ich neu übernommen habe. Er ist geistig behindert und notorischer Schwarzfahrer. Deshalb wurde er letztes Jahr zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Strafe hat er auch abgesessen, um gleich nach der Entlassung fröhlich weiter ohne Ticket mit dem Zug zu fahren. Kurz vor der Betreuungsübernahme erhielt er deshalb 10 Monate Gefängnis.

Gegen dieses Urteil legte der Klient Berufung ein. Ich begründete dann, als ich Betreuer für ihn wurde, die Berufung mit der fehlenden Straffähigkeit des Klienten, unter Verweis auf das Betreuungsgutachten, wo ein entsprechender Satz stand. Außerdem, so schrieb ich, “merkt man nach fünf Minuten Gespräch mit Herrn X., dass er offensichtlich keine Ahnung hat, was er tut.”

Der zuständige Richter am Landgericht, der Berufungsinstanz, ließ sich das Betreuungsgutachten kommen und stellte daraufhin ohne jede weitere Untersuchung oder Verhandlung das Verfahren ein. Die größtmögliche Ohrfeige für den Richter am Amtsgericht, der den Prozess geführt hatte.

Wenn mein Klient also gerichtlich festgestellt 2011 nicht straffähig war, dann war er das 2010 auch nicht, weil er da genauso geistig behindert war wie heute. Also habe ich einen Anwalt beauftragt, damit der das Verfahren von damals wieder in Gang bringt, mit dem Ziel eines Freispruchs und einer Haftentschädigung.

Das Ganze ist, wie gesagt, Neuland für mich. Ich bin gespannt, wie es läuft und vor allem: wie lang es läuft.

Unter Spannung

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis, in welchem Spannungsfeld sich ein Betreuer gelegentlich bewegt:

Frau Groß ist Anfang fünfzig, geistig schwer behindert und mit einer Psychose geplagt. Sie lebte jahrelang in einer Behinderteneinrichtung und besuchte dort die Förderstätte. Irgendwann ging es mit ihr immer mehr bergab. Ihre Belastungsfähigkeit sank, sie hielt es kaum noch unter Menschen aus. Auf Überlastung durch zu viel Nähe oder Zuwendung reagiert sie mit Schreien und wildem, ziellosen Umsichschlagen. In der Förderstätte musste sie immer mehr Zeit allein im Ruheraum verbringen. Eine Förderung war nicht mehr möglich, der Sozialhilfeträger würde deshalb in absehbarer Zeit die Zahlung einstellen.

Der behandelnde Psychiater diagnostiziert eine beginnende Demenz und empfiehlt den Wechsel in ein Pflegeheim.

Ich suche ein passendes Heim. Es soll folgende Voraussetzungen haben:

* Es muss mit der Mehrfachbehinderung umgehen können. * Es muss ein Einzelzimmer anbieten. * Die Bezahlung muss auf der Basis der Pflegeversicherung erfolgen, nicht auf Eingliederungshilfe. * Das Heim muss in erreichbarer Entfernung für die Angehörigen sein. Diese wohnen alle im gleichen Eck und sind die emotionalen Stützen für Frau Groß.

In dem Bereich, den die Angehörigen als “erreichbare Entfernung” betrachten (= maximal 40 km), gibt es nur zwei Heime, die alle Voraussetzungen ohne Einschränkungen erfüllen. Eins hat aber nur ein einziges Einzelzimmer, das auf unabsehbare Zeit belegt ist. Das andere Heim hat eine Warteliste von mehreren Jahren.

Ich finde schließlich ein “normales” Seniorenheim, das nach eingehenden Vorgesprächen und persönlicher Vorstellung von Frau Groß zusagt, mit ihren Behinderungen umgehen zu können und sie aufzunehmen.

Frau Groß kommt in dieses Heim. Der Umzug macht sie extrem nervös. Sie ist sichtlich gereizt. Als nach zwei Stunden im neuen Heim das erste Mal die Einlage gewechselt werden muss, schlägt sie wild um sich und bricht dabei der Pflegekraft die Nase.

Die Heim- und die Pflegedienstleitung sind außer sich. Sie drängen darauf, dass ich sofort ein anderes Heim suche. Ich melde Frau Groß in zwei Pflegeheimen an, die zwar auch nur “normale” Heime sind, aber von denen ich aus Erfahrung weiß, dass die etwas härter im Nehmen und etwas großzügiger im Geben sind. Leider haben beide Heime nur wenige Einzelzimmer, so dass es Monate dauert, bis dort ein Platz frei wird.

