Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Das erste Mal

Anruf von Herrn Gayer: “Ich hab’s getan! Zum ersten Mal!”

Herr Gayer ist Anfang fünfzig, ich bin seit vierzehn Jahren für ihn Betreuer. Er hat seit Jahrzehnten eine schwere Psychose. Seit zehn Jahren lebt er in einem Mietshaus, in dem lauter psychisch kranke Menschen wohnen. Dort darf er “spinnen wie er will”, wie er selbst sagt. Seit der Druck weg ist, sich angepasst verhalten zu müssen, muss Herr Gayer nicht mehr so viel spinnen wie zuvor. Er wird zwar noch jede Nacht von Dämonen angegriffen, aber untertags lebt er in derselben Welt wie ich und man kann sich ganz normal mit ihm unterhalten.

Diese Woche hatte er nun sein erstes Mal. Mit einem Geldautomaten. Herr Gayer hatte zum ersten Mal in seinem Leben Geld an einem Automaten abgehoben. Es machte ihn stolz wie Bolle.

Die Psychose hatte ihn in einem vergangenen Zeitalter überfallen als sich Banken noch als Dienstleister von Menschen für Menschen verstanden.  In der Zwischenzeit hatte sich zwar Herrn Gayers Bank in “Die Beraterbank” umbenannt, aber die Angestellten hatten immer öfter zu verstehen gegeben, dass das Beraten wesentlich angenehmer wäre ohne diese Scheiß Kunden. Konsequenterweise wurden nun in der Filiale in Herrn Gayers Stadt die Beraterplätze aufwendig abgebaut und durch Automaten ersetzt.

Herr Gayer hatte bis dahin immer – wie seit Jahrzehnten gewohnt – sein Geld am Schalter abgehoben. Sein Kopf war so mit der Psychose besetzt, dass er sich nur schwer auf neue Inhalte einlassen konnte. Aber nun ging es nicht mehr anders.

Als EC-Karte und PIN gekommen waren, ging ich mit ihm zur Filiale, um ihm beim ersten Mal zu assistieren. Ich zeigte ihm, wo man die Karte reinschieben musste. Er tat es. – Nichts passierte. Ein näherer Blick: Auf dem Display standen die magischen Worte: “Wegen einer technischen Störung ist dieser Automat zur Zeit außer Betrieb.” Einen zweiten Geldautomaten gab es nicht. Der Schalter war schon abgebaut. Die Berater von der Beraterbank blieben unsichtbar.

Willkommen, Herr Gayer, in der modernen Welt!

Zwei Tage später probierte es Herr Gayer noch einmal mit jemandem vom Ambulant Betreuten Wohnen. Da klappte es dann. Herr Gayer hatte endlich sein erstes Mal gehabt.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für ihn.

Ganz was Neues

Das Spannende am Beruf des Betreuers ist es, dass man das Leben in seiner ganzen Bandbreite kennenlernt. Ich schreibe bewusst “spannend” und nicht “schön”, weil das Leben halt nicht nur Angenehmes bietet.

Die Klienten eines beruflichen Betreuers sind vielfältig. Sie kommen aus allen Alters-, Berufs-, Sozial- und Geschlechtsschichten. Sie habe jede nur denkbare Krankheit und Behinderung. Sie haben jede nur denkbare Stärke und Ausprägung menschlichen Charakters.

Und immer wenn man meint, nun hat man als Betreuer alles kennengelernt und nichts kann einen mehr überraschen, dann kommt wieder was Neues ums Eck gekrochen. Oder meistens: Mit einem großen Satz gesprungen. So ging’s mir gestern. Da saß ich da und mein Mund klappte im Leerlauf auf und zu, weil ich erst mal völlig platt war.

Ich war bei Jan. Ein junger Mann, den ich auch schon vor der Betreuungsübernahme kannte. Ich hatte die Betreuung übernommen, weil er in einer Lebenskrise gesteckt hatte, mit den üblichen Folgen: Schulden, Kleinkriminalität, Psychiatrie. Er ist auf einem guten Weg aus dieser Krise heraus. Eine Hilfe dabei ist ihm seine Freundin, mit der er zusammenlebt. Diese Freundin kam vorgestern mit Bauchschmerzen von der Arbeit heim. Sie ging zum Arzt. Der stellte fest, dass die Bauchschmerzen Wehen sind. Fünf Stunden später war das Kind da.

