Schlagwort-Archive: geistige Behinderung

Lebensabschnittsgefährten

Ich bin ja schon eine Weile im Geschäft als Betreuer. Demnächst werden es zwanzig Jahre. Was schön daran ist: Im Laufe dieser Jahre sammeln sich immer mehr Menschen an, für die man so eine Art Lebensabschnittsgefährte wird. Für einen sehr langen Lebensabschnitt. Es gibt zehn Menschen, die ich schon mehr als zehn Jahre durchs Leben begleite. Ihnen möchte ich heute ein kleines virtuelles Denkmal setzen.

So eine lange gemeinsame Zeit als Betreuer-Betreuter-Duo ist nicht selbstverständlich. Man kann es nicht oft genug sagen: Eine Betreuung ist nicht zwangsläufig für die Ewigkeit. Sie bedeutet nicht mal zwangsläufig lebenslänglich. Meine kürzeste Betreuung dauerte drei Tage. Sie war für einen Mann, der im Koma lag. Ich ging als frisch bestellter Betreuer ins Krankenhaus, stellte fest, dass der gute Mann wieder quietschfidel war und keinerlei Hilfe benötigte, teilte dies dem Betreuungsgericht mit, welches die Betreuung wieder aufhob.

Hier also das Denkmal für die Menschen, die es schon so lange mit mir aushalten (alle Namen geändert):

Hanni, meine dienstälteste Klientin. Sie ist 37, ich bin seit 19 Jahren für sie Betreuer. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie mit mir verbracht. In ihrem Borderline-geprägten Leben bin ich die einzige Konstante.

Frau Bauer, über die ich hier schön öfter berichtet habe. Mittlerweile Rentnerin, seit der Kindheit in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung. Selbstbestimmung ist ihr am wichtigsten. „Mein ganzes Leben lang haben andere über mich bestimmt“, sagt sie immer wieder, „aber jetzt bestimme ich! In meinem Alter muss ich mir nichts mehr gefallen lassen!“

Bernd, ebenfalls geistig behindert, aber noch mehr behindert von einer schwer gestörten Mutter, die mittlerweile spurlos verschwunden ist, aber ihren Sohn bis heute mit Ängsten und gewaltigen inneren Spannungen bedrängt.

Herr Fiedler, über den ich im vorigen Artikel geschrieben habe. Wie Frau Bauer ein Paradebeispiel für Inkompetenzkompensationskompetenz.

Herr Reuter, auch geistig behindert, auch zum 18. Geburtstag mit einer Betreuung beschenkt worden. Seither sind wir verbandelt. Zeitweise musste ich mich mehr um seine Mutter und deren Lebensgefährten kümmern als um ihn. Die beiden wohnten in einer Wohnung, die Herrn Reuter dank einer Erbschaft gehörte, und verursachten dort Ärger im Stundentakt.

Herr Richter, mit Herrn Reuter in einer Wohngruppe. Er schlägt mich im Kicker und beim FIFA-Manager, was aber gegen einen feinmotorisch behinderten Betreuer keine Kunst ist. Ansonsten haben wir auch nach zwölf Jahren noch keinen rechten Draht zueinander gefunden. Leider.

Frau Paul, seit Jahrzehnten mit einer extrem heftigen Psychose belastet. Lebt in einem kleinen Heim für psychisch Langzeiterkrankte. Mehr als fünf Sätze am Stück kann man sich mit ihr nicht unterhalten. Immerhin spricht sie überhaupt mit mir. Das tut sie nicht mit jedem.

Frau Müller, lange mit Frau Paul im selben Heim, jetzt in einem Pflegeheim für psychisch Kranke. Psychose plus bipolare Störung. Fünf Suizidversuche, die massive körperliche Verletzungen hinterlassen haben. Mal begrüßt sie mich freudestrahlend, mal wirft sie mich laut brüllend hinaus.

Herr Karl, unklare Persönlichkeitsstörung, sehr leicht beeinflussbar. Als ich die Betreuung übernahm lebte er in einer verwahrlosten Wohnung, die ein paar Nazis als Treffpunkt nutzten. Herr Karl konnte sich nicht dagegen wehren. Lebt jetzt in der vierten Wohnung in 14 Jahren. Dort klappt es dank verständnisvoller Nachbarn und eines Vermieters, der viel aushält. Gegen mich wehrt sich Herr Karl, weil ich ihm Gelegenheit dazu gebe. Er öffnet mir nicht wenn ich zu ihm komme oder brüllt mich durch die Türe hindurch an. Seit vierzehn Jahren.

