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Die Parallelwelten des Betreuers

Neulich wurde mir wieder deutlich, dass man als beruflicher Betreuer in einer Parallelwelt arbeitet, die mit der bürgerlichen Welt des deutschen Durchschnittsbürgers wenig zu tun hat. Oder genauer gesagt: Der Betreuer bewegt sich zwischen mehreren Welten hin und her, die außer durch ihn nur durch einige andere Sozialfuzzis und Bürokraten verbunden sind.

Ich saß mit mehreren Damen mittleren Alters aus dem Eigenheim-mit-800-Quadratmeter-Garten-Milieu zusammen. Das Gespräch kam auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Die Damen waren einhellig der Meinung, dass “so was” außerhalb ihrer Vorstellung liegt und dass sie es sich überhaupt nicht ausdenken können, wie man “so was” überhaupt machen kann. “Ich will da gar nicht drüber nachdenken”, war das Schlusswort von einer Beteiligten.

Ich schwieg. Ich hätte erzählen können, dass das Thema sexueller Missbrauch zu meinem beruflichen Alltag gehört. Dass fast alle meine suchtkranken Klientinnen Missbrauchsopfer sind; dass viele der psychischen Erkrankungen bei Frauen und Männern Traumata nach Missbrauch und Vergewaltigung sind; dass ich Betreuer für einen Täter bin, der seine Töchter vergewaltigt hat und das immer noch ganz normal findet; dass in der untersten Unterschicht Missbrauch zum alltäglichen Umgangston gehört. (Letzteres zu sagen ist zwar politisch unkorrekt, aber trotzdem wahr.)

Und ich hätte erzählen können, dass ich an einem Tag mit einem solchen psychisch kaputten Missbrauchsopfer zusammen bin, um dann eine Stunde später bei der dementen Millionärin im Bonzen-Alterssitz mit eigenem Schwimmbad, Theater, Pförtner und ärztlichem Bereitschaftsdienst zu sein. Und abends komme ich heim in meine heile Untere-Mittelklasse-Familienwelt.

Aber das alles erzählte ich den Damen nicht. Ich wollte ihnen ihre eigene heile Welt lassen. Ich bin ja nicht gemein.

Schicksale

Was mich immer wieder berührt, sind die Lebensgeschichten der Menschen, für die ich da bin. Was sie durchgemacht haben, wie sie leben, wie sie überleben – wenn man es nicht selbst miterlebt, kann man es sich nicht vorstellen.

Zum Beispiel einer meiner liebsten Klienten: Herr Bergmann, ein Mann im mittleren Alter mit dem ausgeprägtesten Messie-Syndrom, das ich je gesehen habe. Ein “Messie” ist jemand, der alles sammeln muss und nichts wegwerfen kann. Das führt zwangsläufig zu Wohnungen, die Nicht-Messies als “vermüllt” bezeichnen. Bei “meinem” Messie geht das so weit, dass seine Ein-Zimmer-Wohnung in einer Notunterkunft komplett voll ist und er an guten Tagen auf einer Matratze schläft, die auf seinen Habseligkeiten drauf liegt. An schlechten Tagen schläft er im Freien oder in der Gemeinschaftsdusche. Das Umfeld um seine Wohnung herum ist ebenfalls vollgestellt, genauso wie die drei Gemeinschaftsklos. Einmal im Jahr lässt die Stadt das Umfeld und die Klos räumen. Als wir beim letzten Mal auf die Arbeiter des Bauhofs warteten, verbrachte Herr Bergmann die Wartezeit damit, in den Mülltonnen der anderen Bewohner zu kramen und den Inhalt in seine Wohnung zu bringen. Als ich vorgestern mit ihm zum Arzt fuhr, nahm er sieben Plastiktüten mit seinem Besitz mit. Das macht er immer, wenn er irgendwo hin geht, z.B. in die Arbeit. Das Zeug könnte ja sonst gestohlen werden, sagt er.

Am meisten gehen mir die Schicksale der Frauen (und Männer) nahe, die missbraucht wurden. Dass es so viele sind, hätte ich mir nie vorstellen können. Fast alle meine Klientinnen, die drogen- oder alkoholabhängig sind, sind durch sexuellen Missbrauch da hingekommen. Von den psychischen Folgen ganz zu schweigen.

Und dann habe ich einen Klienten, der im Knast saß, weil er seine beiden Töchter über Jahre hinweg missbraucht hat … Da braucht man viel Professionalität, um auch diesem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Ein anderes Schicksal: Ein Manager in einem Konzern, Weiterlesen

Die liebe Familie

Fragt man einen beruflichen Betreuer nach seinen Erfahrungen mit Angehörigen von Betreuten, wird man in der Regel einen langen Seufzer als Antwort erhalten.

Okay, natürlich sind viele der Eltern, Kinder und Geschwister unserer Klienten völlig in Ordnung, beziehungsweise sind uns sogar eine große Unterstützung in der Hilfe für “unsere Leute”. Genau so hatte ich das auch erwartet, als ich in diesem wunderbaren Beruf angefangen hatte. Was ich nicht erwartet hatte, war, wieviel Neid, Hass, Hinterfotzigkeit, Habgier und schlichte Blödheit in deutschen Familien verbreitet ist.

Den härtesten Fall erlebte ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit: Frau Lehmann, Bewohnerin eines Pflegeheims, kaum ansprechbar, über eine Magensonde ernährt. Der Sohn hatte eine Generalvollmacht, war aber zu blöd zu allem (na ja, zu fast allem, wie ich dann bald merkte), weshalb ich zum Betreuer bestellt wurde.

Frau Lehmann war privat versichert. Der Sohn hatte die Rechnungen für die Sondennahrung bei der Krankenkasse eingereicht. Die Kasse hatte das Geld auf das Konto des Sohnes überwiesen. Der Sohn bezahlte aber nicht die Rechnungen, sondern verabschiedete sich mit dem Geld zu einem mehrmonatigen Urlaub auf die Malediven.

Der Lieferant der Sondennahrung stellte die Lieferung ein, als die Zahlungsrückstände einige tausend DM erreicht hatten (was bei Sondennahrung relativ schnell geschieht). Frau Lehmann wäre verhungert, wenn nicht das Heim die weitere Sondennahrung aus dem eigenen Budget bezahlt hätte. Der Sohn war währenddessen auf den Malediven natürlich nicht zu erreichen.

Oder die Familie Waldmann. Vater Ende siebzig, schwer dement, zwei Söhne. Der Ältere ist Berufssoldat wie sein Vater, diszipliniert, erfolgreich. Der Jüngere ist Möchtegern-Musiker ohne Engagement und Einkommen. Der eine hat ein eigenes Haus 800 km vom Vater entfernt, der andere lebt beim Vater und von Ausreden.

Zwischen den Söhnen tobt ein Krieg bis aufs Blut um die Zuneigung des Vaters. Eindeutiger Sieger Weiterlesen