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Zuschauen können

Zwei Fälle, ein Thema.

Fall A: Einer meiner liebsten Klienten, über den ich hier schon öfter berichtet habe. Er leidet am Messie-Syndrom in einem rekordverdächtigen Ausmaß. Seine Wohnung ist so vollgestopft, dass er sie nicht mehr betreten kann. Er verbringt die Nacht auf einem Stuhl sitzend im Keller. Als Folge davon hat er immer wieder Wassereinlagerungen in den Beinen. Auch sonst ist seine Gesundheit mittlerweile recht angeschlagen, u.a. weil er verdorbene Lebensmittel isst, die er aus dem Abfall von Supermärkten und Fastfood-Restaurants fischt.

Alle aus seinem Umfeld (Vermieter, Stadt, Arbeitgeber, Pflegedienst, Sozialarbeiter) stürmen auf mich ein, ich soll doch was tun. Auf meine Nachfrage, was denn genau, kommen als Antwort entweder ein Schulterzucken nach längerem Schweigen oder irgendwelche illegalen Vorschläge.

Vor zwei Jahren trafen sich alle, die mit dem Klienten zu tun haben, zu einer Hilfeplankonferenz. Es waren immerhin rund ein dutzend Personen. Ergebnis der Beratung nach über einer Stunde: Wir können nichts tun. Nur zuschauen.

Fall B, aus meinem privaten Umkreis: Ein Mann leidet an einer Krankheit, die in 100 % der Fälle tödlich verläuft. Es gibt keine Therapie. Wegen akuter Beschwerden kommt er ins Krankenhaus. Die Ärzte sagen, dass sie nichts machen können. Sie machen aber trotzdem was. Eine Untersuchung nach der anderen, u.a. eine Herzkatheter-Untersuchung. Und sie geben Medikamente, jede Menge. Und sagen dann, dass sie eigentlich nichts tun können. Aber einfach nur zuschauen können sie auch nicht.

Das ist eine Kunst, die man unbedingt beherrschen muss, wenn man in einem helfenden Beruf tätig ist: Zuschauen können. Respektieren, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht ändern kann. Und dann dennoch nicht wegsehen, sondern das Leid mitfühlend begleiten, ohne in sinn- und hilflosen Aktionismus zu verfallen. Aus Respekt vor dem Menschen, der einen anderen Lebensentwurf lebt, auch wenn man den nicht im geringsten nachvollziehen kann. Aus Respekt vor einem sterbenden Menschen, um ihm einen gelingenden Abschied aus dem Leben zu ermöglichen. Und aus der Einsicht, dass ich nicht allmächtig bin und meine Hilfe ein Ende hat.

Da klappt einem die Kinnlade runter

Letztens hat mich ein Klient gebeten, bei einer Wohnungsabnahme dabei zu sein. Er könne das zwar auch allein, aber er hätte Angst. Zurecht. Aufgrund einer psychischen Erkrankung des Klienten war dessen Wohnung komplett vermüllt. Die Kaution war schon für frühere Reparaturen aufgebraucht worden. Zudem hatte mein Klient einen Wasserschaden verursacht, der sich vom zweiten Stock der Wohnanlage bis in den Keller verbreitete. Der Klient bezog Hartz IV, konnte also keine Renovierungen und keine Schadensbehebung bezahlen. Er hatte zugesagt, zusammen mit Verwandten wenigstens die Wohnung leerzuräumen, hatte das jedoch wegen seiner Erkrankung nicht geschafft.

Wir fuhren also zur Wohnungsabnahme. Es erwarteten uns der Vermieter, der Hausverwalter und ein Vertreter des Eigentümerbeirats. Wir betraten die Wohnung, kamen allerdings nur bis zum Flur, weil das Wohnzimmer so mit Müll zugestellt war, dass sich die Tür nur wenig öffnen ließ.

Mein Klient setzte zu einer Verteidigungsrede an. Der Hausverwalter unterbrach ihn: “Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Niemand lebt freiwillig so, wie Sie gelebt haben. Es gibt halt solche Erkrankungen, die solche Folgen haben. Das verstehen wir schon.”

Der Vertreter der Eigentümer sagte: “Wir freuen uns für Sie, dass Sie sich jetzt aus diesem Zustand befreien konnten und dass Sie Ihre Defizite angehen. Blicken wir nicht mehr zurück, sondern schauen wir, wie wir die Wohnung hier wieder in enen bewohnbaren Zustand bringen.”