Bis dahin hatte die Freundin nichts von der Schwangerschaft bemerkt. Die gesamte Vorbereitungszeit aufs Elternsein betrug also für die beiden fünf Stunden.

Am Tag nach der Geburt war ich bei Jan. Zum Routinebesuch, den wir schon ein paar Tage vorher vereinbart hatten. Jan begrüßte mich mit der Mitteilung, dass er Vater sei. Ich wollte wissen, in welcher Woche seine Freundin sei. “Das mit den Wochen ist schon vorbei. Das Kind ist da”, meinte Jan.

Da klappte mir erst mal der Kiefer runter. Und wieder hoch. Und wieder runter. Außer “Äh, ja, hm” fiel mir nichts ein.

Irgendwann kam ich doch in den Betriebsmodus. Ich schaltete auf Betreuer um und erstellte die nächste Stunde gemeinsam mit Jan eine Liste, was denn jetzt alles zu regeln und zu organisieren ist. Es wurde eine sehr lange Liste.

Am Ende schnauften wir beide durch und konnten uns dann auch mal der menschlichen Seite zuwenden. Jan zeigte mir Fotos vom neugeborenen Kind. Ich blickte in seine strahlenden Augen, mit denen er dieses Kind ansah, und ich wusste: Es ist was Gutes geschehen. Es wird nicht leicht werden, nicht für Jan, nicht für seine Freundin, nicht für das Kind, und auch nicht für den Betreuer. Aber es wird gut werden.

Nicht nur bei Rosamunde

Man kennt das aus Rosamunde-Pilcher-Filmen: Eine gutbürgerliche Familie lebt glücklich zusammen, und plötzlich taucht aus dem Nichts eine Schwester / ein Bruder auf, von deren/dessen Existenz bisher niemand wusste. Anschließend folgen 80 Minuten gepflegte Turbulenzen und beim Nachspann sind alle wieder so glücklich wie sie es beim Vorspann waren.

Ich habe das immer für die überdrehte Fantasie von Frau Pilcher und anderen Autoren gehalten. Aber die Erfahrungen meiner letzten Berufsjahre haben mir gezeigt, dass das anscheinend ganz normaler Alltag ist. Also zumindest der Teil mit dem Auftauchen eines nicht bekannten Geschwisterchens und den folgenden Turbulenzen. Das mit dem Glück davor und danach ist eine andere Geschichte.

Es scheint tatsächlich weit verbreitet zu sein, dass jemand eine Familie gründet und davor oder währenddessen noch Nachwuchs in die Welt setzt, von dem die Familie nichts weiß. Und dieser unbekannte Nachwuchs taucht eines Tages plötzlich auf, sagt “Hallo, Bruder/Schwester” und gestaltet von da an das Leben des Geschwisters mehr oder weniger intensiv mit. Sehr zur mehr oder weniger intensiven Freude des Betroffenen.

Was mich dabei am meisten wundert: Es sind nicht nur Väter, die mal außerbetrieblich tätig werden und die dann die Folgen verheimlichen. Als Mann tut man sich da ja noch leichter. Aber ich habe es jetzt schon mit einigen Müttern zu tun gehabt, die “heimliche” Kinder hatten. Auch während bestehender Beziehungen oder Familien.

So erfuhr eine meiner Klientinnen anlässlich des Todes ihrer Mutter, dass diese vor der Ehe mit dem Vater meiner Klientin schon eine langjährige Beziehung hatte. Eine Beziehung, von der weder ihre Kinder noch ihr Mann wussten und aus der zwei Kinder hervorgegangen waren. Zwei Geschwister meiner Klientin, die sich drei Jahrzehnte lang achselzuckend damit abgefunden hatten, dass ihre Mutter spurlos verschwunden war; die aber trotzdem auf wundersame Weise vom Tod ihrer Mutter erfahren hatten und anlässlich der Beerdigung den Kontakt zu ihren neuen alten Geschwistern aufnahmen. Wenigstens versteht sich hier die neue Großfamilie gut.

