Vorbemerkung: Was ist ein Betreuer?

Mein Name ist Dempf, Manfred J. Dempf. Ich bin Betreuer.

Hä? – Das war lange Zeit die normale Reaktion, wenn ich mich vorstellte. Mittlerweile, nach über 20 Jahren, hat sich das Wissen über das Betreuungsrecht doch etwas verbreitet. Etwas. Die Unwissenheit ist trotzdem immer noch groß. Deshalb zunächst einmal: Was ist das überhaupt, ein Betreuer?

Ein Betreuer – genauer: ein gesetzlicher Betreuer – ist ein Mensch, der andere Menschen gesetzlich vertritt. Früher hieß das „Vormund“, aber diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Um gleich ein paar Missverständnisse auszuräumen:

Weiterlesen

Advertisements

Lebensläufe: Herr Hartmann

Heute gibt’s mal wieder etwas über das Leben eines Betreuten. Eine mögliche Antwort auf die Frage: „Was sind denn das für Menschen, für die Sie da Betreuer sind?“

Diesmal also Herr Hartmann. Seine Geschichte ist genauso typisch oder untypisch wie jede andere Geschichte eines Betreuten. Bis auf eine Ausnahme: Für niemand anderen war ich so oft Betreuer wie für Herrn Hartmann. Dreimal wurde ich zum Betreuer bestellt, weil die Betreuung zweimal aufgehoben wurde.

Herr Hartmann befand sich noch in der Pubertät als die Generation loslegte, die heute als Achtundsechziger bekannt ist. Dennoch wurde er ein Teil dieser Ideologie. Sex & drugs & Rock’n’Roll bestimmten sein Leben. Der Versuch, ein bürgerliches Leben aufzubauen mit Frau, Sohn und Einbauküche, scheiterte nach kurzer Zeit. Zehn, fünfzehn Jahre lang schaffte Herr Hartmann den Spagat zwischen einem freien, ungezwungenem Leben und einem geregelten Leben mit Arbeit und ausreichend Einkommen. Dann forderten Drogen und Alkohol immer stärker ihren Tribut. Herr Hartmann verlor seinen Job, dann die Wohnung, dann endgültig die Achtung seines Sohnes, schließlich auch die Selbstachtung. Er landete in der Notunterkunft seiner Heimatstadt und lebte von Sozialhilfe.

Irgendwann begann er, sich von einem Mitglied der IRA verfolgt zu fühlen, der in der Stadt lebte. Angeblich. Vielleicht verhielt es sich ja wirklich so, vielleicht war es tatsächlich eine Psychose, wie der Gutachter diagnostizierte. Wer weiß. Auf jeden Fall erhielt Herr Hartmann einen Betreuer. Mich.

Wir verstanden uns gut. Herr Hartmann war ein sehr humorvoller Mensch mit einer ausgeprägten Zähigkeit. Beide Eigenschaften halfen ihm durchzuhalten und sich immer wieder zurückzukämpfen. Deshalb wurde auch die Betreuung nach zwei Jahren wieder aufgehoben. Herr Hartmann hatte sich wieder gefangen. Er schaffte es sogar, über längere Zeit keinen Alkohol zu trinken – und das in diesem Milieu der Notunterkunft, wo in den meisten Zimmern die Einrichtung hauptsächlich aus Bierflaschen bestand.

Nach zwei Jahren kam der Rückfall. Herr Hartmann sank tiefer als je zuvor. Ich wurde wieder Betreuer für ihn. Er hatte immer häufigere, immer heftigere depressive Phasen. Einmal besuchte ich ihn, als er schwer betrunken von Selbstmord sprach. Ich meinte, dass mir jetzt nichts anderes übrig bliebe als ihn in die Psychiatrie zu bringen. Daraufhin sagte er „Das können wir auch anders regeln“, griff in seine Hosentasche, zog ein großes Klappmesser heraus, klappte es auf und ging auf mich los. Ich flüchtete nach draußen. Als Herr Hartmann ein paar Minuten später herauskam, hatte er keine Erinnerung mehr daran, dass er mich abstechen wollte, geschweige denn weshalb er dies vorhatte.

Auch diese schwierige Phase überwand Herr Hartmann, dank Humor und Zähigkeit. Wieder wurde die Betreuung aufgehoben. Herr Hartmann schaffte es aus eigener Kraft, ohne Hilfe, wieder eine Wohnung zu bekommen. Dann ging es erneut bergab.

