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Neulich, Freitag abends

Freitag, 21.45 Uhr: Der Betreuer kommt von der Arbeit heim und schreit: “WAS HABE ICH FÜR EINEN BESCHEUERTEN JOB!”

Rückblende.

Freitag, 14.00 Uhr. Der Betreuer geht ins Krankenhaus zu Frau Weiß. Die wurde am Tag zuvor eingeliefert, weil sie immer schwächer wurde. Frau Weiß ist 87, sie leidet an fortgeschrittener Demenz und lebt mit ihrer ebenfalls dementen Schwester und einer nicht dementen Katze in einem Haus. Sie empfängt den Betreuer mit den Worten: “Ich will heim zu meiner Schwester und meiner Miezi.”

Der Betreuer nimmt das zur Kenntnis und geht zur Stationsärztin, die sensationellerweise sofort Zeit hat. “Mein Glückstag heute”, denkt sich der Betreuer. Welch ein Irrtum.

Die Ärztin sagt, dass Frau Weiß Anämie hat und dringend eine Bluttransfusion braucht und weitere Untersuchungen um die Ursache zu finden. Der Betreuer geht wieder zu Frau Weiß. Sie will immer noch heim zu Schwester und Katze. Nach längeren Diskussionen kann der Betreuer sie noch zu einer Ultraschalluntersuchung überzeugen. Als diese vorbei ist, will sie dann plötzlich doch im Krankenhaus bleiben. Der Betreuer geht nach Hause.

Um 19.00 Uhr kommt ein Anruf vom Krankenhaus. Frau Weiß wird immer unruhiger, schlägt nach dem Personal. Der Betreuer isst noch seine Grillwurst fertig und verabschiedet sich von seiner weiterhin grillenden Familie mit den scherzhaften Worten “Also dann, bis Mitternacht”. Wenn er wüsste …

Im Flur der Station trifft der Betreuer auf Frau Weiß. Sie ist völlig verändert. Unruhig, aggressiv, körperlich schwach. Der Betreuer fragt sie: “Soll ich Sie heimbringen?” Frau Weiß antwortet: “Nein, ich bin doch schon daheim.” Betreuer: “Dann wollen Sie also hier bleiben?” Frau Weiß: “Nein.” Das ist im wesentlichen der Gesprächsinhalt der nächsten halben Stunde.

Was der Betreuer zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Am Nachmittag hatten hilfsbereite Nachbarn die Schwester von Frau Weiß auf die Station gebracht. Von da an war Frau Weiß der festen Überzeugung, sie wäre jetzt wieder daheim bei ihrer Schwester.

Nach einer halben Stunde ist der Stand der Dinge immer noch: Frau Weiß will nicht hierbleiben und sie will nicht gehen. Mittlerweile ist der Betreuer allein mit ihr. Alles was einen weißen Kittel trägt ist längst geflüchtet. Frau Weiß will nach ihrer Schwester und ihrer Miezi suchen. “Die sind ja hier irgendwo.” Also marschiert sie den Krankenhausflur hinunter und öffnet jede Türe. Weil sie müde ist, legt sie sich zwischendurch, während der Betreuer nach der Pflegekraft sucht, in ein Bett. Dieses ist aber schon mit einem älteren Mann belegt. Die Krankenschwester kommt, entschuldigt sich bei dem Patienten und zerrt Frau Weiß hinaus. Die natürlich aggressiv wird. “Was wollen Sie hier in meiner Wohnung!”, herrscht sie die einfühlsame Krankenschwester an. Diese hat plötzlich ganz dringend ganz woanders zu tun.

Der Betreuer ist wieder allein mit Frau Weiß. Seine Versuche, sie zu einer Entscheidung zu bewegen, gehen ins Leere. Sie sucht wieder nach ihrer Schwester und ihrer Miezi. Der Betreuer stellt sich dezent vor jede Türe. Frau Weiß geht um ihn herum und steuert die nächste Türe an. Der Betreuer geht um Frau Weiß herum und stellt sich vor diese Türe. So tanzen sie einen fröhlichen Tanz, den Flur runter und wieder rauf und wieder runter.

Frau Weiß wird immer schwächer. Es bleibt dem Betreuer nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass sie irgendwann irgendwo einschläft. Vorher ruft er noch einmal ihre Schwester an. Der Schaden kann ja nicht mehr vergrößert werden. Die Schwester kann Frau Weiß aber auch nicht überzeugen, dass sie nicht zuhause ist. Zum Glück ist gerade ein Pfleger vom ambulanten Pflegedienst bei der Schwester. Der Betreuer holt ihn ans Handy. Er sagt: “Soll ich kommen?” Ja, natürlich, sehr gerne!

