Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Vor einiger Zeit erzählte mir Frau Bauer, eine Klientin, aus ihrem Leben. Sie wurde Anfang der Fünfzigerjahre geboren. Bei der Geburt gab es Komplikationen, die zu einer geistigen Behinderung führten. Mit zwei Jahren erkrankte Frau Bauer an Knochen-TBC. Das kleine Mädchen kam in die Quarantäne-Station eines Krankenhauses. Dort blieb sie zwei Jahre lang. Zwei Jahre ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Eltern bekam sie nur einmal in der Woche zu sehen, durch eine Glasscheibe getrennt. Zwei Jahre lang. Die Folgen sind heute noch bei Frau Bauer zu spüren.

Tags darauf war ich in Irsee, einem Dorf am Nordrand des Allgäus. Das schönste Dorf im weiten Umkreis. Dort stand früher ein psychiatrisches Krankenhaus. „Irrenanstalt“ hieß das. In guten Zeiten wurden die „Irren“ dort verwahrt, in schlechten Zeiten systematisch getötet. Ein Mahnmal erinnert an diese Zeit.

Zwei Begebenheiten, die mir drastisch vor Augen führten, wie viel sich in den letzten Jahrzehnten für behinderte und psychisch kranke Menschen getan hat.

Frau Bauer wohnt heute in einer Wohngruppe für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Aber nicht abgeschottet in einem Heim, sondern in einem Haus mitten in der Stadt. Sie hat in dieser Stadt einen großen Bekanntenkreis, sie nimmt an Veranstaltungen teil, geht in die Kirche, ist ein ganz normaler Teil dieser Stadt. Demnächst geht sie in Rente, nachdem sie jahrzehntelang gearbeitet hat. Sie wurde gefördert und gefordert und nicht nur verwahrt.

Die Irrenanstalt ist heute eine Bezirksklinik. Die Kranken, die dort behandelt werden, sind nur noch solange dort wie es nötig ist. Jahrelange, gar jahrzehntelange „Behandlungen“ gibt es nicht mehr. Die Patienten, die dauerhafte Unterstützung benötigen, wohnen außerhalb in Wohngruppen. Ich bin Betreuer für zwei solche Menschen. Deren WG sollte ursprünglich in ein neu errichtetes Betreutes Seniorenwohnen mit aufgenommen werden. Doch die Eigentümer dieser Wohnungen wehrten sich vehement dagegen, aus Angst vor Angriffen, Mord und Vergewaltigung durch diese „Verrückten“. Die Bezirksklinik kaufte dann ein Haus 100 Meter neben dem Seniorenhaus. Dort leben die „Irren“ seit fünfzehn Jahren als mittlerweile selbstverständlicher Teil der Stadt. Einmal im Jahr kommt die Polizei in die WG, um eine Unterbringung durchzuführen. Ansonsten geht die größte Gefahr vom Personal der WG aus, das öfters im Parkverbot parkt.

Behinderte und Kranke werden nicht mehr verwahrt, sie gehören dazu. Sie sind normale Menschen, nur halt anders. Eine gute Entwicklung.

Allerdings gilt das nur mit einer ganz großen Einschränkung. Behinderte gehören nur dazu und werden nur geachtet und angenommen, wenn sie die ersten neun Monate ihres Lebens überlebt haben. Erst ab der Geburt ist ein Behinderter ein Mensch wie du und ich. Erst ab der Geburt hat ein Behinderter einen ganz selbstverständlichen Anspruch auf Förderung und Inklusion. Bis eine Minute vor der Geburt ist dieselbe Behinderung ein furchtbares Unglück für den Behinderten und seine Eltern. So furchtbar, dass es als gerechtfertigt angesehen wird, diesen Menschen zu töten.

Was auch getan wird. Nicht nur in Einzelfällen, sondern massenhaft. 90 % aller Menschen mit Down-Syndrom werden hierzulande vor der Geburt getötet. Weil sie so eine Belastung für alle sind und ein schreckliches Leben vor sich haben. Die überlebenden zehn Prozent sind liebenswerte Menschen, die mit jeder erdenklichen Förderung ein ganz normales Leben führen können.

