Vorbemerkung: Worum geht es hier?

Mein Name ist Dempf, Manfred J. Dempf.

Von 2008 bis 2017 habe ich diesen Blog geschrieben. Ich bin von Beruf gesetzlicher Betreuer, also gesetzlicher Vertreter von Menschen, die ihre Angelegenheiten zumindest teilweise nicht selbst regeln können. Mit diesem Blog wollte ich einen leicht verständlichen Einblick in diese Tätigkeit geben und die Welt der Betreuung der staunenden Menschheit näherbringen.

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Trotzdem viel Spaß und innere Erbauung beim Lesen!

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Stadtansichten (reloaded)

Der Betreuer fährt mit seiner Gattin zum Shoppen und Flanieren in die nächstgelegene Kreisstadt, wo der Betreuer seit Jahren viele Kundschaft hat. Ein Passant fragt nach dem Weg. Die Betreuergattin sagt: „Gehen Sie dort an der Boutique vorbei, dann nach dem Café links, überqueren Sie einen wunderschön gestalteten Platz, dann vorbei am Kino und am Theater und gleich nach einer urigen Kneipe rechts zum Stadtpark.“

Der Betreuer sagt: „Gehen Sie geradeaus bis zum Landratsamt, dann links, bis Sie zu den Notunterkünften der Stadt kommen, dann weiter bis zur Psychiatrischen Klinik, dort links, da sehen Sie dann ein kleines Seniorenheim, das ich sehr empfehlen kann. Nach einer Weile kommen Sie an einem Wohnblock vorbei, wo sich vorletzte Woche jemand erhängt hat, aber die Wohnung ist schon wieder vergeben, dann kommt das Ärztehaus, dann die Wohngruppe für geistig Behinderte – sehr nette Leute übrigens, und dann erreichen Sie den Stadtpark. Dem Bettler dort am Eingang sollten Sie nichts geben, der bekommt ausreichend Grundsicherung.“

Ansichten einer Stadt.

Unheimliche Begegnungen der Betreuer-Art (reloaded)

Letzte Woche war ich beim Frauenarzt.

Natürlich dienstlich. Eine Betreute von mir, Frau Gruber, musste sich einer fraulichen Operation unterziehen. Frau Gruber hat eine hochgradige geistige Behinderung und eine Psychose. Sie versteht nicht, was bei der OP mit ihr geschehen soll, und auf Untersuchungen reagiert sie meistens mit Gebrüll und Schlägen. Deshalb bin ich zum Aufklärungsgespräch mit der Gynäkologin allein gefahren.

Ich Mann sitze also im Wartezimmer der Frauenärztin, umgeben von Frauen und Frauenzeitschriften. (Nebenbei: Letztere waren ausschließlich Zeitschriften vom Schlage „Woche der Frau“, „Frau in der Woche“, „Tage der Frau“. Was für ein Frauenbild hat man denn dort? Frau liest keinen Spiegel, oder was?) Interessierte Blicke der Anwesenden. Die Ärztin kommt herein und sagt: „Frau Gruber?“ Ich stehe auf und sage: „Das bin ich.“

Man brauchte keine Telepathie um die Gedanken der wartenden Frauen lesen zu können.

Ein ähnlich bizarres Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren. Da bin ich für eine ältere Klientin Kleidung kaufen gegangen. Das gehört zwar nicht zu den Aufgaben eines Betreuers, aber ich war eh gerade in einem Bekleidungsgeschäft und dachte: Kaufe ich halt schnell noch ein Nachthemd für die gute Frau.

Was dann folgte war eine der erniedrigendsten Erfahrungen meines Lebens.

Ich betrete die Damenwäsche-Abteilung des Kaufhauses. Nur zwei Verkäuferinnen anwesend, in ein angeregtes Gespräch vertieft, das sofort erstirbt als sie mich erblicken. Stumm, mit feindseligem Gesichtsausdruck folgen sie meinen Bewegungen.

Ich steuere zielstrebig der Damen-Nachtwäsche zu. Als ich das erste Nachthemd berühre, sprintet eine der Verkäuferinnen zu mir. Ihre Mund sagt: „Kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Mimik und ihr Tonfall sagen: „Hau ab, du perverse Sau, oder ich hole die Polizei.“

Ich entgegne, dass ich gut allein zurecht komme und suche weiter nach dem passenden Nachthemd. Die Verkäuferin bleibt stumm, mit verschränkten Armen, auf Tuchfühlung neben mir stehen. Schließlich habe ich gefunden, was ich gesucht habe. Die Verkäuferin begleitet mich in Bodyguard-Manier zur Kasse. Die andere Verkäuferin tippt wortlos, mit argwöhnischem Blick, in die Kasse.