Der Betreuer tanzt mit Frau Weiß noch zehn Minuten lang den Türentanz. Dann kommt der Pfleger, geht zu Frau Weiß und sagt: “Hallo Frau Weiß, fahren Sie mit mir nach Hause?” Frau Weiß sagt: “Ja”, hakt sich bei ihm unter und geht mit ihm mit. Der Betreuer holt im Laufschritt noch ihre Tasche, legt ihr einen Bademantel über das Nachthemd und fährt sie in diesem Aufzug nach Hause. Der Pfleger bringt sie dann zu Bett.

Freitag, 21.45 Uhr: Der Betreuer kommt von der Arbeit heim und schreit: “WAS HABE ICH FÜR EINEN BESCHEUERTEN JOB!”

Zuschauen können

Zwei Fälle, ein Thema.

Fall A: Einer meiner liebsten Klienten, über den ich hier schon öfter berichtet habe. Er leidet am Messie-Syndrom in einem rekordverdächtigen Ausmaß. Seine Wohnung ist so vollgestopft, dass er sie nicht mehr betreten kann. Er verbringt die Nacht auf einem Stuhl sitzend im Keller. Als Folge davon hat er immer wieder Wassereinlagerungen in den Beinen. Auch sonst ist seine Gesundheit mittlerweile recht angeschlagen, u.a. weil er verdorbene Lebensmittel isst, die er aus dem Abfall von Supermärkten und Fastfood-Restaurants fischt.

Alle aus seinem Umfeld (Vermieter, Stadt, Arbeitgeber, Pflegedienst, Sozialarbeiter) stürmen auf mich ein, ich soll doch was tun. Auf meine Nachfrage, was denn genau, kommen als Antwort entweder ein Schulterzucken nach längerem Schweigen oder irgendwelche illegalen Vorschläge.

Vor zwei Jahren trafen sich alle, die mit dem Klienten zu tun haben, zu einer Hilfeplankonferenz. Es waren immerhin rund ein dutzend Personen. Ergebnis der Beratung nach über einer Stunde: Wir können nichts tun. Nur zuschauen.

Fall B, aus meinem privaten Umkreis: Ein Mann leidet an einer Krankheit, die in 100 % der Fälle tödlich verläuft. Es gibt keine Therapie. Wegen akuter Beschwerden kommt er ins Krankenhaus. Die Ärzte sagen, dass sie nichts machen können. Sie machen aber trotzdem was. Eine Untersuchung nach der anderen, u.a. eine Herzkatheter-Untersuchung. Und sie geben Medikamente, jede Menge. Und sagen dann, dass sie eigentlich nichts tun können. Aber einfach nur zuschauen können sie auch nicht.

Das ist eine Kunst, die man unbedingt beherrschen muss, wenn man in einem helfenden Beruf tätig ist: Zuschauen können. Respektieren, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht ändern kann. Und dann dennoch nicht wegsehen, sondern das Leid mitfühlend begleiten, ohne in sinn- und hilflosen Aktionismus zu verfallen. Aus Respekt vor dem Menschen, der einen anderen Lebensentwurf lebt, auch wenn man den nicht im geringsten nachvollziehen kann. Aus Respekt vor einem sterbenden Menschen, um ihm einen gelingenden Abschied aus dem Leben zu ermöglichen. Und aus der Einsicht, dass ich nicht allmächtig bin und meine Hilfe ein Ende hat.

Budgetierte Einwilligungsfähigkeit

Donnerstagnachmittag. Anruf von der Betreuungsstelle: Ob ich bereit bin, eine sehr dringliche Betreuung zu übernehmen. Ich bin. Eine Stunde später liegt die Betreuerbestellung in meinem Fax.

Es geht um eine ältere Dame, Frau Müller, die in einem Heim wohnt. Sie kam ins Krankenhaus, zeigt Demenz-Symptome. Die Klinik hätte ziemlich Druck gemacht, weil dringend eine Untersuchung gemacht werden sollte, die Dame aber nicht einwilligungsfähig sei. Deshalb muss schnell ein Betreuer her.

