Archiv der Kategorie: Der Mensch als Betreuter

Sex

Sex ist überall. Vielleicht geben sich genau aus diesem Grund viele Menschen der Vorstellung hin, dass wenigstens ein Teil der Menschheit von Sex verschont bleibt. Dass es unschuldige Bevölkerungsgruppen ohne Sexualität gibt. Geistig Behinderte zum Beispiel. Oder alte Menschen – also zumindest alte Frauen. (Wobei die Definition von „alt“ vom Alter des Definierenden abhängt. Für einen Jungpubertierenden ist eine 25jährige Frau schon eklig alt.)

Ein großer Irrtum. Sowohl das mit der 25jährigen wie die Vorstellung von sexualitätslosen Bevölkerungsteilen. Sex ist überall, auch in Behindertenheimen und Pflegeheimen. Und so hat man auch als Betreuer immer wieder mit der Sexualität seiner Klienten zu tun.

Also, um es klarzustellen: Gelebte Sexualität ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, die geht den Betreuer nichts an. Aber gelegentlich kommt der Betreuer nicht drum herum, sich mit der Sexualität seiner Klienten zu befassen. Zum Beispiel wenn er oder sie zum Objekt der Begierde wird. Hier habe ich schon einmal darüber geschrieben. Oder der Mann mit geistiger Behinderung, der, wenn ich ihn besuchte, meistens eine Hand in seiner Hose hatte. Auch wenn die Hand im Freien blieb, konnte man deutlich sehen, dass er sich über meinen Besuch freute.

Das sind dann keine einfachen Situationen für den Betreuer, egal ob Mann oder Frau. Man muss wissen wo die eigenen Grenzen sind und diese auch deutlich machen.

Manchmal beschäftigt die Sexualität eines Menschen auch die Behörden – und damit den Betreuer. Dann nämlich, wenn eine Klientin Sozialhilfe bezieht. Da bezahlt die Sozialhilfe dann die Verhütung. Allerdings nur auf Antrag. Den eben der Betreuer stellen muss. Und da geht’s dann um Fragen wie „Warum haut das mit der Pille nicht hin? Warum braucht es die teurere Drei-Monats-Spritze?“ Da wird es dann gelegentlich schon sehr intim. Nicht sehr angenehm, aber leider nicht zu verhindern.

Neulich wurde es noch intimer. Eine Klientin – Bewohnerin einer Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung – hatte sich verliebt. Sie zog mit ihrem neuen Freund in eine Zweier-WG, die an eine Wohngruppe angegliedert ist. Was die beiden dort tun, ist sowohl mir wie auch den Erzieherinnen wurscht. Eigentlich. Bis sich der Hausmeister beschwerte, dass er alle zwei Wochen die beiden Betten neu zusammenflicken muss. Die Erklärung: Meine Klientin wiegt 120 kg, ihr Freund auch.

Die Einrichtung hat keine Spezialbetten vorrätig und will auch keins anschaffen. Also müssen wir wohl oder übel mit den beiden über schadenfreie Sexualität reden. Sie nehmen es zum Glück mit Humor. Lösung des Problems: Matratze auf den Boden.

Von Zeit zu Zeit muss der Betreuer auch einschreiten, wenn jemand einen Klienten sexuell ausnutzt (und der Klient das nicht will und sich nicht dagegen wehren kann, natürlich). Wie zum Beispiel jene Dame vom Besuchsdienst eines Pflegedienstes, die regelmäßig zu einem 96jährigen Klienten mit mittelgradiger Demenz kam, der in einem Betreuten Wohnen lebte. Aus der Wohnung drangen dann öfter eindeutige Geräusche, und mein Klient brauchte immer zwei Wochen bis er sich wieder erholt hatte. Die Dame erhielt dann Hausverbot. Ich bin nicht dagegen angegangen.

Aber manchmal ist die Thematik auch einfach nur amüsant. Wenn der Betreuer beim Klienten läutet und dieser öffnet fast nackt, nur mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen und sagt: „Ich habe jetzt eigentlich meine Freundin erwartet.“ – Tja, wenn der Betreuer zweimal klingelt … dann ist die Enttäuschung vorprogrammiert.