Zum dritten Mal wurde ich Betreuer für ihn. Obwohl seine äußeren Lebensumstände sich verbessert hatten, wurde Herr Hartmann immer depressiver. Was ihn noch aufrecht erhielt, war die Beziehung zu seiner Freundin. Die war zwanzig Jahre jünger, ebenfalls Alkoholikerin und sie spielte nur mit ihm. Schluss machen, neu anfangen, Eifersuchtsdramen, Forderungen, Innigkeit wechselten sich stündlich ab. Die Freundin entwickelte steigendes Vergnügen daran, Herrn Hartmann zu demütigen. Sie hatte Sex mit anderen Männern, in seiner Wohnung, vor seinen Augen. Herr Hartmann ließ sich alles gefallen.

Den Humor hatte er verloren. Die Zähigkeit nicht. Eines Tages stieß ihm seine Freundin ein Messer in die Lunge, vorne hinein und hinten heraus. Herr Hartmann überlebte. „Wahrscheinlich hat der Teer in meiner Lunge die Wunde zugeklebt“, meinte er in einem letzten Anfall von Humor.

Die Freundin wurde wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Das brach Herrn Hartmann das Herz. Die Aussicht, seine letzte Stütze und Hoffnung zehn Jahre lang nur noch selten und unter Aufsicht sehen zu können, nahm ihm den letzten Lebenswillen. Er zog sich zurück, ließ niemanden mehr an sich heran. Als er wieder mal zwei Wochen lang unerreichbar war, fuhr ich zu ihm. Ich hatte einen Wohnungsschlüssel. Herr Hartmann lag tot im Bett, im Zustand fortgeschrittener Verwesung. Eine Todesursache ließ sich nicht mehr feststellen. Wie auch immer: Seine Freundin hatte es doch noch geschafft, ihn zu töten.

Lebensabschnittsgefährten

Ich bin ja schon eine Weile im Geschäft als Betreuer. Demnächst werden es zwanzig Jahre. Was schön daran ist: Im Laufe dieser Jahre sammeln sich immer mehr Menschen an, für die man so eine Art Lebensabschnittsgefährte wird. Für einen sehr langen Lebensabschnitt. Es gibt zehn Menschen, die ich schon mehr als zehn Jahre durchs Leben begleite. Ihnen möchte ich heute ein kleines virtuelles Denkmal setzen.

So eine lange gemeinsame Zeit als Betreuer-Betreuter-Duo ist nicht selbstverständlich. Man kann es nicht oft genug sagen: Eine Betreuung ist nicht zwangsläufig für die Ewigkeit. Sie bedeutet nicht mal zwangsläufig lebenslänglich. Meine kürzeste Betreuung dauerte drei Tage. Sie war für einen Mann, der im Koma lag. Ich ging als frisch bestellter Betreuer ins Krankenhaus, stellte fest, dass der gute Mann wieder quietschfidel war und keinerlei Hilfe benötigte, teilte dies dem Betreuungsgericht mit, welches die Betreuung wieder aufhob.

Hier also das Denkmal für die Menschen, die es schon so lange mit mir aushalten (alle Namen geändert):

Hanni, meine dienstälteste Klientin. Sie ist 37, ich bin seit 19 Jahren für sie Betreuer. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie mit mir verbracht. In ihrem Borderline-geprägten Leben bin ich die einzige Konstante.

Frau Bauer, über die ich hier schön öfter berichtet habe. Mittlerweile Rentnerin, seit der Kindheit in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung. Selbstbestimmung ist ihr am wichtigsten. „Mein ganzes Leben lang haben andere über mich bestimmt“, sagt sie immer wieder, „aber jetzt bestimme ich! In meinem Alter muss ich mir nichts mehr gefallen lassen!“

Bernd, ebenfalls geistig behindert, aber noch mehr behindert von einer schwer gestörten Mutter, die mittlerweile spurlos verschwunden ist, aber ihren Sohn bis heute mit Ängsten und gewaltigen inneren Spannungen bedrängt.

Herr Fiedler, über den ich im vorigen Artikel geschrieben habe. Wie Frau Bauer ein Paradebeispiel für Inkompetenzkompensationskompetenz.

Herr Reuter, auch geistig behindert, auch zum 18. Geburtstag mit einer Betreuung beschenkt worden. Seither sind wir verbandelt. Zeitweise musste ich mich mehr um seine Mutter und deren Lebensgefährten kümmern als um ihn. Die beiden wohnten in einer Wohnung, die Herrn Reuter dank einer Erbschaft gehörte, und verursachten dort Ärger im Stundentakt.

