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Der Beruf verändert mich

Jeder Mensch wird von seinem Beruf geprägt. Das ist bei beruflichen Betreuern nicht anders. In den knapp elf Jahren meines Betreuerdaseins habe ich mich in einigen Punkten gewaltig verändert. Ich denke, dass es meinen KollegInnen ähnlich geht. – Was prägt einen Betreuer?

Nun, das einschneidendste ist eine Änderung in den Wertvorstellungen. Man bekommt in diesem Beruf so viele unterschiedliche Lebensformen und -entwürfe mit, so viele gelungene und misslungene Versuche, ein Leben zu leben. Man sieht, unter welch extrem unterschiedlichen räumlichen, sozialen, hygienischen, gesundheitlichen, finanziellen Umständen Menschen leben können. Man erlebt die unvorstellbarsten religiösen und weltanschaulichen Ansichten. Und man ist ja vom Gesetz verpflichtet, all diese Dinge, wenn sie dem Wunsch des Betreuten entsprechen, zu respektieren und so zu belassen.

Das gibt einem zwangsläufig ein weites Herz. Ich erlebe es oft, dass Angehörige eines Klienten sagen: “Den kann man doch so nicht leben lassen!” – In diesem Dreck, mit dieser Krankheit, in dieser leeren/vollgemüllten Wohnung, mit dieser Ernährung! Und ich sage dann (und sage es aus Überzeugung): “Ihr Sohn/Bruder/Vater will es so. Lassen wir ihn doch.” Er pinkelt lieber ins Waschbecken statt ins Klo? Na und? Er sitzt nachts um drei vor der Stadt auf der Wiese und meditiert? Solange er niemanden belästigt. Sie hat 100 kg Übergewicht? Ja und, die muss sie ja rumschleppen und nicht ich.

Ich finde nicht alles toll, was meine Klienten so treiben. Natürlich nicht. Aber solange niemand darunter leidet und solange sie einigermaßen wissen, was sie tun …

Seit ich Betreuer bin, kann ich viele “merkwürdige” Verhaltensweisen gelassener ertragen. Das hilft einem auch als Vater von zwei pubertierenden Kindern :-)

Die zweite Veränderung, die ich bei mir feststelle, ist der Blick auf unsere Gesellschaft. Als Betreuer hat man es viel mit der sogenannten “Unterschicht” zu tun, den Menschen mit äußerst geringem Einkommen und ungenügender Bildung.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber zu Beginn meiner Tätigkeit hat es mich schon schockiert, wie sehr es bei uns eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt. Diese “Unterschicht” (mir fällt kein besseres Wort ein) hat einen anderen Lebensstil, eine andere Moral, ein anderes Sozialverhalten als die Mittelschicht. Völlig anders. Da führt kein Weg von einer Schicht zur anderen, höchstens von oben nach unten.

Und alles, was in den letzten zehn Jahren politisch und gesellschaftlich passiert ist, ist auf Kosten der “Unterschicht” geschehen. Man nimmt den Menschen dort systematisch jede Möglichkeit, ihr Leben zu ändern und wirft ihnen dann vor, dass sie ihr Leben ja sowieso nicht ändern wollen.

Manchmal komme ich mir als Betreuer vor wie Robin Hood, der Rächer der Waisen, Enterbten und Erwerbsunfähigkeitsrentenbeziehern.

Womit wir bei der dritten Veränderung bei mir wären. Ich habe aufgehört, bei einem Menschen nach Schuld zu fragen. Es hilft einfach nichts.

Jemand ist Alkoholiker geworden. Ist das nun seine Schuld, die Schuld des Umfelds oder einfach Schicksal? Wenn der Betroffene die Antwort weiß, was hilft es ihm? – Egal ob er selbst oder sonst jemand die jetzige Situation verursacht hat, daraus wieder herauskommen kann er nur selbst. Andere können ihm helfen, aber die Hilfe annehmen muss er selber. Egal wie die Vergangenheit war, und egal wie es zur Gegenwart kam, die Zukunft liegt ganz allein beim Betroffenen. Vorausgesetzt er ist noch in der Lage, die Zukunft selbst zu gestalten. Aber wenn er es nicht mehr kann, und ich als Betreuer das allein für ihn übernehmen muss, hilft es mir auch nichts, wenn ich weiß, wer am Ist-Zustand “schuld” ist. Es ist wie es ist.

Ein letztes, wo mir mein Beruf wirklich sehr geholfen hat: Beim Umgang mit Versicherungen, Banken und anderen kriminellen Vereinigungen (s. Kabel Deutschland). Früher war ich denen relativ hilflos ausgeliefert und habe manches unterschrieben, was ich hinterher bereut habe. Heute lasse ich mir nichts mehr gefallen, auch privat nicht. Mit steigendem Selbstvertrauen (und steigender Information) habe ich immer mehr gelernt, was gegen diese Banden alles möglich ist. Heute gehört es zu meinen Hobbys, betrügerischen Versicherungsvertretern gegen das Schienbein zu treten (natürlich nur im metaphorischen Sinn).