Und dann gibt’s noch die überhaupt nicht spaßigen Fälle, wo die Sexualität eines Klienten zur Straffälligkeit führt. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Davon ein anderes Mal.

Kevins schnelle Nummern

Protokoll einer typischen Kommunikation eines unter 25jährigen Klienten mit seinem Betreuer:

15.April

Anruf aufs Handy: „Hallo Herr Dempf, hier ist der Kevin Bauer. Ich ruf vom Telefon von nem Kumpel an. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich gerade kein Handy habe. Die Telekom hat mir den Vertrag gesperrt, weil ich doch so viel Schulden habe.“

19. April

Anruf aufs Handy: „Hallo Herr Dempf, hier ist der Kevin Bauer. Ich wollte nur sagen, dass ich jetzt wieder ein Handy habe. Ein Kumpel hat mir seines verkauft. Ist ein uraltes Ding, mit Prepaid, keine Angst! Ich kann damit bloß nicht ins Internet. Zu teuer. Ich geb Ihnen mal die Nummer. (Laut:) Hey, Marvin, wie ist denn die Nummer von dem Teil?“

28. April

per Whatsapp: „Halo Herr Dämpf, ich bins der Kevin. Ich hab jetz ein neues Handy. Hatt mir meine Freundin gelien. Jetzt hab ich auch wider whatsap.“

4. Mai

Anruf auf Festnetz: „Hallo Herr Dempf. Der Kevin hier. Meine Freundin hat mit mir Schluss gemacht. Die wollte auch ihr Handy zurück. Jetzt hab ich grad keins. Rufen Sie meine Eltern an, wenn Sie was von mir brauchen!“

10. Mai

per Whatsapp: „Kevin hier. Ich hab wider ein Handy. Hat mir mein neue Freundin gekauft. Die zallt auch den Vetrag. Die ist voll lieb!“

18. Mai

Anruf aufs Handy: „Hallo Herr Dempf, Kevin Bauer hier. Ich ruf vom Telefon von meiner Freundin an. Ich hab mein Handy nämlich verloren. Kann ich 200 Euro abheben, um ein neues zu kaufen? – – Ehrlich, ich hab wirklich kein Geld mehr?“

21. Mai

per Whatsapp: „Ich hab mein Handy wider!!!1!“

25. Mai

anlässlich eines Besuchs: „Nein, Sie können mich gerade nicht erreichen. O2 hat das Handy gesperrt, weil meine Freundin den Vertrag nicht bezahlt hat.“

31. Mai

per Whatsapp: „Ich hab wider ein Handy. Der Dad von mein Freundin hat Vetrag bezahlt.“

8. Juni

Anruf auf Festnetz: „Hier ist der Kevin Bauer. Ich ruf vom Handy von nem Kumpel an, weil mein Handy geklaut worden ist. Sie können mich gerade nicht erreichen.“

12. Juni

per Whatsapp: „Kevin. Hab ein neues Handy mit vertag. werd ich schon iwie zahlen könen.“

2. August

Anruf aufs Handy: „Hallo Herr Dempf, ich ruf vom Handy von nem Kumpel an. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich gerade kein Handy habe. Die Telekom hat mir den Vertrag gesperrt, weil ich doch so viel Schulden habe.“

Da capo al fine

Das sollte man allmählich wissen

In ein paar Tagen wird das Betreuungsrecht 25 Jahre alt. Viel hat sich in diesem Vierteljahrhundert verändert. Eine dieser Änderungen ist für die Betroffenen besonders bedeutsam. Im früheren Vormundschaftsrecht gab es nur „Alles oder nichts“: Entweder komplette Entmündigung oder Weiterleben wie alle anderen. Das Motto lautete damals: „Bist du in einem Lebensbereich blöd, dann bist du komplett blöd.“ Entsprechend wurden die „Entmündigten“ auch behandelt.