Ich sprinte sofort mit dem druckfrischen Fax ins Krankenhaus. Die behandelnde Ärztin zeigt sich sehr erleichtert. “Endlich”, sagt sie, “wir warten schon seit zwei Tagen auf die Betreuerbestellung. Wissen Sie, das Budget für diese Behandlung ist nämlich schon seit zwei Tagen ausgeschöpft. Die gute Frau sollte eigentlich deshalb schon vorgestern entlassen werden. Aber wir müssen noch eine Darmspiegelung machen. Und da kann Frau Müller nicht selbst einwilligen. Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden …”

Zur Klarstellung: Frau Müller kam ins Krankenhaus, ohne dass sie dazu hätte einwilligen können. Sie erhielt Infusionen, ohne dass jemand ihre Einwilligung eingeholt hätte. Man verabreichte ihr Medikamente ohne sie um ihre Meinung zu fragen. Da dachte sich keiner im Krankenhaus was dabei, solange es Geld dafür gab. Erst als das Budget erschöft war und eine größere Untersuchung anstand, erinnerte man sich an die Menschen- und Patientenrechte von Frau Müller und beantragte eine Betreuung.

Ach ja, noch ein winzigkleines Detail: Als Frau Müller einmal ihre Meinung zu der Behandlung kundtat indem sie den Infusionsschlauch herausriss, wurde sie ins Bett fixiert. Vor der Betreuerbestellung. “Und nur 24 Stunden, länger dürfen wir ja nicht ohne richterliche Genehmigung”, sagte die Ärztin mit einem strahlenden Lächeln.

Körperverletzung und Freiheitsberaubung: So geht’s zu in deutschen Krankenhäusern, wenn man keinen Betreuer hat, der einen rechtzeitig schützen kann.

Vergessene Katheter, verschwundene Gebisse, verschwundene Patienten

Wenn man als Betreuer mal sich selber so richtig frustrieren will, dann braucht man nur Schadensersatz oder Schmerzensgeld von einem Krankenhaus zu fordern.  Ich mach’s gerade zum dritten Mal. Dieses Mal jedoch mit Hilfe eines Anwalts. Zweimal Frust reicht mir.

Fall 1: Klient wird nach einem Mordversuch an ihm notoperiert. Danach ist sein Gebiss verschwunden. Der Klient ist Sozialhilfe-Empfänger. Ich schreibe an die Klinik, bedanke mich für die erfolgreiche Operation und bitte um Zusendung des Gebisses bzw. ersatzweise um Übernahme der Kosten eines neuen Gebisses. Man hat ja schließlich für so was eine Versicherung. Keine große Sache. Die Reaktion: Nichts. Kein Brief, kein gar nichts. Auch nicht auf meine nächsten zwei Schreiben. Mittlerweile ist der Klient verstorben, ohne dass eine Antwort von der Klinik gekommen wäre.

Fall 2: Klient mit Korsakoff-Syndrom (alkoholbedingte Demenz) ist zum wiederholten Mal im selben Krankenhaus. Man kennt ihn dort, man kennt mich und weiß von der Betreuung. Ich teile der Stationsleitung trotzdem noch einmal ausdrücklich mit, dass ich bzw. der Pflegedienst vor der Entlassung verständigt werden müssen, da der Klient nicht allein nach Hause findet und auch keinen Wohnungsschlüssel hat. Stationsleitung notiert entsprechendes in der Akte.

Eine Woche später erfahre ich durch Zufall, dass der Klient schon vor vier Tagen entlassen wurde. Es hat nachts gerade – 10 ° C, der Klient ist spurlos verschwunden. Nach einer längeren Suchaktion, auch mit Hilfe der Polizei, wird er gefunden, stark geschwächt und dehydriert. Er ist vier Tage lang in der Stadt umhergeirrt und hat nichts getrunken und gegessen.

Ich fordere von der Klinik Schmerzensgeld. Es kommt zum Gespräch mit dem Verwaltungschef und der Pflegedienstleitung (PDL). Der Verwaltungsmensch erklärt mir, dass a) man für solch einen Fall nicht versichert sei, b) wenn man zahlen müsse, man dann halt bei der Versorgung der anderen Patienten sparen müsse, und er c) entsetzt sei, wie sehr ich hinter dem Geld her bin. Die PDL, eine Nonne, fragt mich, ob ich denn nicht wolle, dass man meinen Klienten bei der nächsten Erkrankung wieder behandle?

Letzten Endes blieb mir nur der Klageweg. Auf Anraten des Rechtspflegers habe ich darauf verzichtet.

