Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Lebensläufe: Andrzej Chuklik

Heute mal wieder ein Bericht aus dem Leben eines Betreuten, als Beispiel dafür, wie Leben verlaufen können und was eine Betreuung damit zu tun hat.

Der Tag, an dem ich Betreuer für Herrn Chuklik wurde, war wohl der schwärzeste Tag in seinem Leben. Ich ging mit der frisch gefaxten Betreuerbestellung zu seiner Wohnung, vor der bereits Herr Chuklik, der Gerichtsvollzieher und der Chef des städtischen Ordnungsamtes warteten. Mein erster Job: Begleitung bei der Zwangsräumung der Wohnung und dem Umzug in die Notunterkunft der Stadt.

Ein paar Jahre davor war Herr Chuklik mit seiner Frau und seiner Tochter aus einem osteuropäischen Land nach Deutschland gekommen. Er ist ein freundlicher, gutmütiger, fleißiger Mensch und findet deshalb schnell einen Arbeitsplatz und eine Wohnung und spricht bald fließend Deutsch. Alles läuft bestens – mal abgesehen von der landestypischen Zuneigung zum Wodka. (Das ist jetzt kein Klischee. Was dem Bayern das Bier, ist dem Polen, Russen usw. der Wodka. Bloß intensiver.)

Herr Chuklik und seine Familie wohnen im selben Haus wie ihr Vermieter. Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Frau Chuklik und der Vermieter in kurzer Zeit sogar ein extrem gutes. So gut, dass Frau Chuklik samt Tochter ein Stockwerk höher zieht. Herr Chuklik muss täglich mit ansehen, wie seine Frau ihn betrügt. Er reagiert mit erhöhtem Wodka-Konsum. Was immer häufiger dazu führt, dass Herr Chuklik zu betrunken für die Arbeit ist. Bald hat er seinen Job verloren. Die Beantragung von Arbeitslosengeld bringt er nur mit Mühen voran. Das Geld wird knapp. Die Mietzahlungen bleiben aus. Der Vermieter (und Lover seiner Frau) kündigt die Wohnung.

An diesem Punkt trete ich ins Leben von Herrn Chuklik. Der Chef des Ordnungsamtes, der schon länger mit meinem neuen Klienten befasst war, hatte die Betreuung angeregt. Außer Alkoholabhängigkeit gab’s eigentlich keine Diagnose – also im Grunde kein Fall für eine Betreuung. Aber Herr Chuklik wollte unbedingt, und so fand sich schon noch irgendeine Persönlichkeitsstörung.

Herr Chuklik war nicht nur gutmütig und fleißig. Er war auch auf eine ruhige Art unheimlich zäh und zielstrebig. Er wollte wieder raus aus dem Tal; und er wusste, dass er das nicht allein konnte. So hatte er es auf seine ruhige, zielstrebige Weise geschafft, Hilfe zu erhalten.

Doch zunächst ging es noch weiter bergab. Im Suff hatte er ein paar Monate zuvor einen Diebstahl begangen und die folgende Strafverhandlung betrunken verschlafen, weshalb er nun bis zum Beginn der neuen Verhandlung eingesperrt wurde. Außerdem wusste er seit kurzem sicher, was er schon länger vermutete: Die Tochter seiner Frau war nicht seine Tochter.

Und außerdem forderte sein alter Vermieter und neuer Freund seiner Frau noch ausstehende Miete in fünfstelliger Höhe von ihm. Herr Chuklik hatte die Miete in seiner Gutmütigkeit immer in bar in den Briefkasten geworfen. Meistens – sagte Herr Chuklik. Nie – sagte der Ex-Vermieter. Nachweise gab’s von keiner Seite. Auch hier ging es vors Gericht. Die beiden Prozesse bedeuteten den Wendepunkt in Herrn Chukliks Leben. Wegen des Diebstahls erhielt er eine Bewährungsstrafe. Die Verhandlung wegen der Mietschulden war filmreif. Der Anwalt des Vermieters beharrte darauf, dass Herr Chuklik „nie“ die Miete bezahlt hätte. Der Anwalt von Herrn Chuklik ließ seinen Gegner ausführlich reden. Dann zog er eine Quittung hervor, die Herr Chuklik irgendwo ausgegraben hatte, ausgestellt über eine Mietzahlung und unterschrieben vom Vermieter. Womit die Glaubwürdigkeit des Vermieters komplett im Arsch war. Es blieb ihm nichts anderes übrig als einem Kompromiss zuzustimmen, der die wohl realistischen Mietschulden abdeckte.