Mit der Einführung der Betreuung änderte sich das. Heute ist das Motto: „Schau mer mal!“ Jetzt wird bei jedem einzelnen Menschen, der eine Betreuung bekommen soll, geschaut in welchen Bereichen er denn tatsächlich Hilfe braucht. Und nur auf diesen Gebieten (den sogenannten „Aufgabenkreisen“) bekommt er dann auch Hilfe durch eine Betreuung. In allen anderen Bereichen ist er rechtlich nicht vertreten. Und auch in den Bereichen, für die der Betreuer zuständig ist, bleibt der Betreute voll handlungsfähig, sofern er noch selbständig handeln kann.

Leider hat sich diese Änderung auch nach 25 Jahren immer noch nicht überall herumgesprochen. Es kommt immer noch regelmäßig zu Telefonaten wie diesem:

„Hier ist Frau Dr. Asimov. Bei Ihrer Betreuten, Frau Müller, wird heute der Dauerkatheter gewechselt. Können Sie bitte herkommen und die Einwilligung unterschreiben?“ „Ja willigt denn Frau Müller nicht selbst in die Behandlung ein?“ „Das kann sie doch nicht, sie steht doch unter Betreuung!“

An dieser Stelle schnaufe ich erst einmal tief durch, zähle bis zehn, mache ein paar Entspannungsübungen und antworte dann ganz freundlich: „Ich habe allmählich die Schnauze voll von Ihrer Klinik! Die Frau Müller kommt alle drei Monate zu Ihnen zum Katheterwechsel und alle drei Monate muss ich dasselbe erklären. Immer und immer und immer wieder. Also, zum vierundachtzigsten Mal: Sie gehen jetzt zu Frau Müller, stellen fest ob sie einwilligungsfähig ist und wenn das der Fall ist, lassen Sie sie unterschreiben. Und wenn nicht: Dann rufen Sie mich wieder an!“

Ein Beispiel aus der Praxis, wie unterschiedlich das mit der Handlungsfähigkeit in unterschiedlichen Lebensbereichen sein kann: Ich war dieser Tage bei Frau Bauer. Die lebt seit 60 Jahren in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung und arbeitet in der dortigen Werkstatt. Demnächst geht sie in Rente. Wir redeten darüber, dass mit Rentenbeginn der Werkstattlohn wegfallen wird, die Rente an den Sozialhilfeträger gehen wird und sie dann nur noch den monatlichen Barbetrag bekommen wird. Ein Absturz von 250,- € auf 109,- € im Monat. Frau Bauer meint, dass sie schon damit klarkommen wird. Aber es wird deutlich dass sie keinerlei Vorstellung von der Größenordnung dieser beiden Zahlen hat. Sie sagt „Dann werde ich nächstes Jahr zu Weihnachten niemandem mehr was schenken können“, aber was sie dann konkret jeden Monat nicht mehr kaufen kann, das kann sie nicht einschätzen. „Weniger als die Hälfte“ ist für sie ein abstrakter Begriff.

Frau Bauer kommt also im finanziellen Bereich nicht ohne Hilfe aus. Allein wäre sie hier ziemlich aufgeschmissen.

Wir reden weiter. Plötzlich sagt Frau Bauer: „Ich mache jetzt übrigens eine Patientenverfügung. Ich habe neulich jemand im Krankenhaus besucht und da lag eine Frau im Zimmer, die war an lauter Schläuche angeschlossen und die war bewusstlos und die wacht auch nicht mehr auf. So will ich nicht enden! Das schreibe ich in die Patientenverfügung rein, dass ich keine lebensverlängernden Maßnahmen will!“

Hier ist die finanziell hilflose Frau Bauer sehr selbständig, sehr selbstbewusst und voll eigenständig handlungsfähig – wie im gesamten medizinischen Lebensbereich. Sie braucht hier nur eine Begleitung, keine Hilfe und keine rechtliche Vertretung.

Und so oder so ähnlich ist das seit 25 Jahren bei allen Betreuten. Könnte allmählich mal jeder wissen.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Vor einiger Zeit erzählte mir Frau Bauer, eine Klientin, aus ihrem Leben. Sie wurde Anfang der Fünfzigerjahre geboren. Bei der Geburt gab es Komplikationen, die zu einer geistigen Behinderung führten. Mit zwei Jahren erkrankte Frau Bauer an Knochen-TBC. Das kleine Mädchen kam in die Quarantäne-Station eines Krankenhauses. Dort blieb sie zwei Jahre lang. Zwei Jahre ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Eltern bekam sie nur einmal in der Woche zu sehen, durch eine Glasscheibe getrennt. Zwei Jahre lang. Die Folgen sind heute noch bei Frau Bauer zu spüren.