Fall 3, jetzt gerade aktuell: Bei einer Klientin wird bei einer Routine-Untersuchung ein abgebrochenes Stück eines Katheters an der Niere entdeckt. Dieses muss wohl bei einer früheren Operation übersehen worden sein. Es ist mittlerweile so stark verkalkt, dass es operativ entfernt werden muss.

Dieses Mal bin ich gleich zum Anwalt gegangen. Soll der doch den Spaß haben.

Betreuer für einen Tag

Letzten Montag wurde ich zum Betreuer bestellt für einen Mann, der nach einem Diabetes-Schock im künstlichen Koma lag. Ich fuhr am selben Tag in die Klinik. Die diensthabende Ärztin war sehr erstaunt, dass da ein Betreuer auftauchte. Der Betroffene sei schließlich schon seit einer Woche wieder bei Bewusstsein, und zwar so, dass er auch alles wieder selbst regeln könne.

Ich ging zu meinem neuen Klienten. Der saß auf dem Bett, hellwach und quietschfidel. Er wusste über seine gesundheitliche und finanzielle Situation Bescheid und konnte mir über alles detailliert Auskunft geben.

Ich fuhr zurück ins Büro und beantragte die Aufhebung der Betreuung.

Auch so kann’s gehen.

Es ist nicht mein Leben

Vor ein paar Monaten habe ich die Betreuung für Herrn Huber übernommen. Als ich mit dem Herrn von der Betreuungsstelle zum Vorstellungsgespräch bei ihm war, zeigte sich Herr Huber äußerst erfreut, dass er nun endlich Hilfe bekäme. “Ich weiß, ich habe mein Leben gegen die Wand gefahren, und ich komme allein nicht weiter. Ich bin so froh, dass Sie mir helfen werden!”

Ein paar Tage später wurde ich dann zum Betreuer bestellt. Als erstes sorgte ich dafür, dass Herr Huber zur Alkohol-Entgiftung in die Psychiatrie kam. Zwei Wochen später, als die Entlassung anstand, äußerte er sich beim Entlassungsgespräch: “Ich habe eingesehen, dass es so nicht weitergeht. Ich kenne jetzt auch die Gründe, warum ich trinke. Ab jetzt läuft das anders.”

Am nächsten Tag verließ er die Suchtstation. Er ging in die Klinik-Cafeteria, kaufte dort Bier. Als er aus dem Krankenhaus hinausging, war er betrunken.

Ein paar Wochen später, nach weiteren zwei Entgiftungen, kam er in eine Reha-Einrichtung für Alkoholkranke in Oberbayern. Im ersten Telefongespräch nach der Aufnahme dort äußerte er sich begeistert über die Chance, die er dort erhielte. Er sei hochmotiviert.

Ein paar Wochen später, nach vielen intensiven und einsichtsvollen Gesprächen mit der Sozialarbeiterin der Einrichtung, ging Herr Huber zu einem Spaziergang weg. Er kehrte fünf Tage später zurück, aus Dresden, stockbesoffen.

Er war voller Reue, konnte sich seinen Blackout nicht erklären. In der folgenden Zeit arbeitete er noch härter an sich. Ein paar Wochen später verschwand er wieder, tauchte in Stralsund auf, betrunken.

Vor zwei Wochen hatten wir ein Gespräch mit ihm:  der behandelnde Psychiater, die Sozialarbeiterin der Klinik, wo er nach einem Rückfall wieder war, der Leiter der Einrichtung und ich. Herr Huber war voller Zuversicht. Er hätte jetzt erkannt, wieso er sich so verhielte und er wäre jetzt bereit, alles dafür zu tun, dass sein Leben anders würde.

Am nächsten Tag verschwand er. In die Türkei.

***

Als Helfer für Herrn Huber könnte man jetzt frustriert sein. Wäre naheliegend, aber wenig hilfreich. Was hilft, ist einzig das ständige Vorsagen des Betreuer-Mantras: “Das ist nicht mein Leben.”

Das Leben des Klienten ist nicht mein Leben. Ich kann nur helfen, wenn ich mich nicht in das kaputte Leben des anderen reinziehen lasse. Klingt hart, ist aber so.

Das Kreuz mit der Einwilligungsfähigkeit

Ein alltäglicher Vorgang im Alltag eines Betreuers:

Das Telefon klingelt. Der Betreuer meldet sich.

Anrufer: Hier ist Dr. Soundso. Herr XY ist gerade in unser Krankenhaus eingeliefert worden. Der ist doch Ihr Betreuter?

Betreuer: Ja.

Arzt: Herr XY muss operiert werden. Können Sie gleich mal vorbeikommen und den Aufklärungsbogen und die Einwilligung in die Behandlung unterschreiben?

