Fragt man einen beruflichen Betreuer nach seinen Erfahrungen mit Angehörigen von Betreuten, wird man in der Regel einen langen Seufzer als Antwort erhalten.
Okay, natürlich sind viele der Eltern, Kinder und Geschwister unserer Klienten völlig in Ordnung, beziehungsweise sind uns sogar eine große Unterstützung in der Hilfe für “unsere Leute”. Genau so hatte ich das auch erwartet, als ich in diesem wunderbaren Beruf angefangen hatte. Was ich nicht erwartet hatte, war, wieviel Neid, Hass, Hinterfotzigkeit, Habgier und schlichte Blödheit in deutschen Familien verbreitet ist.
Den härtesten Fall erlebte ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit: Frau Lehmann, Bewohnerin eines Pflegeheims, kaum ansprechbar, über eine Magensonde ernährt. Der Sohn hatte eine Generalvollmacht, war aber zu blöd zu allem (na ja, zu fast allem, wie ich dann bald merkte), weshalb ich zum Betreuer bestellt wurde.
Frau Lehmann war privat versichert. Der Sohn hatte die Rechnungen für die Sondennahrung bei der Krankenkasse eingereicht. Die Kasse hatte das Geld auf das Konto des Sohnes überwiesen. Der Sohn bezahlte aber nicht die Rechnungen, sondern verabschiedete sich mit dem Geld zu einem mehrmonatigen Urlaub auf die Malediven.
Der Lieferant der Sondennahrung stellte die Lieferung ein, als die Zahlungsrückstände einige tausend DM erreicht hatten (was bei Sondennahrung relativ schnell geschieht). Frau Lehmann wäre verhungert, wenn nicht das Heim die weitere Sondennahrung aus dem eigenen Budget bezahlt hätte. Der Sohn war währenddessen auf den Malediven natürlich nicht zu erreichen.
Oder die Familie Waldmann. Vater Ende siebzig, schwer dement, zwei Söhne. Der Ältere ist Berufssoldat wie sein Vater, diszipliniert, erfolgreich. Der Jüngere ist Möchtegern-Musiker ohne Engagement und Einkommen. Der eine hat ein eigenes Haus 800 km vom Vater entfernt, der andere lebt beim Vater und von Ausreden.
Zwischen den Söhnen tobt ein Krieg bis aufs Blut um die Zuneigung des Vaters. Eindeutiger Sieger Weiterlesen →