Tags darauf war ich in Irsee, einem Dorf am Nordrand des Allgäus. Das schönste Dorf im weiten Umkreis. Dort stand früher ein psychiatrisches Krankenhaus. „Irrenanstalt“ hieß das. In guten Zeiten wurden die „Irren“ dort verwahrt, in schlechten Zeiten systematisch getötet. Ein Mahnmal erinnert an diese Zeit.

Zwei Begebenheiten, die mir drastisch vor Augen führten, wie viel sich in den letzten Jahrzehnten für behinderte und psychisch kranke Menschen getan hat.

Frau Bauer wohnt heute in einer Wohngruppe für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Aber nicht abgeschottet in einem Heim, sondern in einem Haus mitten in der Stadt. Sie hat in dieser Stadt einen großen Bekanntenkreis, sie nimmt an Veranstaltungen teil, geht in die Kirche, ist ein ganz normaler Teil dieser Stadt. Demnächst geht sie in Rente, nachdem sie jahrzehntelang gearbeitet hat. Sie wurde gefördert und gefordert und nicht nur verwahrt.

Die Irrenanstalt ist heute eine Bezirksklinik. Die Kranken, die dort behandelt werden, sind nur noch solange dort wie es nötig ist. Jahrelange, gar jahrzehntelange „Behandlungen“ gibt es nicht mehr. Die Patienten, die dauerhafte Unterstützung benötigen, wohnen außerhalb in Wohngruppen. Ich bin Betreuer für zwei solche Menschen. Deren WG sollte ursprünglich in ein neu errichtetes Betreutes Seniorenwohnen mit aufgenommen werden. Doch die Eigentümer dieser Wohnungen wehrten sich vehement dagegen, aus Angst vor Angriffen, Mord und Vergewaltigung durch diese „Verrückten“. Die Bezirksklinik kaufte dann ein Haus 100 Meter neben dem Seniorenhaus. Dort leben die „Irren“ seit fünfzehn Jahren als mittlerweile selbstverständlicher Teil der Stadt. Einmal im Jahr kommt die Polizei in die WG, um eine Unterbringung durchzuführen. Ansonsten geht die größte Gefahr vom Personal der WG aus, das öfters im Parkverbot parkt.

Behinderte und Kranke werden nicht mehr verwahrt, sie gehören dazu. Sie sind normale Menschen, nur halt anders. Eine gute Entwicklung.

Allerdings gilt das nur mit einer ganz großen Einschränkung. Behinderte gehören nur dazu und werden nur geachtet und angenommen, wenn sie die ersten neun Monate ihres Lebens überlebt haben. Erst ab der Geburt ist ein Behinderter ein Mensch wie du und ich. Erst ab der Geburt hat ein Behinderter einen ganz selbstverständlichen Anspruch auf Förderung und Inklusion. Bis eine Minute vor der Geburt ist dieselbe Behinderung ein furchtbares Unglück für den Behinderten und seine Eltern. So furchtbar, dass es als gerechtfertigt angesehen wird, diesen Menschen zu töten.

Was auch getan wird. Nicht nur in Einzelfällen, sondern massenhaft. 90 % aller Menschen mit Down-Syndrom werden hierzulande vor der Geburt getötet. Weil sie so eine Belastung für alle sind und ein schreckliches Leben vor sich haben. Die überlebenden zehn Prozent sind liebenswerte Menschen, die mit jeder erdenklichen Förderung ein ganz normales Leben führen können.

Pervers.

Lebensläufe: Herr Schneider

Die Betreuung für Herrn Schneider liegt schon länger zurück. Sie war kurz und heftig. Bis heute ist sie die zeitaufwendigste Betreuung, die ich je hatte.

Als ich Herrn Schneider kennenlernte, befand er sich deutlich erkennbar am Ende seines Lebens, obwohl er erst Mitte fünfzig war. Der Alkohol hatte ihn ruiniert. Oder wohl eher seine Sturheit und Uneinsichtigkeit, die er mit Alkohol überdeckte.