Von der Heimleitung bekomme ich seither regelmäßig wütende Mails, wann ich sie denn endlich von Frau Groß erlöse. Die Angehörigen rufen mich regelmäßig an und jammern, wie ihre Schwester/Cousine/Nichte in diesem Heim vernachlässigt wird und verkommt. Die Pflegekräfte auf der Station sagen bei meinen Besuchen jedesmal, dass es mit Frau Groß zwar schwierig sei, sie aber damit zurechtkämen und von ihnen aus sie gerne hier bleiben könnte. Frau Groß ist sichtlich unglücklich und überfordert, aber das war sie vorher in der Behinderteneinrichtung auch schon immer mehr.

Ich kann nur warten bis ein Platz frei wird. Ich werde nicht den Forderungen der Angehörigen nachkommen und Frau Groß in das nächstbeste Heim mit einem freien Platz stecken, nur damit Ruhe ist. Die Ruhe wäre dann nur kurz und trügerisch, und jeder Ortswechsel bedeutet für Frau Groß eine zusätzliche Belastung. Zum Wohl von Frau Groß werde ich abwarten und mich abwechselnd bedrohen und beschimpfen lassen. So ist das als Betreuer nun mal.

Da stockt der Atem

Letzte Woche war ich auf der Geburtstagsparty eines Klienten. Der wohnt in einer Wohngruppe für geistig Behinderte und feierte seinen 30. Geburtstag. Außer mir und den ErzieherInnen waren noch ein paar Freunde aus anderen Wohngruppen eingeladen.

Es wurde ausgiebig getratscht. Das ist bei Behinderten nicht anders als beim Rest der Menschheit. Wer mit wem und wer nicht mehr mit wem: Das war das beherrschende Thema. Die Sprache kam auf eine Bewohnerin, die kürzlich von ihrem Freund verlassen wurde und daraufhin Suizidgedanken äußerte. Der Beginn dieser Gedanken lautete: “Ach, hätte ich doch bei den Nazis gelebt, da wäre ich wenigstens vergast worden!”

Da stockte nicht nur mir der Atem.

Jung und Alt

Ein gängiges Klischee über Betreuung lautet: Es sind davon nur alte Menschen betroffen.

Wie bei vielen Klischees steckt auch in diesem ein Funken Wahrheit. Die größte Gruppe an Menschen mit Betreuung sind die Demenzkranken. Und die sind meistens alt. Da der größte Teil dieser Gruppe von Angehörigen betreut wird, kennen die meisten Leute auch nur Demenzkranke als Betreute. Wodurch der Eindruck entsteht, es gäbe nur diese Gruppe.

Tatsächlich jedoch ist dies nur ein Teil der Betreuungswirklichkeit. Zwar der größte, aber nicht die Mehrzahl. Zum “Betreuungsfall” kann jeder volljährige Mensch werden. Ich komme da drauf, weil mein neuester und jüngster Klient heute 18 wird und – falls in den nächsten Tagen der Beschluss zur Betreuerbestellung kommt – ich dann für ihn tätig werden kann.

Dieser Klient ist geistig behindert, womit er zur größten Gruppe der jungen Betreuten gehört. Da bei mir in der Nähe eine große Behinderteneinrichtung steht habe ich viele Klienten aus diesem Kreis. Das schöne daran ist, dass man diese Leute über einen langen Zeitraum begleiten kann und nicht nur die letzte Lebensphase abwickeln muss. Mit dreien meiner dienstältesten Klienten habe ich neulich das zehnjährige Jubiläum gefeiert mit einer Einladung zum Eisessen. Ein schöner, entspannter Termin in freundschaftlicher Atmosphäre. Tat richtig gut.

Die zweite, zum Glück nicht so große Gruppe an jungen Klienten sind die alkohol- und drogenabhängigen Menschen. Die sind dafür die härteren Fälle. Zuerst natürlich für die Betroffenen selbst, aber auch für den Betreuer. Wenn eine 20jährige Klientin an einer Überdosis Heroin stirbt, beschäftigt einen das schon länger. Oder der 18jährige, der nach 40 Stunden Internetsurfen am Stück unter Cannabiseinfluss plötzlich hört wie ihm über das Internet Befehle zur Übernahme der Weltherrschaft erteilt werden. Ein braver, netter Junge mit braven, netten, gutbürgerlichen Eltern, bei denen plötzlich das Leben aus dem Ruder läuft. Zum Glück blieb es hier bei dieser einen Episode und der Junge hat sich wieder gefangen.