Pervers.

Lebensläufe: Herr Schneider

Die Betreuung für Herrn Schneider liegt schon länger zurück. Sie war kurz und heftig. Bis heute ist sie die zeitaufwendigste Betreuung, die ich je hatte.

Als ich Herrn Schneider kennenlernte, befand er sich deutlich erkennbar am Ende seines Lebens, obwohl er erst Mitte fünfzig war. Der Alkohol hatte ihn ruiniert. Oder wohl eher seine Sturheit und Uneinsichtigkeit, die er mit Alkohol überdeckte.

Aus den Erzählungen seiner Frau und aus den Kartons voll Unterlagen kam mir sein Leben vor der Betreuung näher. Herr Schneider hatte Karriere gemacht als Manager auf der mittleren Führungsebene eines Weltkonzerns. Er wohnte mit seiner Frau in der von ihr ererbten Villa mit Uferzugang an einem bayerischen See. Ein sorgloses Traumleben, mit dem Herr Schneider offensichtlich nicht umgehen konnte. Er hatte schon immer gern getrunken. Schleichend wurde aus dem „gern trinken“ ein „viel trinken“, das ebenso schleichend zum unkontrollierten Trinken wurde. Herr Schneider verlor seinen Managerjob. Er machte sich selbständig und holte dazu zwei iranische Geschäftspartner mit ins Boot. Alle warnten ihn davor, aber er wusste es besser. Die Partner schafften großzügig Betriebskapital an, vor allem Autos, und verschwanden sehr schnell mit diesem Kapital, bevor es bezahlt war. Die Bezahlung überließen sie dem alleinigen Gesellschafter, Herrn Schneider. Der hatte jedoch nichts mehr, und in kürzester Zeit noch weniger.

Sein Umgang damit: Noch mehr trinken. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Das war der Stand als ich die Betreuung übernahm.

Die Betreuung lief fünf Monate. In dieser Zeit sprach Herr Schneider keine fünf Sätze mit mir. Teils weil er sich schon ganz aus dieser Welt verabschiedet hatte und nur noch apathisch da saß, teils weil er zu betrunken zum Reden war. Seine Frau, in deren Villa er immer noch lebte, hatte die örtlichen Geschäfte überzeugt, ihrem Noch-Gatten keinen Alkohol mehr zu verkaufen. Also trank Herr Schneider nun reinen Alkohol aus der Apotheke.

Ich probierte einen Rettungsversuch mit einer geschlossenen Unterbringung in der Suchtstation einer Psychiatrie. Herr Schneider ließ die über sich ergehen mit der gleichen Apathie wie zuvor. Währenddessen versuchte ich seine Schulden zu regulieren. Ein aussichtloses Unterfangen bei über einer Million DM Schulden und null komma null DM Einkommen, abgesehen vom Unterhalt der Noch-Ehefrau.

Diese traf es auch hart. Sie hatte leichtsinnigerweise für einen Teil der Schulden ihres Mannes gebürgt. Die Gläubiger bedienten sich nun bei ihr. Sie musste die Villa am See verkaufen. Ich war als Vertreter ihres Mannes beim Notar dabei. 2.000.000 DM Verkaufserlös. Bis heute der höchste Immobilienkaufpreis, an dem ich beteiligt war.

Frau Schneider zog in ein Appartment. Für Herrn Schneider hatte ich eine Wohnung in einem Sozialwohnungsbau gefunden. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie ließ er sich apathisch dort hin bringen. Die Wohnung war komplett leer. Ich fuhr zu Herrn Schneider, um mit ihm zum nächsten Sozialkaufhaus zu fahren zwecks Einkauf von Möbeln. Als er auf mein Klingeln nicht öffnete, ließ ich mir von der Hausmeisterin aufsperren. Herr Schneider lag nackt in der Wohnung, tot, in einer großen Blutlache. Wie sich herausstellte, war eine Schlagader geplatzt.

Vom hochbezahlten Manager zum besitzlosen einsamen nackten Toten in einer leeren Wohnung. Ein gescheitertes Leben.