In den folgenden Jahren unterstützte ich Herrn Chuklik bei all den Dingen, mit denen sich ein obdachloser arbeitsloser Mensch herumschlagen muss. Zu Beginn gab es noch einige Alkohol-Abstürze, doch immer mehr bekam Herr Chuklik sein Leben in den Griff. Ganz allein, aus eigener Kraft. Ich hielt ihm nur den Rücken frei. Nach zwei Jahren fand er wieder eine Arbeitsstelle, nach zweieinhalb Jahren eine Freundin, nach drei Jahren eine Wohnung. Dazwischen bezahlte er alle Schulden ab.

Die Betreuung wurde aufgehoben. Ich traf Herrn Chuklik noch öfters irgendwo unterwegs. Er machte einen glücklichen Eindruck.

Menschen benutzen

Seit über sieben Jahren schreibe ich diesen Blog und habe dabei das Betreuungswesen von allen möglichen Seiten beleuchtet. Ein Thema schiebe ich aber seit Jahren vor mir her, obwohl es einem in der Tätigkeit als Betreuer auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist einfach ein äußerst unangenehmes Thema, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch heute ist Karfreitag, der richtige Tag um sich Leid und Bösartigkeit zuzuwenden. Deshalb heute ein nicht ganz so unterhaltsamer Artikel über sexuellen Missbrauch.

Zu Beginn meiner Betreuerkarriere las ich über eine Studie, nach der in unserem Land ein Drittel aller Frauen und ein Zehntel aller Männer im Laufe ihres Lebens Opfer von sexueller Gewalt werden. Ich, der ich in gutbürgerlichen, behüteten Verhältnissen aufgewachsen bin, hielt damals diese Zahlen für übertrieben. Heute, achtzehn Berufsjahre und viele Einblicke in meinem privaten Umfeld später, weiß ich: Die genannten Zahlen dürften eher die untere Grenze darstellen. Sexueller Missbrauch ist alltäglich und weit verbreitet, in allen Schichten und in allen Lebensbereichen.

Weit mehr als die Hälfte meiner KlientInnen wurde in irgendeiner Form sexuell missbraucht. Oft ist die Erkrankung, die dann zur Betreuung geführt hat, eine Folge dieses Missbrauchs. Häufig wird aber auch die Behinderung ausgenutzt, um den Menschen zum Opfer zu machen. Wie auch immer, die Folge ist jedes Mal dieselbe: Der Täter hat kurz seinen Spaß, das Opfer leidet sein Leben lang. Dieses Leiden äußert sich in tausend verschiedenen Formen: als psychische Erkrankung; als Persönlichkeitsstörung; als Suchtabhängigkeit; als gestörte Sexualität; als Beziehungsunfähigkeit; als Betriebsamkeit bis zum Zusammenbruch, um nicht an das Erlebte denken zu müssen; als Selbstausbeutung des eigenen Körpers und endlos so weiter …

Woraus entsteht dieses Leid in dieser Heftigkeit? – Zunächst einmal: Die Bezeichnung „Missbrauch“ ist schon einmal völlig falsch. Sie ist Tätersprache. Denn „Missbrauch“ heißt: falscher Gebrauch. Was voraussetzt, dass es einen richtigen Gebrauch gibt. Was bei Gegenständen und Worten der Fall sein kann, aber nicht bei Menschen. Wer einen anderen Menschen für irgendetwas benutzt, missbraucht ihn. Eltern, die ein Kind in die Welt setzen, damit es ihre Ziele verwirklicht, benutzen ihr Kind und missbrauchen es dadurch. Der Betreuer, der seine Klienten benutzt um sich als toller Mensch zu fühlen, missbraucht diese Klienten. Wer einen Partner sucht, weil er mit sich allein nicht klar kommt, der benutzt/missbraucht diesen Partner.