Sie sehen: Man lernt als Betreuer nicht nur für den Beruf, sondern auch fürs Leben.

Eigenschaften

Welche Eigenschaften muss man haben, um als beruflicher Betreuer bestehen zu können?

Ich rede jetzt nicht von den formalen Qualifikationen. Die sind klar: Beruflicher Betreuer kann jeder Depp werden. Man braucht kein Studium, keine Ausbildung, keine Vorbildung, nur zwei Dinge: Ein unbeflecktes Führungszeugnis und die Fähigkeit, die zuständige Betreuungsstelle und den Vormundschaftsrichter überzeugen zu können. Allerdings ist die Vergütung umso höher, je besser die formale Qualifikation ist. Den Höchstsatz gibt es nur bei abgeschlossenem Sozialpädagogik-Studium oder etwas Vergleichbarem (bei mir ist es Religionspädagogik). Bei den anderen, niedrigeren Vergütungssätzen rentiert es sich gar nicht, mit Arbeiten zu beginnen. Von daher regelt sich das von selbst.

Bevor sich jemand aufregt: Das eben gesagte bedeutet nicht, dass jemand ohne Sozpäd-Studienabschluss automatisch ein Depp ist. Es gibt genug Deppen mit Hochschulstudium!

Nein, mit den Eigenschaften, die man als Betreuer benötigt, meine ich die persönlichen Voraussetzungen.

Als da wären:

Auf Platz 1 unbestritten die Fähigkeit, das richtige Maß zwischen Einfühlung und Distanz zu den Klienten und ihrem Leben zu finden. Ich kenne einige Betreuer (nur Männer), für die ihre Aufgabe nur ein Job ist und die ihre Klienten nur als “Fälle” sehen. Die muss man abarbeiten, möglichst effizient und kostengünstig.

Und ich kenne einige (nur Frauen), die gehen ganz in den Problemen “ihrer” Betreuten auf. Die arbeiten rund um die Uhr, sind auch nachts um 3.14 Uhr auf dem Handy zu erreichen, und denken nur noch daran, wie sie das Leben “ihrer Leute” noch besser machen können. Geht’s den Klienten gut, geht es auch diesen Betreuerinnen gut; geht es einem Klienten schlecht, stellen sie die Welt auf den Kopf, bis ihm geholfen wird, ob er will oder nicht.

Das eine Extrem führt zu einer zwar äußerst effektiven Hilfe, die aber vom Betroffenen selten als Hilfe, oft aber als kalter Verwaltungsakt erlebt wird. Dem Betroffenen geht es nach der Hilfe genauso schlecht wie vorher. – Das andere Extrem führt zu Klienten, die irgendwann froh sind, wenn die Mama-Betreuerin sie mal einen Tag lang in Ruhe lässt. Oder die froh sind um die Mama-Betreuerin und sie bereitwillig jede Nacht um 3.14 Uhr auf dem Handy anrufen. Das führt dann ziemlich schnell zu einer Betreuerin mit Burn-Out-Syndrom, und von dort zu einer kaputten Ex-Betreuerin.

Der richtige Weg liegt in der Mitte. Ich muss den Klienten immer als Menschen sehen, mit seiner ganz persönlichen Geschichte, seinen ganz eigenen Ängsten, Freuden, Gefühlen. Das alles ist so wichtig und ernst zu nehmen wie meine eigenen Gefühle. Aber: Das Leben des Klienten ist nicht mein Leben. Seine Probleme sind nicht meine. Ich hänge mich den ganzen Arbeitstag über mit aller Kraft rein, um meinen Leuten zu helfen. Aber wenn ich das Büro zusperre, schließe ich auch diese Probleme ab. (Na ja, meistens.) Und ich mache mir nicht die Gefühle, Ängste und Freuden der Klienten zu eigen. Wie könnte ich ihnen helfen, wenn ich selbst mittendrin stecke in ihren Problemen?

Platz 2 der notwendigen Betreuereigenschaften: Fachwissen. Eh klar. Da ein Betreuer alles wissen und alles können muss, setzt das ständige Fortbildung und ständigen Wissenserwerb voraus. Der Betreuer als Jäger und Sammler von Informationen.

Platz 3: Selbstdisziplin und Ordnung. Da fragen Sie am besten andere Betreuer. Ist jetzt nicht so meine Baustelle.

Platz 4: eine unheimlich große Leidensbereitschaft und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Denn der Betreuer ist an allem schuld und haftet für alles. Weiterlesen