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Mahlzeit!

Das folgende Geschehen ist rein fiktiv. Darauf möchte ich ausdrücklich hinweisen.

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Der Betreuer sitzt mit seiner Familie beim Mittagessen. Zwischen zwei Bissen erzählt er: “Ich war heute bei einer Klientin, die war drei Wochen lang verschwunden. Ist in einer Ferienwohnung in der Nähe aufgetaucht. Die Klientin hat panische Angst vor fremden Klos. Deshalb hat sie die drei Wochen einfach alles ins Bett erledigt. Oder in die Hose, die einzige Hose, die sie dabei hatte. Ich habe mich zum Gespräch mit ihr auf der Straße getroffen, mit drei Meter Abstand. Und ich habe geschaut, dass der Wind von hinten kommt. Trotzdem konnte ich nur flach atmen.”

Die Frau des Betreuers, eine Altenpflegerin in einem ambulanten Pflegedienst, schiebt sich genussvoll eine Gabel Nudeln in den Mund und erzählt: “Bei mir war’s heute auch lustig. Einer meiner Patienten lag tot im Bett als ich kam. Ich hab dann den Arzt gerufen. Der hat gemeint, dass der Patient noch nicht lang tot sein kann, er wäre noch warm. Da hab ich gesagt, dass er wohl schon länger tot sein muss, weil er schon Leichenflecken hatte. Wir haben eine Weile gestritten, bis wir festgestellt haben, dass der Mann auf einer eingeschalteten Heizdecke lag.”

Ein zufällig anwesender Bekannter, ein Polizist, kaut genüsslich an einem Stück Fleisch und erzählt: “Wir waren heute bei einer Frau, die hatte geschätzt 150 Kilo. Die hatte seit Wochen das Bett nicht mehr verlassen. Auch nicht um aufs Klo zu gehen. Unter dem Bett war eine Urinlache, die durch die Matratze durchgesickert war.”

Die Tochter des Betreuers, eine Studentin, hat schon lang das Besteck weggelegt und sagt mit bleichem Gesicht: “Könnt ihr bitte mal aufhören über eure Berufe zu reden!”

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Wie gesagt, alles rein fiktiv. In Wirklichkeit haben Betreuer, Altenpfleger und Polizisten natürlich genügend Anstand, um unschuldige Mitmenschen mit den weniger erfreulichen Aspekten ihrer Arbeit zu verschonen. Sie würden so was zum Beispiel auch nie übers Internet verbreiten.

Metzgerfahrt

Kennen Sie den Ausdruck “Metzgerfahrt”? – Das ist eine Bezeichnung für eine erfolglose Unternehmung. Eine solche habe ich diese Woche unternommen.

Zusammen mit einem Klienten, Herrn Karl, bin ich in die nächstgelegene Großstadt gefahren. Dort war die Besichtigung einer ambulanten Einrichtung geplant, in der psychisch Kranke wie Herr Karl kurzzeitig zur Krisenbewältigung Aufnahme finden können. Herr Karl ist im Rentenalter, sehr korpulent und hat immer wieder Tage mit großer körperlicher Schwäche.

Einen solchen Tag hatte er dummerweise nun erwischt. Außerdem hatte er verschlafen und in Folge dessen kein Frühstück und vor allem keine Zigarette intus. Die Folge: Er kam mit Müh und Not noch aus der Tiefgarage heraus, in der ich geparkt hatte. Die 100 m bis zur Einrichtung waren nicht mehr zu schaffen. Zum Auto zurück packte er es auch nicht mehr. Mit dem Auto aus der Tiefgarage heraus und ihn wieder einladen ging auch nicht, da es auf der Straße keinerlei Parkmöglichkeit gab.

Scheiße. Ich verfluchte mich selber, weil ich nicht daran gedacht hatte, einen Rollstuhl mitzunehmen. Also lehne ich Herrn Karl gegen eine Wand und sprinte ich zur Einrichtung, um dort einen solchen zu organisieren. Dort gab’s aber keinen, und auch sonst war nichts auf körperlich eingeschränkte Menschen eingerichtet. Somit war nach fünf Minuten klar: Das Ganze ist eh nichts für Herrn Karl.