Worauf mein Klient sich wieder für den Zustand der Wohnung entschuldigte und auch dafür, dass er nichts zur Renovierung beitragen könne.

“Das ist schon in Ordnung”, meinte der Hausverwalter, “da kümmern wir uns jetzt drum. Belasten Sie sich nicht mehr damit, sondern freuen Sie sich auf Ihr neues Leben!”

Und sogar der Vermieter nickte dazu, wenn auch nicht sehr enthusiastisch. Aber auch von ihm kam kein Vorwurf.

Da klappt sogar einem altgedienten Betreuer die Kinnlade runter.

Ein Mann packt aus

Gestern habe ich einen Klienten zum Gericht begleitet. Nichts Schlimmes. Es ging nur um die Anhörung zur Betreuungsverlängerung. Mein Klient hat ein sehr ausgeprägtes Messie-Syndrom. Als wir aus dem Auto aussteigen, weise ich ihn darauf hin, dass an bayerischen Gerichten seit Kurzem strenge Einlasskontrollen durchgeführt werden. “Gut dass Sie das sagen”, meint er, greift in seine beiden Hosentaschen und packt aus: 2 große Haushaltsscheren, 8 Batterien, 3 Taschen-messer, 2 große Schraubenzieher, 3 Notizhefte.

Wir gehen ins Gericht. Mein Klient wird an der Sicherheitsschleuse aufgefordert, seine Hosentaschen auszuleeren. Dieselben, die er gerade in mein Auto entleert hat. Mein Klient greift in seine beiden Hosentaschen und packt aus: 1 mit Zetteln prall gefüllten Geldbeutel, 1 üppig bestückten Schlüsselbund und 1 Zange, die ihm sofort abgenommen wird.

Seine Hose muss einen stabilen Stoff haben.

Genügsamkeit

Gespräch in einer Behindertenwerkstätte mit meinem Lieblings-Messie und der zuständigen Sozialarbeiterin. Mein Klient, Herr Braun, soll zum Arzt. Er sagt, er kann nicht, weil er kein Geld für die Praxisgebühr habe. Ich: “Dann heben Sie halt eins ab.” Er: “Geht nicht, meine Karte ist gesperrt.” Ich: “Seit wann?” Er: “Seit Dezember.” – Wir haben jetzt Juni.

Zur Erklärung: Herr Braun hat ein Sparkonto, von dem er mit Karte Geld abheben kann. Ich bekomme von diesem Konto nur zweimal im Jahr einen Auszug. Unpraktisch, aber macht die Bank nicht anders. Herr Braun ist ein sehr, sehr genügsamer Mensch, der auch mit Klagen über seinen körperlichen und finanziellen Zustand extrem zurückhaltend ist. Man muss schon sehr eindringlich fragen, um z.B. zu erfahren, dass er schon seit Monaten heftige Schmerzen in den Beinen hat.

Herr Braun hat also schon seit sechs Monaten kein Geld mehr abgehoben und somit auch keins verbraucht. Und er findet diesen Zustand als so wenig schlimm, dass er kein Wort darüber verliert.

Und wovon hat Herr Braun in diesem halben Jahr gelebt? – Vom Mittagessen, das es in der Werkstatt gibt. Von den Resten dieser Essen, die ihm Kollegen zuschieben. Von dem, was er in den Abfalleimern von McDonald’s findet, der auf seinem Heimweg von der Arbeit liegt. Und vermutlich von dem, was er in den Abfallcontainern der Supermärkte findet.

Es geht auch ohne Geld. Wenn man genügsam ist. Sehr genügsam.

Eigene Maßstäbe

Letzte Woche erlebte ich wieder zwei extreme Beispiele dafür, nach welchen unterschiedlichen Maßstäben Menschen leben, und wie dies zu Konflikten zwischen den Maßstäben führt.

Um 9.00 Uhr Gespräch mit Herrn Braun. Er ist Messie und hat wenig Interesse an seinem körperlichen Wohlergehen. Er arbeitet in einer Födereinrichtung für Behinderte. Wenn er die Arbeitsstelle im Erdgeschoß betritt, erfährt die Sozialarbeiterin eine Viertelstunde später davon, wenn sich seine Körperausdünstungen bis zu ihrem Büro verbreitet haben. Das Büro ist im zweiten Stock.