Auf ähnliche Weise ist einer meiner Klienten vorletztes Jahr zu einer neuen Schwester gekommen. Die Story dazu: Als mein Klient in den Teenagerjahren war, verschwand seine Mutter für ein Jahr. Sie kam zurück und lebte weiter mit ihrem Sohn, bis sie starb. Wie sich nun vierzig Jahre später herausstellte, hatte sie in diesem Jahr ein Kind geboren und gleich zur Adoption freigegeben. Diese Tochter machte sich irgendwann auf die Suche nach der Familie ihrer Mutter = ihrer Familie. Sie wurde fündig und beglückt seitdem ihren Bruder mit vielen Ratschlägen zu einer vernünftigen Lebensführung. Mein Klient, der sehr stoisch veranlagt ist, hat das alles mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Er hat halt mit Ende fünfzig noch eine Schwester bekommen. Na und. Die hat genaue Ideen, was für ihn richtig und falsch ist. Na und. Er ignoriert sie genauso wie er alle anderen ignoriert.

So werden aus heimlichen Geschwistern unheimliche Geschwister.

Dänemark, Italien, Nigeria

Ich mag meinen Beruf. Ganz besonders liebe ich ihn, wenn er mir eine Herausforderung bringt. Irgendeine knifflige, eigentlich unlösbare Aufgabe. Es gibt Klienten, die machen es mir in dieser Hinsicht leicht, meinen Beruf zu lieben.

Herr Förster ist so ein Mensch. Er ist Mitte vierzig, geistig behindert, und sehr nett und freundlich. Er lebt allein, und kommt damit gut zurecht. Außer dass ich ihn bei dem ganzen Behördenkram unterstütze, braucht er eigentlich keine Hilfe. Eigentlich. Denn seine Behinderung bringt ihn oft an Grenzen. Und wenn er auf so eine Grenze stößt, reagiert Herr Förster wie die meisten Menschen: Er stellt das Denken ein und macht einfach irgendwas. Eine typische Grenz-Erfahrung für Herrn Förster: Er steht vor dem Fahrkartenautomaten der Bahn und stellt fest, dass er kein Geld hat. Die Folge: Er steigt halt ohne Ticket in den Zug. Was soll er denn schon anderes machen … Er hat schon hunderte Euro an Nacherhebungen gezahlt, saß schon acht Monate deswegen im Knast. Ich sage ihm bei jedem Gespräch: “Kein Geld – kein Zug!” Er sieht das auch jedes Mal ein und fährt beim nächsten Mal wieder schwarz. Er kann nicht anders.

Vorgestern war ich zum Routinebesuch bei ihm. In der Wohnung lag eine Frau im Bett. Unzweifelhaft aus Afrika stammend. “Meine Frau!”, stellte sie Herr Förster stolz vor. “Wie? ‘Meine Frau’?”, fragte ich zurück. “Wir haben vor einer Woche geheiratet.” “Wie? Wo?” “In Dänemark.” “Wieso Dänemark?” “Weil es dort billiger ist, das Heiraten.”

Die zwei waren also aus Gründen der Kostenersparnis von Bayern nach Dänemark gefahren (mit gültiger Fahrkarte), um dort zu heiraten. Die Hochzeit selbst kostete sie 250 Euro, die Herr Förster an den Standesbeamten überwiesen hatte. Auf ein privates Konto mit einer deutschen IBAN.

Ich hatte viele Fragen an die beiden. Die Antworten ergaben folgende Situation: Die frischvermählte Frau Förster war vier Wochen zuvor aus Nigeria gekommen. Genauer gesagt war sie aus Italien eingereist, wohin sie mit einem Touristenvisum gelangt war. Am Bahnhof der deutschen Kleinstadt, wo Herr Förster wohnt, begegnete sie diesem. “Zufällig”. Herr Förster hatte sie gleich mit nach Hause genommen und drei Wochen später geheiratet.