Aus den Erzählungen seiner Frau und aus den Kartons voll Unterlagen kam mir sein Leben vor der Betreuung näher. Herr Schneider hatte Karriere gemacht als Manager auf der mittleren Führungsebene eines Weltkonzerns. Er wohnte mit seiner Frau in der von ihr ererbten Villa mit Uferzugang an einem bayerischen See. Ein sorgloses Traumleben, mit dem Herr Schneider offensichtlich nicht umgehen konnte. Er hatte schon immer gern getrunken. Schleichend wurde aus dem „gern trinken“ ein „viel trinken“, das ebenso schleichend zum unkontrollierten Trinken wurde. Herr Schneider verlor seinen Managerjob. Er machte sich selbständig und holte dazu zwei iranische Geschäftspartner mit ins Boot. Alle warnten ihn davor, aber er wusste es besser. Die Partner schafften großzügig Betriebskapital an, vor allem Autos, und verschwanden sehr schnell mit diesem Kapital, bevor es bezahlt war. Die Bezahlung überließen sie dem alleinigen Gesellschafter, Herrn Schneider. Der hatte jedoch nichts mehr, und in kürzester Zeit noch weniger.

Sein Umgang damit: Noch mehr trinken. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Das war der Stand als ich die Betreuung übernahm.

Die Betreuung lief fünf Monate. In dieser Zeit sprach Herr Schneider keine fünf Sätze mit mir. Teils weil er sich schon ganz aus dieser Welt verabschiedet hatte und nur noch apathisch da saß, teils weil er zu betrunken zum Reden war. Seine Frau, in deren Villa er immer noch lebte, hatte die örtlichen Geschäfte überzeugt, ihrem Noch-Gatten keinen Alkohol mehr zu verkaufen. Also trank Herr Schneider nun reinen Alkohol aus der Apotheke.

Ich probierte einen Rettungsversuch mit einer geschlossenen Unterbringung in der Suchtstation einer Psychiatrie. Herr Schneider ließ die über sich ergehen mit der gleichen Apathie wie zuvor. Währenddessen versuchte ich seine Schulden zu regulieren. Ein aussichtloses Unterfangen bei über einer Million DM Schulden und null komma null DM Einkommen, abgesehen vom Unterhalt der Noch-Ehefrau.

Diese traf es auch hart. Sie hatte leichtsinnigerweise für einen Teil der Schulden ihres Mannes gebürgt. Die Gläubiger bedienten sich nun bei ihr. Sie musste die Villa am See verkaufen. Ich war als Vertreter ihres Mannes beim Notar dabei. 2.000.000 DM Verkaufserlös. Bis heute der höchste Immobilienkaufpreis, an dem ich beteiligt war.

Frau Schneider zog in ein Appartment. Für Herrn Schneider hatte ich eine Wohnung in einem Sozialwohnungsbau gefunden. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie ließ er sich apathisch dort hin bringen. Die Wohnung war komplett leer. Ich fuhr zu Herrn Schneider, um mit ihm zum nächsten Sozialkaufhaus zu fahren zwecks Einkauf von Möbeln. Als er auf mein Klingeln nicht öffnete, ließ ich mir von der Hausmeisterin aufsperren. Herr Schneider lag nackt in der Wohnung, tot, in einer großen Blutlache. Wie sich herausstellte, war eine Schlagader geplatzt.

Vom hochbezahlten Manager zum besitzlosen einsamen nackten Toten in einer leeren Wohnung. Ein gescheitertes Leben.

Mensch ändere dich (nicht)

Neulich diskutierte ich mit meinem Sohn darüber, ob sich Menschen ändern können. Gemeint war natürlich: Zum Besseren ändern. Mein Sohn vertrat mit Nachdruck die Ansicht, dass sich Menschen nie ändern. Seine Erfahrungen in einem sozialen Beruf würden seine Meinung täglich bestätigen. Ich war genauso nachdrücklich davon überzeugt, dass sich Menschen ändern können. Meine Erfahrungen in einem sozialen Beruf haben das schließlich oft genug bestätigt. Ich habe es sogar schon an mir selbst erlebt.