Es gab ein Krisengespräch mit Herrn Braun und der Sozialarbeiterin, weil sich seine Kollegen weigerten, sich weiter im selben Raum wie er aufzuhalten. Unter anderem wurde das Thema Wäschewaschen angesprochen, dass dies mal wieder dringend nötig sei. Verständnislose Antwort von Herrn Braun: “Wieso, ich habe meine Wäsche doch heuer schon mal gewaschen.”

Danach zu Herrn Weiß. Er lebt in einem Heim für psychisch Kranke. Sein Leiden: völlige Antriebslosigkeit. Auch in puncto Körperhygiene: keinerlei Antrieb. Neulich konnte er bei einem Ausflug nicht mitfahren, weil seine Mitbewohner ihn nicht in den Bus ließen wegen des Geruchs.

Auch hier Gespräch mit dem Betreuten und der Sozialarbeiterin. Unter anderem diskutierten wir, wann Herr Weiß sich wieder duschen würde. Zur Diskussion standen Januar oder Februar. Schließlich konnten wir Herrn Weiß für Dezember überzeugen, “weil doch Weihnachten ist”.

So lebt jeder seine Maßstäbe und seine Konflikte.

Leben extrem

Ich war letzte Woche wieder bei meinem Lieblings-Messie. Ich habe ja schon öfter über ihn berichtet. Er fasziniert mich wegen seines extremen Lebens. Eigentlich tut er mir leid. Das Leben, das er führt, ist erbärmlich. Seine Ein-Zimmer-Wohnung ist buchstäblich bis unter die Decke vollgestellt. Die Wohnung kann er nur noch unter akrobatischen Verrenkungen betreten, weil die Tür nur noch einen Spalt aufgeht. Er ist mittlerweile durch seine Lebensweise körperlich krank geworden. Sein Leben besteht nur aus Sammeln und Horten, für soziale Beziehungen hat er keine Zeit und keine Energien.

Letzte Woche saß er im (vollgestellten) Kellerabteil auf einem Stuhl. Dieser Stuhl plus ein halber Quadratmeter freie Bodenfläche für die Füße ist der einzige Platz in seiner gesamten Wohnung, an dem er sich noch dauerhaft aufhalten kann. Auf diesem Stuhl verbringt er seine sammelfreie Zeit und die Nacht.

Und dann wundern sich alle, warum er in der Arbeit im Stehen einschläft.

Erschreckend, aber auch faszinierend, wie extrem Menschen leben können.

Reich und arm – alles relativ

Man lernt als Betreuer ja die unterschiedlichsten Lebensentwürfe kennen. Das ist eine der spannenden und interessanten Seiten dieses Berufes. Was mich dabei immer wieder fasziniert, ist der extrem unterschiedliche Umgang der Menschen mit Geld und ihr Verhältnis zu ihrem Besitz.

Da gibt es das 60jährige Muttersöhnchen, das erst vor kurzem bei seiner Mutter ausgezogen ist – notgedrungen, weil die Mama ins Heim musste. Der Mann hat nie gelernt, selbstständig zu leben. Folglich kann er auch nicht mit Geld umgehen. Er hat nach Abzug aller festen Ausgaben pro Woche 140 Euro zur Verfügung für Essen, Kleidung und persönliches Vergnügen. Das ist mehr als ich für mich selbst habe, wenn man unser Familieneinkommen durch vier teilt. Und ich kann mir alles leisten, was ich brauche.

Mein Klient hebt am Montag die 140 Euro ab, spätestens am Mittwoch ruft er mich an, weil er dringend Nachschub braucht. Und wenn ein Monat fünf Montage hat statt vier, wird’s kritisch.

Und dann gibt es den extrem bescheidenen Bewohner einer psychotherapeutischen Einrichtung, der knapp 100 Euro pro Monat Barbetrag bekommt, zusätzlich zur Verpflegung im Heim und zum Kleidergeld von der Sozialhilfe. Also 100 Euro nur fürs persönliche Vergnügen, für Zuzahlungen und solche Dinge. Davon hat er im ersten Jahr in der Einrichtung exakt 0,00 Euro ausgegeben. “Ich brauche nichts”, ist seine Standard-Antwort.

Oder mein Lieblings-Messie. Der bekommt das Mittagessen in der Arbeitsstelle. Für alles andere braucht er 50 Euro im Monat. Er ernährt sich von Abfällen des nahegelegenen McDonald’s und von dem, was ihm Arbeitskollegen schenken. Kleidung hat er noch nie gekauft, Hobbies hat er keine, außer seinem Messie-Dasein. Wäsche waschen tut er bei seinem Bruder, um Wasser und Strom zu sparen. Geduscht wird in der Arbeit.