Betreuer: Ist Herr XY momentan nicht einwilligungsfähig?

Arzt: Doch. Schon.

Betreuer: Ja dann. Was soll ich dann?

Arzt: Ja, wozu sind Sie denn Betreuer?

***

Also: Wozu bin ich Betreuer? Ganz sicher nicht (denn dies ist mir vom Gesetz so aufgetragen), um meinen Klienten Dinge abzunehmen, die sie selber erledigen können. Und wenn jemand selber in eine ärztliche Maßnahme einwilligen kann, warum soll das dann jemand anderer für ihn tun?

Ich bin in diesem Fall Betreuer, um die Rechte des Betroffenen gegenüber den Ärzten zu vertreten. Zum Beispiel das Recht, selbst entscheiden zu können, was mit dem eigenen Körper geschieht.

Wann ist aber jemand einwilligungsfähig? – Da gibt es klare Kriterien. Wenn jemand

- versteht, woran er erkrankt ist,

- versteht, welche Behandlung der Arzt für ihn vorschlägt,

- die Konsequenzen begreift, falls er sich nicht behandeln lässt,

- die möglichen Risiken und Chancen der Behandlung begreift

- und das alles gegeneinander abwägen kann,

dann ist er (oder sie) einwilligungsfähig.

Kleines Beispiel aus der Praxis: Bei Bernd, einem jungen Mann in einer Einrichtung für geistig Behinderte, wird ein Gehirntumor diagnostiziert. Er soll am Gehirn operiert werden. Ich spreche mit ihm.

Betreuer: Weißt du, was dir fehlt? (Wir sind aus persönlichen Gründen per du.)

Bernd: Ja. Ich hab was im Gehirn.

Betreuer: Weißt du, was da passiert, wenn man nichts macht?

Bernd: Ja. Ich werde … (lange Pause) … ich muss dann sterben.

Betreuer: Und was soll da jetzt gemacht werden?

Bernd: Die schneiden meinen Kopf auf und holen das raus. Ich hab Angst.

Betreuer: Hat dir der Arzt gesagt, warum das gemacht werden soll und was dabei vielleicht auch geschehen kann?

Bernd: Weil ich dann wieder ganz gesund bin. Außer die schneiden was Falsches ab. Dann bin ich nicht mehr gesund.

Betreuer: Und? Willst du die Operation?

Bernd: Ich hab Angst. Aber ich will doch weiter leben. Ich will operiert werden.

Soweit die Kurzfassung des Gesprächs. Ganz klar: Bernd war einwilligungsfähig. Er konnte zwar nicht bis hundert zählen, aber was da mit ihm los war und mit ihm geschehen sollte, das hatte er begriffen.

Ein paar Wochen später folgte dann die OP. Tags zuvor war ich beim Aufnahme- und Aufklärungsgespräch dabei. Der Arzt erklärte noch einmal ausführlich und detailliert, was aufgeschnitten werden sollte, welche Teile der Schädelplatte herausgenommen werden würden und was dabei alles schiefgehen konnte. Am Ende fragte ich Bernd: “Hast du alles verstanden?” Bernd saß verkrampft da, schüttelte den Kopf und flüsterte: “Ich hab Angst.”

Also war er in dem Moment nicht einwilligungsfähig. Ich unterschrieb für ihn. Wir gingen weiter zum Narkose-Aufklärungsgespräch. Der Anästhesist erklärte auch hier alles ausführlich. Ich fragte Bernd wieder: “Hast du das verstanden?” Bernd, wesentlich entspannter als eine halbe Stunde davor, sagte: “Ja.” Er unterschrieb, denn jetzt war er einwilligungsfähig.

Was ich damit allen Ärzten (und Angehörigen, Mitarbeitern von Behinderten-einrichtungen und Betreuern) sagen will: Die Einwilligungsfähigkeit ist oft vom Augenblick abhängig, nicht von der Behinderung des Betroffenen und schon gar nicht, nie und nimmer, nur vom Bestehen einer Betreuung. Und um diese Frage abzuklären, hilft nur das persönliche Gespräch, und zwar direkt mit dem Betroffenen. Tut mir leid, liebe Ärzte.

Häufungen

Ich hätte mal eine Frage an die Leser.  Es geht um ein Phänomen, das ich ständig beobachte. Da würde mich interessieren, ob das bei anderen BetreuerInnen auch so ist.