Ich sage es immer wieder: Betreuung umfasst das ganze Leben. Das gilt auch für die Altersspanne (naja, mal ausgenommen die 0 – 17jährigen).

Guter Betreuer – böser Betreuer

Seit 18 Jahren führe ich Betreuungen, seit knapp 12 Jahren mache ich das beruflich. In dieser Zeit hat sich so ziemlich alles verändert, was das Ansehen und die Bekanntheit der Tätigkeit “gesetzliche Betreuung” angeht.

Es ist ja schon charakteristisch, wie bei mir alles begann. Irgendwann 1991 erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem Landratsamt. Ich verstand sie akustisch sehr schlecht, hörte nur was von “Nachbarin” “um sie kümmern” “braucht Hilfe” und etwas, das wie eine Frage klang. Höflich wie ich bin, sagte ich “Ja”. So wurde ich Betreuer.

Damals hieß das noch nicht einmal Betreuung, sondern noch “Pflegschaft”. Was nichts daran änderte, dass ich absolut keine Ahnung davon hatte. Ich ging zum Amtsgericht, erhielt dort von einem freundlichen Herrn eine bedruckte DIN-A-4-Seite, die ich unterschrieb. Auf seinem Schreibtisch lag, mit der Kopfseite zu mir, ein Schriftstück, das den Titel trug “Belehrung und Hinweise für Pfleger”. Dieses Schriftstück erhielt ich nicht, auch keine mündliche Belehrung, was ich nun tun durfte und musste.

Ich lernte es anschließend durch Versuch und Irrtum.

Als ich 1998 dann Betreuer von Berufs wegen wurde, musste ich jedem erst mal erklären, was ich da überhaupt mache. Die Tätigkeit an sich war weitgehend unbekannt, und die Berufsbezeichnung “Betreuer” trägt auch nicht gerade zur exakten Beschreibung des Aufgabenfeldes bei.

Heute ist das alles doch anders. Wenn ich heute sage, dass ich gesetzlicher Betreuer bin, kommt als Antwort nur noch selten “Hä?”, sondern meistens “Ach ja, meine Tante/Schwiegermutter/Cousine meiner Nachbarin hat auch einen Betreuer”, verbunden mit mehr oder weniger zutreffenden Beschreibungen, was dieser Betreuer macht.

Auch das Image unserer Tätigkeit hat sich gewandelt. So vor etwa zehn Jahren hatten die Journalisten die Betreuer entdeckt, nach nur acht Jahren des Bestehens dieses Berufes. Dies ist eine fantastische Leistung für Journalisten, wenn man bedenkt, dass Journalismus in erster Linie kein Beruf, sondern eine geistige Behinderung ist. Entsprechend ihrer Behinderung brachten die Journalisten jahrelang ausschließlich Berichte über unfähige und kriminelle Betreuer. (Seltsam, dass ich noch nie einen Bericht über unfähige und kriminelle Journalisten gesehen habe.)

Trotz der ausdauernden Schmutzkampagne hat sich aber anscheinend doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Betreuung an sich und in dieser Form eine sinnvolle und hilfreiche Einrichtung ist und dass 99,999 % aller Betreuer zumindest keinen Schaden anrichten. Ich bekam jedenfalls noch nie Vorbehalte zu spüren, nur weil ich für jemanden als Betreuer tätig wurde. Die Vorbehalte waren immer an die Umstände geknüpft, z.B. dass Angehörige Angst hatten, dass ich gewohnte Geldflüsse versiegen lasse.

Und die Hetzattacken der (gehirn)freien Presse haben mittlerweile auch fast gänzlich aufgehört.

Manchmal siegt eben doch das Gute. Auch wenn es fast zwanzig Jahre dauert.

Das Kreuz mit der Einwilligungsfähigkeit

Ein alltäglicher Vorgang im Alltag eines Betreuers:

Das Telefon klingelt. Der Betreuer meldet sich.