Tragisch dabei ist, dass ihn dieser Sparwahn mehr Geld kostet als ein “normales” Leben. Er muss für die Betreuung zahlen, er muss den Pflegedienst bezahlen, den er jetzt benötigt, weil er durch sein karges Leben krank geworden ist. Und er muss die jährlichen Entmüllungsaktionen zahlen, weil er in seiner Angst vor Verarmung ständig Zeug sammelt, so dass die Wohnung schon voll ist und er regelmäßig alles vor seiner Wohnung auf städtischem Grund abstellt. In seine Wohnung kann ihm keiner dreinreden, aber was auf dem Grund und Boden der Stadt steht, darf diese entsorgen.

Also: Würde er weniger sparen, hätte er mehr Geld. Wirklich tragisch.

Aber hochinteressant, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben leben.

Betreuer und Vermieter – natürliche Feinde?

Diese Woche kam wieder mal ein Fax von einer Hausverwaltung. Eine meiner Klientinnen würde sich ungebührlich benehmen.

Eine der vielen Routinen im Leben eines Betreuers. Vermieter und Hausverwaltungen gegen Betreuer: Das ist ein von Natur aus konfliktträchtiges Verhältnis.

Es ist ja gerade die Aufgabe eines Betreuers, sich um Menschen mit Problemen zu kümmern. Diese Menschen haben nicht nur mit sich selbst (oder in sich selbst) Probleme, sondern bereiten auch den Menschen um sich herum Schwierigkeiten.  Und da trifft es dann meistens als erste die Nachbarn und die Eigentümer der Wohnung, in der die Klienten wohnen. Welche sich logischerweise dann an den Betreuer wenden.

Ein paar Beispiele für dieses Spannungsfeld:

- Der klassische Messie, der die Wohnung und oft die nähere Umgebung unbewohnbar macht. (Unbewohnbar für alle außer ihn.)

- Der klassische Alkoholiker, der die Miete lieber versäuft anstatt sie dem Vermieter zu geben.

- Der klassische Psychotiker, der sich jede Nacht unter lautem Gebrüll und mit Faustschlägen in Wände und Decke gegen Dämonen und den KGB verteidigt. Die Decke ist dann mit Löchern übersät; die Faust ist unverletzt.

- (Mein aktuellster Fall – siehe das oben erwähnte Fax:) Eine Klientin hat Michael Jackson geheiratet, der im Nachbarblock gefangen gehalten wird. Sie steht vor dem Fenster dieser Wohnung, redet mit ihrem geliebten Gatten und wirft Steine ans Fenster, Tag und Nacht. Der real existierende Bewohner dieser Wohnung ist hoch erfreut.

Und so rufen dann Vermieter, Hausverwaltung und Nachbarn an und sagen: “Machen Sie mal was!”

Tja. Würde ich ja, wenn man mich ließe. Okay, Mietschulden regulieren ist noch relativ einfach. Da brauche ich den Klienten nicht dazu. Für alle anderen Fälle lautet der Lösungsvorschlag der Mit-Leidenden: “Bringen Sie Ihren Klienten halt in die Klapse, und alles wird gut!” – Wenn es denn so einfach wäre!

Es ist einfach, wenn der Klient einsichtig ist und sich freiwillig einer Behandlung unterzieht. Kommt auch vor. So oft wie ein Sieg von Hertha BSC Berlin. Für alle anderen Fälle gilt die gesetzliche Vorgabe: Einweisung gegen den Willen des Betroffenen nur bei akuter Fremdgefährdung (dann nach Unterbringungsgesetz) oder Eigengefährdung (dann nach Betreuungsrecht).

Was dabei schwer zu vermitteln ist: Belästigung ist keine Gefährdung. Wer rumbrüllt, gefährdet niemanden. Und wer seine Wohnung vermüllt, erzeugt erst eine Gefährdung, wenn sich der Müll von allein bewegt. Auf gut Deutsch: Wenn Ihr Nachbar Sie nachts um drei aus dem Schlaf brüllt, können Sie den Nachbarn anzeigen und am Morgen dessen Betreuer anrufen und ihn beschimpfen. Am Ganzen etwas ändern können Sie nicht. Und der Betreuer auch nicht. Er kann nur auf den Klienten einreden und hoffen, dass irgendwann irgendwas bei ihm ankommt.