Herr Bergmann, mein Lieblings-Messie. Lebt auf seinem eigenen Planeten, wo er sich von niemandem stören lässt. Hat Angst vor Verarmung, weshalb er den arbeitsfreien Teil seines Lebens mit Sammeln verbringt. Er schlief jahrelang im Freien, weil er seine Wohnung nicht mehr betreten konnte. Meine Hauptaufgabe ist es, seinen Lebensstil gegen Vermieter, Nachbarn und seine Verwandtschaft zu verteidigen.

Das sind also meine Top Ten Betreuten, was die gemeinsame Zeit angeht. Ein paar Jahre werden noch dazukommen – hoffe ich zumindest, zum Wohl für uns alle.

Advertisements

Inkompetenzkompensationskompetenz

Die Kundschaft eines Betreuers umfasst alles was die Menschheit so zu bieten hat: nette Menschen, schwierige Menschen, böse und freundliche Menschen, dumme und kluge, friedliche und aggressive, brave und verhaltensoriginelle Menschen. Mit manchen Klienten tut sich der Betreuer schwer, zu manchen hat er ein ganz neutrales geschäftsmäßiges Verhältnis, zu manchen entwickelt sich eine herzliche Sympathie. Und einige meiner Klienten bewundere ich.

Ich bewundere sie, weil sie eine Gabe besitzen, die als Inkompetenzkompensationskompetenz bezeichnet wird. Das ist eine besondere Art des Umgangs mit den eigenen Defiziten.

Es hat ja jeder Mensch seine Stärken und seine Schwächen. Und da gibt es nun ganz unterschiedliche Weisen, wie ein Mensch mit diesen Schwächen umgehen kann:

Eine Methode ist es, diese Schwächen einfach zu verdrängen. Man lebt von seinen Stärken und vermeidet Situationen, in denen das Defizit deutlich werden würde.

Oder man stellt dieses Defizit demonstrativ in den Mittelpunkt, um Mitleid und Hilfe zu bekommen oder Komplimente à la „Du bist doch sonst so ein toller Mensch!“.

Oder man ignoriert diese Schwäche und blamiert sich regelmäßig.

Oder das Leben kreist nur noch um dieses Defizit und wie man es wegbringt.

Oder man sagt sich: „Okay, in diesem Bereich bin ich ziemlich unfähig. Da stehe ich dazu, aber irgendwie finde ich einen Weg, wie ich damit leben kann.“ Also einen Weg, die eigene Inkompetenz zu kompensieren, eben die genannte Inkompetenzkompensationskompetenz zu entwickeln.

Nehmen wir als Beispiel Herrn Fiedler, einen meiner Klienten. Er ist geistig behindert, sieht sehr schlecht und ist so gut wie taub. Mit all diesen Einschränkungen könnte sich ein Mensch leicht in sich selbst zurückziehen und zu einem mürrischen Eigenbrötler werden. Herr Fiedler nicht. Er ist ein sehr geselliger Mensch, er hat sein Leben lang gearbeitet, und zwar auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sein Weg, seine Defizite zu kompensieren, ist: Menschen zu finden, die ihm ermöglichen, seine Stärken zu leben. So hat er es geschafft, einen ganz normalen Arbeitsplatz in einer ganz normalen Firma zu finden, wo er keinen geistigen Herausforderungen ausgesetzt war, und wo es so laut zuging, dass seine Schwerhörigkeit sogar zu einem Vorteil wurde. Dort hat er dreißig Jahre lang, bis zur Rente, gearbeitet.

Auf dieselbe Art hat er eine Wohnung gefunden. Eine ganz normale Wohnung für sich allein in einem ganz normalen Wohnblock. Okay, die Wohnung sieht aus wie … na ja, wie bei einem alleinstehenden älteren Mann eben. Ganz normal. Seit Herr Fiedler in Rente ist treffe ich ihn kaum noch in seiner Wohnung an. Meistens begegne ich ihm bei irgendeinem Fest oder auf dem Weg zum Bahnhof, von wo er zu irgendeinem Fest fährt. Herr Fiedler ist, wie gesagt, sehr gesellig. Es macht ihm nichts aus, dass er die Menschen nicht versteht. Er kriegt trotzdem alles mit. Er weiß alles, was im Städtchen so vor sich geht, wer mit wem und wer mit wem nicht mehr. Wenn ich die neuesten Neuigkeiten in unserer Stadt erfahren will, frage ich Herrn Fiedler.

