Freitag, 21.45 Uhr: Der Betreuer kommt von der Arbeit heim und schreit: “WAS HABE ICH FÜR EINEN BESCHEUERTEN JOB!”
Rückblende.
Freitag, 14.00 Uhr. Der Betreuer geht ins Krankenhaus zu Frau Weiß. Die wurde am Tag zuvor eingeliefert, weil sie immer schwächer wurde. Frau Weiß ist 87, sie leidet an fortgeschrittener Demenz und lebt mit ihrer ebenfalls dementen Schwester und einer nicht dementen Katze in einem Haus. Sie empfängt den Betreuer mit den Worten: “Ich will heim zu meiner Schwester und meiner Miezi.”
Der Betreuer nimmt das zur Kenntnis und geht zur Stationsärztin, die sensationellerweise sofort Zeit hat. “Mein Glückstag heute”, denkt sich der Betreuer. Welch ein Irrtum.
Die Ärztin sagt, dass Frau Weiß Anämie hat und dringend eine Bluttransfusion braucht und weitere Untersuchungen um die Ursache zu finden. Der Betreuer geht wieder zu Frau Weiß. Sie will immer noch heim zu Schwester und Katze. Nach längeren Diskussionen kann der Betreuer sie noch zu einer Ultraschalluntersuchung überzeugen. Als diese vorbei ist, will sie dann plötzlich doch im Krankenhaus bleiben. Der Betreuer geht nach Hause.
Um 19.00 Uhr kommt ein Anruf vom Krankenhaus. Frau Weiß wird immer unruhiger, schlägt nach dem Personal. Der Betreuer isst noch seine Grillwurst fertig und verabschiedet sich von seiner weiterhin grillenden Familie mit den scherzhaften Worten “Also dann, bis Mitternacht”. Wenn er wüsste …
Im Flur der Station trifft der Betreuer auf Frau Weiß. Sie ist völlig verändert. Unruhig, aggressiv, körperlich schwach. Der Betreuer fragt sie: “Soll ich Sie heimbringen?” Frau Weiß antwortet: “Nein, ich bin doch schon daheim.” Betreuer: “Dann wollen Sie also hier bleiben?” Frau Weiß: “Nein.” Das ist im wesentlichen der Gesprächsinhalt der nächsten halben Stunde.
Was der Betreuer zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Am Nachmittag hatten hilfsbereite Nachbarn die Schwester von Frau Weiß auf die Station gebracht. Von da an war Frau Weiß der festen Überzeugung, sie wäre jetzt wieder daheim bei ihrer Schwester.
Nach einer halben Stunde ist der Stand der Dinge immer noch: Frau Weiß will nicht hierbleiben und sie will nicht gehen. Mittlerweile ist der Betreuer allein mit ihr. Alles was einen weißen Kittel trägt ist längst geflüchtet. Frau Weiß will nach ihrer Schwester und ihrer Miezi suchen. “Die sind ja hier irgendwo.” Also marschiert sie den Krankenhausflur hinunter und öffnet jede Türe. Weil sie müde ist, legt sie sich zwischendurch, während der Betreuer nach der Pflegekraft sucht, in ein Bett. Dieses ist aber schon mit einem älteren Mann belegt. Die Krankenschwester kommt, entschuldigt sich bei dem Patienten und zerrt Frau Weiß hinaus. Die natürlich aggressiv wird. “Was wollen Sie hier in meiner Wohnung!”, herrscht sie die einfühlsame Krankenschwester an. Diese hat plötzlich ganz dringend ganz woanders zu tun.
Der Betreuer ist wieder allein mit Frau Weiß. Seine Versuche, sie zu einer Entscheidung zu bewegen, gehen ins Leere. Sie sucht wieder nach ihrer Schwester und ihrer Miezi. Der Betreuer stellt sich dezent vor jede Türe. Frau Weiß geht um ihn herum und steuert die nächste Türe an. Der Betreuer geht um Frau Weiß herum und stellt sich vor diese Türe. So tanzen sie einen fröhlichen Tanz, den Flur runter und wieder rauf und wieder runter.
Frau Weiß wird immer schwächer. Es bleibt dem Betreuer nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass sie irgendwann irgendwo einschläft. Vorher ruft er noch einmal ihre Schwester an. Der Schaden kann ja nicht mehr vergrößert werden. Die Schwester kann Frau Weiß aber auch nicht überzeugen, dass sie nicht zuhause ist. Zum Glück ist gerade ein Pfleger vom ambulanten Pflegedienst bei der Schwester. Der Betreuer holt ihn ans Handy. Er sagt: “Soll ich kommen?” Ja, natürlich, sehr gerne!
Der Betreuer tanzt mit Frau Weiß noch zehn Minuten lang den Türentanz. Dann kommt der Pfleger, geht zu Frau Weiß und sagt: “Hallo Frau Weiß, fahren Sie mit mir nach Hause?” Frau Weiß sagt: “Ja”, hakt sich bei ihm unter und geht mit ihm mit. Der Betreuer holt im Laufschritt noch ihre Tasche, legt ihr einen Bademantel über das Nachthemd und fährt sie in diesem Aufzug nach Hause. Der Pfleger bringt sie dann zu Bett.
Freitag, 21.45 Uhr: Der Betreuer kommt von der Arbeit heim und schreit: “WAS HABE ICH FÜR EINEN BESCHEUERTEN JOB!”