Ich sprinte zurück zu Herrn Karl. Der sitzt inzwischen am Boden, ein freundlicher Herr kümmert sich um ihn. Dieser ist sehr kompetent, genau das, was ich jetzt brauche. Denn irgendwie muss ich Herrn Karl ja wieder ins Auto bringen. Der freundliche Herr ist von Beruf Polizist und kennt sich bestens in der Stadt aus. Er geht zum nächstgelegenen Altersheim und kommt von dort mit einem Rollstuhl zurück. Wir rollen Herrn Karl ins Auto, der freundliche Herr bringt den Rollstuhl zurück.

Eine Metzgerfahrt auf ganzer Linie, dank eigener Dummheit und widriger Umstände. Aber wenigstens habe ich einen äußerst netten Menschen kennengelernt.

Recht und Ungerechtigkeit

Diese Woche stand einer meiner Klienten vor Gericht. Er hatte etwas gestohlen und dies auch ohne Umschweife vor der Polizei zugegeben. Er wurde freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen.

Denn bei dieser ersten Vernehmung, in der der Klient alles gestanden hatte, wurde er vom vernehmenden Kripobeamten nicht darauf hingewiesen, dass er auch schweigen dürfe und sich nicht selbst zu belasten brauche. Deshalb konnte diese Aussage und dieses Geständnis nicht vor Gericht verwendet werden. Der Richter musste also tun, als wüsste er nicht, dass mein Klient alles zugegeben hat. Andere Beweise als das Geständnis gab es nicht. Ergo: Freispruch.

Und was lernen wir daraus?

Um mit dem schönen Film “Burn after Reading” zu sprechen: Ich weiß es nicht. Aber wir sollten es nicht wiederholen.

Immer dasselbe

Es ist immer dasselbe mit der Polizei, wenn es um Betreuung geht. So auch vor ein paar Tagen. Da kam ein Anruf von der Kripo, weil einer meiner Klienten mal wieder was ausgefressen hatte.

Kripobeamter: Sie sind doch der Betreuer von Herrn Huber?

Betreuer: Ja.

Kripo: Der ist doch entmündigt, oder?

Betreuer: Entmündigung gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Kripo: Ich weiß. Was ich meine: Er hat doch eine Vormundschaft.

Betreuer: Vormundschaft gibt’s nur für Minderjährige. Herr Huber ist volljährig, da gibt’s dann die Betreuung.

Kripo. Ja, ja, schon klar. Ich meine, Sie haben doch die volle Betreuung für Herrn Huber?

Betreuer: Natürlich, nachdem es keine halben Betreuungen gibt.

Kripo: Nein, ich meinte ja auch, dass Sie auch für Behördenangelegenheiten oder Strafverfahren zuständig sind.

Betreuer: Ach so! Das meinen Sie!

Und dann beginnen wir allmählich über den Grund des Anrufs zu sprechen.

Es ist immer dasselbe.

Unterbringung

In den Top Ten der unangenehmen Aufgaben eines Betreuers liegt die Unterbringung ganz vorn. “Unterbringung” hört sich ja ganz nett und freundlich an. Aber sie bezeichnet einen der heftigsten Eingriffe in die Grundrechte eines Menschen: Den Entzug des Rechts, sich frei bewegen zu dürfen und selbst bestimmen zu dürfen, wo man wohnen und sich aufhalten möchte.

Das ist so ein schwerwiegender Eingriff in das Leben eines Menschen, dass ich (und jeder verantwortungsbewusste Betreuer) versuche, ihn zu vermeiden, wo es nur geht. Leider geht es nicht immer. Diese Woche war es wieder so weit.