Das Phänomen ist: Im Leben eines Betreuers gibt es keine Gleichmäßigkeit, alles tritt entweder gar nicht oder gehäuft auf.

Das zeigt sich schon beim Arbeitsanfall. Wochenlang ist alles sehr ruhig, man fragt sich, warum man überhaupt in die Arbeit geht. Dann kriegt ein Klient die Krise, drei Tage später wird einer schwer krank, dazu bekommt man noch eine neue, sehr heftige Betreuung – und innerhalb weniger Tage sieht man vor lauter Arbeit kein Ende mehr. Ein Arbeiten im vernünftigen, verträglichen Mittelmaß gibt es nur übergangsweise.

Auch alles, was einem so passiert als Betreuer, passiert immer entweder gar nicht oder gehäuft. So musste ich z.B. die ersten drei Jahre meines Betreuerlebens nie einen Rentenantrag stellen. Es ergab sich halt so. Aber dann kamen innerhalb weniger Wochen gleich drei Anträge auf mich zu.

Oder: Elf Jahre lang habe ich nie einen Klienten persönlich zur Aufnahme in eine Klinik begleitet. Diese Aufnahmen geschahen entweder notfallmäßig und ich erfuhr erst hinterher davon. Oder der Klient war selbstständig genug, um das selbst zu regeln. Oder er hatte eine Begleitung (Angehörige, Sozialdienst). Oder ich konnte es vom Schreibtisch aus regeln.

Heuer war ich schon viermal mit Klienten zur Aufnahme in der Klinik. Hat sich so ergeben.

Anderes Beispiel: Ich habe bisher zweimal Klienten von mir tot aufgefunden. Beide innerhalb weniger Wochen. Das ist jetzt acht Jahre her. Seither war nie mehr was.

Immer gehäuft, nie gleichmäßig verteilt: Ist das bloß bei mir so? Oder ist das ein typisches Betreuersymptom?

Das letzte Rätsel der Menschheit

Es gibt ja einige große Menschheitsrätsel; große Fragen, auf die es keine gesicherte Antwort gibt: Wie hat alles begonnen? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Warum sind wir so wie wir sind? Und so weiter.

Mit einem der größten Rätsel der Menschheit musste ich mich gestern wieder mal auseinandersetzen, und zwar:

Wenn ich um 10 Uhr einen Termin beim Arzt habe, wieso komme ich dann frühestens um 11 Uhr dran?

Auch bei dieser Frage gibt es keine empirisch gesicherten Antworten, aber ich vermute, dass es etwas mit der Relativitätstheorie zu tun haben muss. Das Leben eines Arztes verläuft mit einer so großen Beschleunigung, dass die Zeit im Arztzimmer langsamer vergeht als im Wartezimmer. Wenn es im Arztzimmer 10.00 Uhr ist, ist es im Wartezimmer schon 11.00 Uhr. Dort befindet sich ja alles im absoluten Ruhezustand.

Vielleicht hängt die Antwort auf diese große Frage aber auch mit der Chaostheorie zusammen. Zumindest im Klinikum Großhadern in München. Dort war ich gestern mit einem Klienten. Diese Klinik befindet sich von ihrer Organisationsstruktur her sehr nah am Urzustand der Materie (“Alles war wüst und wirr.”).  Da lösen sich Zeit und Raum auf. Ob 10 Uhr oder 11 Uhr: Wo es keine Ordnung gibt, spielen solche Details auch keine Rolle.

Wer weiß. Vielleicht ist die Antwort aber auch ganz banal. Vielleicht ist es einfach so, dass jemand, sobald er einen weißen Kittel anzieht, völlig das Interesse für anders gekleidete Menschen verliert und seinen Kittel für den Mittelpunkt des Universums hält.

The answer, my friend, is blowing in the wind …

Meteorologie und Betreuung

Meteorologie und Betreuung – was hat das jetzt miteinander zu tun?

Dieser Tage sehr viel. Ein Winter, der niemals zu enden scheint, Regen und Trostlosigkeit seit Monaten – da wird nicht nur der Betreuer depressiv. Im Laufe der letzten acht Tage kamen vier Betreute von mir ins Krankenhaus, mit psychischen und somatischen Beschwerden. Und bei meinen Kollegen ringsherum ist es genauso. Alles spinnt und stirbt. Ganz sicher kein Zufall, dass sich das gerade jetzt so häuft.

Man sehnt sich nach dem Frühling. Schon allein um seiner Klienten willen.

Manchmal hat eben auch der Wetterbericht eine betreuungsrechtliche Relevanz.