Herr Richter, mit Herrn Reuter in einer Wohngruppe. Er schlägt mich im Kicker und beim FIFA-Manager, was aber gegen einen feinmotorisch behinderten Betreuer keine Kunst ist. Ansonsten haben wir auch nach zwölf Jahren noch keinen rechten Draht zueinander gefunden. Leider.

Frau Paul, seit Jahrzehnten mit einer extrem heftigen Psychose belastet. Lebt in einem kleinen Heim für psychisch Langzeiterkrankte. Mehr als fünf Sätze am Stück kann man sich mit ihr nicht unterhalten. Immerhin spricht sie überhaupt mit mir. Das tut sie nicht mit jedem.

Frau Müller, lange mit Frau Paul im selben Heim, jetzt in einem Pflegeheim für psychisch Kranke. Psychose plus bipolare Störung. Fünf Suizidversuche, die massive körperliche Verletzungen hinterlassen haben. Mal begrüßt sie mich freudestrahlend, mal wirft sie mich laut brüllend hinaus.

Herr Karl, unklare Persönlichkeitsstörung, sehr leicht beeinflussbar. Als ich die Betreuung übernahm lebte er in einer verwahrlosten Wohnung, die ein paar Nazis als Treffpunkt nutzten. Herr Karl konnte sich nicht dagegen wehren. Lebt jetzt in der vierten Wohnung in 14 Jahren. Dort klappt es dank verständnisvoller Nachbarn und eines Vermieters, der viel aushält. Gegen mich wehrt sich Herr Karl, weil ich ihm Gelegenheit dazu gebe. Er öffnet mir nicht wenn ich zu ihm komme oder brüllt mich durch die Türe hindurch an. Seit vierzehn Jahren.

Herr Bergmann, mein Lieblings-Messie. Lebt auf seinem eigenen Planeten, wo er sich von niemandem stören lässt. Hat Angst vor Verarmung, weshalb er den arbeitsfreien Teil seines Lebens mit Sammeln verbringt. Er schlief jahrelang im Freien, weil er seine Wohnung nicht mehr betreten konnte. Meine Hauptaufgabe ist es, seinen Lebensstil gegen Vermieter, Nachbarn und seine Verwandtschaft zu verteidigen.

Das sind also meine Top Ten Betreuten, was die gemeinsame Zeit angeht. Ein paar Jahre werden noch dazukommen – hoffe ich zumindest, zum Wohl für uns alle.

Inkompetenzkompensationskompetenz

Die Kundschaft eines Betreuers umfasst alles was die Menschheit so zu bieten hat: nette Menschen, schwierige Menschen, böse und freundliche Menschen, dumme und kluge, friedliche und aggressive, brave und verhaltensoriginelle Menschen. Mit manchen Klienten tut sich der Betreuer schwer, zu manchen hat er ein ganz neutrales geschäftsmäßiges Verhältnis, zu manchen entwickelt sich eine herzliche Sympathie. Und einige meiner Klienten bewundere ich.

Ich bewundere sie, weil sie eine Gabe besitzen, die als Inkompetenzkompensationskompetenz bezeichnet wird. Das ist eine besondere Art des Umgangs mit den eigenen Defiziten.

Es hat ja jeder Mensch seine Stärken und seine Schwächen. Und da gibt es nun ganz unterschiedliche Weisen, wie ein Mensch mit diesen Schwächen umgehen kann:

Eine Methode ist es, diese Schwächen einfach zu verdrängen. Man lebt von seinen Stärken und vermeidet Situationen, in denen das Defizit deutlich werden würde.

Oder man stellt dieses Defizit demonstrativ in den Mittelpunkt, um Mitleid und Hilfe zu bekommen oder Komplimente à la „Du bist doch sonst so ein toller Mensch!“.

Oder man ignoriert diese Schwäche und blamiert sich regelmäßig.

Oder das Leben kreist nur noch um dieses Defizit und wie man es wegbringt.

Oder man sagt sich: „Okay, in diesem Bereich bin ich ziemlich unfähig. Da stehe ich dazu, aber irgendwie finde ich einen Weg, wie ich damit leben kann.“ Also einen Weg, die eigene Inkompetenz zu kompensieren, eben die genannte Inkompetenzkompensationskompetenz zu entwickeln.