Immerhin war es die erste Unterbringung einer meiner Klienten seit fast zwei Jahren. Diesmal aber dafür eine der verschärften Art. Denn es gibt ganz unterschiedliche Formen, wie eine Unterbringung zustande kommt.

Der für alle angenehmste Verlauf ist, wenn der Klient schon (bisher freiwillig) in der Klinik ist und irgendwann dann heim will, die Ärzte aber meinen, dass noch Behandlungsbedarf besteht. Da sperrt man die Türe zu und das war’s.

Am anderen Ende der Skala befindet sich die Unterbringung, bei der der Klient noch zu Hause ist, in die geschlossene Station eines Pflegeheimes muss (also für immer weggesperrt wird, nicht nur vorübergehend) und das partout nicht einsieht, weil sein geistiger Zustand halt so ist, und der sich mit Händen und Füßen gegen die Einlieferung wehrt.

In diesem Fall muss die Betreuungsstelle ran. Die holt dann die Polizei dazu und diese befördert den sich heftig wehrenden Menschen mit Gewalt und eventuell in Handschellen in den Sanka.

Genauso lief es diese Woche bei meinem Klienten. Ich will hier nicht die Gründe schildern, weshalb es so weit kam – das würde den Rahmen hier sprengen und würde mich in Konflikt bringen mit dem Persönlichkeitsschutz des Klienten.  Es war notwendig und unabwendbar, dass es so lief. Wirklich, ich habe mir in den Tagen davor und seither immer wieder andere Alternativen überlegt. Das Ergebnis war immer dasselbe: Es ging nicht mehr anders als auf diese Weise.

Leider beruhigt das Wissen, das einzig Richtige, weil Notwendige getan zu haben, nur teilweise das eigene Gewissen. Zum Glück hat man so eine gewaltsame Unterbringung nur extrem selten. Für mich war’s die erste seit sieben Jahre und erst die dritte überhaupt. Ich hätte nichts dagegen wenn ich jetzt bis zur Rente davon verschont bliebe.

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Nachsatz: Ich habe hier nichts über das Prozedere einer Unterbringung geschrieben. War nicht das Thema. Wer es genauer wissen will: Eine kurze Erklärung gibt’s hier.

Stadt, Land, Fluss

Ich betreibe mein Gewerbe in einer idyllischen Kleinstadt. Na ja, idyllisch ist diese Stadt nicht, aber klein auf jeden Fall. Diese Tatsache beeinflusst auch die Tätigkeit des Betreuers. Es bringt viele Vorteile mit sich, aber auch Nachteile.

Ein Vorteil liegt darin, dass man die Leute kennt. Die Hälfte der Stadtverwaltung kennt man aus Kindertagen und ist mit ihnen per Du. Ebenso die wichtigsten Personen bei der Polizei. Oder fast alle Geschäfts- und Bankleute in der Stadt. Das erleichtert die bürokratischen Abläufe, die Suche nach vermissten Betreuten (die der zuständige Polizist oft auch schon seit Kindertagen kennt) oder den Umgang mit mehr oder weniger dubiosen Geschäften, die unsere Klienten manchmal so treiben.

Auch eine Wohnung zu finden für einen Klienten, ist in der Kleinstadt einfacher. “Ach, ich kenne ja Ihre Mutter, dann wird’s schon gutgehen”, – mit dieser Bemerkung vermietete eine ältere Dame einmal eine Wohnung an einen meiner etwas schwierigeren Klienten.

Doch genau in diesen Vorteilen gründen sich auch die Nachteile. Denn je länger ich meinen Job in der Kleinstadt mache, umso mehr spricht es sich herum, dass z.B. meine Klienten nicht immer nur nette, harmlose hilfsbedürftige Menschen sind, sondern gelegentlich auch laut, unsauber oder gewalttätig. Das hat dazu geführt, dass mittlerweile die meisten potentiellen Vermieter laut schreiend davonrennen, wenn ich nur in ihre Nähe komme.

