Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Keep on talking

Was ich an meinem Beruf liebe: Herausforderungen. Situationen, in die man plötzlich geworfen wird ohne dafür ausgebildet oder vorbereitet zu sein. Das macht das Leben des gesetzlichen Betreuers spannend. Das ist hier anders als in so langweiligen Berufen wie etwa Gehirnchirurg, wo man tagein tagaus immer an den selben öden grauen Gehirnzellen rumschnippelt.

Letzte Woche gab es wieder so eine Herausforderung. Da habe ich Eheberatung gemacht. Zweisprachig. Deutsch – Englisch.

Angefangen hat alles mit einem Anruf von Herrn Förster. Er heulte und schluchzte. “Meine Frau versteht mich nicht”, sagte er. “Das ist ganz normal”, wollte ich schon sagen, aber bremste mich noch rechtzeitig, denn die eheliche Situation ist bei Herrn Förster eine sehr spezielle. Ich habe hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben. Die Kurzfassung: Weißer Mann sieht attraktive schwarze Frau am Bahnhof. Frau ist frisch aus Nigeria eingetroffen. Zwei Wochen später: Hochzeit. Danach monatelanges Hin und Her wegen Problemen mit dem Visum bei der Frau und Zweifeln an der Liebe beim Mann. Frau verschwindet für ein paar Monate. Kommt zurück, ebenso wie die Liebe beim Mann. Frau spricht Ewe und Englisch, Mann spricht Deutsch mit einem Wortschatz auf BILD-Niveau.

Genau das ist das größte Problem in dieser Ehe. Also, eigentlich das zweitgrößte, wie ich schnell erkenne, als ich zwecks Eheberatung bei Herrn und Frau Förster eintreffe. Herr Förster klagt erst einmal auf Deutsch, dass seine Frau nichts mit ihm redet, und wenn dann auf Englisch. Ich frage Frau Förster auf Englisch, wie sie das sieht. Sie erzählt mir auf Englisch aus dem Alltag mit Herrn Förster. Dieser redet zwar viel, sagt aber wenig. Vor allem das Wichtige lässt er meistens weg. Kommt mir bekannt vor, damit kämpfe ich auch ständig bei Herrn Förster.

Ich übersetze die Schilderungen von Frau Förster für Herrn Förster und frage ihn, wie er das sieht. “Mhm, ja”, sagt er mit einem verlegenen Lächeln. Es folgt ein längeres Gespräch, in dem ich die beiden in Richtung intensivere Kommunikation zu führen versuche. “Keep on talking!”, sage ich. “Hä?”, sagt Herr Förster.

Am Ende frage ich Herrn Förster diskret, ob er seine Gattin irgendwann in den letzten Wochen darüber informiert hat, dass er demnächst für zwei Monate ins Gefängnis muss. Dazu war er nämlich verurteilt worden. Direkt nach dem Prozess hatte ich Herrn Förster schon darauf hingewiesen, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen sollte. Es könnte sie ja möglicherweise interessieren, dass ihr Gatte plötzlich für zwei Monate verschwindet.

Ich musste Herrn Förster mehrmals daran erinnern. Nun sagte er, dass er ihr es gesagt hätte. Meine Nachfragen, wie das Gespräch denn gelaufen sei, ergab ungefähr folgendes Bild:

Herr Förster: “Du, Schatz , ich muss dir was sagen …”

Frau Förster: “Yeah, darling?”

Herr Förster (nuschelnd): “Ich muss ins Gefängnis.”

Frau Förster: “What d’ya say? I ain’t understand nothing.”

Herr Förster: “Aha.”

Ende des Gesprächs zu diesem Thema, Auftrag erfüllt. Ich hatte Herrn Förster ja nur geraten, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen soll. Davon dass sie das auch verstehen soll war nie die Rede.

Nun überbringt Herr Förster seiner Gattin noch einmal die schlechte Nachricht. Ich sorge dafür, dass sie die auch versteht. Frau Förster fällt aus allen Wolken. Ich erkläre ihr die Hintergründe des Ganzen und merke dabei, dass mein juristischer Englisch-Wortschatz nicht sehr ausgeprägt ist. Was heißt denn “Bewährung” oder “Berufung” auf Englisch? Zum Glück habe ich eine Übersetzungs-App im Handy, die ich nun ausgiebig nutze.

