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Dänemark, Italien, Nigeria

Ich mag meinen Beruf. Ganz besonders liebe ich ihn, wenn er mir eine Herausforderung bringt. Irgendeine knifflige, eigentlich unlösbare Aufgabe. Es gibt Klienten, die machen es mir in dieser Hinsicht leicht, meinen Beruf zu lieben.

Herr Förster ist so ein Mensch. Er ist Mitte vierzig, geistig behindert, und sehr nett und freundlich. Er lebt allein, und kommt damit gut zurecht. Außer dass ich ihn bei dem ganzen Behördenkram unterstütze, braucht er eigentlich keine Hilfe. Eigentlich. Denn seine Behinderung bringt ihn oft an Grenzen. Und wenn er auf so eine Grenze stößt, reagiert Herr Förster wie die meisten Menschen: Er stellt das Denken ein und macht einfach irgendwas. Eine typische Grenz-Erfahrung für Herrn Förster: Er steht vor dem Fahrkartenautomaten der Bahn und stellt fest, dass er kein Geld hat. Die Folge: Er steigt halt ohne Ticket in den Zug. Was soll er denn schon anderes machen … Er hat schon hunderte Euro an Nacherhebungen gezahlt, saß schon acht Monate deswegen im Knast. Ich sage ihm bei jedem Gespräch: “Kein Geld – kein Zug!” Er sieht das auch jedes Mal ein und fährt beim nächsten Mal wieder schwarz. Er kann nicht anders.

Vorgestern war ich zum Routinebesuch bei ihm. In der Wohnung lag eine Frau im Bett. Unzweifelhaft aus Afrika stammend. “Meine Frau!”, stellte sie Herr Förster stolz vor. “Wie? ‘Meine Frau’?”, fragte ich zurück. “Wir haben vor einer Woche geheiratet.” “Wie? Wo?” “In Dänemark.” “Wieso Dänemark?” “Weil es dort billiger ist, das Heiraten.”

Die zwei waren also aus Gründen der Kostenersparnis von Bayern nach Dänemark gefahren (mit gültiger Fahrkarte), um dort zu heiraten. Die Hochzeit selbst kostete sie 250 Euro, die Herr Förster an den Standesbeamten überwiesen hatte. Auf ein privates Konto mit einer deutschen IBAN.

Ich hatte viele Fragen an die beiden. Die Antworten ergaben folgende Situation: Die frischvermählte Frau Förster war vier Wochen zuvor aus Nigeria gekommen. Genauer gesagt war sie aus Italien eingereist, wohin sie mit einem Touristenvisum gelangt war. Am Bahnhof der deutschen Kleinstadt, wo Herr Förster wohnt, begegnete sie diesem. “Zufällig”. Herr Förster hatte sie gleich mit nach Hause genommen und drei Wochen später geheiratet.

Vor mir lagen bzw. saßen also: Eine Heiratsurkunde auf Dänisch, ein Visum auf Italienisch und eine Ehefrau auf Englisch. Das Visum schien echt zu sein. Die Heiratsurkunde trug einen Stempel einer dänischen Stadt, ansonsten konnte ich sie nicht beurteilen. Die Ehefrau war jedoch eindeutig illegal hier anwesend. Ihr Aufenthalt würde nur dann legal werden, wenn die Heirat hier anerkannt werden würde.

Mir rasten tausend Fragen durch den Kopf. Ganz zuvorderst die: Machte sich Herr Förster strafbar, wenn er die Dame bei sich wohnen ließ? Und noch drängender: Mache ich mich strafbar, wenn ich das dulde?

Ich bin noch in der Klärungsphase. Demnächst habe ich mit Herrn Förster ohnhehin einen Termin beim Anwalt (wegen dem nächsten Prozess wegen Schwarzfahren). Der wird mir dann sicher meine Fragen beantworten können.

Es bleibt spannend.

Ich mag sie

Die meisten meiner Klienten sind schwierige Menschen. Ist auch logisch, denn wenn sie einfach (im Sinne von gut funktionierend und problemfrei) wären, hätten sie keinen beruflichen Betreuer. Aber “schwierig” heißt nicht zwangsläufig nicht liebenswert. Manche – nein: viele meiner Klienten mag ich richtig gern.