So wie bei der Frau von Michael Jackson: Die habe ich nach drei Wochen Zureden gestern dazu gebracht, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. War wie vorgezogene Weihnachten für die Nachbarn, die Hausverwaltung und mich. Und auch für Frau Jackson. Ich hoffe, sie merkt es auch irgendwann mal.

Dreck

Ein Erlebnis meiner Kollegin vor einiger Zeit: Sie hatte einen Gesprächstermin mit einer Frau, für die sie zur Betreuerin bestellt werden sollte. Mit dabei jemand von der Betreuungsstelle und der neue Leiter des Sozialamtes, dem die Betreuungsstelle untergeordnet ist. Dieser neue Leiter wollte den Alltag seiner Mitarbeiter praktisch kennenlernen.

Die Frau öffnete die Tür. Ihre Wohnung war … nun ja, extrem ungepflegt. Meine Kollegin ging ungerührt hinein. Der neue Leiter des Sozialamtes folgte ihr, drehte schnell wieder um, rannte hinaus und kotzte.

Womit wir bei einem wesentlichen Charakter-Unterschied  zwischen Betreuern und normalen Menschen sind: Betreuer sind dreckresistent.

Das müssen sie auch sein. Wer es nicht ist, macht es nicht lange. Denn viele unserer Klienten (viele, nicht alle!) haben ein sehr spezielles Verhältnis zu Hygiene und Sauberkeit. Das ist meistens krankheitsbedingt, entweder ein Symptom der Krankheit selbst wie bei den meisten Messies, oder eine Folge der Erkrankung. Wer in Depressionen versinkt, dem ist sein Umfeld wurscht. Und wer den ganzen Tag mit seinen Wahnbildern beschäftigt ist, hat einfach keine Energien mehr übrig für Ordnung und Reinlichkeit.  Dass Demenzkranke den Überblick auch über ihre hygienische Situation verlieren, liegt auf der Hand. Und mit permanent drei Promille im Blut kann man sich nur schwer aufs Saubermachen konzentrieren.

Oft ist das Leben im Dreck auch sozial bedingt. Die Eltern haben sich schon nie gewaschen, die Großeltern auch nicht, warum soll man dann in der dritten Generation damit anfangen?

Ein paar Beispiele, wie Menschen leben: (Achtung: Wenn Sie einen empfindlichen Magen haben, lesen Sie jetzt bitte nicht weiter!)

Ein Klient eines Kollegen von mir lebt in einem Wohnblock, dritter Stock, Einzimmerwohnung. Dort schlachtete er Hasen, nahm sie dort auch aus und lagerte sie. Die Nachbarn konnten die Fenster nicht mehr öffnen, weil sonst das Ungeziefer reinkrabbelte und -flog. Mein Kollege betrat die Wohnung nur mit Atemschutz.

Meine allererste Betreuung war für eine ältere Dame, die sich zu Tode trinken wollte, was ihr fast gelang. Als ich die Betreuung übernahm, war sie seit zwei Monaten im Heim. Die Wohnung hatte folglich seit zwei Monaten niemand mehr betreten und gelüftet. Ich war dann der erste. Die Wohnung war so mit Müll bedeckt, dass der Fußboden nicht mehr zu sehen war. In der Küche stand das verbrannte Essen in der Pfanne noch auf dem Herd, in der Kloschüssel lag die Scheiße. Als man die Wohnung nach der Räumung renovierte, musste man die Wände viermal streichen, bis der Geruch weg war.

Eine Klientin, die stark übergewichtig und an Multipler Sklerose erkrankt war, konnte sich nur noch entsprechend schwerfällig fortbewegen. Außerdem litt sie an Stuhl-Inkontinenz, weigerte sich aber, Windeln zu tragen. Meistens trug sie nicht mal Unterwäsche. Die Treppe rutschte sie immer auf dem Hintern hinunter. Die bevorzugten Wege auf der Treppe waren deutlich zu erkennen.

Eine Klientin litt an einem Sauberkeitswahn. Deshalb war sie immer extrem verschmutzt. Paradox. Erklärung: Sie hatte u.a. panische Angst vor Toiletten, auf denen schon jemand gesessen hatte. Deswegen machte sie lieber in die Hose oder ins Bett. Einmal war sie vier Wochen verschwunden. Als sie wieder auftauchte fuhr ich zu einem Gespräch zu ihr. Sie hatte vier Wochen lang in ihre Hose gemacht. Die Hose hatte sie nicht gewechselt. Ich führte das Gespräch im Freien, mit drei Meter Abstand und dem Wind in meinem Rücken. Trotzdem konnte ich nur sehr flach atmen.