Nehmen wir als Beispiel Herrn Fiedler, einen meiner Klienten. Er ist geistig behindert, sieht sehr schlecht und ist so gut wie taub. Mit all diesen Einschränkungen könnte sich ein Mensch leicht in sich selbst zurückziehen und zu einem mürrischen Eigenbrötler werden. Herr Fiedler nicht. Er ist ein sehr geselliger Mensch, er hat sein Leben lang gearbeitet, und zwar auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sein Weg, seine Defizite zu kompensieren, ist: Menschen zu finden, die ihm ermöglichen, seine Stärken zu leben. So hat er es geschafft, einen ganz normalen Arbeitsplatz in einer ganz normalen Firma zu finden, wo er keinen geistigen Herausforderungen ausgesetzt war, und wo es so laut zuging, dass seine Schwerhörigkeit sogar zu einem Vorteil wurde. Dort hat er dreißig Jahre lang, bis zur Rente, gearbeitet.

Auf dieselbe Art hat er eine Wohnung gefunden. Eine ganz normale Wohnung für sich allein in einem ganz normalen Wohnblock. Okay, die Wohnung sieht aus wie … na ja, wie bei einem alleinstehenden älteren Mann eben. Ganz normal. Seit Herr Fiedler in Rente ist treffe ich ihn kaum noch in seiner Wohnung an. Meistens begegne ich ihm bei irgendeinem Fest oder auf dem Weg zum Bahnhof, von wo er zu irgendeinem Fest fährt. Herr Fiedler ist, wie gesagt, sehr gesellig. Es macht ihm nichts aus, dass er die Menschen nicht versteht. Er kriegt trotzdem alles mit. Er weiß alles, was im Städtchen so vor sich geht, wer mit wem und wer mit wem nicht mehr. Wenn ich die neuesten Neuigkeiten in unserer Stadt erfahren will, frage ich Herrn Fiedler.

Herr Fiedler hat massive Defizite. Er verdrängt sie nicht, er stellt sie nicht in den Vordergrund, er nimmt sie nicht als Anlass um zu leiden. Er lebt mit seinen Einschränkungen und nutzt sie oft sogar zu seinem Wohl. Ein Paradebeispiel von Inkompetenzkompensationskompetenz. Bewundernswert.

Fähig oder unfähig

Ich muss mal ein paar Worte verlieren zum Thema „Geschäftsunfähigkeit“. Da geistern immer noch die wildesten Vorstellungen durchs Land. Außerdem beschäftigt mich dieses Thema gerade beruflich sehr.

Die (leider immer noch) gängige Vorstellung ist: Wenn jemand eine Betreuung bekommt, wird er automatisch geschäftsunfähig. Hat mir grad wieder jemand so am Telefon gesagt. Nun, wie heißt es bei Juristen: Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Wahrheitsfindung. Und im Gesetz, genauer gesagt im § 104 BGB steht: „Geschäftsunfähig ist (…) wer sich in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befindet, sofern nicht der Zustand seiner Natur nach ein vorübergehender ist.“

Einer meiner Lieblingsparagraphen, rein sprachlich gesehen. Die größtmögliche Menge an Information mit der geringstmöglichen Anzahl von Wörtern. Und welches Wort kommt darin nicht vor? – Genau: Betreuung!

Ob jemand geschäftsfähig ist oder nicht, hängt nicht davon ab ob er eine Betreuung hat oder nicht. Sondern es hängt allein davon ab ob er geschäftsfähig ist oder nicht.

Und wann ist nun jemand geschäftsunfähig? Siehe § 104 BGB:

* Er/Sie ist krank,

* und zwar krankt es an einer Störung der Geistestätigkeit,

* diese Störung verhindert eine freie Willensbildung

* und ist nicht nur von Natur aus vorübergehend.

Typische Störungen der Geistestätigkeit, die zur Geschäftsunfähigkeit führen können (nicht müssen!): geistige Behinderung, manische Phase einer bipolaren Störung, Demenz. Störungen der Geistestätigkeit, die nicht zur Geschäftsunfähigkeit führen, da ihrer Natur nach vorübergehend: Alkoholrausch, Verliebtheit, Erschöpfung.

Und was ist nun, wenn ein nicht geschäftsfähiger Mensch was kauft oder einen Vertrag abschließt? Nun, wenn es nur zu seinem Vorteil ist oder wenn sich niemand beschwert: Dann passiert nichts. Ebenso bei „Geschäften des alltäglichen Bedarfs“. Die demenzkranke Frau Huber kann sich also ohne weiteres ihre gewohnten 500 g Hackfleisch kaufen.