Und immer wird der Benutzte zum Opfer gemacht. Er/Sie erlebt: Ich bin ausgeliefert, ich bin unten und der andere ist oben, ich bin deshalb weniger wert, ich bin unfähig zu einem eigenständigen Leben, ich bin machtlos. Denn genau darum geht es immer, wenn ein Mensch einen anderen benutzt: Um Macht. Egal ob der Täter „nur sein Kind erzieht“ oder „als Betreuer nur das Beste für seine Klienten will“ oder „seiner Partnerin ja nur damit seine Liebe zeigen will“: Das alles sind nur Mittel zur Machtausübung.

So dient auch der sogenannte sexuelle Missbrauch ausschließlich der Machtgewinnung und -erhaltung. (Mal ausgenommen davon die Triebtäter, die aus einer gestörten Sexualität heraus handeln.) Sex, Zärtlichkeit, körperliche Nähe werden benutzt, um einen Menschen dazu zu benutzen, ihn zu beherrschen.

Die anderen Formen des Menschenbenutzens kommen meist recht versteckt daher und werden daher häufig nicht so bewusst wahrgenommen, weder vom Täter noch vom Opfer. Sexuelles Benutztwerden wird dagegen direkt körperlich erfahren. Es wird vom Täter immer bewusst eingesetzt und vom Opfer zumindest im Moment des Geschehens bewusst wahrgenommen. Auf sexuelle Weise benutzt zu werden greift einen Menschen direkt körperlich und seelisch an. Deshalb entfaltet diese Art der Machtausübung eine solch verheerende Wirkung.

Wie können Sie nun verhindern, selbst zum Opfer zu werden?

Gegen Triebtäter hilft nichts. Gegen Machttäter hilft: Selbst die Macht über sich behalten und das deutlich zeigen. Das heißt konkret: Sich mit sich selbst und mit anderen Menschen auseinandersetzen -> erkennen, was läuft – bei mir und beim anderen -> handeln statt behandelt werden. Denn die Täter suchen sich Menschen, die sie leicht zum Opfer machen können: Menschen, die sich manipulieren lassen. Die sich deswegen manipulieren lassen, weil sie nicht über sich selbst und andere nachdenken (können). Die das aufgrund einer Behinderung nicht können, oder weil sie so erzogen worden sind, oder weil sie ohnehin schon in einer Opferrolle sind oder weil sie noch zu jung dafür sind.  Auch Kinder sind deshalb besonders gefährdet. Wenn Sie also Ihr Kind vor sexuellem Benutztwerden bewahren wollen, erziehen Sie es in diesem Geist der Eigenständigkeit. Sagen Sie ihm: „Denk selber nach! Und du darfst deinen eigenen Weg gehen. Es muss nicht mein Weg sein. Der ist ohnehin schon durch mich belegt.“

Und was können Sie tun, wenn Sie Opfer geworden sind?

Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Dutzenden Betroffenen habe ich gelernt, mich hier mit Ratschlägen zurückzuhalten. Jede(r) hat seine/ihre eigene Geschichte des Benutztwerdens. Und deshalb hat jede(r) einen eigenen Weg, sich davon wieder zu lösen. Ich kann nur eins mit Sicherheit sagen: Davonlaufen ist kurzfristig leichter, richtet aber langfristig mehr Schaden an als sich dem Schmerz und der Erniedrigung und dem Ausgeliefertsein zu stellen. Denn nur so kann man sich davon wieder befreien.