Anrufer: Hier ist Dr. Soundso. Herr XY ist gerade in unser Krankenhaus eingeliefert worden. Der ist doch Ihr Betreuter?

Betreuer: Ja.

Arzt: Herr XY muss operiert werden. Können Sie gleich mal vorbeikommen und den Aufklärungsbogen und die Einwilligung in die Behandlung unterschreiben?

Betreuer: Ist Herr XY momentan nicht einwilligungsfähig?

Arzt: Doch. Schon.

Betreuer: Ja dann. Was soll ich dann?

Arzt: Ja, wozu sind Sie denn Betreuer?

***

Also: Wozu bin ich Betreuer? Ganz sicher nicht (denn dies ist mir vom Gesetz so aufgetragen), um meinen Klienten Dinge abzunehmen, die sie selber erledigen können. Und wenn jemand selber in eine ärztliche Maßnahme einwilligen kann, warum soll das dann jemand anderer für ihn tun?

Ich bin in diesem Fall Betreuer, um die Rechte des Betroffenen gegenüber den Ärzten zu vertreten. Zum Beispiel das Recht, selbst entscheiden zu können, was mit dem eigenen Körper geschieht.

Wann ist aber jemand einwilligungsfähig? – Da gibt es klare Kriterien. Wenn jemand

- versteht, woran er erkrankt ist,

- versteht, welche Behandlung der Arzt für ihn vorschlägt,

- die Konsequenzen begreift, falls er sich nicht behandeln lässt,

- die möglichen Risiken und Chancen der Behandlung begreift

- und das alles gegeneinander abwägen kann,

dann ist er (oder sie) einwilligungsfähig.

Kleines Beispiel aus der Praxis: Bei Bernd, einem jungen Mann in einer Einrichtung für geistig Behinderte, wird ein Gehirntumor diagnostiziert. Er soll am Gehirn operiert werden. Ich spreche mit ihm.

Betreuer: Weißt du, was dir fehlt? (Wir sind aus persönlichen Gründen per du.)

Bernd: Ja. Ich hab was im Gehirn.

Betreuer: Weißt du, was da passiert, wenn man nichts macht?

Bernd: Ja. Ich werde … (lange Pause) … ich muss dann sterben.

Betreuer: Und was soll da jetzt gemacht werden?

Bernd: Die schneiden meinen Kopf auf und holen das raus. Ich hab Angst.

Betreuer: Hat dir der Arzt gesagt, warum das gemacht werden soll und was dabei vielleicht auch geschehen kann?

Bernd: Weil ich dann wieder ganz gesund bin. Außer die schneiden was Falsches ab. Dann bin ich nicht mehr gesund.

Betreuer: Und? Willst du die Operation?

Bernd: Ich hab Angst. Aber ich will doch weiter leben. Ich will operiert werden.

Soweit die Kurzfassung des Gesprächs. Ganz klar: Bernd war einwilligungsfähig. Er konnte zwar nicht bis hundert zählen, aber was da mit ihm los war und mit ihm geschehen sollte, das hatte er begriffen.

Ein paar Wochen später folgte dann die OP. Tags zuvor war ich beim Aufnahme- und Aufklärungsgespräch dabei. Der Arzt erklärte noch einmal ausführlich und detailliert, was aufgeschnitten werden sollte, welche Teile der Schädelplatte herausgenommen werden würden und was dabei alles schiefgehen konnte. Am Ende fragte ich Bernd: “Hast du alles verstanden?” Bernd saß verkrampft da, schüttelte den Kopf und flüsterte: “Ich hab Angst.”

Also war er in dem Moment nicht einwilligungsfähig. Ich unterschrieb für ihn. Wir gingen weiter zum Narkose-Aufklärungsgespräch. Der Anästhesist erklärte auch hier alles ausführlich. Ich fragte Bernd wieder: “Hast du das verstanden?” Bernd, wesentlich entspannter als eine halbe Stunde davor, sagte: “Ja.” Er unterschrieb, denn jetzt war er einwilligungsfähig.

Was ich damit allen Ärzten (und Angehörigen, Mitarbeitern von Behinderten-einrichtungen und Betreuern) sagen will: Die Einwilligungsfähigkeit ist oft vom Augenblick abhängig, nicht von der Behinderung des Betroffenen und schon gar nicht, nie und nimmer, nur vom Bestehen einer Betreuung. Und um diese Frage abzuklären, hilft nur das persönliche Gespräch, und zwar direkt mit dem Betroffenen. Tut mir leid, liebe Ärzte.

