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Gute Betreuer, schlechte Betreuer

Anruf von der Stationsleitung eines Heimes: Frau Ehwald ist gerade gestorben. Wir reden eine Weile über das Sterben und das Leben meiner Klientin. Am Schluss teile ich der Stationsleitung noch meine Anerkennung mit für die äußerst gute Arbeit, die sie und ihre Kolleginnen geleistet haben. Die Dame meint: “Ich muss das Lob zurückgeben. Sie sind einer der besten Betreuer, die wir hatten.”

Ich freue mich natürlich über das Lob. Noch mehr würde ich mich freuen, wenn ich im Fall der Frau Ehwald irgendwas Herausragendes geleistet hätte. Habe ich aber nicht. Seit Frau Ehwald in dieses Heim kam war es eine sehr einfache Betreuung geworden. Ich machte meine monatlichen Besuche, ansonsten gab es nur Routine.

So sagte ich das auch der Stationsleitung. Sie erwiderte, dass eben dieses das Besondere an mir gewesen sei. Dass ich meinen Job gemacht hätte und mich für meine Klientin interessiert hätte. Das würden sie bei weitem nicht bei jedem Betreuer erleben.

Da verging mir dann endgültig die Freude an dem Lob. Man fällt also als Betreuer positiv auf, wenn man einfach seinen Job macht!!

Hey Leute, das ist doch eine Katastrophe für uns Betreuer!

Ich würde jetzt auch nicht darüber schreiben, wenn ich solch ein dubioses Lob nicht schon öfters gehört hätte. Also wirklich, ich halte mich selbst für einen ganz durchschnittlichen Betreuer. Ich versuche für meine Klienten das Beste zu erreichen, unter Berücksichtigung ihrer Wünsche und Bedürfnisse, mache dabei auch Fehler, weiß bei weitem nicht alles und richte gelegentlich auch mehr Schaden an als dass ich helfe, weil ich wie jeder Mensch meine Grenzen und Einschränkungen habe. Und das alles reicht aus, um in den Augen von Leuten aus dem Umfeld meiner Klienten als positives Beispiel eines Betreuers zu gelten!

Natürlich, die Dame aus dem Heim meinte mit “Betreuer” nicht nur die beruflichen Betreuer, sondern auch die Angehörigen-Betreuer und die Ehrenamtlichen. Die sind manchmal einfach überfordert, oder es wurde im Angehörigen-Fall der Bock zum Gärtner gemacht. Da gibt es naturgemäß eine hohe Versagensquote und ein geringes Interesse am Betreuten. Aber ich habe auch schon Fälle von beruflichen KollegInnen übernommen, wo sich mir die Zehennägel aufgerollt haben. Wenn ich da nach der Fall-Übernahme einfach nichts gemacht hätte, wäre das schon eine erhebliche Verbesserung für die Klienten gewesen. Es gibt nämlich tatsächlich BetreuerInnen, die schaffen es, weniger als nichts zu machen! Wenn ich da beim neuen Klienten (der schon seit Jahren einen Betreuer hatte) zum Antrittsbesuch komme, sagt der dann erfreut: “Ah, so sieht also ein Betreuer aus!”

Wenn ich dann Kollegen treffe, die 75 Betreuungen haben (in einem Umkreis von 100 km), dann wundert mich nichts mehr. Oder nur 15 Betreuungen, aber die neben einem Vollzeit-Beruf.

Und dann jammert alles, dass wir Betreuer so ein schlechtes Image haben.

Eine Betreuerin mordet

In einem früheren Artikel habe ich darüber geschrieben, wie sich die Wahrnehmung der Betreuer-Tätigkeit in der Öffentlichkeit geändert hat. Letzten Sonntag gab es dazu nun ein interessantes und höchst erfreuliches Beispiel.

Da kam nämlich in der neuesten “Tatort”-Folge eine Betreuerin vor. Meines Wissens war dies das erste Mal, dass unsere Tätigkeit in einem deutschen Spielfilm Erwähnung und Darstellung fand.