Herr Fiedler hat massive Defizite. Er verdrängt sie nicht, er stellt sie nicht in den Vordergrund, er nimmt sie nicht als Anlass um zu leiden. Er lebt mit seinen Einschränkungen und nutzt sie oft sogar zu seinem Wohl. Ein Paradebeispiel von Inkompetenzkompensationskompetenz. Bewundernswert.

Ehe für fast alle

Ich möchte heute wieder mal eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Conni und Julian. Die beiden sind ein Paar. Zugegeben: Ein fiktives Paar, aber Paare wie sie gibt es zu tausenden in unserem Land. Conni und Julian sind schon seit über zehn Jahren zusammen. Sie lieben sich, seit ein paar Monaten wohnen sie auch zusammen. Sie reden schon lange davon dass sie heiraten wollen. Aber leider: Das dürfen sie nicht. Conni und Julian sind nämlich geistig behindert. Bei beiden ist die Behinderung so ausgeprägt, dass sie nicht geschäftsfähig sind. Und der Paragraph 1304 BGB sagt: „Wer geschäftsunfähig ist, kann eine Ehe nicht eingehen.“

Nun haben sich Conni und Julian sehr gefreut, dass der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen hat. Sie haben ihre Betreuer gleich gefragt, ob sie mit ihnen morgen zum Standesamt gehen, um das alles mit der Hochzeit abzuklären. Aber die Betreuer mussten sie enttäuschen. Sie mussten ihnen sagen, dass der Begriff „Ehe für alle“ eine Mogelpackung ist, und zwar gleich eine doppelte.

Erstens einmal redet dieser Begriff den Menschen das ein, was z.B. auch die Augsburger Allgemeine als Überschrift brachte: „Homosexuelle dürfen jetzt heiraten“. Was natürlich kompletter Quatsch ist. Homosexuelle durften auch bisher schon heiraten. Auf dem Standesamt wurde noch nie jemand nach seiner sexuellen Orientierung gefragt. Es war bisher nur der Personenkreis eingeschränkt, der für eine Hochzeit zur Verfügung stand. Aber das galt auch für Heterosexuelle.

Zweitens – und das wiegt viel schwerer – ist der Begriff „Ehe für alle“ eine glatte Lüge. Es gibt immer noch tausende Menschen in Deutschland, die nicht heiraten dürfen. Und zwar tatsächlich überhaupt nicht heiraten – und nicht nur ihren Ehepartner nicht frei wählen. Siehe Conni und Julian. Jeder beziehungsunfähige Schauspielstar, der seine sechste Ehefrau nach drei Wochen wieder verlässt, darf heiraten, zum siebten Mal, zum achten Mal. Jede Frau aus einem anderen Land, die nur heiratet um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, darf heiraten. Conni und Julian dürfen es nicht. Immer noch nicht.

Conni und Julian haben ihren Betreuer gefragt, wie das denn mit diesen … wie heißen diese schwierigen Wörter … ach ja, hat der Betreuer gesagt: UN-Behindertenrechtskonvention und Inklusion … genau, wie es denn damit aussieht, haben Conni und Julian gefragt. Der Betreuer hat geantwortet: „Scheiß drauf – so sieht’s aus. Es gibt keine Geistig Behinderten im Bundestag (Den naheliegenden Scherz verkneife ich mir), und deshalb interessiert sich keine Sau für euch! Außer ein Politiker braucht mal wieder ein PR-Bild mit einem fotogenen Mongo. Sorry, Conni, Julian, ihr müsst weiter ehelos zusammenleben. Die Ehe für alle gilt nicht für euch. Denn ihr gehört nicht zu ,allen‘. Immer noch nicht.“

Das ist doch behindert!

Letzten Sonntag hat in unserem Gemeindegottesdienst der Chor der Lebenshilfe gesungen. Geistig Behinderte, angeleitet von einer Nichtbehinderten. Ich war ergriffen von dem Gesang und bewunderte die Sänger und Sängerinnen. Denn ich selbst bin musikalisch schwerstbehindert. Mein Gesang ist für die Zuhörer auch ergreifend – fluchtergreifend. Und mein Rhythmusgefühl … Ich bin der Erfinder des 13/14,5-Takts.