So hat am Ende nicht nur das Ehepaar Förster (hoffentlich) was fürs Leben gelernt, auch der Betreuer ist wieder schlauer geworden.

Lebensläufe: Hanni

Mal wieder ein Bericht aus dem Leben einer meiner Klientinnen. Diesmal: Hanni.

Normalerweise bin ich mit meinen Klienten per Sie. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Hanni gehört dazu. Sie ist meine dienstälteste Betreute. Seit sechzehn Jahren sind wir zusammen. In dieser Zeit hat sich ein ganz besonderes Verhältnis herausgebildet. Wir sind ein bisschen wie Vater und Tochter.

Hanni wurde vor rund dreißig Jahren geboren. Ich habe ihre Eltern nicht kennengelernt. Aus allem was ich über sie weiß, schließe ich, dass sie wohl auch einiges an Problemen mit sich herumschleppten. Offensichtlich waren sie mit ihrem Kind hoffnungslos überfordert. Hanni verbrachte die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Laufstall in einem abgedunkelten Zimmer, ohne jeden Kontakt nach außen. Bis das Jugendamt einschritt und Hanni in ein Kinderheim brachte. Dort lebte sie die nächsten sechzehn Jahre. Es war ein gutes Heim, in dem sie geliebt und geachtet aufwuchs.

Mit der Volljährigkeit kam sie in eine Einrichtung für geistig Behinderte. Die Behinderung war wohl eine Folge ihrer Kindheit. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde ich ihr Betreuer.

Ich lernte Hanni als eine fröhliche, gesellige und humorvolle junge Frau kennen. Es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung. Ich war wohl für sie der Vater, den sie nie so wirklich hatte. Beruflich gab es für mich außer der üblichen Routine nichts zu tun. Eine dieser netten, harmlosen Betreuungen.

Nach drei Jahren änderte sich das. Hannis Gedanken, die sie in unseren Gesprächen äußerte, wurden immer düsterer. Irgendwann sprach sie von Selbstmord. Ich schickte sie sofort zur Psychologin im Heim. Die bestätigte mir, dass das wirklich auf den letzten Drücker war. Hanni hatte schon konkrete Suizidpläne.

Hannis Zustand verschlechterte sich rapide. Sie kam in eine Wohngruppe für Pflegebedürftige. Sie brauchte zwar keine Pflege, aber sehr viel Zuwendung. Die Psychiater waren ratlos. Es gab alle paar Monate eine neue Diagnose. Hanni war auch sehr lernbegierig und brachte von jedem Psychiatrie-Aufenthalt neue Krankheiten mit, die sie von Mitpatienten abgeguckt hatte. Es wurde immer schwieriger festzustellen, was davon Original Hanni war und was Nachahmung.

Irgendwann einigten sich die Ärzte auf das Borderline-Syndrom. Ihr Verhalten seither scheint das zu bestätigen. Aber ich bin mir auch nach zehn Jahren noch nicht sicher, ob Hanni wirklich Borderline hat oder sich nur so verhält, weil sie darauf festgelegt worden ist.

Für mich war das Ganze jedenfalls eine neue Erfahrung. Ich lerne meine Klienten ja erst kennen, wenn sie schon erkrankt sind. Ich habe keinen Vergleich zwischen “gesundem” Verhalten und “krankem” Verhalten. Es ist deshalb für mich schwer einzuschätzen, woher die Willensäußerungen meiner Klienten kommen. Hanni war die erste, die ich (außer der geistigen Behinderung) “gesund” kennengelernt habe und bei der ich den Wandel zur “kranken” Persönlichkeit miterlebte.

Dieses Miterleben war heftig. Andrerseits habe ich immer noch die “gesunde” Hanni im Kopf und kann von daher ganz anders mit ihr umgehen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sie noch aus dieser Zeit kennt. Borderline-bedingt hat sie nämlich schon einige Wechsel der Wohngruppen hinter sich, aktuell steht sie vor dem Wechsel in eine andere Einrichtung. Alle Erzieher, Werkstatt-Mitarbeiter und Mitbewohner kennen sie nur als “die Borderlinerin” und gehen entsprechend mit ihr um. Das muss ich auch, denn so eine Störung kann man nicht ignorieren. Aber ich sehe immer noch die fröhliche, humorvolle Hanni vor mir. Und dadurch kommt sie auch immer wieder zum Vorschein.