Keep on talking

Was ich an meinem Beruf liebe: Herausforderungen. Situationen, in die man plötzlich geworfen wird ohne dafür ausgebildet oder vorbereitet zu sein. Das macht das Leben des gesetzlichen Betreuers spannend. Das ist hier anders als in so langweiligen Berufen wie etwa Gehirnchirurg, wo man tagein tagaus immer an den selben öden grauen Gehirnzellen rumschnippelt.

Letzte Woche gab es wieder so eine Herausforderung. Da habe ich Eheberatung gemacht. Zweisprachig. Deutsch – Englisch.

Angefangen hat alles mit einem Anruf von Herrn Förster. Er heulte und schluchzte. „Meine Frau versteht mich nicht“, sagte er. „Das ist ganz normal“, wollte ich schon sagen, aber bremste mich noch rechtzeitig, denn die eheliche Situation ist bei Herrn Förster eine sehr spezielle. Ich habe hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben. Die Kurzfassung: Weißer Mann sieht attraktive schwarze Frau am Bahnhof. Frau ist frisch aus Nigeria eingetroffen. Zwei Wochen später: Hochzeit. Danach monatelanges Hin und Her wegen Problemen mit dem Visum bei der Frau und Zweifeln an der Liebe beim Mann. Frau verschwindet für ein paar Monate. Kommt zurück, ebenso wie die Liebe beim Mann. Frau spricht Ewe und Englisch, Mann spricht Deutsch mit einem Wortschatz auf BILD-Niveau.

Genau das ist das größte Problem in dieser Ehe. Also, eigentlich das zweitgrößte, wie ich schnell erkenne, als ich zwecks Eheberatung bei Herrn und Frau Förster eintreffe. Herr Förster klagt erst einmal auf Deutsch, dass seine Frau nichts mit ihm redet, und wenn dann auf Englisch. Ich frage Frau Förster auf Englisch, wie sie das sieht. Sie erzählt mir auf Englisch aus dem Alltag mit Herrn Förster. Dieser redet zwar viel, sagt aber wenig. Vor allem das Wichtige lässt er meistens weg. Kommt mir bekannt vor, damit kämpfe ich auch ständig bei Herrn Förster.

Ich übersetze die Schilderungen von Frau Förster für Herrn Förster und frage ihn, wie er das sieht. „Mhm, ja“, sagt er mit einem verlegenen Lächeln. Es folgt ein längeres Gespräch, in dem ich die beiden in Richtung intensivere Kommunikation zu führen versuche. „Keep on talking!“, sage ich. „Hä?“, sagt Herr Förster.

Am Ende frage ich Herrn Förster diskret, ob er seine Gattin irgendwann in den letzten Wochen darüber informiert hat, dass er demnächst für zwei Monate ins Gefängnis muss. Dazu war er nämlich verurteilt worden. Direkt nach dem Prozess hatte ich Herrn Förster schon darauf hingewiesen, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen sollte. Es könnte sie ja möglicherweise interessieren, dass ihr Gatte plötzlich für zwei Monate verschwindet.

Ich musste Herrn Förster mehrmals daran erinnern. Nun sagte er, dass er ihr es gesagt hätte. Meine Nachfragen, wie das Gespräch denn gelaufen sei, ergab ungefähr folgendes Bild:

Herr Förster: „Du, Schatz , ich muss dir was sagen …“

Frau Förster: „Yeah, darling?“

Herr Förster (nuschelnd): „Ich muss ins Gefängnis.“

Frau Förster: „What d’ya say? I ain’t understand nothing.“

Herr Förster: „Aha.“

Ende des Gesprächs zu diesem Thema, Auftrag erfüllt. Ich hatte Herrn Förster ja nur geraten, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen soll. Davon dass sie das auch verstehen soll war nie die Rede.