Mensch ändere dich (nicht)

Neulich diskutierte ich mit meinem Sohn darüber, ob sich Menschen ändern können. Gemeint war natürlich: Zum Besseren ändern. Mein Sohn vertrat mit Nachdruck die Ansicht, dass sich Menschen nie ändern. Seine Erfahrungen in einem sozialen Beruf würden seine Meinung täglich bestätigen. Ich war genauso nachdrücklich davon überzeugt, dass sich Menschen ändern können. Meine Erfahrungen in einem sozialen Beruf haben das schließlich oft genug bestätigt. Ich habe es sogar schon an mir selbst erlebt.

Dieses Gespräch hat mich noch länger beschäftigt. Veränderungen zu bewirken gehört schließlich zum Kerngeschäft des Betreuers. Je mehr ich aber über dieses Thema nachdachte, umso stärker geriet meine bisherige Überzeugung ins Wanken. Was meinen wir denn damit, wenn wir sagen „Der Heinz-Herbert hat sich aber sehr geändert!“?

Heinz-Herbert ist ja immer noch derselbe. Er hat weiterhin dieselben Gene und damit dieselben Veranlagungen und Defizite. Er hat dieselbe Lebensgeschichte wie zuvor, mit allen damit verbundenen Prägungen. Heinz-Herbert ist weiterhin Heinz-Herbert. Vielleicht hat sich ja seine Lebenssituation geändert. Die Mutter, die ihn ein Leben lang unterdrückt hat, ist gestorben. Oder die psychische Erkrankung, die ihn quälte, wurde so unerträglich, dass er endlich dagegen ankämpfen konnte. Oder sein Körper verträgt keinen Alkohol mehr. – Wie auch immer. Verändert hat sich erst einmal nicht Heinz-Herbert, sondern das was mit Heinz-Herbert geschieht.

Doch in der Folge davon ändert sich auch etwas bei ihm selbst: Die veränderten Umstände erfordern neue Handlungsmuster. Diese können aber nur entstehen, wenn sich neue Denkmuster entwickeln. Was im Endeffekt heißt: Heinz-Herbert findet einen neuen Umgang mit sich selbst und damit mit seinen Lebensumständen, mit den Menschen um ihn herum und überhaupt mit seinem ganzen Leben.

Menschen ändern sich nicht, da hat mein Sohn ganz recht. Aber Menschen ändern ihren Umgang mit sich selbst. Sie ändern das, was sie aus dem Vorhandenen machen. Sie nutzen z.B. ihre Fähigkeiten nicht mehr um sich oder andere kaputt zu machen, sondern um sich oder andere aufzubauen. Oder sie befreien sich von traumatischen Erfahrungen, die sie jahrzehntelang niedergedrückt haben. Die dann immer noch erlebt worden sind, aber für die Gegenwart keine Bedeutung mehr haben.

Da wird’s dann auch für den Betreuer interessant. Denn bei der Neufassung des Betreuungsrechts hatte die Mehrheit im Bundestag einen lichten Moment, als sie den § 1901 im BGB so formulierte: „… hat der Betreuer dazu beizutragen, dass Möglichkeiten genutzt werden, die Krankheit oder Behinderung des Betreuten zu beseitigen, zu bessern, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder ihre Folgen zu mildern.“ Aufgabe des Betreuers ist es also per Gesetz nicht, Menschen zu ändern. Der Betreuer soll die Lebensumstände so gestalten, dass der betreute Mensch dieses sein Leben ändern kann. Nicht sich selbst, aber das, was er/sie daraus macht. Wenn er will. Wenn er wollen kann.

Lebensläufe: Andrzej Chuklik

Heute mal wieder ein Bericht aus dem Leben eines Betreuten, als Beispiel dafür, wie Leben verlaufen können und was eine Betreuung damit zu tun hat.