Während ich so den Behinderten lauschte, sinnierte ich über diesen Begriff „Behinderte“ nach. Landläufig werden bei uns ja nur zwei Gruppen von Menschen als „behindert“ eingestuft: Menschen mit einer intellektuellen Einschränkung und Menschen mit körperlichen Einschränkungen, also der klassische Rollstuhlfahrer. Unmusikalität wird eher nicht als Behinderung gesehen. Gut, eine Musikbehinderung fällt nicht so auf wie eine geistige oder körperliche Behinderung. Der Hilfebedarf ist deutlich kleiner. Ab und zu ist man als musikalisch Behinderter sozial ausgegrenzt, aber das war’s auch schon.

Doch es gibt eine Vielzahl von Behinderungen, die den Alltag teilweise massiv einschränken, aber nicht als solche gesehen werden. Weil sie so „normal“ sind. Drei Beispiele:

* Soziale Behinderung, auch als „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ bekannt (Details gibt’s hier): Betroffene sind unfähig zu einer echten menschlichen Beziehung, weil sie Menschen genauso sehen wie Dinge. Es zählt nur der Nutzwert für sie selbst, mehr nicht. Sie benutzen und missbrauchen damit ihre Partner, Kinder, Eltern, Kollegen für ihre Zwecke. Sie zerstören andere und am Ende sich selbst. Aber zuerst einmal sind sie sehr erfolgreich und wirken charmant und beliebt. Deshalb sieht man ihre Einschränkung nicht als Behinderung.

* Behinderte Selbstwahrnehmung: Betroffene sind unfähig, sich (und damit andere) realistisch zu sehen bzw. anzunehmen. Deshalb rennen sie ein Leben lang immer wieder mit dem selben Kopf gegen die selbe Wand. Sie suchen z.B. zielstrebig immer wieder einen Partner, bei dem von Anfang an klar ist, dass es nicht funktioniert.

* Einer meiner Klienten ist in seiner Bedürfnisbefriedigung extrem behindert. Wenn er etwas sieht muss er es haben. Er stürzt sich in Schulden, stiehlt und lügt. Hinterher ist es ihm peinlich, aber fünf Minuten später verliert er wieder jede Kontrolle. Eine in ihrer nicht-kriminellen Variante weit verbreitete Behinderung, die ja durch Werbung kräftig gefördert wird.

Der Unterschied zwischen den „klassischen“ Behinderungen und den unbemerkten Behinderungen liegt in der Wahrnehmung. Der geistig Behinderte kann schön singen obwohl er behindert ist. Der Rollstuhlfahrer ist beruflich erfolgreich trotz seiner Behinderung. Der in der Selbstwahrnehmung Behinderte dagegen ist ein ganz normaler Mensch, bei dem halt ab und zu etwas schief läuft. Behinderte Bedürfnisbefriedigung ist eh ganz normal, es wird höchstens gelegentlich mal etwas exzessiv, aber was soll’s, solange man es sich leisten kann …

Also geistig und körperlich Behinderte bestehen im Wesentlichen aus ihrer Behinderung – denkt der gewöhnliche angeblich nicht-behinderte Mensch. Alles Gesunde, Durchschnittliche an solch einem „Behinderten“ gilt als bemerkenswert. Aber an und für sich ist der ganze Mensch behindert.

Der „normale“ Mensch dagegen besteht im Wesentlichen aus eben dieser Normalität. Bemerkenswert ist hier halt die eine oder andere Einschränkung. Aber davon abgesehen ist dieser Mensch nicht behindert. – Denkt eben der gewöhnliche, sich selbst als „normal“ betrachtende Mensch.

Wenn das nicht behindert ist …

Lebensläufe: Hanni

Mal wieder ein Bericht aus dem Leben einer meiner Klientinnen. Diesmal: Hanni.

Normalerweise bin ich mit meinen Klienten per Sie. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Hanni gehört dazu. Sie ist meine dienstälteste Betreute. Seit sechzehn Jahren sind wir zusammen. In dieser Zeit hat sich ein ganz besonderes Verhältnis herausgebildet. Wir sind ein bisschen wie Vater und Tochter.