Ich verabschiede mich mit einem freundlichen Gruß. Keine Reaktion. Ich gehe, drehe mich noch einmal um. Die beiden Frauen starren mir nach, mit immer noch verschränkten Armen und verbissenem Gesicht.

Das Leben eines Betreuers ist manchmal richtig komisch.

Witz komm raus! (reloaded)

Dem gesellschaftlichen Anlass entsprechend gibt’s heute eine Sammlung von Anekdoten, die einem als Betreuer so passieren. Das Betreuerleben bietet nämlich auch viel zum Lachen, nicht nur im Fasching.

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Einmal habe ich ein Heim angeschaut, um zu sehen ob es für eine Klientin geeignet ist. Der Heimleiter führte mich durchs Haus. Wir kamen zur geschlossenen Station. Der Heimleiter konnte sich offensichtlich nicht entscheiden ob er die Station als „beschützend“ oder „geschlossen“ bezeichnen wollte. Und so sagte er den denkwürdigen Satz: „Und jetzt zeige ich Ihnen noch unsere beschissene Abteilung.“

Wir haben beide herzhaft gelacht.

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Ein Erlebnis in einer Filiale der Sparkasse:

Ich: Grüß Gott, ich bin der Betreuer von Herrn Klein. Ich möchte Geld für ihn abheben.

Dame am Schalter: Nö, Sie sind nicht der Herr Dempf. Der sieht doch ganz anders aus!

Etwas verunsichert sehe ich in meinem Personalausweis nach. Erleichtert stelle ich fest, dass ich doch noch ich bin. Ich zeige meinen Ausweis der Dame am Schalter. Da wurde es ihr dann schon ziemlich peinlich.

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Ich hatte mal die gerichtliche Genehmigung beantragt, dass ich aus bestimmten Gründen die Wohnung einer Klientin, Frau Bader, auch gegen ihren Willen betreten darf. Dazu wurde ein medizinisches Gutachten eingeholt. An dessen Ende schrieb der Psychiater: „Es ist aus medizinischer Sicht notwendig, dass der Betreuer Frau Bader auch gegen ihren Willen betreten darf.“

Ich habe dann in meiner Stellungnahme geschrieben, dass ich zufrieden bin, wenn ich die Wohnung betreten darf und dass ich kein Interesse daran habe, auf meinen Klienten herumzutrampeln.

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Eine Kollegin von mir schrieb einmal im jährlichen Bericht an das Gericht über einen Klienten: „Er nahm zunehmend ab.“ – Ein interessanter Vorgang.

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Mein Lieblingssatz ist eine Formulierung, die standardmäßig in jedem notariellen Kaufvertrag auftaucht, wenn ein Betreuer involviert ist:

„Die Beteiligten bevollmächtigen hiermit unter Befreiung von den Beschränkungen des § 181 BGB den amtierenden Notar und dessen amtlich bestellten Vertreter, und zwar jeden allein, die betreuungsgerichtliche Genehmigung entgegenzunehmen, allen Beteiligten mitzuteilen, diese Mitteilung für diese entgegenzunehmen und die Bestätigung über diese Mitteilung in Empfang zu nehmen und alle zur Wirksamkeit dieser Genehmigung nötigen Erklärungen abzugeben und entgegenzunehmen.“

Ich habe diesen Satz bis heute nicht begriffen. Macht aber nichts, weil bisher noch jede Abwicklung von Kaufverträgen auch so funktioniert hat. Solange der Notar weiß, was er tut …

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Und noch ein schöner Satz, gesprochen von einem Kind im Grundschulalter. Ich wartete in einer Familienrechtssache auf Einlass ins Verhandlungszimmer im Gericht. Vor mir war jenes Kind dran. Wie ich aus den Äußerungen der wartenden Großeltern entnahm, wurde das Kind vom Richter angehört, ob es lieber zu seinem Vater nach Köln wolle oder zu seiner Mutter hier im Allgäu. Das Kind kam heraus, und sein erster Satz war: „Ich will nicht nach Bayern, ich will in Deutschland bleiben.“

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Eines Tages erhielt ich einen Arztbrief anlässlich der Entlassung eines Klienten aus dem Krankenhaus. Dieser Brief beginnt folgendermaßen:

„Diagnose:

1. Oropharyngealkarzinom

2. Alkoholabusus

3. Betreuung“

Ist also der Betreuer aus Sicht dieses Arztes dann ein Krankheitserreger, oder was?