Der Tag, an dem ich Betreuer für Herrn Chuklik wurde, war wohl der schwärzeste Tag in seinem Leben. Ich ging mit der frisch gefaxten Betreuerbestellung zu seiner Wohnung, vor der bereits Herr Chuklik, der Gerichtsvollzieher und der Chef des städtischen Ordnungsamtes warteten. Mein erster Job: Begleitung bei der Zwangsräumung der Wohnung und dem Umzug in die Notunterkunft der Stadt.

Ein paar Jahre davor war Herr Chuklik mit seiner Frau und seiner Tochter aus einem osteuropäischen Land nach Deutschland gekommen. Er ist ein freundlicher, gutmütiger, fleißiger Mensch und findet deshalb schnell einen Arbeitsplatz und eine Wohnung und spricht bald fließend Deutsch. Alles läuft bestens – mal abgesehen von der landestypischen Zuneigung zum Wodka. (Das ist jetzt kein Klischee. Was dem Bayern das Bier, ist dem Polen, Russen usw. der Wodka. Bloß intensiver.)

Herr Chuklik und seine Familie wohnen im selben Haus wie ihr Vermieter. Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Frau Chuklik und der Vermieter in kurzer Zeit sogar ein extrem gutes. So gut, dass Frau Chuklik samt Tochter ein Stockwerk höher zieht. Herr Chuklik muss täglich mit ansehen, wie seine Frau ihn betrügt. Er reagiert mit erhöhtem Wodka-Konsum. Was immer häufiger dazu führt, dass Herr Chuklik zu betrunken für die Arbeit ist. Bald hat er seinen Job verloren. Die Beantragung von Arbeitslosengeld bringt er nur mit Mühen voran. Das Geld wird knapp. Die Mietzahlungen bleiben aus. Der Vermieter (und Lover seiner Frau) kündigt die Wohnung.

An diesem Punkt trete ich ins Leben von Herrn Chuklik. Der Chef des Ordnungsamtes, der schon länger mit meinem neuen Klienten befasst war, hatte die Betreuung angeregt. Außer Alkoholabhängigkeit gab’s eigentlich keine Diagnose – also im Grunde kein Fall für eine Betreuung. Aber Herr Chuklik wollte unbedingt, und so fand sich schon noch irgendeine Persönlichkeitsstörung.

Herr Chuklik war nicht nur gutmütig und fleißig. Er war auch auf eine ruhige Art unheimlich zäh und zielstrebig. Er wollte wieder raus aus dem Tal; und er wusste, dass er das nicht allein konnte. So hatte er es auf seine ruhige, zielstrebige Weise geschafft, Hilfe zu erhalten.

Doch zunächst ging es noch weiter bergab. Im Suff hatte er ein paar Monate zuvor einen Diebstahl begangen und die folgende Strafverhandlung betrunken verschlafen, weshalb er nun bis zum Beginn der neuen Verhandlung eingesperrt wurde. Außerdem wusste er seit kurzem sicher, was er schon länger vermutete: Die Tochter seiner Frau war nicht seine Tochter.

Und außerdem forderte sein alter Vermieter und neuer Freund seiner Frau noch ausstehende Miete in fünfstelliger Höhe von ihm. Herr Chuklik hatte die Miete in seiner Gutmütigkeit immer in bar in den Briefkasten geworfen. Meistens – sagte Herr Chuklik. Nie – sagte der Ex-Vermieter. Nachweise gab’s von keiner Seite. Auch hier ging es vors Gericht. Die beiden Prozesse bedeuteten den Wendepunkt in Herrn Chukliks Leben. Wegen des Diebstahls erhielt er eine Bewährungsstrafe. Die Verhandlung wegen der Mietschulden war filmreif. Der Anwalt des Vermieters beharrte darauf, dass Herr Chuklik „nie“ die Miete bezahlt hätte. Der Anwalt von Herrn Chuklik ließ seinen Gegner ausführlich reden. Dann zog er eine Quittung hervor, die Herr Chuklik irgendwo ausgegraben hatte, ausgestellt über eine Mietzahlung und unterschrieben vom Vermieter. Womit die Glaubwürdigkeit des Vermieters komplett im Arsch war. Es blieb ihm nichts anderes übrig als einem Kompromiss zuzustimmen, der die wohl realistischen Mietschulden abdeckte.