Nun überbringt Herr Förster seiner Gattin noch einmal die schlechte Nachricht. Ich sorge dafür, dass sie die auch versteht. Frau Förster fällt aus allen Wolken. Ich erkläre ihr die Hintergründe des Ganzen und merke dabei, dass mein juristischer Englisch-Wortschatz nicht sehr ausgeprägt ist. Was heißt denn „Bewährung“ oder „Berufung“ auf Englisch? Zum Glück habe ich eine Übersetzungs-App im Handy, die ich nun ausgiebig nutze.

So hat am Ende nicht nur das Ehepaar Förster (hoffentlich) was fürs Leben gelernt, auch der Betreuer ist wieder schlauer geworden.

Lebensläufe: Hanni

Mal wieder ein Bericht aus dem Leben einer meiner Klientinnen. Diesmal: Hanni.

Normalerweise bin ich mit meinen Klienten per Sie. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Hanni gehört dazu. Sie ist meine dienstälteste Betreute. Seit sechzehn Jahren sind wir zusammen. In dieser Zeit hat sich ein ganz besonderes Verhältnis herausgebildet. Wir sind ein bisschen wie Vater und Tochter.

Hanni wurde vor rund dreißig Jahren geboren. Ich habe ihre Eltern nicht kennengelernt. Aus allem was ich über sie weiß, schließe ich, dass sie wohl auch einiges an Problemen mit sich herumschleppten. Offensichtlich waren sie mit ihrem Kind hoffnungslos überfordert. Hanni verbrachte die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Laufstall in einem abgedunkelten Zimmer, ohne jeden Kontakt nach außen. Bis das Jugendamt einschritt und Hanni in ein Kinderheim brachte. Dort lebte sie die nächsten sechzehn Jahre. Es war ein gutes Heim, in dem sie geliebt und geachtet aufwuchs.

Mit der Volljährigkeit kam sie in eine Einrichtung für geistig Behinderte. Die Behinderung war wohl eine Folge ihrer Kindheit. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde ich ihr Betreuer.

Ich lernte Hanni als eine fröhliche, gesellige und humorvolle junge Frau kennen. Es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung. Ich war wohl für sie der Vater, den sie nie so wirklich hatte. Beruflich gab es für mich außer der üblichen Routine nichts zu tun. Eine dieser netten, harmlosen Betreuungen.

Nach drei Jahren änderte sich das. Hannis Gedanken, die sie in unseren Gesprächen äußerte, wurden immer düsterer. Irgendwann sprach sie von Selbstmord. Ich schickte sie sofort zur Psychologin im Heim. Die bestätigte mir, dass das wirklich auf den letzten Drücker war. Hanni hatte schon konkrete Suizidpläne.

Hannis Zustand verschlechterte sich rapide. Sie kam in eine Wohngruppe für Pflegebedürftige. Sie brauchte zwar keine Pflege, aber sehr viel Zuwendung. Die Psychiater waren ratlos. Es gab alle paar Monate eine neue Diagnose. Hanni war auch sehr lernbegierig und brachte von jedem Psychiatrie-Aufenthalt neue Krankheiten mit, die sie von Mitpatienten abgeguckt hatte. Es wurde immer schwieriger festzustellen, was davon Original Hanni war und was Nachahmung.

Irgendwann einigten sich die Ärzte auf das Borderline-Syndrom. Ihr Verhalten seither scheint das zu bestätigen. Aber ich bin mir auch nach zehn Jahren noch nicht sicher, ob Hanni wirklich Borderline hat oder sich nur so verhält, weil sie darauf festgelegt worden ist.

Für mich war das Ganze jedenfalls eine neue Erfahrung. Ich lerne meine Klienten ja erst kennen, wenn sie schon erkrankt sind. Ich habe keinen Vergleich zwischen „gesundem“ Verhalten und „krankem“ Verhalten. Es ist deshalb für mich schwer einzuschätzen, woher die Willensäußerungen meiner Klienten kommen. Hanni war die erste, die ich (außer der geistigen Behinderung) „gesund“ kennengelernt habe und bei der ich den Wandel zur „kranken“ Persönlichkeit miterlebte.