Die Irrungen des menschlichen Geistes

Letzte Woche vormittags hatte ich einen Termin, der mir wieder vor Augen führte, wozu der menschliche Geist fähig ist. Ich erlebte wieder mal dramatisch verdichtet die am besten entwickelte menschliche Errungenschaft: Die Fähigkeit, sich das eigene Leben unnötig schwer zu machen.

Der Termin fand bei McDonald’s statt. Ich traf mich dort mit Frau Faust, Frührentnerin mit leichter geistiger Behinderung und Verwahrlosungstendenz. Sie hat einen Ehemann und einen Liebhaber. Wegen letzterem hat sie Liebeskummer, weshalb sie sich bei mir ausweinen wollte, wovon aber ersterer natürlich nichts mitkriegen sollte. Deshalb nicht die eheliche Wohnung, sondern McDonald’s.

Frau Faust schilderte mir ausführlichst und detailreich die letzten Tage mit ihrem Lover. Seine Ex, die im gleichen Block wie Frau Faust wohnt, hat damit gedroht, ihre Wohnung anzuzünden, wenn er nicht zu ihr zurückkehrt. Um Schlimmeres zu verhindern, ist er zur Ex gegangen, was mit Sex mit der Ex endete. Nun ist Frau Faust völlig aufgelöst.

Ihren Lover kennt Frau Faust schon lange, aber erst vor kurzem hat es so richtig gefunkt. Ihr Lover stammt aus den USA, ist ein bekannter Promi, der immer seinen Bodyguard dabei hat, wohnt im selben Sozialwohnungsbau wie Frau Faust und existiert nicht. Es gibt ihn so wenig wie seine Ex und die ganze Geschichte mit der Drohung und dem Sex.

Denn immer wenn es zwischen Frau Faust und ihrem Mann kracht (also ungefähr einmal im Monat, immer wenn z.B. das Thema Geschirrspülen ansteht, weil kein sauberes Geschirr mehr da ist), – also immer wenn es in der real existierenden Beziehung kracht, flüchtet sich Frau Faust in eine Traumbeziehung. Immer mit einem reichen, attraktiven, berühmten Mann. Immer sehr detailreich und immer mit vollster Überzeugung. Es entsteht eine für sie völlig reale Parallelwelt. Dumm nur, wenn jemand den gleichen Namen trägt wie ihr Fantasiefreund und mit diesem Namen im Telefonbuch steht. Dieser arme Mensch muss ein paar Wochen lang einiges ertragen.

Wenn es dann mit dem realen Mann wieder läuft, wird der Traum-Mann entsorgt. Wenn er Glück hat, endet die Beziehung, weil er irgendwo weit weg einen tollen Job bekommt. Wenn er Pech hat, stirbt er im Tsunami. Und Frau Faust ruft dann tränenüberströmt bei mir an, dass gerade eben die Polizei bei ihr war und die Todesnachricht überbracht hat. Für Frau Faust ist das in diesem Moment Realität, ebenso wie die dreitägige Reise nach Berlin zum Grab der verstorbenen gemeinsamen Tochter ein paar Tage zuvor. Eine Reise, die natürlich nie stattgefunden hat, genau so wie es die Tochter aus der fiktiven Beziehung nie gab.

Erschreckend, aber auch immer wieder faszinierend, wozu der menschliche Geist in der Lage ist. Was mich am meisten fasziniert: Welche Mühen ein Mensch auf sich nimmt, nur um sich nicht mit der naheliegenden Realität befassen zu müssen. Im Falle Frau Faust: Der naheliegende Gedanke für sie wäre: Ich bin – wie mein Mann – stinkfaul und egoistisch. Deshalb kriselt es bei uns immer. Dieser Gedanke ist aber zu naheliegend und mit persönlichen Konsequenzen verbunden. Da ist es leichter, mit enormem Aufwand eine Traumwelt aufzubauen und sie nach ein paar Wochen wieder abzubauen.

Die Hälfte der Betreuungen wäre überflüssig, wenn Menschen geradeaus denken würden, auch wenn es weh tut.

Bloß gut, dass wir – ich und Sie, werter Leser – da ganz anders sind …