In den folgenden Jahren unterstützte ich Herrn Chuklik bei all den Dingen, mit denen sich ein obdachloser arbeitsloser Mensch herumschlagen muss. Zu Beginn gab es noch einige Alkohol-Abstürze, doch immer mehr bekam Herr Chuklik sein Leben in den Griff. Ganz allein, aus eigener Kraft. Ich hielt ihm nur den Rücken frei. Nach zwei Jahren fand er wieder eine Arbeitsstelle, nach zweieinhalb Jahren eine Freundin, nach drei Jahren eine Wohnung. Dazwischen bezahlte er alle Schulden ab.

Die Betreuung wurde aufgehoben. Ich traf Herrn Chuklik noch öfters irgendwo unterwegs. Er machte einen glücklichen Eindruck.

Menschen benutzen

Seit über sieben Jahren schreibe ich diesen Blog und habe dabei das Betreuungswesen von allen möglichen Seiten beleuchtet. Ein Thema schiebe ich aber seit Jahren vor mir her, obwohl es einem in der Tätigkeit als Betreuer auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist einfach ein äußerst unangenehmes Thema, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch heute ist Karfreitag, der richtige Tag um sich Leid und Bösartigkeit zuzuwenden. Deshalb heute ein nicht ganz so unterhaltsamer Artikel über sexuellen Missbrauch.

Zu Beginn meiner Betreuerkarriere las ich über eine Studie, nach der in unserem Land ein Drittel aller Frauen und ein Zehntel aller Männer im Laufe ihres Lebens Opfer von sexueller Gewalt werden. Ich, der ich in gutbürgerlichen, behüteten Verhältnissen aufgewachsen bin, hielt damals diese Zahlen für übertrieben. Heute, achtzehn Berufsjahre und viele Einblicke in meinem privaten Umfeld später, weiß ich: Die genannten Zahlen dürften eher die untere Grenze darstellen. Sexueller Missbrauch ist alltäglich und weit verbreitet, in allen Schichten und in allen Lebensbereichen.

Weit mehr als die Hälfte meiner KlientInnen wurde in irgendeiner Form sexuell missbraucht. Oft ist die Erkrankung, die dann zur Betreuung geführt hat, eine Folge dieses Missbrauchs. Häufig wird aber auch die Behinderung ausgenutzt, um den Menschen zum Opfer zu machen. Wie auch immer, die Folge ist jedes Mal dieselbe: Der Täter hat kurz seinen Spaß, das Opfer leidet sein Leben lang. Dieses Leiden äußert sich in tausend verschiedenen Formen: als psychische Erkrankung; als Persönlichkeitsstörung; als Suchtabhängigkeit; als gestörte Sexualität; als Beziehungsunfähigkeit; als Betriebsamkeit bis zum Zusammenbruch, um nicht an das Erlebte denken zu müssen; als Selbstausbeutung des eigenen Körpers und endlos so weiter …

Woraus entsteht dieses Leid in dieser Heftigkeit? – Zunächst einmal: Die Bezeichnung „Missbrauch“ ist schon einmal völlig falsch. Sie ist Tätersprache. Denn „Missbrauch“ heißt: falscher Gebrauch. Was voraussetzt, dass es einen richtigen Gebrauch gibt. Was bei Gegenständen und Worten der Fall sein kann, aber nicht bei Menschen. Wer einen anderen Menschen für irgendetwas benutzt, missbraucht ihn. Eltern, die ein Kind in die Welt setzen, damit es ihre Ziele verwirklicht, benutzen ihr Kind und missbrauchen es dadurch. Der Betreuer, der seine Klienten benutzt um sich als toller Mensch zu fühlen, missbraucht diese Klienten. Wer einen Partner sucht, weil er mit sich allein nicht klar kommt, der benutzt/missbraucht diesen Partner.