Es ist nicht leicht mit Hanni. Gelegentlich kracht es auch. Aber wir werden noch ein paar Jahre miteinander verbringen. Ich wünsche es mir – und ihr.

Mutterliebe

Herr Lau, einer meiner Klienten, wohnt in einer Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Er ist Ende zwanzig. Sein Vater starb vor längerer Zeit, zu seiner Mutter hat er nur wenig Kontakt. Der Grund dafür? Zum Beispiel folgendes, das sich diese Woche zutrug:

Da rief Herrn Laus Mutter in der Wohngruppe an, in der ihr Sohn lebt. Sie sagte in etwa dieses: “Sie, bei mir im Dorf geht seit Monaten das Gerücht, dass sich mein Sohn vor den Zug geschmissen hat. Drum rufe ich jetzt an, weil ich wissen wollte, ob an dem Gerücht was dran ist.”

Womit ausreichend erklärt ist, weshalb Herr Lau in einem Heim wohnt.

Der Super-Starr

Im letzten Artikel habe ich über ein Erlebnis mit Frau Paul geschrieben. Mit dieser Klientin hatte ich auch das heißeste Erstgespräch aller Zeiten.

Wenn man als Betreuer einen neuen Klienten bekommt, trifft man sich notwendigerweise irgendwann das erste Mal mit ihm. Bei diesem Erstgespräch beschnuppert man sich, man beginnt gegenseitig erste Vorurteile aufzubauen und der Betreuer versucht so viel Informationen wie möglich zu bekommen, um mit seiner Arbeit möglichst effektiv loslegen zu können.

So war es auch bei Frau Paul gedacht. Was ich von ihr schon vor dem ersten Gespräch wusste: Sie hatte eine hochgradige Psychose, bekam von jedem Psychopharmakum, das auf dem Markt war, gleichzeitig die höchstmögliche Dosis und wurde seit über zehn Jahren im psychiatrischen Krankenhaus stationär behandelt. Durchgängig. Sie wohnte also dort.

Was ich nicht wusste: Frau Paul reagiert auf Neues entweder mit Schreien (siehe voriger Artikel) oder mit völligem Erstarren.

Ich fuhr also zu Frau Paul in die Psychiatrie. Sie saß dort im Besuchszimmer. Die Pfleger führten mich dort hinein mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich erfuhr schnell den Grund. Frau Paul saß im Zimmer und rührte sich nicht. Starr-Sinn im Extrem. Sie blinzelte nicht einmal.

Ich setzte mich ihr gegenüber und versuchte erst mal Small Talk. Keine Reaktion. Null. Nicht ein Muskel bewegte sich bei Frau Paul. Kein Blinzeln, keine Augenbewegung. Nach ein paar Minuten dachte ich: “Na gut, nehme ich die Herausforderung an.” Und ich verfiel ebenso in Starre. So saßen wir gefühlte drei Tage. Aber was soll ich sagen? Frau Paul gewann. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Minuten.

Das war unsere erste Begegnung. Irgendwie musste ich aber Frau Paul trotzdem beeindruckt haben. Ich wurde bald eine von drei Personen, die sie berühren durften. Zur Begrüßung reichte sie mir den kleinen Finger und ich durfte mit meinem kleinen Finger die Fingerkuppe berühren. Soviel Intimität gestattete sie außer mir damals nur noch zwei PflegerInnen. Hat sich mein Starr-Sinn doch ausgezahlt.

Betreuung in der Praxis

Prognosen sind schwierig zu erstellen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Eine alte Weisheit, die ich diese Woche wieder bestätigt bekam.

Ich war mit Frau Paul beim Kieferchirurgen. Frau Paul ist eine altgediente Klientin von mir. Schwerste Psychose, zehn Jahre stationär in der Psychiatrie, danach dann bis jetzt in einem kleinen Heim für schwer psychisch kranke Menschen. Sie hat ein Karzinom an der Nase, außerdem total kaputte Zähne, die langsam ihren Körper vergiften. Beides sollte in einer ambulanten OP beseitigt werden. Aus diesem Grund fuhr ich mit ihr in die nächstgelegene Stadt zum Narkose-Aufklärungsgespräch.