Vor mir lagen bzw. saßen also: Eine Heiratsurkunde auf Dänisch, ein Visum auf Italienisch und eine Ehefrau auf Englisch. Das Visum schien echt zu sein. Die Heiratsurkunde trug einen Stempel einer dänischen Stadt, ansonsten konnte ich sie nicht beurteilen. Die Ehefrau war jedoch eindeutig illegal hier anwesend. Ihr Aufenthalt würde nur dann legal werden, wenn die Heirat hier anerkannt werden würde.

Mir rasten tausend Fragen durch den Kopf. Ganz zuvorderst die: Machte sich Herr Förster strafbar, wenn er die Dame bei sich wohnen ließ? Und noch drängender: Mache ich mich strafbar, wenn ich das dulde?

Ich bin noch in der Klärungsphase. Demnächst habe ich mit Herrn Förster ohnhehin einen Termin beim Anwalt (wegen dem nächsten Prozess wegen Schwarzfahren). Der wird mir dann sicher meine Fragen beantworten können.

Es bleibt spannend.

Beziehungsweise

Welche Beziehung haben Betreuer und Betreute zueinander? Diese Beziehung wird vom Gesetz vorgegeben. Das besagt, dass der Betreuer der rechtliche Vertreter des Betreuten ist. Daraus folgt, dass der Betreuer kein Therapeut, kein Erzieher, kein Seelsorger, kein ziemlich bester Freund ist. Die Beziehung zwischen Betreutem und Betreuer ist erst einmal eine geschäftliche Beziehung. Erst einmal. Dabei bleibt es aber nicht. Denn das Gesetz besagt auch, dass der Betreuer dem Wohl und dem Willen des Betreuten Geltung verschaffen muss. Um gemäß dem Willen seines Klienten handeln zu können, muss der Betreuer diesen Willen kennen. Und um diesen Willen kennenzulernen, muss der Betreuer mit dem Klienten reden und (mehr noch) ihm zuhören und folglich eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen. Dies muss und soll dann keine freundschaftliche Beziehung sein. Der Betreuer muss einfach den Menschen hinter dem Fall kennenlernen und ihm mit Respekt begegnen. Als Betreuer hat man es mit der ganzen Bandbreite des Lebens zu tun. Das gilt auch für die Art der Beziehung zwischen dem Betreuer und seinen Klienten. Für viele bin ich einfach nur ein Geschäftspartner, der Manager, der ihr Leben organisiert. Für manche bin ich der einzige Mensch, mit dem sie näheren Kontakt haben. Dementsprechend klammern sie sich an mich. Für ein paar bin ich ein Störfaktor, der sie ständig an die unangenehmen Seiten des Lebens erinnert, z.B. an unbezahlte Rechnungen. Mit einigen wenigen, für die ich schon lange arbeite, bin ich zu einer Art Freund geworden. Zwei Beispiele, die diese ganze Bandbreite aufzeigen: Meine dienstälteste Klientin ist Hanni. Sie bekam mich zum 18. Geburtstag geschenkt. Das ist jetzt 16 Jahre her. Wir sind per Du, im Lauf der Jahre wurde ich für sie der Vater, den sie nie hatte, und sie für mich wie eine Tochter. Hanni ist geistig behindert und vom Borderline-Syndrom geplagt. Aus diesem Grund wollte sie letztes Jahr in eine andere Einrichtung, weit entfernt. Als ich sagte, dass ich dann nicht mehr Betreuer für sie sein könne, machte sie einen Rückzieher. Es war ihr wichtiger, bei mir zu bleiben. Ein paar Jahre war ich Betreuer für Frau Wegmann. Eine alte Dame, die ich als Altersheim-Zimmergenossin einer anderen Klientin kennengelernt hatte. Sie war das, was man in unserer Gegend als “Bissgurke” bezeichnet. Alle Menschen waren dumm und/oder böse, der einzige Fels der Vernunft in diesem Meer der Idiotie war Frau Wegmann – sagte Frau Wegmann. Es war ihr einziges Gesprächsthema, auch wenn ich gar nicht mit ihr redete. Ihr zu widersprechen war schwierig, denn sie war schwerhörig. Irgendwann wurde ich Betreuer für die gute Frau. Sie schaffte es mit ihrer Art, die dunkle Seite in mir zu erwecken. Nach fünf Minuten mit ihr hatte ich immer das dringende Bedürfnis, sie aus dem Fenster zu werfen. Ich hab’s nie getan. Dafür habe ich einen Antrag gestellt, mich aus dieser Betreuung wieder zu entlassen. Sie bekam dann einen Betreuer, der seine dunkle Seite offensichtlich woanders hatte, der sie ertragen konnte. Zwei Extrem-Beispiele. Und dazwischen gibt es alles, was das Leben so hergibt.

