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Die schönen Seiten des Lebens

Wenn man meine Beiträge so liest, könnte man meinen, das Betreuerdasein bestehe überwiegend aus negativen Dingen. Das ist entspricht durchaus der Realität. Als Betreuer hat man es zum größten Teil mit den Schattenseiten des Lebens zu tun: mit Krankheit und Tod, mit Leid und Elend, mit Kabel Deutschland und Deutscher Telekom.

Aber eben nur überwiegend. Als Betreuer erlebt man auch immer wieder die schönen Seiten des Lebens.

Schön ist zum Beispiel das Verhältnis zu vielen meiner Klienten. Okay, für einige bin ich eine Nervensäge, die nicht zulässt, dass der Betreute Schulden machen kann. Für einige bin ich nur ein Dienstleister, mit denen mich ein rein geschäftliches Verhältnis verbindet. Manchen bin ich einfach wurscht. Aber zu einigen habe ich eine fast familiäre Beziehung.

Das sind vor allem Bewohner von Regens Wagner, einer großen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Nicht, dass geistig Behinderte automatisch auf der Sonnenseite des Lebens stehen würden. Eine geistige Behinderung bewahrt einen nicht vor psychischen und körperlichen Erkrankungen. Und dass alle geistig Behinderten sympathische Wonneproppen sind, ist ein Mythos aus Film und Fernsehen. Aber auch wenn jede(r) Bewohner(in) von Regens Wagner mit ihren persönlichen Einschränkungen zu kämpfen hat, so ergibt sich doch in den meisten Fällen eine sehr positive Beziehung zu ihnen.

Eine Außenwohngruppe des Heims befindet sich gleich neben meiner Wohnung. Dort habe ich zwei Betreute. Verstößt zwar gegen alle meine Prinzipien, weil ich Beruf und Privatleben eigentlich streng trenne. Aber die zwei sind einfach so nette Menschen, dass mir das wurscht ist. Die kommen dann auch gelegentlich zum Kaffee oder zum Fußball schauen zu mir. (Bitte nicht weitersagen! Das ist nämlich wirklich absolut unprofessionell!)

Bei einer von den beiden, nennen wir sie Martina, habe ich mal angeregt, die Betreuung aufzuheben, weil es eigentlich nichts zu tun gab, was Martina nicht selbst mit Hilfe der ErzieherInnen hätte erledigen können. Zunächst war Martina damit einverstanden. Ein paar Tage später kam sie zu mir und meinte: “Die Betreuung muss weitergehen. Ich bin sonst die einzige im Heim, die keinen Betreuer hat. Wie stehe ich denn dann da!”

Der Betreuer als Statussymbol. Hat auch was. Bei den Bewohnern von Regens Wagner gilt aber nicht nur die Betreuung an sich als prestigefördernd, sondern noch mehr die Person des Betreuers. Folgenden Dialog habe ich in einer Wohngruppe mal mitgehört: (Vorbemerkung: Frau A. ist eine Kollegin von mir mit sehr vielen Klienten im Heim, und ich ändere gelegentlich meine Haarfarbe.)

Bewohner A (stolz): Meine Betreuerin ist die Frau A.!

Meine Betreute (noch stolzer): Und mein Betreuer hat blaue Haare!

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Schön ist auch zu erleben, wieviel Hilfsbereitschaft und menschliches Entgegenkommen man in den Ämtern erlebt. Von wegen “faule Beamte”! Gut, die erlebt man auch. Aber vor allem in den Sozialämtern, mit denen ich zu tun habe, gibt es sehr viele Mitarbeiter, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. Ein ganz aktuelles Beispiel von heute: Bei meinem Lieblings-Messie steht wieder mal eine Entmüllung an. Die für ihn zuständige Mitarbeiterin des Sozialamts besorgt ein paar Zimmer weiter für ihn Sperrmüllkarten, damit das Ganze für ihn billiger wird. Und das, obwohl er vorübergehend gar keine Grundsicherung bezieht!

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Schön sind auch die kleinen und großen Zeichen der Anerkennung, die man immer wieder bekommt. Eine Tafel Schokolade zu Weihnachten von jemand, der mit 86 Euro Barbetrag im Monat auskommen muss; eine Ansichtskarte aus dem Urlaub; ein Anruf des Betreuten, einfach so, “um zu schauen, wie es Ihnen geht”; die Frage am Ende eines Besuchs: “Wann kommen Sie denn wieder?”