Und immer wird der Benutzte zum Opfer gemacht. Er/Sie erlebt: Ich bin ausgeliefert, ich bin unten und der andere ist oben, ich bin deshalb weniger wert, ich bin unfähig zu einem eigenständigen Leben, ich bin machtlos. Denn genau darum geht es immer, wenn ein Mensch einen anderen benutzt: Um Macht. Egal ob der Täter „nur sein Kind erzieht“ oder „als Betreuer nur das Beste für seine Klienten will“ oder „seiner Partnerin ja nur damit seine Liebe zeigen will“: Das alles sind nur Mittel zur Machtausübung.

So dient auch der sogenannte sexuelle Missbrauch ausschließlich der Machtgewinnung und -erhaltung. (Mal ausgenommen davon die Triebtäter, die aus einer gestörten Sexualität heraus handeln.) Sex, Zärtlichkeit, körperliche Nähe werden benutzt, um einen Menschen dazu zu benutzen, ihn zu beherrschen.

Die anderen Formen des Menschenbenutzens kommen meist recht versteckt daher und werden daher häufig nicht so bewusst wahrgenommen, weder vom Täter noch vom Opfer. Sexuelles Benutztwerden wird dagegen direkt körperlich erfahren. Es wird vom Täter immer bewusst eingesetzt und vom Opfer zumindest im Moment des Geschehens bewusst wahrgenommen. Auf sexuelle Weise benutzt zu werden greift einen Menschen direkt körperlich und seelisch an. Deshalb entfaltet diese Art der Machtausübung eine solch verheerende Wirkung.

Wie können Sie nun verhindern, selbst zum Opfer zu werden?

Gegen Triebtäter hilft nichts. Gegen Machttäter hilft: Selbst die Macht über sich behalten und das deutlich zeigen. Das heißt konkret: Sich mit sich selbst und mit anderen Menschen auseinandersetzen -> erkennen, was läuft – bei mir und beim anderen -> handeln statt behandelt werden. Denn die Täter suchen sich Menschen, die sie leicht zum Opfer machen können: Menschen, die sich manipulieren lassen. Die sich deswegen manipulieren lassen, weil sie nicht über sich selbst und andere nachdenken (können). Die das aufgrund einer Behinderung nicht können, oder weil sie so erzogen worden sind, oder weil sie ohnehin schon in einer Opferrolle sind oder weil sie noch zu jung dafür sind.  Auch Kinder sind deshalb besonders gefährdet. Wenn Sie also Ihr Kind vor sexuellem Benutztwerden bewahren wollen, erziehen Sie es in diesem Geist der Eigenständigkeit. Sagen Sie ihm: „Denk selber nach! Und du darfst deinen eigenen Weg gehen. Es muss nicht mein Weg sein. Der ist ohnehin schon durch mich belegt.“

Und was können Sie tun, wenn Sie Opfer geworden sind?

Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Dutzenden Betroffenen habe ich gelernt, mich hier mit Ratschlägen zurückzuhalten. Jede(r) hat seine/ihre eigene Geschichte des Benutztwerdens. Und deshalb hat jede(r) einen eigenen Weg, sich davon wieder zu lösen. Ich kann nur eins mit Sicherheit sagen: Davonlaufen ist kurzfristig leichter, richtet aber langfristig mehr Schaden an als sich dem Schmerz und der Erniedrigung und dem Ausgeliefertsein zu stellen. Denn nur so kann man sich davon wieder befreien.

Keep on talking

Was ich an meinem Beruf liebe: Herausforderungen. Situationen, in die man plötzlich geworfen wird ohne dafür ausgebildet oder vorbereitet zu sein. Das macht das Leben des gesetzlichen Betreuers spannend. Das ist hier anders als in so langweiligen Berufen wie etwa Gehirnchirurg, wo man tagein tagaus immer an den selben öden grauen Gehirnzellen rumschnippelt.

Letzte Woche gab es wieder so eine Herausforderung. Da habe ich Eheberatung gemacht. Zweisprachig. Deutsch – Englisch.