Hanni wurde vor rund dreißig Jahren geboren. Ich habe ihre Eltern nicht kennengelernt. Aus allem was ich über sie weiß, schließe ich, dass sie wohl auch einiges an Problemen mit sich herumschleppten. Offensichtlich waren sie mit ihrem Kind hoffnungslos überfordert. Hanni verbrachte die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Laufstall in einem abgedunkelten Zimmer, ohne jeden Kontakt nach außen. Bis das Jugendamt einschritt und Hanni in ein Kinderheim brachte. Dort lebte sie die nächsten sechzehn Jahre. Es war ein gutes Heim, in dem sie geliebt und geachtet aufwuchs.

Mit der Volljährigkeit kam sie in eine Einrichtung für geistig Behinderte. Die Behinderung war wohl eine Folge ihrer Kindheit. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde ich ihr Betreuer.

Ich lernte Hanni als eine fröhliche, gesellige und humorvolle junge Frau kennen. Es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung. Ich war wohl für sie der Vater, den sie nie so wirklich hatte. Beruflich gab es für mich außer der üblichen Routine nichts zu tun. Eine dieser netten, harmlosen Betreuungen.

Nach drei Jahren änderte sich das. Hannis Gedanken, die sie in unseren Gesprächen äußerte, wurden immer düsterer. Irgendwann sprach sie von Selbstmord. Ich schickte sie sofort zur Psychologin im Heim. Die bestätigte mir, dass das wirklich auf den letzten Drücker war. Hanni hatte schon konkrete Suizidpläne.

Hannis Zustand verschlechterte sich rapide. Sie kam in eine Wohngruppe für Pflegebedürftige. Sie brauchte zwar keine Pflege, aber sehr viel Zuwendung. Die Psychiater waren ratlos. Es gab alle paar Monate eine neue Diagnose. Hanni war auch sehr lernbegierig und brachte von jedem Psychiatrie-Aufenthalt neue Krankheiten mit, die sie von Mitpatienten abgeguckt hatte. Es wurde immer schwieriger festzustellen, was davon Original Hanni war und was Nachahmung.

Irgendwann einigten sich die Ärzte auf das Borderline-Syndrom. Ihr Verhalten seither scheint das zu bestätigen. Aber ich bin mir auch nach zehn Jahren noch nicht sicher, ob Hanni wirklich Borderline hat oder sich nur so verhält, weil sie darauf festgelegt worden ist.

Für mich war das Ganze jedenfalls eine neue Erfahrung. Ich lerne meine Klienten ja erst kennen, wenn sie schon erkrankt sind. Ich habe keinen Vergleich zwischen „gesundem“ Verhalten und „krankem“ Verhalten. Es ist deshalb für mich schwer einzuschätzen, woher die Willensäußerungen meiner Klienten kommen. Hanni war die erste, die ich (außer der geistigen Behinderung) „gesund“ kennengelernt habe und bei der ich den Wandel zur „kranken“ Persönlichkeit miterlebte.

Dieses Miterleben war heftig. Andrerseits habe ich immer noch die „gesunde“ Hanni im Kopf und kann von daher ganz anders mit ihr umgehen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sie noch aus dieser Zeit kennt. Borderline-bedingt hat sie nämlich schon einige Wechsel der Wohngruppen hinter sich, aktuell steht sie vor dem Wechsel in eine andere Einrichtung. Alle Erzieher, Werkstatt-Mitarbeiter und Mitbewohner kennen sie nur als „die Borderlinerin“ und gehen entsprechend mit ihr um. Das muss ich auch, denn so eine Störung kann man nicht ignorieren. Aber ich sehe immer noch die fröhliche, humorvolle Hanni vor mir. Und dadurch kommt sie auch immer wieder zum Vorschein.

Es ist nicht leicht mit Hanni. Gelegentlich kracht es auch. Aber wir werden noch ein paar Jahre miteinander verbringen. Ich wünsche es mir – und ihr.