Wenn der Betroffene aber dadurch Nachteile hat – z.B. dass er nach dem Kauf keinen Cent mehr auf dem Konto hat und es ist erst der Monatserste -, oder sich jemand beschwert – z.B. der Betreuer, dann muss der Kauf oder der Vertrag rückgängig gemacht werden. Denn genau genommen: Es ist ja gar kein (Kauf-)Vertrag zustande gekommen. Die Ware gehört also immer noch dem Händler, das Geld immer noch dem geschäftsunfähigen Nicht-Käufer. Das heißt dann in der Praxis: Ware zurück an den Händler, Geld zurück an den Käufer.

Ein paar Beispiele dafür, welche Käufe und Verträge ich für meine Klienten schon rückabgewickelt habe: Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio, mehrere Handy-Verträge, der Kauf eines Autos und eines Wohnmobils mit bereits eingebauter Sonderausstattung, ein Darlehen einer Bank, der Kauf eines Grundstücks samt neu zu bauendem Haus einschließlich bereits ausgehobener Baugrube. Und so weiter.

Und was ist, wenn die Ware beschädigt oder nicht mehr da ist? Oder schon Leistungen erbracht wurden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können? Z.B. Telefongebühren, oder ausgehobene Baugruben? Tja, da hat der Verkäufer Pech gehabt. Alles muss zurückgezahlt werden. Schadenersatz gibt’s nicht. Gewerbliche Verkäufer wissen das und rechnen solche Zahlungsausfälle in ihre Preise mit ein. Da gehen solche Rückabwicklungen auch ohne große Gegenwehr über die Bühne. Aber private Verkäufer, die zum Beispiel ihr altes Auto verkaufen, die trifft so was schon hart, selbst wenn das verkaufte Teil noch unberührt ist. Da kämpfe ich gerade in zwei Fällen damit. Die Privat-Verkäufer wehren sich mit Händen und Füßen, und sie haben dafür mein vollstes Verständnis. Aber es hilft nichts: Es gehört zum normalen Lebensrisiko, dass man bei einem privaten Geschäft auch mal an jemanden gerät, der nicht geschäftsfähig ist und dass man dann eventuell finanziell auf die Nase fällt. Da hilft nur, dass man sich den Käufer genau anschaut. Aber manchmal hilft nicht einmal das. Denn eine geistige Behinderung etwa muss nicht unbedingt sofort auffallen, und Menschen in einer manischen Phase wirken meistens seeehr überzeugend. Da hat man als Verkäufer dann einfach Pech gehabt. Nicht sehr erfreulich für den Verkäufer. Der kann dann nur noch den Betreuer seines Nicht-Kunden beschimpfen. Das darf er dann auch gern tun. Ich verstehe ihn ja. Aber das Geld muss er trotzdem rausrücken. Sorry.

Die Ärzte

Ich bekomme immer wieder den Vorwurf zu hören, dass ich in diesem Blog einseitig auf Ärzte einprügeln würde. Der Vorwurf ist berechtigt. Ich muss zugeben, ich bin hier unfair. Das liegt an einem Grundproblem menschlicher Existenz, welches lautet: Interessant ist nur das Negative.

Dass etwas ganz normal seinen Gang geht: Das interessiert doch kein Schwein. Okay, irgendwas besonders herausragend Gutes – ja, da kann man sich kurz darüber unterhalten. Aber was hält eine Party am Laufen? Gespräche über alles mögliche, das nicht funktioniert! Und egal ob Rezensionen über kulturelle Ereignisse oder ein Betreuer-Blog: Verrisse sind immer unterhaltsamer als Lob.

Vor kurzem habe ich einen Kommentar von einem Leser erhalten, der mir auch wieder negative Arzt-Befunde vorgeworfen hat. Um dann in seinem Kommentar ausführlich ein negatives Betreuer-Beispiel zu bringen. Ja ja … so ist die menschliche Existenz.

Deshalb an dieser Stelle einmal die ausdrückliche Feststellung: Der Großteil der Ärzte macht einen guten Job, nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich.

Aber (um den langweiligen positiven Teil schnell zu beenden) das deutsche Gesundheitswesen krankt insgesamt an zwei Punkten, mit denen auch die guten, menschlichen Ärzte zu kämpfen haben.

Punkt 1: In den letzten Jahrzehnten hat eine gewaltige Änderung im sozialen Denken in unserem Land stattgefunden. Jahrhundertelang war das Wohl der Allgemeinheit die Grundlage unserer Gesellschaft, im Guten wie im Schlechten in Form von Obrigkeitsdenken und Abgabe von eigener Verantwortung. Im Verhältnis Arzt – Patient hieß das: Der Arzt war der Halbgott in Weiß, und der Patient ließ willenlos alles über sich ergehen, was der allwissende Doktor mit ihm machte.