Meine Prognose für diese Fahrt war: Überflüssig wie ein Kropf. Frau Paul ist meistens nicht einwilligungsfähig in medizinische Behandlungen, und ich brauche keine Aufklärung mehr über Narkosen. Da habe ich schon ein paar Dutzend Aufklärungsgespräche hinter mir. Hätte man alles per Fax erledigen können. Außerdem gehört es nicht zu meinen Aufgaben als Betreuer, Leute in der Gegend herumzufahren.

Aber das Personal in diesem Heim ist immer nett zu mir, darum bin ich auch nett zu ihm. Und weil es hoffnungslos überlastet ist, nehme ich ihm halt die Arbeit ab. Also fahre ich Frau Paul in die kieferchirurgische Praxis. Auf der Fahrt ist Frau Paul schon sehr angespannt. In der Praxis müssen wir zehn Minuten warten. Das ist nicht lang, aber für Frau Paul zu lang. Sie fängt an, mit dem Oberkörper hin und her zu wippen und sie drängt darauf, wieder zu gehen.

Ich überzeuge den im Gang vorbeieilenden Arzt, Frau Paul vorzuziehen. Er kommt auch tatsächlich gleich zu ihr. Als er das Wort “Krebs” erwähnt, flippt Frau Paul aus. Sie schreit in voller Lautstärke und schönstem Schwäbisch: “I hob koin Krebs! Des isch a innawachsads Rufala!”

Der folgende Dialog dreht sich darum, was denn ein “innawachsads Rufala” isch. Das Unverständnis des Arztes bringt Frau Paul noch mehr auf die Palme. Sie brüllt was die Lunge hergibt. Der Arzt flüchtet und schickt den Anästhesisten vorbei. Der beginnt mit dem Aufklärungsgespräch, in dem naheliegenderweise das Wort “Narkose” vorkommt. Was bei Frau Paul eine weitere Steigerung des Brüllens auslöst. Der Arzt schaut sich die Medikamentenliste von Frau Paul an. Die ist sehr umfangreich. Unter anderem erhält sie in der Nacht Sauerstoff. Was eine ambulante OP ausschließt, wie mir der Arzt erklärt. Begleitet vom Gebrüll von Frau Paul einigen wir uns darauf, die OP bleiben zu lassen, weil eine stationäre Behandlung einfach nicht machbar ist. Man muss halt abwarten, was das Karzinom macht und dann weiter improvisieren. Gegen den Willen von Frau Paul lässt sich eh nichts machen.

Entgegen der Prognose: Es war sinnvoll, dass ich beim Aufklärungsgespräch dabei war.

Und was ist ein “innawachsads Rufala”? – Fragen Sie Ihren schwäbischen Arzt oder Apotheker oder Nachbarn!

Lebensläufe: Herr Müller

Wenn ich mit Außenstehenden über das Betreuungswesen rede, bemerke ich immer wieder recht skurrile Ansichten darüber, welche Menschen denn mit einer Betreuung beglückt werden können/müssen/dürfen. Ich möchte deshalb in der nächsten Zeit in loser Folge einfach mal ein paar Lebensläufe vorstellen. Leben, die meine Klienten gelebt haben.

Dazu eine Vorbemerkung. Es gilt hier wie bei allen meinen Artikeln: Ich verändere nicht nur die Namen der Betroffenen, sondern auch die geschilderten Umstände, und zwar so, dass sie immer noch den Tatsachen entsprechen, aber daraus keine Rückschlüsse auf die realen Personen gezogen werden können.

Ich beginne die Reihe mit Herrn Müller. Für ihn war ich Betreuer in seinen letzten fünf Lebensjahren. Diese verbrachte er in einer Kleinstadt, wo er eine Art Berühmtheit geworden war.

Davor war er zwanzig Jahre als Schiffskoch durch die Welt getingelt. Als er diese Arbeit nicht mehr machen konnte, fand er nicht mehr in ein bürgerliches, sesshaftes Leben zurück. Die nächsten zwanzig Jahre zog er weiter durch die Welt, als berufsmäßiger Obdachloser. Er tat das aus Überzeugung und mit einem starken Selbstbewusstsein.