Zum Beispiel Frau Burger. Die fällt mir gerade ein, weil ich eine Urlaubs-Ansichtskarte von ihr bekommen habe. Frau Burger ist eine Frau kurz vor dem Rentenalter mit einer geistigen Behinderung. Sie schreibt ihre jährlichen Ansichtskarten so wie sie redet: Dicht gepackt die Worte, ohne Abstände, jeder Platz genutzt, alle Buchstaben exakt gleich hoch und gleich breit, ohne Hervorhebungen und Übergänge. Der Inhalt der geschriebenen wie der gesprochenen Worte kommt ebenso daher.

Frau Burger hat, bedingt durch ihre Behinderung und die Erziehung als “armes behindertes Kind” ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl. Das führt dazu, dass sie dreimal täglich wegen irgendetwas zutiefst beleidigt ist. Sie verträgt keine Kritik und keine Zurückweisung. Wobei es für sie auch eine Zurückweisung ist, wenn der Betreuer umzieht und sie dann einen 300 m weiteren Weg zu ihm hat.

Außerdem fehlt es ihr fast ganz an sozialer Kompetenz. Sie merkt nicht, wenn ihr keiner mehr zuhört. Sie weiß nicht, wann sie sich zurücknehmen muss und wann sie sich hervortun sollte. Sie hat keinerlei Gespür für die Gefühle anderer oder für notwendige Privatsphäre. Auch eine Folge des Erziehungsstils “Ach, dem armen behinderten Kind darf man doch keine Grenzen setzen, wo es ihm doch eh schon so schlecht geht”.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich mag sie. Ich bin jetzt seit 14 Jahren ihr Betreuer. Sie ist eine von zwei Klienten, die meine Wohnung betreten dürfen. Einmal im Jahr kommt sie zum Kaffee zu mir. Darauf besteht sie. Zu Weihnachten und zu Ostern bekomme ich von ihr kleine Geschenke. Geschenke, die so von Kitsch triefen, dass sie in meiner Familie mittlerweile Kultstatus haben. Ich liebe diese Geschenke und freue mich jedesmal darauf.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich sehe hinter ihrem ständigen Beleidigtsein den missachteten, verletzten Menschen, der einfach nur ernst genommen und geachtet werden will. Und diesen Menschen mag ich.

Und deshalb mag ich die meisten meiner Klienten.

Leben und leben lassen

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Zwei Wochen Sonne, Wärme, stressfreie Zeit.  Am Tag der Rückkehr hat mich der volle Blues gepackt. Nicht so sehr wegen dem Wetter. Auch nicht wegen dem wieder einsetzenden Stress. Der Blues kam, weil ich mich jetzt wieder in einem Land befinde, das von geistiger und seelischer Enge beherrscht wird. Ein Land, in dem der politische Arm der Mafia (im Volksmund “CSU” genannt) alles dominiert – nicht nur das politische und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Köpfe der Menschen. Ein Land, in dem dieses nur möglich ist, weil die meisten Menschen eine panische Angst vor selbständigem Denken haben und deshalb froh sind, wenn sie das delegieren können. Ein Land, in dem folgerichtig selbständiges Denken als persönlicher Angriff empfunden wird. Ein Land, in dem das vorgeblich urbayerische Motto “Leben und leben lassen” so verstanden wird: Ein paar Menschen leben ihr Leben, und der Rest lässt sich von diesen Menschen leben. Ein Land, das krank macht.

Denn das alles führt dazu, dass sich die wenigsten trauen, sich selbst zu sein. Und das deshalb auch anderen nicht zugestehen. Entscheidend ist immer, was die Nachbarn denken, der Chef, die Eltern, die Kinder, die Partei. Und die Nachbarn leben wiederum so wie es ihre Nachbarn von ihnen erwarten. Und diese wiederum … Und am Ende lebt keiner so wie es für ihn gut wäre.