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Und dann ist da noch Frau Bauer. Sie hat eine geistige Behinderung und die Angewohnheit, mitten im Satz das Thema zu wechseln, ohne jeden Übergang in Betonung oder Ausdruck.

Ich fragte sie mal nach einem früheren Erzieher in ihrer Wohngruppe. Das führte zu folgendem Kurzdialog:

Ich: Wie geht es denn dem Thomas?

Sie: Ganz gut. Hat sich den Schwanz eingeklemmt. Unsere Katze.

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An einem der Betreuungsgerichte, in deren Bereich ich tätig bin, gibt es drei Rechtspfleger/innen. Dort war die Zuständigkeit eine Zeit lang wie folgt aufgeteilt: Einer war zuständig für die Buchstaben A bis HI, einer für ST bis Z, und eine Rechtspflegerin bearbeitete HJ bis SS.

Ich habe mich nie zu fragen getraut, ob SA auch in ihre Zuständigkeit fällt …

Eine geht noch (reloaded)

Es ist gerade Fasching. Da gehen meine Gedanken wieder zurück an meine allerersten Arbeitstage als Betreuer.

Ich begann diese Tätigkeit nämlich an einem 1. Februar, mitten im Fasching. Ich übernahm eine Vollzeitstelle in einem Betreuungsverein. Von null auf 42 Betreuungen in einem Tag. Unter dem vielen neuen, das auf mich einstürmte, war auch die geballte Begegnung mit König Alkohol.

In meinem bis dahin behüteten Leben war mir Alkoholismus nur so am Rande begegnet. Irgendwelche bedauernswerten, manchmal auch schrulligen Menschen, die halt ein bisschen zu viel tranken.

Doch nun bekam ich das ungeschminkte Gesicht der Herrschaft des Königs Alkohol zu sehen und zu riechen: Dreck, Verwahrlosung, ruinierte Finanzen, zerstörte Beziehungen, zerstörte Körper, zombiehafte zerstörte Seelen.

Und später am Tag wirkte ich dann bei unseren örtlichen Faschingsunterhaltungs-Abenden mit. Man sang fröhlich „Eine geht noch rein“, „Wenn das so weitergeht bis morgen früh, steh’n wir im Alkohol bis an die Knie“ und die ganze Drogen-Verherrlichungs-Hitparade.

Ich fand es auf einmal nicht mehr lustig.

Ich finde es bis heute nicht mehr lustig.

The End

Tja, liebe Leserinnen und Leser da draußen in der realen Welt: Das war’s. Dies hier ist der letzte Artikel in diesem Blog. Ich höre auf. Neun Jahre lang habe ich in mittlerweile 266 Artikeln versucht, der staunenden Menschheit die wunderbare (und manchmal wunderliche) Welt der Betreuung näherzubringen. Jetzt ist alles gesagt was zu sagen ist.

Außerdem bin ich nun in einem Alter, wo man in der Früh beim Aufwachen froh ist, wenn man noch seinen Namen weiß. Da muss man mit seinen Kräften haushalten, weshalb ich mich ab sofort auf mein Kerngeschäft konzentriere: Betreuungen führen statt darüber zu schreiben.

Der Blog bleibt online, und die Kommentar-Funktion bleibt aktiv. Außerdem werde ich von Zeit zu Zeit alte Artikel, die es wert sind, neu veröffentlichen. Es lohnt sich also, das Abo für diesen Blog beizubehalten.