Wo eine Einwilligung ist …

Heute folgt Teil III der Trilogie zum Thema Krankheit und deren Behandlung. In den Artikeln davor ging es um die Ärzte und um die Einwilligung der Patienten in die Behandlung. Es fehlt noch die Antwort auf die Frage: Wann bin ich denn überhaupt in der Lage, in die Behandlung einzuwilligen?

Dazu sind Sie in der Lage (juristisch ausgedrückt: Sie sind einwilligungsfähig), wenn Sie folgende Kriterien erfüllen:

* Sie wissen und verstehen, was gemacht werden soll.

* Sie wissen und verstehen, warum es gemacht werden soll.

* Sie wissen und verstehen, was dabei schief gehen kann.

* Sie kennen die Erfolgsaussichten des Eingriffs.

* Sie kennen und verstehen die Folgen, wenn der Eingriff unterbleibt.

* Und Sie können das alles miteinander abwägen und dann eine selbständige Entscheidung treffen.

(Kleiner Einschub: Mit “Eingriff” ist alles gemeint, was der Arzt mit Ihrem Körper oder Ihrer Psyche macht – von der Gabe einer Tablette bis zur Herz-OP.)

Aus dem Ganzen folgt, dass Sie nur dann einwilligungsfähig sind, wenn Sie vom Arzt aufgeklärt wurden – und zwar so, dass Sie das auch verstehen können.

Daraus folgt auch noch ein zweites: Ist Ihnen aufgefallen, dass in der Definition von “Einwilligungsfähigkeit” kein einziges Mal das Wort “Betreuung” vorkommt? – Richtig! Denn ob Sie einwilligungsfähig sind oder nicht, hängt nicht davon ab, ob Sie eine Betreuung haben oder nicht. Ob Sie einwilligungsfähig sind oder nicht, hängt einzig und allein davon ab, ob Sie einwilligungsfähig sind oder nicht. Wenn alle oben genannten Punkte erfüllt sind, können Sie selbst in Ihre Behandlung einwilligen. Wenn es nur an einem einzigen Punkt hapert, dann können Sie nicht einwilligen.

Daraus folgt das Nächste: Einwilligungsfähigkeit ist nicht von äußeren Umständen abhängig, sondern nur vom momentanen Zustand des Patienten. Der kann bei manchen Menschen das ganze Leben über stabil sein (z.B. bei schwer geistig Behinderten), der kann aber auch schwanken (z.B. bei Demenzkranken oder Menschen mit Psychose). Das heißt, es bleibt dem Arzt – und dem Betreuer – nichts anderes übrig, als bei jeder Behandlung neu zu prüfen, ob der Patient/Klient heute, in diesem Moment alles versteht und eine eigenständige Abwägung treffen kann.

Das alles gilt jedoch nicht in zwei Fällen:

1. In lebensbedrohlichen Notfällen kann der Arzt entscheiden, ohne irgendjemand fragen zu müssen. Bei einem Verkehrsunfall mit einem bewusstlosen Opfer kann der Arzt schließlich nicht warten, bis er von irgendeinem rechtlichen Vertreter des Opfers die Unterschrift hat.

