Diese Woche ging es in der Fernsehreihe “37°” über Leute, die in meiner Heimat “Streithansel” genannt werden. Zum Beispiel ein Mann, der seit 30 Jahren gegen ein Freizeitgelände vor seinem Haus ankämpft. Er verbringt sein Leben damit, die Menschen zu filmen, die sich auf diesem Gelände tummeln, Schriftverkehr zu führen mit dem Bürgermeister, Stadtrat, Landrat, Ministerpräsidenten und wer sonst noch so anschreibbar ist. Eine Mediatorin, die eingeschaltet wurde, fragte den Mann, wie es denn wäre, wenn das Freizeitgelände geschlossen würde und er nach 30 Jahren endlich seine Ruhe hätte. Der Mann war offensichtlich völlig ratlos und zu keiner Antwort in der Lage. Er wollte anscheinend gar nicht wirklich, dass sein Problem gelöst wird.
Das ist ein Verhalten, das ich von vielen meiner Klienten kenne. (Und auch von vielen nicht-betreuten Menschen.) Sie leiden furchtbar unter einem Problem, verhindern aber mit aller Macht, dass es gelöst wird.
Nehmen wir Herrn Gayer. Er hat eine Psychose, seit über zwanzig Jahren. Er leidet enorm darunter, weil er durch seine Erkrankung sehr einsam geworden ist. Mit ihm ist immer nur sehr kurz ein Gespräch möglich, das nicht in seiner Welt stattfindet. Er … nun ja, er riecht, weil ihm seine Erkrankung wenig Freiraum für Körperhygiene lässt. Keine guten Voraussetzungen für Freundschaften, von einer Liebesbeziehung ganz zu schweigen.
Die Tage von Herrn Gayer sind angefüllt mit der Ausarbeitung seines Weltbildes. Ganze Hefte hat er vollgeschrieben mit Diagrammen der Beziehungen von ihm, seinem göttlichen Selbst, anderen Göttern und den 100000 Kindern, die er gezeugt hat. Auch die Wände und die Wohnungstür geben Zeugnis, wie intensiv er sich mit seiner Weltsicht beschäftigt.
Wenn nun Herr Gayer geheilt würde – was bliebe ihm dann? – - Nichts. Leere, beschäftigungslose Tage, in denen er schutzlos seiner Einsamkeit ausgeliefert wäre. Ein zielloses, planloses Leben. Deshalb verhindert Herr Gayer jede Heilung, obwohl er furchtbar unter seiner Krankheit leidet. Das, was ihn kaputt macht, gibt ihm Schutz.
Und so geht es vielen Menschen. Sie leiden unter einer Krankheit, einer Behinderung, einem persönlichen Problem. Sie wollen nichts dringender, als dieses Problem loswerden. Aber sie können nicht, weil genau dieses Problem, diese Krankheit ihrem Leben Inhalt und Sinn gibt. Auch wenn es sie kaputt macht, selbst wenn es sie in den Tod treibt: Dieser miese, elende Zustand ist für sie gleichzeitig Sicherheit. Und diese Sicherheit ist jedes Opfer wert.
Der Mensch ist schon ein paradoxes Wesen.