Auch die Nähe zu den “Amtspersonen” birgt in ihren Vorteilen auch die Nachteile. Ich bekomme vieles einfacher und unbürokratischer, aber es wird von mir im Gegenzug dasselbe erwartet.  Typisches Beispiel: Betreute in der städtischen Notunterkunft. Ich kriege für diese Klientel vieles, was nicht Pflicht der Stadt ist. Dafür beharre ich z.B. nicht auf eine Verlegung in eine andere Notunterkunft, wenn die, in der der Betreute wohnt, abgerissen wird, sondern suche eine andere Wohnung.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Wege kurz sind. Zeitweise wohnte ein Drittel meiner Klienten im Umkreis von 500 m um mein Büro. Das ist praktisch, hat aber auch wieder Nachteile. Stichwort “Ich weiß, wo du wohnst!”. Oder wenn einem die nervige Betreute, die diesen blöden, unfähigen Betreuer unbedingt loshaben wollte, nach dem Ende der Betreuung  ständig über den Weg läuft. Zum Beispiel beim trauten Tête-à-Tête mit seiner Gattin im Café. Und diese Ex-Klientin erzählt dann überall in der Stadt herum, was ihr Ex-Betreuer für eine Niete ist. Auch nicht schön.

Und noch ein Nachteil: Von der Kundschaft nur in einer Kleinstadt kann man als Betreuer nicht leben. Man braucht schon mindestens einen ganzen Gerichtsbezirk dafür. Das macht auf dem flachen Land die Wege wieder weit.

Aber insgesamt überwiegen für mich die Vorteile. Ich könnte es mir jedenfalls nicht vorstellen, meinen Job in einer Großstadt zu machen.

Frage: Wie sind die Erfahrungen von Großstadt-Betreuern?

Leben retten

Der größte Teil der Betreuerarbeit ist ja langweiliger Schreibtischkram. Und nach ein paar Jahren in diesem Gewerbe wird vieles zur Routine. Zur Routine gehört auch, dass man meistens nicht mehr tun kann als das Elend zu verwalten. Wenn man den Abstieg eines Menschen aufhalten oder zumindest verlangsamen kann, ist das schon ein Erfolg. Aber zum Glück (für die Betroffenen und fürs eigene Ego) gibt es auch viele Punkte, an denen es mit einem Menschen wieder aufwärts geht. Meistens ist das ein langsamer, unauffälliger Vorgang, aber gelegentlich läuft es sehr dramatisch ab.

So wie damals bei Frau Bauer. Sie war eine Frau in den Fünfzigern, vom jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch und mehreren traumatischen Erlebnissen schwer gezeichnet, körperlich und seelisch. Jeder Rausch könne ihr letzter sein, hatte mir der behandelnde Psychiater gesagt.

Frau Bauer lebte in ihrer Single-Wohnung, falls sie sich nicht gerade in der Suchtabteilung der Psychiatrie von einem akuten Folgeschaden ihrer Abhängigkeit erholte.

Eines Samstagabends rief mich ihr getrennt lebender Ehemann an. Seine Frau habe sich bei ihm gemeldet und gesagt, dass sie sich jetzt umbringen werde. Ich setze mich natürlich sofort ins Auto und fahre zu ihr. Unterwegs nehme ich von der örtlichen Polizeiinspektion noch zwei Beamte mit. Ich gehe in ihre Wohnung (Frau Bauer hat mir einen Schlüssel überlassen). Frau Bauer sitzt in der Küche, sturzbetrunken. Nein, sagt sie, sie will sich doch nicht umbringen. Kaum dass ich “Aha” gesagt habe, sind die zwei Polizisten schon wieder verschwunden. Kaum sind die Polizisten weg, sagt Frau Bauer, dass sie sich natürlich jetzt umbringt, sie wollte nur die grünen Männchen loshaben.

Fantastisch. Die Polizei brauche ich jetzt nicht mehr zu holen, da wiederholt sich nur das gleiche Spiel. Weiterlesen