Seit den Sechzigerjahren hat sich der Blickwinkel immer mehr vom Allgemeinwohl zum Wohl des Einzelnen verschoben. Der Wandel von der Entmündigung zum Betreuungsrecht ist ein Beispiel dafür. Auch im Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich hier viel getan. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Basis des ganzen Betriebs der einzelne Patient ist, dass es um dessen Wohl und dessen Vorstellungen und Entscheidungen geht. Sichtbar wird dies in verpflichtenden, dokumentierten Aufklärungsgesprächen vor einer Behandlung oder in der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen.

Es hat sich hier viel getan, wie gesagt. In meinen ersten Betreuer-Jahren musste ich regelmäßig Ärzte darauf hinweisen, dass ihr Patient (mein Klient) entscheidet und dass sie verdammt noch mal diese Entscheidung zu akzeptieren haben. Heute muss ich nur noch selten den Ekel-Betreuer spielen. Aber: Ich muss es immer noch tun. Auch nach fünfzig Jahren gesellschaftlicher Entwicklung, auch nach 25 Jahren Betreuungsrecht muss ich Ärzte darauf hinweisen, dass das, was da vor ihnen im Bett liegt, keine Fleischmasse ist, an der sie nach eigenem Gutdünken rumschnippeln und in die sie chemische Stoffe reinschütten können, sondern dass das ein Mensch ist, und dass dieser Mensch entscheidet, was mit ihm geschieht, und sonst niemand.

Und diesen Kampf muss ich nicht nur für meine Klienten kämpfen, sondern auch für mich selbst. Ich konnte in den letzten Monaten ausführlich eigene Erfahrungen mit der deutschen Ärzteschaft sammeln. Dabei erlebte ich einige Ärzte, die mich als Mensch behandelten. Ich erlebte es aber auch, dass ich ohne medizinische Indikation und entgegen meiner deutlich geäußerten Nicht-Einwilligung auf die Intensivstation geschoben wurde.

Punkt 2: Ein weiterer gesellschaftlicher Wandel der letzten Jahrzehnte ist, dass unser gesamtes Leben immer stärker kommerzialisiert wird. Es gibt kaum noch einen Bereich, der nicht vom marktwirtschaftlichen Denken beherrscht wird. Einschließlich dem Eigenbild vieler Menschen, die sich selbst eher als Produkt denn als Individuum sehen.

Das Gesundheitswesen ist ein Teil dieser Entwicklung. In früheren Zeiten konnte ich in der Regel davon ausgehen, dass mir der Arzt das verschreibt, was für mich am besten ist und dass er die Untersuchung macht, die zum besten Ergebnis führt. Heute muss ich genau hinschauen und penetrant nachfragen, ob das was der Arzt vorschlägt, zu meinem Wohl dient oder zum Wohl des Kontostands des Arztes oder der Klinik.

Ich war letztes Jahr zu Gast in einer Klinik, in der kurz zuvor ein Herzkatheter-Messplatz angeschafft worden war. Der Stationsarzt hatte drei Untersuchungen angesetzt, als erstes eine mit dem Herzkatheter. Auf meine Nachfrage, weshalb gleich noch weitere Untersuchungen geplant sind, kam die Aussage: „Weil beim Herzkatheter wahrscheinlich eh nichts rauskommen wird.“ Ein paar Monate später lese ich in der Zeitung, dass die Klinik ganz stolz darauf ist, dass im ersten Jahr gleich 700 Untersuchungen mit diesem neuen, teuren Gerät durchgeführt wurden. Und ich denke mir: „Hm. So so.“

Und auch eine Erfahrung, die ich auf diesem Gebiet immer wieder mache, beruflich und im privaten Umfeld: Patientenverfügungen, in denen der Betroffene lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt, werden von Klinik-Ärzten ignoriert. Bis das Budget für die Behandlung ausgeschöpft ist. Dann darf der Patient entsprechend seinem Wunsch sterben.

Also, nochmals: Die meisten Ärzte machen einen guten Job. Aber zu viele haben ihren Fokus nicht dort wo er hingehört: Beim Patienten. Und das darf einfach nicht sein.