Dieses Gespräch hat mich noch länger beschäftigt. Veränderungen zu bewirken gehört schließlich zum Kerngeschäft des Betreuers. Je mehr ich aber über dieses Thema nachdachte, umso stärker geriet meine bisherige Überzeugung ins Wanken. Was meinen wir denn damit, wenn wir sagen „Der Heinz-Herbert hat sich aber sehr geändert!“?

Heinz-Herbert ist ja immer noch derselbe. Er hat weiterhin dieselben Gene und damit dieselben Veranlagungen und Defizite. Er hat dieselbe Lebensgeschichte wie zuvor, mit allen damit verbundenen Prägungen. Heinz-Herbert ist weiterhin Heinz-Herbert. Vielleicht hat sich ja seine Lebenssituation geändert. Die Mutter, die ihn ein Leben lang unterdrückt hat, ist gestorben. Oder die psychische Erkrankung, die ihn quälte, wurde so unerträglich, dass er endlich dagegen ankämpfen konnte. Oder sein Körper verträgt keinen Alkohol mehr. – Wie auch immer. Verändert hat sich erst einmal nicht Heinz-Herbert, sondern das was mit Heinz-Herbert geschieht.

Doch in der Folge davon ändert sich auch etwas bei ihm selbst: Die veränderten Umstände erfordern neue Handlungsmuster. Diese können aber nur entstehen, wenn sich neue Denkmuster entwickeln. Was im Endeffekt heißt: Heinz-Herbert findet einen neuen Umgang mit sich selbst und damit mit seinen Lebensumständen, mit den Menschen um ihn herum und überhaupt mit seinem ganzen Leben.

Menschen ändern sich nicht, da hat mein Sohn ganz recht. Aber Menschen ändern ihren Umgang mit sich selbst. Sie ändern das, was sie aus dem Vorhandenen machen. Sie nutzen z.B. ihre Fähigkeiten nicht mehr um sich oder andere kaputt zu machen, sondern um sich oder andere aufzubauen. Oder sie befreien sich von traumatischen Erfahrungen, die sie jahrzehntelang niedergedrückt haben. Die dann immer noch erlebt worden sind, aber für die Gegenwart keine Bedeutung mehr haben.

Da wird’s dann auch für den Betreuer interessant. Denn bei der Neufassung des Betreuungsrechts hatte die Mehrheit im Bundestag einen lichten Moment, als sie den § 1901 im BGB so formulierte: „… hat der Betreuer dazu beizutragen, dass Möglichkeiten genutzt werden, die Krankheit oder Behinderung des Betreuten zu beseitigen, zu bessern, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder ihre Folgen zu mildern.“ Aufgabe des Betreuers ist es also per Gesetz nicht, Menschen zu ändern. Der Betreuer soll die Lebensumstände so gestalten, dass der betreute Mensch dieses sein Leben ändern kann. Nicht sich selbst, aber das, was er/sie daraus macht. Wenn er will. Wenn er wollen kann.

Lebensläufe: Andrzej Chuklik

Heute mal wieder ein Bericht aus dem Leben eines Betreuten, als Beispiel dafür, wie Leben verlaufen können und was eine Betreuung damit zu tun hat.

Der Tag, an dem ich Betreuer für Herrn Chuklik wurde, war wohl der schwärzeste Tag in seinem Leben. Ich ging mit der frisch gefaxten Betreuerbestellung zu seiner Wohnung, vor der bereits Herr Chuklik, der Gerichtsvollzieher und der Chef des städtischen Ordnungsamtes warteten. Mein erster Job: Begleitung bei der Zwangsräumung der Wohnung und dem Umzug in die Notunterkunft der Stadt.

Ein paar Jahre davor war Herr Chuklik mit seiner Frau und seiner Tochter aus einem osteuropäischen Land nach Deutschland gekommen. Er ist ein freundlicher, gutmütiger, fleißiger Mensch und findet deshalb schnell einen Arbeitsplatz und eine Wohnung und spricht bald fließend Deutsch. Alles läuft bestens – mal abgesehen von der landestypischen Zuneigung zum Wodka. (Das ist jetzt kein Klischee. Was dem Bayern das Bier, ist dem Polen, Russen usw. der Wodka. Bloß intensiver.)