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Ja, die wunderbare und manchmal wunderliche Welt der Betreuung: Es gab Tage, da habe ich meine Berufswahl verflucht. Aber mittlerweile liebe ich diesen Job. Es gibt ja den alten Bürotassen-Spruch: „Man muss nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten, aber es erleichtert die Sache enorm.“ Wenn das auf einen Beruf zutrifft, dann auf den des gesetzlichen Betreuers. Das ist wirklich kein Beruf wie jeder andere. Nirgendwo sonst braucht man ein so breit gestreutes Spektrum an Wissen und Fähigkeiten. Der Betreuer (und natürlich die Betreuerin) ist Experte für das gesamte Bürgerliche Recht, für Strafrecht, Mietrecht, Arbeitsrecht, Steuerrecht, Finanzrecht, für die Sozialgesetzbücher I bis XII, für Schwerbehindertenrecht, für Verwaltungsrecht und noch ein dutzend anderer Rechtsgebiete. Daneben kann der Betreuer mit Menschen jeder Art, jeden Charakters, jeder Behinderung umgehen – außer mit Mitarbeitern von 1&1. Die entziehen sich jeder menschlichen Kategorie.

Der Betreuer bleibt ruhig und entscheidungssicher in Krisensituationen. Er ist resistent gegen persönliche Anfeindungen und dummes Geschwätz jeder Art. Der Betreuer kennt sich auf dem Finanzmarkt aus, und auf dem Immobilienmarkt, und auf dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt.

Der Betreuer, zumindest der selbständige, weiß von Büro-Organisation und Buchführung. Das ist allerdings eine freiwillige Leistung. Auch Anhänger der Chaos-Theorie kommen gut durchs Betreuerleben. Halt etwas umständlicher.

Was mich am Beruf des Betreuers am meisten freut, ist dass man das Leben in unserem Land in seiner ganzen Bandbreite kennenlernt. Man trifft auf Menschen aller erdenklicher Art: vom obdachlosen Hartz-IV-Empfänger bis zum Millionär, von der resoluten dementen Seniorin bis zum verhaltensauffälligen End-Teenager, von der geistig Behinderten bis zum Hochbegabten, von richtig netten Menschen bis zu … na ja, Menschen, bei denen eine wertneutrale Beschreibung schwerfällt. Man begegnet einsamen Menschen und Menschen mit einem riesigen Netzwerk um sich herum. Man begegnet Menschen, die trotz allem ihr Leben meistern und Menschen, die nur für ihr Unglück leben. Man begegnet Menschen, die mit 100 € im Jahr auskommen und Menschen, die am Fünften jeden Monats kein Geld mehr haben, egal wieviel Geld sie am Ersten hatten. Und man trifft auf Menschen, die für 1&1 arbeiten.

Noch was Schönes am Beruf des Betreuers: Man lernt viel fürs eigene Leben. Gerade im Umgang mit Behörden, Banken und Versicherungen. Oder wenn die Kinder mit dem bekannten Spruch kommen: „Papa, sei nett zu uns, denn wir suchen später mal dein Heim aus!“ Dann kontere ich freundlich lächelnd: „Nö, tut ihr nicht. Dazu müsst ihr erstens mal zum Betreuer bestellt sein, und zweitens müsst ihr euch dann immer noch nach meinen Wünschen richten! Also seid nett zu mir, damit ich euch später keinen Ärger mache!“

Und man entwickelt als Betreuer im Laufe der Jahre eine immer entspanntere Definition des Begriffs „Katastrophe“. Man gewöhnt sich, wie jeder Mensch, an alles. Und man kann sich nicht den ganzen Tag aufregen. Also, manche können das schon, aber die sind nicht lang Betreuer. Je länger man Betreuer ist, umso ruhiger wird man. Sehr hilfreich auch bei privaten Vorkommnissen, die man in Vor-Betreuerzeiten noch als „Katastrophe“ eingestuft hätte.

Tja, liebe Leserinnen und Leser, so ist das mit der Betreuung und den Betreuern (und natürlich -innen). Bleiben Sie offen für dieses Thema! Und verwenden Sie nie die Worte „Vormundschaft“ und „Entmündigung“! Das führt zu sieben Jahren Unglück. Ehrlich!

Wunder gibt es immer wieder

Wunder gibt es immer wieder. Auch im Leben eines Betreuers, oder um genau zu sein: Im Leben seiner Klienten. Mich wundert das nicht. Wenn wieder mal eine Situation völlig verfahren ist, dann bete ich, und dann findet sich eine Lösung. Das ist ein ganz normaler Vorgang.

So wie vor ein paar Monaten. Obwohl ich in dem Fall schon am Zweifeln war. Denn da spielte ein Jobcenter mit, und Jobcenter bilden den größtmöglichen Widerstand gegen höhere Mächte – vor allem gegen höhere Mächte, die hilfsbedürftigen Menschen wohlgesonnen sind.