Angefangen hat alles mit einem Anruf von Herrn Förster. Er heulte und schluchzte. „Meine Frau versteht mich nicht“, sagte er. „Das ist ganz normal“, wollte ich schon sagen, aber bremste mich noch rechtzeitig, denn die eheliche Situation ist bei Herrn Förster eine sehr spezielle. Ich habe hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben. Die Kurzfassung: Weißer Mann sieht attraktive schwarze Frau am Bahnhof. Frau ist frisch aus Nigeria eingetroffen. Zwei Wochen später: Hochzeit. Danach monatelanges Hin und Her wegen Problemen mit dem Visum bei der Frau und Zweifeln an der Liebe beim Mann. Frau verschwindet für ein paar Monate. Kommt zurück, ebenso wie die Liebe beim Mann. Frau spricht Ewe und Englisch, Mann spricht Deutsch mit einem Wortschatz auf BILD-Niveau.

Genau das ist das größte Problem in dieser Ehe. Also, eigentlich das zweitgrößte, wie ich schnell erkenne, als ich zwecks Eheberatung bei Herrn und Frau Förster eintreffe. Herr Förster klagt erst einmal auf Deutsch, dass seine Frau nichts mit ihm redet, und wenn dann auf Englisch. Ich frage Frau Förster auf Englisch, wie sie das sieht. Sie erzählt mir auf Englisch aus dem Alltag mit Herrn Förster. Dieser redet zwar viel, sagt aber wenig. Vor allem das Wichtige lässt er meistens weg. Kommt mir bekannt vor, damit kämpfe ich auch ständig bei Herrn Förster.

Ich übersetze die Schilderungen von Frau Förster für Herrn Förster und frage ihn, wie er das sieht. „Mhm, ja“, sagt er mit einem verlegenen Lächeln. Es folgt ein längeres Gespräch, in dem ich die beiden in Richtung intensivere Kommunikation zu führen versuche. „Keep on talking!“, sage ich. „Hä?“, sagt Herr Förster.

Am Ende frage ich Herrn Förster diskret, ob er seine Gattin irgendwann in den letzten Wochen darüber informiert hat, dass er demnächst für zwei Monate ins Gefängnis muss. Dazu war er nämlich verurteilt worden. Direkt nach dem Prozess hatte ich Herrn Förster schon darauf hingewiesen, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen sollte. Es könnte sie ja möglicherweise interessieren, dass ihr Gatte plötzlich für zwei Monate verschwindet.

Ich musste Herrn Förster mehrmals daran erinnern. Nun sagte er, dass er ihr es gesagt hätte. Meine Nachfragen, wie das Gespräch denn gelaufen sei, ergab ungefähr folgendes Bild:

Herr Förster: „Du, Schatz , ich muss dir was sagen …“

Frau Förster: „Yeah, darling?“

Herr Förster (nuschelnd): „Ich muss ins Gefängnis.“

Frau Förster: „What d’ya say? I ain’t understand nothing.“

Herr Förster: „Aha.“

Ende des Gesprächs zu diesem Thema, Auftrag erfüllt. Ich hatte Herrn Förster ja nur geraten, dass er seiner Frau von der Strafe erzählen soll. Davon dass sie das auch verstehen soll war nie die Rede.

Nun überbringt Herr Förster seiner Gattin noch einmal die schlechte Nachricht. Ich sorge dafür, dass sie die auch versteht. Frau Förster fällt aus allen Wolken. Ich erkläre ihr die Hintergründe des Ganzen und merke dabei, dass mein juristischer Englisch-Wortschatz nicht sehr ausgeprägt ist. Was heißt denn „Bewährung“ oder „Berufung“ auf Englisch? Zum Glück habe ich eine Übersetzungs-App im Handy, die ich nun ausgiebig nutze.

So hat am Ende nicht nur das Ehepaar Förster (hoffentlich) was fürs Leben gelernt, auch der Betreuer ist wieder schlauer geworden.

Lebensläufe: Hanni

Mal wieder ein Bericht aus dem Leben einer meiner Klientinnen. Diesmal: Hanni.

Normalerweise bin ich mit meinen Klienten per Sie. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Hanni gehört dazu. Sie ist meine dienstälteste Betreute. Seit sechzehn Jahren sind wir zusammen. In dieser Zeit hat sich ein ganz besonderes Verhältnis herausgebildet. Wir sind ein bisschen wie Vater und Tochter.