Herr Chuklik und seine Familie wohnen im selben Haus wie ihr Vermieter. Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander. Frau Chuklik und der Vermieter in kurzer Zeit sogar ein extrem gutes. So gut, dass Frau Chuklik samt Tochter ein Stockwerk höher zieht. Herr Chuklik muss täglich mit ansehen, wie seine Frau ihn betrügt. Er reagiert mit erhöhtem Wodka-Konsum. Was immer häufiger dazu führt, dass Herr Chuklik zu betrunken für die Arbeit ist. Bald hat er seinen Job verloren. Die Beantragung von Arbeitslosengeld bringt er nur mit Mühen voran. Das Geld wird knapp. Die Mietzahlungen bleiben aus. Der Vermieter (und Lover seiner Frau) kündigt die Wohnung.

An diesem Punkt trete ich ins Leben von Herrn Chuklik. Der Chef des Ordnungsamtes, der schon länger mit meinem neuen Klienten befasst war, hatte die Betreuung angeregt. Außer Alkoholabhängigkeit gab’s eigentlich keine Diagnose – also im Grunde kein Fall für eine Betreuung. Aber Herr Chuklik wollte unbedingt, und so fand sich schon noch irgendeine Persönlichkeitsstörung.

Herr Chuklik war nicht nur gutmütig und fleißig. Er war auch auf eine ruhige Art unheimlich zäh und zielstrebig. Er wollte wieder raus aus dem Tal; und er wusste, dass er das nicht allein konnte. So hatte er es auf seine ruhige, zielstrebige Weise geschafft, Hilfe zu erhalten.

Doch zunächst ging es noch weiter bergab. Im Suff hatte er ein paar Monate zuvor einen Diebstahl begangen und die folgende Strafverhandlung betrunken verschlafen, weshalb er nun bis zum Beginn der neuen Verhandlung eingesperrt wurde. Außerdem wusste er seit kurzem sicher, was er schon länger vermutete: Die Tochter seiner Frau war nicht seine Tochter.

Und außerdem forderte sein alter Vermieter und neuer Freund seiner Frau noch ausstehende Miete in fünfstelliger Höhe von ihm. Herr Chuklik hatte die Miete in seiner Gutmütigkeit immer in bar in den Briefkasten geworfen. Meistens – sagte Herr Chuklik. Nie – sagte der Ex-Vermieter. Nachweise gab’s von keiner Seite. Auch hier ging es vors Gericht. Die beiden Prozesse bedeuteten den Wendepunkt in Herrn Chukliks Leben. Wegen des Diebstahls erhielt er eine Bewährungsstrafe. Die Verhandlung wegen der Mietschulden war filmreif. Der Anwalt des Vermieters beharrte darauf, dass Herr Chuklik „nie“ die Miete bezahlt hätte. Der Anwalt von Herrn Chuklik ließ seinen Gegner ausführlich reden. Dann zog er eine Quittung hervor, die Herr Chuklik irgendwo ausgegraben hatte, ausgestellt über eine Mietzahlung und unterschrieben vom Vermieter. Womit die Glaubwürdigkeit des Vermieters komplett im Arsch war. Es blieb ihm nichts anderes übrig als einem Kompromiss zuzustimmen, der die wohl realistischen Mietschulden abdeckte.

In den folgenden Jahren unterstützte ich Herrn Chuklik bei all den Dingen, mit denen sich ein obdachloser arbeitsloser Mensch herumschlagen muss. Zu Beginn gab es noch einige Alkohol-Abstürze, doch immer mehr bekam Herr Chuklik sein Leben in den Griff. Ganz allein, aus eigener Kraft. Ich hielt ihm nur den Rücken frei. Nach zwei Jahren fand er wieder eine Arbeitsstelle, nach zweieinhalb Jahren eine Freundin, nach drei Jahren eine Wohnung. Dazwischen bezahlte er alle Schulden ab.

Die Betreuung wurde aufgehoben. Ich traf Herrn Chuklik noch öfters irgendwo unterwegs. Er machte einen glücklichen Eindruck.