Dieses Miterleben war heftig. Andrerseits habe ich immer noch die „gesunde“ Hanni im Kopf und kann von daher ganz anders mit ihr umgehen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sie noch aus dieser Zeit kennt. Borderline-bedingt hat sie nämlich schon einige Wechsel der Wohngruppen hinter sich, aktuell steht sie vor dem Wechsel in eine andere Einrichtung. Alle Erzieher, Werkstatt-Mitarbeiter und Mitbewohner kennen sie nur als „die Borderlinerin“ und gehen entsprechend mit ihr um. Das muss ich auch, denn so eine Störung kann man nicht ignorieren. Aber ich sehe immer noch die fröhliche, humorvolle Hanni vor mir. Und dadurch kommt sie auch immer wieder zum Vorschein.

Es ist nicht leicht mit Hanni. Gelegentlich kracht es auch. Aber wir werden noch ein paar Jahre miteinander verbringen. Ich wünsche es mir – und ihr.

Mutterliebe

Herr Lau, einer meiner Klienten, wohnt in einer Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Er ist Ende zwanzig. Sein Vater starb vor längerer Zeit, zu seiner Mutter hat er nur wenig Kontakt. Der Grund dafür? Zum Beispiel folgendes, das sich diese Woche zutrug:

Da rief Herrn Laus Mutter in der Wohngruppe an, in der ihr Sohn lebt. Sie sagte in etwa dieses: „Sie, bei mir im Dorf geht seit Monaten das Gerücht, dass sich mein Sohn vor den Zug geschmissen hat. Drum rufe ich jetzt an, weil ich wissen wollte, ob an dem Gerücht was dran ist.“

Womit ausreichend erklärt ist, weshalb Herr Lau in einem Heim wohnt.

Der Super-Starr

Im letzten Artikel habe ich über ein Erlebnis mit Frau Paul geschrieben. Mit dieser Klientin hatte ich auch das heißeste Erstgespräch aller Zeiten.

Wenn man als Betreuer einen neuen Klienten bekommt, trifft man sich notwendigerweise irgendwann das erste Mal mit ihm. Bei diesem Erstgespräch beschnuppert man sich, man beginnt gegenseitig erste Vorurteile aufzubauen und der Betreuer versucht so viel Informationen wie möglich zu bekommen, um mit seiner Arbeit möglichst effektiv loslegen zu können.

So war es auch bei Frau Paul gedacht. Was ich von ihr schon vor dem ersten Gespräch wusste: Sie hatte eine hochgradige Psychose, bekam von jedem Psychopharmakum, das auf dem Markt war, gleichzeitig die höchstmögliche Dosis und wurde seit über zehn Jahren im psychiatrischen Krankenhaus stationär behandelt. Durchgängig. Sie wohnte also dort.

Was ich nicht wusste: Frau Paul reagiert auf Neues entweder mit Schreien (siehe voriger Artikel) oder mit völligem Erstarren.

Ich fuhr also zu Frau Paul in die Psychiatrie. Sie saß dort im Besuchszimmer. Die Pfleger führten mich dort hinein mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich erfuhr schnell den Grund. Frau Paul saß im Zimmer und rührte sich nicht. Starr-Sinn im Extrem. Sie blinzelte nicht einmal.

Ich setzte mich ihr gegenüber und versuchte erst mal Small Talk. Keine Reaktion. Null. Nicht ein Muskel bewegte sich bei Frau Paul. Kein Blinzeln, keine Augenbewegung. Nach ein paar Minuten dachte ich: „Na gut, nehme ich die Herausforderung an.“ Und ich verfiel ebenso in Starre. So saßen wir gefühlte drei Tage. Aber was soll ich sagen? Frau Paul gewann. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Minuten.