Doch mit zunehmendem Alter fiel ihm dieses Leben immer schwerer. Irgendwann wurde er so etwas wie sesshaft – in einer bayerischen Kleinstadt, wo er sich in einer öffentlichen Toilette einquartierte. Die besaß immerhin fließendes Wasser, ein Klo (natürlich) und sogar eine Heizung. So bequem hatte Herr Müller seit zwanzig Jahren nicht mehr gewohnt.

Nun war Herr Müller mit einem einmaligen Talent gesegnet. Er schaffte es, Hilfe zu erhalten, ohne danach zu fragen – ja, er lehnte sie in den meisten Fällen vehement ab. Er bedankte sich auch nie. Aber nach einigen Wochen in dem Parkplatz-WC kannte ihn die halbe Stadt, und jeder wollte ihm helfen.

So hatte ihm dann der Leiter des städtischen Ordnungsamtes eine Wohnung in der Notunterkunft besorgt, die Herr Müller monatelang heftig abgelehnt hatte. Um sie dann doch gerne – ohne ein Dankeschön – zu beziehen. Die Einrichtung wurde von einem Dutzend verschiedener Menschen spendiert. Herr Müller nahm das unbeeindruckt zur Kenntnis. Keiner war ihm böse, alle halfen ihm gerne wieder.

Da Herr Müller seine Angelegenheiten mit demselben freundlichen Desinteresse behandelte, wurde irgendwann ich als Betreuer für ihn bestellt. Eigentlich lagen die Voraussetzungen für eine Betreuung gar nicht vor. Herrn Müller war nicht behindert, ihm waren nur so Dinge wie Antragstellungen und Bezahlen von Rechnungen einfach egal. Aber er nahm mich als neuen Helfer genauso wohlwollend-unberührt zur Kenntnis wie die anderen vier Dutzend Helfer auch.

Im Lauf der Zeit wurde Herr Müller immer pflegebedürftiger. Ich organisierte die Pflege durch einen ambulanten Dienst. Herr Müller hielt Elektrizität für überbewertet, weshalb er keine Stromrechnungen bezahlte und folglich keinen Strom mehr hatte. Weshalb folglich der Pflegedienst die Pflege morgens im Schein einer Taschenlampe durchführte. Romantic Nursing.

Seinen Bekanntheitsgrad hatte Herr Müller auch dadurch erlangt, dass er fast täglich vor dem Aldi stand und bettelte. Als er es nicht mehr zu Fuß dorthin schaffte, fuhr er mit dem Taxi zum Betteln. Vom örtlichen Taxiunternehmer erhielt er einen stark verbilligten Pauschalpreis.

Irgendwann ging es in der Wohnung nicht mehr mit der Pflege. Ins Heim wollte er jedoch nicht. Herr Müller, der Pflegedienst und ich wurschtelten uns noch ein ganzes Jahr so durch, bis es wirklich nicht mehr ging. Das sah dann auch Herr Müller ein. Als ein Platz im Heim frei wurde, holte ich ihn ab. Er stieg mit einem Fuß ins Auto ein, und dann wieder aus. “Ich pack es einfach nicht”, sagte er und ging zurück in seine Wohnung.

Herr Müller, der Pflegedienst und ich wurschtelten uns noch ein weiteres Jahr durch. Bis es wirklich absolut endgültig nicht mehr ging. Diesmal packte es Herr Müller und zog ins Heim.

Es war ein Kreisseniorenheim, das mit besonderen Persönlichkeiten wie Herrn Müller umgehen konnte. Er wurde dort richtig heimisch. Bei jedem meiner Besuche strahlte er über das ganze Gesicht und er sagte jedes Mal: “Danke!”

Nach einigen Monaten starb er dort im Heim. Glücklich.

Tsipras und die Schufa

Weil Schulden und Pleite gerade so ein großes Thema sind, will ich mich auch mal darüber auslassen. Schließlich gehört die Regulierung von Schulden mit zu den Hauptaufgaben eines Betreuers. Bei rund der Hälfte der neu übernommenen Betreuungen sind Schulden im Spiel – so ist meine Erfahrung.