Ehe für fast alle

Ich möchte heute wieder mal eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Conni und Julian. Die beiden sind ein Paar. Zugegeben: Ein fiktives Paar, aber Paare wie sie gibt es zu tausenden in unserem Land. Conni und Julian sind schon seit über zehn Jahren zusammen. Sie lieben sich, seit ein paar Monaten wohnen sie auch zusammen. Sie reden schon lange davon dass sie heiraten wollen. Aber leider: Das dürfen sie nicht. Conni und Julian sind nämlich geistig behindert. Bei beiden ist die Behinderung so ausgeprägt, dass sie nicht geschäftsfähig sind. Und der Paragraph 1304 BGB sagt: „Wer geschäftsunfähig ist, kann eine Ehe nicht eingehen.“

Nun haben sich Conni und Julian sehr gefreut, dass der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen hat. Sie haben ihre Betreuer gleich gefragt, ob sie mit ihnen morgen zum Standesamt gehen, um das alles mit der Hochzeit abzuklären. Aber die Betreuer mussten sie enttäuschen. Sie mussten ihnen sagen, dass der Begriff „Ehe für alle“ eine Mogelpackung ist, und zwar gleich eine doppelte.

Erstens einmal redet dieser Begriff den Menschen das ein, was z.B. auch die Augsburger Allgemeine als Überschrift brachte: „Homosexuelle dürfen jetzt heiraten“. Was natürlich kompletter Quatsch ist. Homosexuelle durften auch bisher schon heiraten. Auf dem Standesamt wurde noch nie jemand nach seiner sexuellen Orientierung gefragt. Es war bisher nur der Personenkreis eingeschränkt, der für eine Hochzeit zur Verfügung stand. Aber das galt auch für Heterosexuelle.

Zweitens – und das wiegt viel schwerer – ist der Begriff „Ehe für alle“ eine glatte Lüge. Es gibt immer noch tausende Menschen in Deutschland, die nicht heiraten dürfen. Und zwar tatsächlich überhaupt nicht heiraten – und nicht nur ihren Ehepartner nicht frei wählen. Siehe Conni und Julian. Jeder beziehungsunfähige Schauspielstar, der seine sechste Ehefrau nach drei Wochen wieder verlässt, darf heiraten, zum siebten Mal, zum achten Mal. Jede Frau aus einem anderen Land, die nur heiratet um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, darf heiraten. Conni und Julian dürfen es nicht. Immer noch nicht.

Conni und Julian haben ihren Betreuer gefragt, wie das denn mit diesen … wie heißen diese schwierigen Wörter … ach ja, hat der Betreuer gesagt: UN-Behindertenrechtskonvention und Inklusion … genau, wie es denn damit aussieht, haben Conni und Julian gefragt. Der Betreuer hat geantwortet: „Scheiß drauf – so sieht’s aus. Es gibt keine Geistig Behinderten im Bundestag (Den naheliegenden Scherz verkneife ich mir), und deshalb interessiert sich keine Sau für euch! Außer ein Politiker braucht mal wieder ein PR-Bild mit einem fotogenen Mongo. Sorry, Conni, Julian, ihr müsst weiter ehelos zusammenleben. Die Ehe für alle gilt nicht für euch. Denn ihr gehört nicht zu ,allen‘. Immer noch nicht.“

Eingeschränkte Alltagskompetenz

Ich muss mal wieder über Juristen ablästern. Also ich habe an dieser Stelle ja schon öfter meine Wertschätzung für Juristen und vor allem ihre Art zu denken zum Ausdruck gebracht. Aber es gibt ein bestimmte Spezies von Juristen, mit denen verhält es sich wie mit den Stechmücken, die einen nachts um zwei umschwirren und vom Schlafen abhalten: Man weiß, es muss einen Grund für ihre Existenz geben, sonst gäbe es sie ja nicht. Aber eigentlich sind sie nur lästig, nervtötend und vollkommen überflüssig. Ich rede von den Juristen in den Rechtsabteilungen von Behörden.

Diese haben sicher ihre Daseinsberechtigung. Irgendjemand muss sich ja um die Rechtsfragen kümmern, die im Behördenbetrieb zwangsläufig auftreten. Aber anscheinend ist man dort mit dem Routinebetrieb nicht immer ganz ausgelastet und irgendein Mitarbeiter dieser Abteilung beginnt dann folgenden Gedankengang: „Hm, ich habe gerade nichts zu tun. Wenn das jemand merkt könnte er mich für überflüssig halten und meine Stelle streichen. Ich muss sofort was tun!! – Jaa! Ich schaue jetzt einfach mal alle Gesetze durch, ob sich dort nicht irgendwas findet womit sich noch drei Euro fuffzig für meine Behörde rausschlagen lassen!“

So ähnlich muss ein Mitarbeiter eines bayerischen Bezirks vor zwei Jahren gedacht haben. Leider hat dieser Mensch dann tatsächlich was gefunden. Seitdem hält er eine Menge Mitmenschen auf Trab, die wegen ihm (oder ihr) jede Menge Lebenszeit vergeuden. Es sind dies: Erst einmal viele Sachbearbeiter beim Bezirk, noch mehr Betreuer, Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes (MDK), Angestellte der Pflegekassen, Heimbewohner, pädagogisches Personal von Behinderten-Einrichtungen.