2. Sie sagen: “Liebe Frau Doktor, ich will jetzt gar nicht so im Detail wissen, an welchen Stellen Sie morgen meine Schädeldecke aufbohren und wo Sie dann in meinem Gehirn rumstochern. Machen Sie einfach!”

Die Macht der Liebe

Passend zur adventlich besinnlichen Zeit gibt’s heute eine Geschichte, die vor Kitsch nur so trieft. Es gibt nur eine Entschuldigung, sie zu erzählen: Sie ist wahr.

Die Geschichte handelt von Herrn Hauser. Als ich vor vier Jahren die Betreuung für ihn übernahm war er 21 und belastet mit einer leichten geistigen Behinderung und vor allem ADHS. Dazu eine Mutter, die kurz davor an Chorea Huntington (“Veitstanz”) gestorben war und ein Vater, der vor der Erkrankung seiner Frau nach Griechenland geflohen war. Herr Hauser hatte die letzten Jahre in einem Jugendheim verbracht. Zeit seines Lebens wurde er hin- und hergeschoben und wurde ihm vorgeschrieben, was er gerne mag und kann und vor allem: was er alles nicht kann.

Ich traf auf einen humorvollen, lustigen, aber zutiefst frustrierten und verunsicherten Menschen. Seine Lebenserfahrungen und das ADHS führten in den nächsten drei Jahren dazu, dass er seine Arbeitsstelle verlor, obdachlos wurde und in die Kleinkriminalität abrutschte. Kurzzeitig musste er auch ins Gefängnis. Er zog sich immer mehr in sich selbst zurück und war für nichts mehr zugänglich.

Nach zwei Jahren beantragte ich die Aufhebung der Betreuung, weil ich über Monate keinen Kontakt zu Herrn Hauser hatte und nur dann erfuhr, wo er sich gerade aufhielt, wenn die Kripo wieder mal bei mir anrief. Der Richter verdonnerte mich jedoch dazu, die Betreuung weiterzuführen. Ein erster Glücksfall für Herrn Hauser.

Drei Jahren wurschtelte sich Herr Hauser so durch; und ich mich mit ihm. Dann trat Marianne in sein Leben. Sie ist neun Jahre älter als er, schleppt auch so einige Päckchen mit sich herum, ist aber eine taffe und selbstbewusste Frau. Und vor allem: Sie liebt Herrn Hauser. Und er liebt sie.

Marianne nahm Herrn Hauser an die Hand und führt ihn seit über einem Jahr durchs Leben. Sie gibt ihm Führung, sie gibt ihm Vertrauen. Bei ihr darf er auch mal scheitern. Und siehe da: Das Vertrauen führt zu Selbst-Vertrauen, die Liebe führt zu Selbst-Annahme. Herr Hauser hat sich in diesem Jahr zu einem ganz anderen Menschen gewandelt. Er ist immer noch derselbe ADHS-gepeinigte Schussel. Aber er lässt sich davon nicht mehr runterziehen. Er traut sich wieder etwas zu, er traut sich, Fehler zu machen. Und bringt dadurch wieder mehr zustande. Was ihm wieder Selbstvertrauen gibt. Er ist offener und sicherer geworden. Er hat sein Leben in den Griff bekommen.

In ein paar Wochen heiraten Herr Hauser und Marianne.

Natürlich kann man sagen: Ist das eine echte Liebesbeziehung und nicht nur eine Helfer-Beziehung? – Ich sag: Na und? Diese Beziehung tut beiden gut und verändert beide von Grund auf zum Positiven. Wenn das nicht Liebe ist …

Natürlich kann man sagen: Wer weiß wie lang das gut geht? – Ich sag: Na und? Und wenn es morgen vorbei wäre: Herr Hauser hätte dann ein Jahr lang erlebt, wie es ist, angenommen, geachtet und vertraut zu werden. Eine Erfahrung, die bleiben wird und ihn auch künftig tragen kann.

Die Macht der Liebe. Scheiß auf Rosamunde Pilcher. Das richtige Leben bringt die viel besseren Stories.