Diese Verbindlichkeiten entstehen aus verschiedenen Gründen. Oft sind die Betroffenen krankheitsbedingt (v.a. bei Demenz) nicht mehr in der Lage, Rechnungen als solche zu erkennen oder überhaupt irgendwie noch sich um die eigenen Finanzen zu kümmern. Meist ist das dann auch der Auslöser, weshalb eine Betreuung angeregt wird.

Teilweise gehört Schuldenmachen auch zum Krankheitsbild, z.B. in der manischen Phase bei bipolarer Störung. Menschen mit einer geistigen Behinderung sind oft einfach überfordert und können die Höhe von dauerhaften Verbindlichkeiten (etwa Handy-Verträge) nicht einschätzen. Zum Teil ist es den Betroffenen aber auch einfach wurscht, ob sie Schulden machen oder nicht.

In diesem Zusammenhang eine kleine Anektode: Vor Jahren übernahm ich die Betreuung für einen älteren Herrn mit einer geistiger Behinderung. Er hatte 10.000 € auf dem Girokonto. Nach vier Wochen Betreuungsarbeit hatte er 0 € auf dem Girokonto. Er hat sich tierisch aufgeregt. Was ich ihm nicht begreiflich machen konnte: Vor der Zahl 10.000 hatte ein Minuszeichen gestanden.

Auch auf diesem Gebiet habe ich aus meiner beruflichen Tätigkeit einiges fürs Leben gelernt:

a) Mache keine Schulden. Für Schulden muss man Zinsen und jede Menge Bearbeitungsgebühren zahlen. Dieses Geld fehlt einem dann, und zwar dauerhaft. Aus 40 € nicht bezahltem erhöhtem Beförderungsentgelt werden innerhalb von ein paar Monaten locker mal 150 € Schulden. Das heißt: Man muss zusätzlich auf 110 € verzichten, wenn man alles zurückzahlt.

b) Wenn du Schulden machst, mache richtig viel Schulden. Soviel, dass du sie nie mehr im Leben zurückzahlen kannst.  Dann bist du der König.

Letzteres funktioniert allerdings nur bei Menschen, die wenig verdienen. So wenig, dass man nichts bei ihnen pfänden kann. Aber diese Menschen haben dann ein sorgenfreies Leben. Denn wer ein bisschen Schulden hat und ausreichend Einkommen, dem können die Gläubiger mit allen möglichen unangenehmen Dingen drohen: Gehaltspfändung und Kontopfändung zum Beispiel. Wenn jemand nur eine kleine Rente bekommt oder Hartz IV, dem können die Gläubiger gar nichts tun. Im Gegenteil, hier verkehren sich sogar die Machtverhältnisse: Der ein bisschen verschuldete Mensch muss sich von den Gläubigern die Bedingungen diktieren lassen. Der völlig überschuldete Mensch (oder sein Betreuer) kann ganz locker sagen: “Hey, Gläubiger, eigentlich muss ich gar nix zahlen, und du wirst auch niemals nix von mir bekommen. Aber ich täte, weil ich so nett bin, 100 € zahlen, wenn du mir dafür die restlichen 1900 € erlässt. Und wenn du auf dieses Angebot nicht eingehst, frage ich halt einen meiner anderen fünfundzwanzig Gläubiger.”

Das funktioniert so im Kleinen, das läuft genauso im Großen. Siehe Herr Tsipras & Co. Man kann das ungerecht finden. Ist es ja auch. Zur Beruhigung der moralischen Empörung: Das Ganze hat auch einen gewaltigen Haken: Es funktioniert eben nur bei kleinen Einkommen, und zwar bei dauerhaft kleinen Einkommen. Wenn der völlig überschuldete Hartz-IV-Bezieher wieder eine gut bezahlte Arbeit bekommt, haben ihn die Gläubiger sofort am Wickel. Wenn die überschuldete kleine Rentnerin plötzlich viel erbt, hat sie nichts von diesem Erbe. Dieses Geschäftsmodell ist also nur was für genügsame Menschen. Und genügsame Volkswirtschaften.

Aber denen geht’s prächtig damit. Gemäß der alten Weisheit: Ist das Konto erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.