Mutterliebe

Herr Lau, einer meiner Klienten, wohnt in einer Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Er ist Ende zwanzig. Sein Vater starb vor längerer Zeit, zu seiner Mutter hat er nur wenig Kontakt. Der Grund dafür? Zum Beispiel folgendes, das sich diese Woche zutrug:

Da rief Herrn Laus Mutter in der Wohngruppe an, in der ihr Sohn lebt. Sie sagte in etwa dieses: „Sie, bei mir im Dorf geht seit Monaten das Gerücht, dass sich mein Sohn vor den Zug geschmissen hat. Drum rufe ich jetzt an, weil ich wissen wollte, ob an dem Gerücht was dran ist.“

Womit ausreichend erklärt ist, weshalb Herr Lau in einem Heim wohnt.

Dänemark, Italien, Nigeria

Ich mag meinen Beruf. Ganz besonders liebe ich ihn, wenn er mir eine Herausforderung bringt. Irgendeine knifflige, eigentlich unlösbare Aufgabe. Es gibt Klienten, die machen es mir in dieser Hinsicht leicht, meinen Beruf zu lieben.

Herr Förster ist so ein Mensch. Er ist Mitte vierzig, geistig behindert, und sehr nett und freundlich. Er lebt allein, und kommt damit gut zurecht. Außer dass ich ihn bei dem ganzen Behördenkram unterstütze, braucht er eigentlich keine Hilfe. Eigentlich. Denn seine Behinderung bringt ihn oft an Grenzen. Und wenn er auf so eine Grenze stößt, reagiert Herr Förster wie die meisten Menschen: Er stellt das Denken ein und macht einfach irgendwas. Eine typische Grenz-Erfahrung für Herrn Förster: Er steht vor dem Fahrkartenautomaten der Bahn und stellt fest, dass er kein Geld hat. Die Folge: Er steigt halt ohne Ticket in den Zug. Was soll er denn schon anderes machen … Er hat schon hunderte Euro an Nacherhebungen gezahlt, saß schon acht Monate deswegen im Knast. Ich sage ihm bei jedem Gespräch: „Kein Geld – kein Zug!“ Er sieht das auch jedes Mal ein und fährt beim nächsten Mal wieder schwarz. Er kann nicht anders.

Vorgestern war ich zum Routinebesuch bei ihm. In der Wohnung lag eine Frau im Bett. Unzweifelhaft aus Afrika stammend. „Meine Frau!“, stellte sie Herr Förster stolz vor. „Wie? ‚Meine Frau‘?“, fragte ich zurück. „Wir haben vor einer Woche geheiratet.“ „Wie? Wo?“ „In Dänemark.“ „Wieso Dänemark?“ „Weil es dort billiger ist, das Heiraten.“

Die zwei waren also aus Gründen der Kostenersparnis von Bayern nach Dänemark gefahren (mit gültiger Fahrkarte), um dort zu heiraten. Die Hochzeit selbst kostete sie 250 Euro, die Herr Förster an den Standesbeamten überwiesen hatte. Auf ein privates Konto mit einer deutschen IBAN.

Ich hatte viele Fragen an die beiden. Die Antworten ergaben folgende Situation: Die frischvermählte Frau Förster war vier Wochen zuvor aus Nigeria gekommen. Genauer gesagt war sie aus Italien eingereist, wohin sie mit einem Touristenvisum gelangt war. Am Bahnhof der deutschen Kleinstadt, wo Herr Förster wohnt, begegnete sie diesem. „Zufällig“. Herr Förster hatte sie gleich mit nach Hause genommen und drei Wochen später geheiratet.

Vor mir lagen bzw. saßen also: Eine Heiratsurkunde auf Dänisch, ein Visum auf Italienisch und eine Ehefrau auf Englisch. Das Visum schien echt zu sein. Die Heiratsurkunde trug einen Stempel einer dänischen Stadt, ansonsten konnte ich sie nicht beurteilen. Die Ehefrau war jedoch eindeutig illegal hier anwesend. Ihr Aufenthalt würde nur dann legal werden, wenn die Heirat hier anerkannt werden würde.

Mir rasten tausend Fragen durch den Kopf. Ganz zuvorderst die: Machte sich Herr Förster strafbar, wenn er die Dame bei sich wohnen ließ? Und noch drängender: Mache ich mich strafbar, wenn ich das dulde?

Ich bin noch in der Klärungsphase. Demnächst habe ich mit Herrn Förster ohnhehin einen Termin beim Anwalt (wegen dem nächsten Prozess wegen Schwarzfahren). Der wird mir dann sicher meine Fragen beantworten können.

Es bleibt spannend.