Hanni wurde vor rund dreißig Jahren geboren. Ich habe ihre Eltern nicht kennengelernt. Aus allem was ich über sie weiß, schließe ich, dass sie wohl auch einiges an Problemen mit sich herumschleppten. Offensichtlich waren sie mit ihrem Kind hoffnungslos überfordert. Hanni verbrachte die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Laufstall in einem abgedunkelten Zimmer, ohne jeden Kontakt nach außen. Bis das Jugendamt einschritt und Hanni in ein Kinderheim brachte. Dort lebte sie die nächsten sechzehn Jahre. Es war ein gutes Heim, in dem sie geliebt und geachtet aufwuchs.

Mit der Volljährigkeit kam sie in eine Einrichtung für geistig Behinderte. Die Behinderung war wohl eine Folge ihrer Kindheit. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde ich ihr Betreuer.

Ich lernte Hanni als eine fröhliche, gesellige und humorvolle junge Frau kennen. Es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung. Ich war wohl für sie der Vater, den sie nie so wirklich hatte. Beruflich gab es für mich außer der üblichen Routine nichts zu tun. Eine dieser netten, harmlosen Betreuungen.

Nach drei Jahren änderte sich das. Hannis Gedanken, die sie in unseren Gesprächen äußerte, wurden immer düsterer. Irgendwann sprach sie von Selbstmord. Ich schickte sie sofort zur Psychologin im Heim. Die bestätigte mir, dass das wirklich auf den letzten Drücker war. Hanni hatte schon konkrete Suizidpläne.

Hannis Zustand verschlechterte sich rapide. Sie kam in eine Wohngruppe für Pflegebedürftige. Sie brauchte zwar keine Pflege, aber sehr viel Zuwendung. Die Psychiater waren ratlos. Es gab alle paar Monate eine neue Diagnose. Hanni war auch sehr lernbegierig und brachte von jedem Psychiatrie-Aufenthalt neue Krankheiten mit, die sie von Mitpatienten abgeguckt hatte. Es wurde immer schwieriger festzustellen, was davon Original Hanni war und was Nachahmung.

Irgendwann einigten sich die Ärzte auf das Borderline-Syndrom. Ihr Verhalten seither scheint das zu bestätigen. Aber ich bin mir auch nach zehn Jahren noch nicht sicher, ob Hanni wirklich Borderline hat oder sich nur so verhält, weil sie darauf festgelegt worden ist.

Für mich war das Ganze jedenfalls eine neue Erfahrung. Ich lerne meine Klienten ja erst kennen, wenn sie schon erkrankt sind. Ich habe keinen Vergleich zwischen „gesundem“ Verhalten und „krankem“ Verhalten. Es ist deshalb für mich schwer einzuschätzen, woher die Willensäußerungen meiner Klienten kommen. Hanni war die erste, die ich (außer der geistigen Behinderung) „gesund“ kennengelernt habe und bei der ich den Wandel zur „kranken“ Persönlichkeit miterlebte.

Dieses Miterleben war heftig. Andrerseits habe ich immer noch die „gesunde“ Hanni im Kopf und kann von daher ganz anders mit ihr umgehen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sie noch aus dieser Zeit kennt. Borderline-bedingt hat sie nämlich schon einige Wechsel der Wohngruppen hinter sich, aktuell steht sie vor dem Wechsel in eine andere Einrichtung. Alle Erzieher, Werkstatt-Mitarbeiter und Mitbewohner kennen sie nur als „die Borderlinerin“ und gehen entsprechend mit ihr um. Das muss ich auch, denn so eine Störung kann man nicht ignorieren. Aber ich sehe immer noch die fröhliche, humorvolle Hanni vor mir. Und dadurch kommt sie auch immer wieder zum Vorschein.

Es ist nicht leicht mit Hanni. Gelegentlich kracht es auch. Aber wir werden noch ein paar Jahre miteinander verbringen. Ich wünsche es mir – und ihr.