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Und schön ist es, wenn man mit den Betreuten lachen kann. Oder mal Kicker spielen oder FIFA spielen auf der Playstation. Und wenn der Betreute (auch ein Bewohner von Regens Wagner) mich dabei jedes Mal in Grund und Boden spielt, ist das so richtig schön … für den Betreuten.

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Nachbemerkung: Ich habe gerade diesen Beitrag noch mal durchgelesen. Er klingt irgendwie kitschig. Tut mir leid, aber so ist das Betreuerleben eben manchmal auch.

Alltag

Bisher habe ich hier nur über Grundsätzliches und Außergewöhnliches berichtet. Ich denke mir aber, dass wer auf diesen Blog kommt, auch wissen möchte, wie ein ganz normaler Arbeitstag eines beruflichen Betreuers aussieht.

Nun denn. Nehmen wir den Montag, 15.12.2008:

Mitten in der Nacht um 8.00 Uhr Fahrt in die Nachbarstadt. (Dieser frühe Arbeitsbeginn ist jetzt nicht Alltag bei mir. Wofür ist man denn selbstständig!) Dort zu Herrn Bergmann, meinem Lieblings-Messie (s. Schicksale). Der muss ins örtliche Krankenhaus, weil er morgen an einem Leistenbruch operiert wird.

Diese Begleitung gehört nicht unbedingt zu den Kernaufgaben eines Betreuers. Aber Herr Bergmann würde sich von allein nie aufraffen, rechtzeitig zur OP im Krankenhaus zu sein. Ich müsste jede Menge telefonieren, faxen und organisieren, damit das hinhauen würde. Da mache ich lieber alles gleich selber, das dauert genauso lang und funktioniert besser. Und wenn es nicht funktioniert, kann ich den Schuldigen wenigstens hemmungslos beschimpfen.

Herr Bergmann ist sogar fast fertig, als ich komme. Erstaunlich. Sonst muss er immer noch seinen reichlich vorhandenen Besitz sortieren. Normales Messie-Verhalten. Aber: Die Einweisung des Hausarztes fürs Krankenhaus ist nicht da. Herr Bergmann war zwar beim Arzt, aber der Arzt will das Formular nur mir selber geben.

Also schnell zum Arzt, Formular holen, zurück zu Herrn Bergmann. Der ist immer noch fast fertig. Nach zehn Minuten ist er ganz fertig und geht zu meinem Auto. Ich gehe voraus um aufzusperren. Als ich mich umdrehe, ist Herr Bergmann verschwunden. Sachen sortieren.

Dennoch sind wir pünktlich um 9.00 Uhr im Krankenhaus. Ich begleite Herrn Bergmann durch die Aufnahmeprozedur, regle die Zuzahlung, überzeuge die Ärzte und Schwestern, dass Herr Bergmann zwar unter Betreuung steht, aber nicht blöd ist und deshalb in die Behandlung selber einwilligen kann. Um 10.15 Uhr hat Herr Bergmann ein Bett und ich fahre ins Büro.

Dort sortiere ich die Post des Wochenendes und von heute. Meine Kollegin ist wieder mal klare Siegerin mit 12:8 Briefen. Schön für mich ;-) Ich lese die Briefe, lese die Mails, werfe die unangeforderten Werbefaxe weg, kontrolliere ob Vergütungen eingegangen sind, gieße die Blumen und mache mich an die Schreibtischarbeit.

Als erstes informiere ich die Sozialarbeiterin der Werkstätte, in der Herr Bergmann arbeitet. Dann folgen mehrere Briefe, darunter die Kündigung einer Mitgliedschaft eines Betreuten beim TSV 1860 München. Ich schreibe ein P.S. dazu: “Diese Kündigung zu schreiben schmerzt mich als alten 60er sehr, aber ich muss den Wünschen meiner Betreuten folgen.”

Dann Mittagspause im Kreise der Familie. Dann wieder Briefe, Telefonate und Faxe: Eine Änderung des Einkommens bei einem Betreuten ans Sozialamt weiterleiten, weil der Betreute ergänzende Grundsicherung bekommt; Weiterlesen