Ein Klient meiner Kollegin pinkelt mit Vorliebe auf den Fußabstreifer vor der Wohnung.

Ein demenzkranker  Klient benutzte zum Kaffeekochen als Filter einen gebrauchten Putzlumpen.

Undsoweiter. Nur einige besonders markante Vorkommnisse, aber nichts Außergewöhnliches.

Manchmal wundert es mich immer noch, in welchen Umständen Menschen leben können. Aber meistens nehme ich es nicht mehr zur Kenntnis. Man gewöhnt sich dran. So wie die, die darin leben. Darum leben sie auch so.

Alltag

Bisher habe ich hier nur über Grundsätzliches und Außergewöhnliches berichtet. Ich denke mir aber, dass wer auf diesen Blog kommt, auch wissen möchte, wie ein ganz normaler Arbeitstag eines beruflichen Betreuers aussieht.

Nun denn. Nehmen wir den Montag, 15.12.2008:

Mitten in der Nacht um 8.00 Uhr Fahrt in die Nachbarstadt. (Dieser frühe Arbeitsbeginn ist jetzt nicht Alltag bei mir. Wofür ist man denn selbstständig!) Dort zu Herrn Bergmann, meinem Lieblings-Messie (s. Schicksale). Der muss ins örtliche Krankenhaus, weil er morgen an einem Leistenbruch operiert wird.

Diese Begleitung gehört nicht unbedingt zu den Kernaufgaben eines Betreuers. Aber Herr Bergmann würde sich von allein nie aufraffen, rechtzeitig zur OP im Krankenhaus zu sein. Ich müsste jede Menge telefonieren, faxen und organisieren, damit das hinhauen würde. Da mache ich lieber alles gleich selber, das dauert genauso lang und funktioniert besser. Und wenn es nicht funktioniert, kann ich den Schuldigen wenigstens hemmungslos beschimpfen.

Herr Bergmann ist sogar fast fertig, als ich komme. Erstaunlich. Sonst muss er immer noch seinen reichlich vorhandenen Besitz sortieren. Normales Messie-Verhalten. Aber: Die Einweisung des Hausarztes fürs Krankenhaus ist nicht da. Herr Bergmann war zwar beim Arzt, aber der Arzt will das Formular nur mir selber geben.

Also schnell zum Arzt, Formular holen, zurück zu Herrn Bergmann. Der ist immer noch fast fertig. Nach zehn Minuten ist er ganz fertig und geht zu meinem Auto. Ich gehe voraus um aufzusperren. Als ich mich umdrehe, ist Herr Bergmann verschwunden. Sachen sortieren.

Dennoch sind wir pünktlich um 9.00 Uhr im Krankenhaus. Ich begleite Herrn Bergmann durch die Aufnahmeprozedur, regle die Zuzahlung, überzeuge die Ärzte und Schwestern, dass Herr Bergmann zwar unter Betreuung steht, aber nicht blöd ist und deshalb in die Behandlung selber einwilligen kann. Um 10.15 Uhr hat Herr Bergmann ein Bett und ich fahre ins Büro.

Dort sortiere ich die Post des Wochenendes und von heute. Meine Kollegin ist wieder mal klare Siegerin mit 12:8 Briefen. Schön für mich ;-) Ich lese die Briefe, lese die Mails, werfe die unangeforderten Werbefaxe weg, kontrolliere ob Vergütungen eingegangen sind, gieße die Blumen und mache mich an die Schreibtischarbeit.

Als erstes informiere ich die Sozialarbeiterin der Werkstätte, in der Herr Bergmann arbeitet. Dann folgen mehrere Briefe, darunter die Kündigung einer Mitgliedschaft eines Betreuten beim TSV 1860 München. Ich schreibe ein P.S. dazu: “Diese Kündigung zu schreiben schmerzt mich als alten 60er sehr, aber ich muss den Wünschen meiner Betreuten folgen.”

Dann Mittagspause im Kreise der Familie. Dann wieder Briefe, Telefonate und Faxe: Eine Änderung des Einkommens bei einem Betreuten ans Sozialamt weiterleiten, weil der Betreute ergänzende Grundsicherung bekommt; Weiterlesen