Das war unsere erste Begegnung. Irgendwie musste ich aber Frau Paul trotzdem beeindruckt haben. Ich wurde bald eine von drei Personen, die sie berühren durften. Zur Begrüßung reichte sie mir den kleinen Finger und ich durfte mit meinem kleinen Finger die Fingerkuppe berühren. Soviel Intimität gestattete sie außer mir damals nur noch zwei PflegerInnen. Hat sich mein Starr-Sinn doch ausgezahlt.

Betreuung in der Praxis

Prognosen sind schwierig zu erstellen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Eine alte Weisheit, die ich diese Woche wieder bestätigt bekam.

Ich war mit Frau Paul beim Kieferchirurgen. Frau Paul ist eine altgediente Klientin von mir. Schwerste Psychose, zehn Jahre stationär in der Psychiatrie, danach dann bis jetzt in einem kleinen Heim für schwer psychisch kranke Menschen. Sie hat ein Karzinom an der Nase, außerdem total kaputte Zähne, die langsam ihren Körper vergiften. Beides sollte in einer ambulanten OP beseitigt werden. Aus diesem Grund fuhr ich mit ihr in die nächstgelegene Stadt zum Narkose-Aufklärungsgespräch.

Meine Prognose für diese Fahrt war: Überflüssig wie ein Kropf. Frau Paul ist meistens nicht einwilligungsfähig in medizinische Behandlungen, und ich brauche keine Aufklärung mehr über Narkosen. Da habe ich schon ein paar Dutzend Aufklärungsgespräche hinter mir. Hätte man alles per Fax erledigen können. Außerdem gehört es nicht zu meinen Aufgaben als Betreuer, Leute in der Gegend herumzufahren.

Aber das Personal in diesem Heim ist immer nett zu mir, darum bin ich auch nett zu ihm. Und weil es hoffnungslos überlastet ist, nehme ich ihm halt die Arbeit ab. Also fahre ich Frau Paul in die kieferchirurgische Praxis. Auf der Fahrt ist Frau Paul schon sehr angespannt. In der Praxis müssen wir zehn Minuten warten. Das ist nicht lang, aber für Frau Paul zu lang. Sie fängt an, mit dem Oberkörper hin und her zu wippen und sie drängt darauf, wieder zu gehen.

Ich überzeuge den im Gang vorbeieilenden Arzt, Frau Paul vorzuziehen. Er kommt auch tatsächlich gleich zu ihr. Als er das Wort „Krebs“ erwähnt, flippt Frau Paul aus. Sie schreit in voller Lautstärke und schönstem Schwäbisch: „I hob koin Krebs! Des isch a innawachsads Rufala!“

Der folgende Dialog dreht sich darum, was denn ein „innawachsads Rufala“ isch. Das Unverständnis des Arztes bringt Frau Paul noch mehr auf die Palme. Sie brüllt was die Lunge hergibt. Der Arzt flüchtet und schickt den Anästhesisten vorbei. Der beginnt mit dem Aufklärungsgespräch, in dem naheliegenderweise das Wort „Narkose“ vorkommt. Was bei Frau Paul eine weitere Steigerung des Brüllens auslöst. Der Arzt schaut sich die Medikamentenliste von Frau Paul an. Die ist sehr umfangreich. Unter anderem erhält sie in der Nacht Sauerstoff. Was eine ambulante OP ausschließt, wie mir der Arzt erklärt. Begleitet vom Gebrüll von Frau Paul einigen wir uns darauf, die OP bleiben zu lassen, weil eine stationäre Behandlung einfach nicht machbar ist. Man muss halt abwarten, was das Karzinom macht und dann weiter improvisieren. Gegen den Willen von Frau Paul lässt sich eh nichts machen.

Entgegen der Prognose: Es war sinnvoll, dass ich beim Aufklärungsgespräch dabei war.

Und was ist ein „innawachsads Rufala“? – Fragen Sie Ihren schwäbischen Arzt oder Apotheker oder Nachbarn!