Es geht um Folgendes: Die bayerischen Bezirke bezahlen unter anderem den Aufenthalt eines großen Teils von Bewohnern in Einrichtungen für geistig Behinderte. Die Bewohner müssen im Gegenzug ein eventuell vorhandenes Einkommen (z.B. Rente) an den Bezirk abtreten. Nun hatte ein Rechtsabteilungjurist in einer langweiligen Stunde folgende Idee: Die Heimbewohner fahren jedes zweite Wochenende heim. Wenn sie pflegebedürftig sind, dann hätten sie dort zuhause Anspruch auf häusliche Pflege. Vor allem wenn eine sogenannte „eingeschränkte Alltagskompetenz“ vorliegt. Das heißt: Der Betroffene braucht zwar keine Pflege, aber er tut sich im Alltag mit manchen Dingen schwer und braucht deshalb Hilfe. Dafür kann man dann Pflegegeld kassieren. Das wäre Einkommen, und das wäre wiederum an den Bezirk abzutreten. Heissa, welche Freude! Wieder ein paar Euro für das eigene Amt gekrallt!

Der erste Schritt nach dieser revolutionären Idee: Alle zuständigen Sachbearbeiter wurden gezwungen, alle zuständigen Betreuer anzuschreiben und zu fragen a) ob ihre Klienten heimfahren, b) ob schon eine Pflege-Einstufung besteht und falls nein c) eine zu beantragen.

Welche Freude bei Sachbearbeitern und Betreuern! Auch bei mir. Es blieben immerhin drei von meinen Klienten übrig, für die ich einen Antrag auf eine Pflegestufe stellen musste. Zu allen dreien musste eine Gutachterin vom MDK kommen, obwohl klar war, dass es zu keiner Pflegestufe reicht.

Doch dann der Schreck: Ein Klient erhielt tatsächlich Pflegestufe 1! Warum auch immer. Dieser Klient bekam dann auch ein monatliches Pflegegeld, das der Bezirk umgehend für sich beanspruchte. Ich legte noch umgehender Widerspruch ein, weil das ganze eine zweckgebundene Leistung ist und solche nicht abgetreten werden müssen.

Wie ich erfuhr, hatten fast alle betroffenen Betreuer Widerspruch eingelegt. Diese Widersprüche gingen alle zurück an die Rechtsabteilung des Bezirks. Womit der Stein, der dort ins Rollen gebracht worden war, wieder dort einschlug. Immerhin mal ein Akt der Gerechtigkeit.

Dort bei der Rechtsabteilung liegt der Stein nun seit eineinhalb Jahren. Nichts ist seither passiert. Absolut nichts. Außer dass jeden Monat das Pflegegeld auf das Konto meines Klienten kommt. Das er aber nicht ausgeben kann, weil er es ja eventuell an den Bezirk zurückzahlen muss. So häufte es sich an, bis die Erzieherinnen seiner WG den Überblick verloren, welches Geld er ausgeben darf und welches nicht. Nun geht alles auf ein eigens eröffnetes Sparkonto. Ich könnte ja der Pflegekasse schreiben, dass sie die Zahlungen einstellen sollen, weil mein Klient mangels Pflegebedürftigkeit das Geld eh nicht ausgeben kann. Aber damit würde ich eine Schadenersatzforderung des Bezirks riskieren. Also kommt weiterhin fröhlich jeden Monat ein Haufen Geld rein, das keinem so wirklich gehört, aber vielen Menschen viele überflüssige Arbeit beschert.

Immerhin kam jetzt nach siebzehn Monaten Funkstille wieder mal Post vom Bezirk. Es besteht Hoffnung, dass ich das Ende dieser Affäre noch erleben werde.

Ich habe auch eine Idee für zusätzliche Einnahmen für den Bezirk: Er könnte eine Einstufung für die Juristen in der Rechtsabteilung beantragen. Möglicherweise liegt ja beim ein oder anderen eine eingeschränkte Alltagskompetenz vor.