Es ging um Herrn Bader. Ein junger Mann, der sein Leben komplett gegen die Wand gefahren hatte. Aus einer therapeutischen Einrichtung geflogen, obdachlos, ohne Einkommen. Ich fand für ihn einen Platz in einer WG, die von einem gemeinnützigen Verein getragen wurde. Der vermietete die Zimmer zum Selbstkostenpreis, weit unter dem normalen Mietpreis. Ich beantragte Hartz IV. Das Jobcenter lehnte ab. Miete zu hoch. Ich recherchierte in den Tiefen aus Bundesgesetzen und kommunaler Verordnungen: Der Sachbearbeiter hatte richtig entschieden. Das Problem lag nicht beim Jobcenter, sondern bei der Mietobergrenze, die ein Jobcenter übernehmen darf. Die war vor 20 Jahren noch okay, aber heute kriegt man damit nur noch eine Wohnung in Bulgarien.

Also beten und anschließend telefonieren. Oft telefonieren. Nach drei Wochen Pendeldiplomatie zwischen Jobcenter, Klienten und Vermieter-Verein ein Ergebnis: Der Vermieter geht mit der Miete soweit runter, dass er jeden Monat ein fettes Minus macht, aber das Jobcenter zahlt. „Das war die letzte Neuaufnahme von jemandem, der beim Jobcenter ist“, sagt mir der zuständige Mensch vom Verein. Mir wurscht, Herr Bader hat seinen Platz. Den hat er immer noch. Er blüht in dieser WG auf. Seit vier Monaten gab es keine Krise mehr und keinen Rückfall in alte schädliche Gewohnheiten.

Ein anderes Wunder, schon ein paar Jahre her: Herr Fiedler, geistig behindert, arbeitet aber ganz „normal“ bei einer Firma. Vor Jahren hatte er einen Brief von der Rentenversicherung bekommen, dass er mit 60 in die Behinderten-Rente gehen könne. Als es so weit ist, beantrage ich diese Rente. Herr Fiedler freut sich darauf, sein Betrieb auch. Seine Arbeitsleistung hat nämlich stark nachgelassen. Nach ein paar Wochen kommt die Antwort von der Rentenversicherung: Antrag abgelehnt, Herr Fiedler hat zu wenig Beitragsmonate. Große Bestürzung allerorten. Ich bete und schreibe einen Widerspruch an die Rentenversicherung mit dem einzigen Argument, das mir bleibt: Der Verweis auf jenen Jahre alten Brief und § 242 BGB (Handeln nach Treu und Glauben) und noch ein paar andere Paragraphen. Und das Wunder geschieht: Die Rentenversicherung geht darauf ein und zahlt Herrn Fiedler eine Rente, auf die er eigentlich gar keinen Anspruch hat.

Und noch ein Wunder. Eines, das so dramatisch und auch ein bisschen kitschig ist, dass ich auch heute noch, nach über fünfzehn Jahren, staunend davor stehe. Es ging um Frau Baumann. Die war Alkoholikerin im Endstadium. Eines Abends rief mich ihr getrennt lebender Ehemann an. Seine Frau hätte ihn gerade angerufen, dass sie sich jetzt umbringen wolle. Ich fahre sofort zu ihr, mit einem Umweg über die örtliche Polizeistation. Wir gehen zu dritt in die Wohnung. Frau Baumann sieht uns, sagt: „Ich will mich doch nicht umbringen!“, und schwupp! sind die beiden Polizisten verschwunden und Frau Baumann sagt: „Natürlich bringe ich mich jetzt um. Ich wollte nur die grünen Männchen loshaben.“

Also beten. Dann Frau Baumann fragen, wie sie sich denn umzubringen gedenkt. „Na, ich sauf mich jetzt zu Tode.“ Ein realistischer Ansatz. Ich sage: „Dann bleibe ich jetzt hier bis Sie wieder bewusstlos umkippen. Dann rufe ich den Sanka.“ Zwei Stunden warten, in denen Frau Baumann mich immer wieder anfleht, dass ich gehen soll und sie sterben lassen soll.

Schließlich schläft Frau Baumann ein. Sie kommt zuerst ins Krankenhaus, Wochen später in eine suchttherapeutische Einrichtung weit entfernt. Jemand vor Ort wird Betreuer für sie. Jahre danach treffe ich sie wieder. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Seit vier Jahren ist sie trocken, sie zieht demnächst wieder in eine eigene Wohnung, erzählt sie. „Das alles habe ich nur Ihnen zu verdanken“, sagt sie und drückt mir ein Bussi auf die Wange.

