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Hin und her

Nach knapp zwanzig Jahren Betreuungsrecht hat es sich doch weithin herumgesprochen, dass eine Betreuung nicht automatisch eine Entmündigung bedeutet. Lang hat’s gedauert, aber immerhin …

Ein Mensch mit einer Betreuung bleibt grundsätzlich weiterhin voll geschäftsfähig. Er kann tun und lassen was er will. Find ich klasse und da stehe ich auch voll dahinter. In der Praxis führt das allerdings öfters mal zu … na ja, sagen wir mal: zusätzlichen Belastungen für den Betreuer und das Umfeld des Betreuten.

Beispiel aus dieser Woche: Herr Müller kam Anfang November ins Pflegeheim. Die Heimkosten werden von der Sozialhilfe bezahlt. Herr Müller muss seine gesamte Rente an das Heim abtreten quasi als Eigenanteil an den Heimkosten. Seine finanziellen Reserven liegen bei 0,00 €.

Herr Müller macht sich Sorgen, dass am nächsten Ersten irgendwelche Abbuchungen kommen könnten und er dann die Rente nicht ans Heim zahlen kann. Also lässt er sich zu seiner Bank fahren und verfügt dort eine “Sollumsatzsperre”, d.h. es kann nichts mehr vom Konto abgebucht oder überwiesen werden.

Als ich ihn am 1. Dezember besuche, erzählt er mir stolz von dieser Aktion. Er hat ja auch recht mit seinen Befürchtungen wegen möglicher Abbuchungen, nur was er übersehen hat: Am 1. Dezember soll seine Rente vom Heim abgebucht werden, was nun dank seiner Bemühungen nicht mehr geht.

Ich rufe vom Handy aus gleich bei der Bank an. Die wollen die Kontosperre auch rückgängig machen, allerdings nur auf schriftliche Anweisung von mir. Ich sprinte zwei Stockwerke tiefer zur Buchhaltung des Heims: Die Lastschrift ist soeben rausgegangen. Macht nichts, man versucht es halt am Nachmittag nochmal. Ich fahre ins Büro und faxe der Bank meine Anweisung zur Aufhebung der Kontosperre.

Die Dame von der Bank äußert später die Befürchtung, dass in zwei Wochen oder so Herr Müller wieder eine Kontosperre einrichten will. Die Bank müsste diesem Wunsch dann nachkommen. Und wenn ich sie dann wieder aufheben will, muss die Bank auch diesem Wunsch entsprechen. Und so weiter, Monat für Monat.

Kann dann natürlich passieren. Das ist eben die praktische Folge der Nicht-Entmündigung. In der wirklich praktischen Praxis passiert so was nur einmal pro Betreuten. Dann redet der Betreuer mit zuerst seinem Klienten. Dann redet er mit der Stationsleitung des Heimes und verabredet, dass wenn der Klient das nächste Mal zur Bank fahren will, vorher der Betreuer angerufen wird, damit er nochmals mit dem Betreuten reden kann. Und dann vereinbart der Betreuer mit der Bank, dass sie nichts mehr ohne vorherige Absprache mit dem Betreuer unternehmen.

Rein rechtlich gesehen muss die Bank die Anweisungen des Betreuten ausführen. Aber es ist ja gesetzlich nicht verboten, dass sie vorher den Betreuer anruft und dieser mit dem Klienten redet. Meistens hilft das dann und es ist wieder Ruhe. Ganz legal.

Aaaah!

Entschuldigung, dass ich in der Überschrift schreie. Ich weiß, das tut man nicht. Aber ich ärgere mich maßlos – über böse Mitmenschen und über blöde Betreuer namens Manfred Dempf.

Im vorigen Artikel habe ich über einen neuen Klienten von mir geschrieben. Der schließt massenweise Verträge am Telefon ab, überwiegend mit Internet-Glücksspielfirmen, Zeitschriften und seit neuestem mit Handyanbietern. Mittlerweile ist er bei 30 Verträgen pro Monat, Tendenz steigend statt fallend.

Es ist ja verboten, Leute unaufgefordert anzurufen, um ihnen Verträge aufzuschwatzen. Und es ist laut UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) verboten, offensichtliche Nachteile des potentiellen Kunden wie etwa Alter, Behinderung, fehlende Intelligenz auszunutzen, um Geschäfte zu machen. Mein Klient ist selbst am Telefon deutlich vernehmbar nicht geschäftsfähig. Was diese Typen da am Telefon treiben, ist also eindeutig kriminell.

Aber es geht noch übler. Gelegentlich bekommt mein Klient Anrufe von Leuten, die ihm anbieten, ihm gegen diese Anrufe zu helfen. Sie würden alle diese bösen Menschen anschreiben und dann hätten die Anrufe ein Ende. Kostet nur 80 Euro im Quartal. – Also das Prinzip Schutzgelderpressung wie bei der Mafia. Nur mit dem Unterschied, dass einen die Mafia in Ruhe lässt, wenn man Schutzgeld zahlt. Die Anrufe gehen weiter.

Und immer wenn man meint es geht nicht mehr … schlimmer, kommt von irgendwo ein … nein, kein Lichtlein – ein noch größerer Ganove daher. Diese Woche lag eine Benachrichtigung der Post in meinem Briefkasten. Für meinen Klienten sei eine Sendung mit Nachnahme gekommen. (Ich habe einen Nachsendeauftrag eingerichtet, damit die ganzen Vertragsbestätigungen zu mir kommen.) Ich rufe meinen Klienten an. Ja, er hat was bestellt. Etwas, das er tatsächlich braucht. Das geht in Ordnung, wenn ich es abhole.

Ich fahre zur Post. Die Sendung ist ein DIN-A-4-Kuvert, sehr dünn und kostet 89,00 EUR. Ich wundere mich, nehme aber die Sendung an, zahle und fahre zum Klienten. Der wundert sich nun auch und macht das Kuvert auf. Inhalt: Eine DIN-A-4-Seite Anschreiben an den Klienten, zwei DIN-A-4-Seiten Kopiervorlage eines Anschreibens an Firmen, die einem telefonisch Verträge aufschwatzen. Mit diesem Anschreiben werden diese Firmen aufgefordert, die Verträge zu annullieren. Diese drei Seiten kosten 89,00 EUR.

Und nirgends, weder auf Kuvert noch irgendwo auf den drei Seiten, steht ein Absender. Es gibt keine Möglichkeit, den “Verkäufer” festzustellen und das Geld zurückzufordern. Die Post nimmt die Sendung auch nicht mehr zurück, da sie ja geöffnet wurde. Ich kann nur die Kontonummer des Absenders in Erfahrung bringen.

Ich ärgere mich tierisch. Über meinen Klienten, der auf jeden Blödsinn reinfällt. Mehr noch über seinen dusseligen Betreuer, der in diesen zwei Minuten auf der Post einfach unkonzentriert war und deshalb die Sendung angenommen hat. Am meisten ärgere ich mich aber über diese Drecksverbrecher, die noch übler sind als die Mafia. Sie kassieren nicht einmal Schutzgeld, sondern stellen nur eine Kopiervorlage zum Beantragen von Schutzgeld zur Verfügung, für ein Schweinegeld und völlig anonym, so dass man sich nicht wehren kann.

Ich habe natürlich sofort Strafanzeige gestellt. Wird erfahrungsgemäß für die Katz sein, aber was soll ich sonst tun außer mich dreimal täglich in den Hintern zu beißen?