Was dabei höchst erfreulich war: Die Frau (dargestellt übrigens von Thekla Carola Wied) war einfach “die Betreuerin”, es wurde nicht erklärt, was sie machte, wofür die Betreuung stand. Ein Zeichen dafür, dass unsere Tätigkeit mittlerweile so bekannt ist, dass sie keine weiteren Informationen braucht. Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht vorstellbar gewesen. Da ist allein schon deshalb nie ein Betreuer in einem Spielfilm aufgetaucht, weil man da erst minutenlang hätte erklären müssen, was der überhaupt macht.

Die Betreuerin im “Tatort” war übrigens die Mutter des Betreuten. Dieser wurde zu Beginn des Films ermordet. Am Ende des Films tötete die Betreuerin den Mörder ihres Sohnes.

Es muss hier betont werden, dass dies nicht dem durchschnittlichen Verhalten des durchschnittlichen Betreuers entspricht. Höchstens manchen Wunschträumen. In der Realität lösen wir die anstehenden Konflikte doch sozialverträglicher.

Guter Betreuer – böser Betreuer

Seit 18 Jahren führe ich Betreuungen, seit knapp 12 Jahren mache ich das beruflich. In dieser Zeit hat sich so ziemlich alles verändert, was das Ansehen und die Bekanntheit der Tätigkeit “gesetzliche Betreuung” angeht.

Es ist ja schon charakteristisch, wie bei mir alles begann. Irgendwann 1991 erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem Landratsamt. Ich verstand sie akustisch sehr schlecht, hörte nur was von “Nachbarin” “um sie kümmern” “braucht Hilfe” und etwas, das wie eine Frage klang. Höflich wie ich bin, sagte ich “Ja”. So wurde ich Betreuer.

Damals hieß das noch nicht einmal Betreuung, sondern noch “Pflegschaft”. Was nichts daran änderte, dass ich absolut keine Ahnung davon hatte. Ich ging zum Amtsgericht, erhielt dort von einem freundlichen Herrn eine bedruckte DIN-A-4-Seite, die ich unterschrieb. Auf seinem Schreibtisch lag, mit der Kopfseite zu mir, ein Schriftstück, das den Titel trug “Belehrung und Hinweise für Pfleger”. Dieses Schriftstück erhielt ich nicht, auch keine mündliche Belehrung, was ich nun tun durfte und musste.

Ich lernte es anschließend durch Versuch und Irrtum.

Als ich 1998 dann Betreuer von Berufs wegen wurde, musste ich jedem erst mal erklären, was ich da überhaupt mache. Die Tätigkeit an sich war weitgehend unbekannt, und die Berufsbezeichnung “Betreuer” trägt auch nicht gerade zur exakten Beschreibung des Aufgabenfeldes bei.

Heute ist das alles doch anders. Wenn ich heute sage, dass ich gesetzlicher Betreuer bin, kommt als Antwort nur noch selten “Hä?”, sondern meistens “Ach ja, meine Tante/Schwiegermutter/Cousine meiner Nachbarin hat auch einen Betreuer”, verbunden mit mehr oder weniger zutreffenden Beschreibungen, was dieser Betreuer macht.

Auch das Image unserer Tätigkeit hat sich gewandelt. So vor etwa zehn Jahren hatten die Journalisten die Betreuer entdeckt, nach nur acht Jahren des Bestehens dieses Berufes. Dies ist eine fantastische Leistung für Journalisten, wenn man bedenkt, dass Journalismus in erster Linie kein Beruf, sondern eine geistige Behinderung ist. Entsprechend ihrer Behinderung brachten die Journalisten jahrelang ausschließlich Berichte über unfähige und kriminelle Betreuer. (Seltsam, dass ich noch nie einen Bericht über unfähige und kriminelle Journalisten gesehen habe.)

Trotz der ausdauernden Schmutzkampagne hat sich aber anscheinend doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Betreuung an sich und in dieser Form eine sinnvolle und hilfreiche Einrichtung ist und dass 99,999 % aller Betreuer zumindest keinen Schaden anrichten. Ich bekam jedenfalls noch nie Vorbehalte zu spüren, nur weil ich für jemanden als Betreuer tätig wurde. Die Vorbehalte waren immer an die Umstände geknüpft, z.B. dass Angehörige Angst hatten, dass ich gewohnte Geldflüsse versiegen lasse.

Und die Hetzattacken der (gehirn)freien Presse haben mittlerweile auch fast gänzlich aufgehört.

Manchmal siegt eben doch das Gute. Auch wenn es fast zwanzig Jahre dauert.