Wunder gibt es immer wieder.

Kein Verständnis

Herr Kretel, einer meiner Klienten, hat vor einiger Zeit eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt. Er begann alles und jeden zu bekämpfen, weil er sich von allen und jedem benachteiligt und in seinen Rechten verletzt fühlte. Er beschäftigt seither viele, sehr viele Menschen bei der Polizei, der Krankenkasse, dem Sozialhilfeträger, der Einrichtung, in der er lebte, dem Träger dieser Einrichtung, dem Betreuungsgericht, diversen Staatsanwaltschaften und allen anderen Institutionen, mit denen er zu tun hat. Und auch einige, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat.

Einmal schilderte mir Herr Kretel ausführlich seine Sicht der Dinge. Er schloss mit den Worten: „Sie verstehen mich doch, Herr Dempf, nicht wahr?“ Ich antwortete ihm: „Nein, ich verstehe Sie nicht. Es ist auch nicht meine Aufgabe als Betreuer, Sie zu verstehen. Meine Aufgabe ist es, entsprechend Ihren Wünschen und Ihrem Wohl zu handeln.“ Herr Kretel fühlte sich von da an auch durch mich benachteiligt und bat das Betreuungsgericht um einen anderen Betreuer. Den er auch bekam. Von dem sich Herr Kretel sehr schnell auch wieder benachteiligt fühlte, weshalb er wieder einen anderen Betreuer wollte.

Auch wenn Herr Kretel mich nicht versteht, ich bleibe dabei: Aufgabe des Betreuers ist es nicht, seine Klienten zu verstehen. – Er muss sie akzeptieren. Das bedeutet: Der Betreuer muss seine Klienten so annehmen, wie sie sind, jeden in seiner persönlichen Eigenart und seinen eigenen Lebensumständen. Dazu gehört ein wertungsfreier Umgang mit den Klienten. Meine Meinung, meine Vorlieben und meine Abneigungen und meine moralischen Ansichten spielen keine Rolle. Um zum Wohl des Klienten zu arbeiten muss ich von dem ausgehen, was ist, und nicht von dem was ich gerne hätte.

Akzeptieren sollte ich als Betreuer jeden Klienten. Aber verstehen: nein. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil manche Dinge einfach nicht zu verstehen sind. Herr Kretel lebt nun mal seit längerem in seiner ganz eigenen Welt, die sich mit meiner Welt nur noch im physikalischen Bereich überschneidet. Seine Gedankengänge kann man nur verstehen wenn man sich dieselbe Störung zulegt wie Herr Kretel.

Außerdem verstärkt man häufig ein gestörtes Verhalten, indem man versucht es zu verstehen. Das schlimmste was Herrn Kretel passieren könnte, wäre ein verständnisvoller Betreuer. Der würde dann die ganzen Kämpfe gegen alles und jeden unterstützen. Der würde jeden Tag fünf Briefe schreiben mit Beschwerden und Widersprüchen gegen nicht abgeholfene Beschwerden. Damit würde er Herrn Kretel entlasten, der dadurch mehr Zeit und Energie hätte für zusätzliche Beschwerden und Widersprüche. Das wäre also nur Öl ins Feuer des gestörten Systems.

Und der verständnisvolle Betreuer würde Herrn Kretel selbst auch noch in seinem Verhalten bestärken. Denn Herr Kretel hätte nun jemanden, der zumindest im Praktischen seine Störung teilt. Er würde sich nicht mehr allein fühlen. Es kämen dann sehr oft Sätze wie „Mein Betreuer sieht das auch so. Also muss ich doch recht haben!“

Was dann aber bald zu Konflikten führen würde. Denn was Herrn Kretel am Leben erhält, ist dieses Selbstbild des einsamen Kämpfers gegen den Rest der Welt. Da kann er niemanden gebrauchen, der mit ihm kämpft. Also würde er ziemlich bald versuchen, auch den verständnisvollen Betreuer wieder loszuwerden. So oder so: Der Betreuer hätte die Störung bei Herrn Kretel weiter angeheizt.

Also: Akzeptieren: Ja. Verstehen: Nein. Ich hoffe Sie verstehen mich.