Zwei Fälle, ein Thema.
Fall A: Einer meiner liebsten Klienten, über den ich hier schon öfter berichtet habe. Er leidet am Messie-Syndrom in einem rekordverdächtigen Ausmaß. Seine Wohnung ist so vollgestopft, dass er sie nicht mehr betreten kann. Er verbringt die Nacht auf einem Stuhl sitzend im Keller. Als Folge davon hat er immer wieder Wassereinlagerungen in den Beinen. Auch sonst ist seine Gesundheit mittlerweile recht angeschlagen, u.a. weil er verdorbene Lebensmittel isst, die er aus dem Abfall von Supermärkten und Fastfood-Restaurants fischt.
Alle aus seinem Umfeld (Vermieter, Stadt, Arbeitgeber, Pflegedienst, Sozialarbeiter) stürmen auf mich ein, ich soll doch was tun. Auf meine Nachfrage, was denn genau, kommen als Antwort entweder ein Schulterzucken nach längerem Schweigen oder irgendwelche illegalen Vorschläge.
Vor zwei Jahren trafen sich alle, die mit dem Klienten zu tun haben, zu einer Hilfeplankonferenz. Es waren immerhin rund ein dutzend Personen. Ergebnis der Beratung nach über einer Stunde: Wir können nichts tun. Nur zuschauen.
Fall B, aus meinem privaten Umkreis: Ein Mann leidet an einer Krankheit, die in 100 % der Fälle tödlich verläuft. Es gibt keine Therapie. Wegen akuter Beschwerden kommt er ins Krankenhaus. Die Ärzte sagen, dass sie nichts machen können. Sie machen aber trotzdem was. Eine Untersuchung nach der anderen, u.a. eine Herzkatheter-Untersuchung. Und sie geben Medikamente, jede Menge. Und sagen dann, dass sie eigentlich nichts tun können. Aber einfach nur zuschauen können sie auch nicht.
Das ist eine Kunst, die man unbedingt beherrschen muss, wenn man in einem helfenden Beruf tätig ist: Zuschauen können. Respektieren, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht ändern kann. Und dann dennoch nicht wegsehen, sondern das Leid mitfühlend begleiten, ohne in sinn- und hilflosen Aktionismus zu verfallen. Aus Respekt vor dem Menschen, der einen anderen Lebensentwurf lebt, auch wenn man den nicht im geringsten nachvollziehen kann. Aus Respekt vor einem sterbenden Menschen, um ihm einen gelingenden Abschied aus dem Leben zu ermöglichen. Und aus der Einsicht, dass ich nicht allmächtig bin und meine Hilfe ein Ende hat.