Ich erlebe es immer wieder bei meinen Klienten. Die haben ein Problem – eine psychische Erkrankung, eine geistige Behinderung, Demenz. Dieses Problem ist aber oft gar nicht das Problem. Das Problem ist oft, dass sie dieses Problem nicht haben dürfen. Und dadurch erst so richtig krank werden.

Ein paar Beispiele:

Herr Mayer hat eine Psychose. Er wird jede Nacht von Dämonen heimgesucht, gegen die er sich mit lautem Schreien wehrt. Er wohnt in einem Wohnblock. Die Nachbarn setzen ihn unter Druck, weshalb seine Mutter ihn ganz extrem unter Druck setzt. “Was sollen denn die Nachbarn denken!” Die Psychose wird immer schlimmer. Herr Mayer ist kaum noch ansprechbar. Er verliert die Wohnung und bekommt eine Wohnung in einem Haus, in dem nur psychisch Kranke wohnen. Dort stört es keinen, wenn er in der Nacht schreit. Das war vor acht Jahren. Heute wird Herr Mayer immer noch von Dämonen angegriffen, aber ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Und man kann sich wieder ganz normal mit ihm unterhalten.

Herr Müller erlitt bei der Geburt einen Gehirnschaden, was zu einer geistigen Behinderung führte. Was seine Mutter nicht akzeptierte. Sie setzte ihren Sohn immer massiv unter Druck. Er könne alles erreichen, wenn er nur genügend lernte. Dass er nicht mal lesen und schreiben lernen konnte, lag an seiner Faulheit und weil er seine Mutter nicht liebte – sagte seine Mutter. Seit 15 Jahren ist Herr Müller in einem Heim, seine Mutter lebt jetzt im Ausland. Herr Müller ist immer noch, nach 15 Jahren, voller Anspannung – körperlich und seelisch. Er traut sich nichts zu, hat Angst vor Beziehungen, hält sich für einen schlechten Menschen.

Frau Schmidt hat Demenz. Ihr Mann kann das nicht akzeptieren. Er schimpft sie, wenn sie was vergisst. Er wirft ihr vor, dass sie ihn bloß ärgern will. Frau Schmidt, eine ruhige Person, wird immer aggressiver. Sie bekommt immer heftigere Beruhigungsmittel verabreicht.

Herr Mayer, Herr Müller, Frau Schmidt: Wenn man sie krank oder behindert sein ließe, wären sie nicht mehr so krank oder behindert. So ist das bei jedem Menschen: Man hat nur eine Chance, gesund (glücklich, im Reinen) zu sein, wenn man so sein darf, wie man ist. Auch wenn man krank ist – oder störend für die anderen, oder ein Kotzbrocken, oder nicht CSU wählt. Was Menschen am meisten krank macht, sind nicht Krankheiten, sondern die Versuche, sie gesund zu machen oder zu erhalten. Die Psychiatrien wären fast leer, wenn alle Menschen ihr eigenes Leben leben dürften.

Fehlende Betreubarkeit

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Menschen keine Betreuung bekommen:

  • Sie brauchen Hilfe, sind aber nicht behindert.
  • Sie sind behindert, brauchen aber keine Hilfe.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten diese aber auf anderem Weg.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, wollen die aber aus einer freien Willensentscheidung heraus nicht.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten die nur über eine Betreuung, aber man kann ihnen nicht helfen.

Das letztere nennt sich dann “fehlende Betreubarkeit”. Mit diesem Fall habe ich es gerade zu tun.

Ein junger Mann mit einer leichten geistigen Behinderung und ADHS. Das führt dazu, dass er sich sehr schwer tut, irgendetwas zu planen oder sich auf etwas zu konzentrieren. Er hebt z.B. Geld ab, um sich eine Monatsfahrkarte für die Arbeit zu kaufen. Auf dem Weg von der Bank zum Bahnhof kommt er an irgendeinem Geschäft vorbei, das irgendeinen Konsumwunsch in ihm weckt. Kurz danach ist er am Bahnhof und tief betrübt, dass das Geld für die Fahrkarte nicht mehr da ist.

Oder er hat eine Freundin, entdeckt ein anderes Mädchen, das auch sehr nett ist und ist dann mit ihr zusammen – solange, bis er die vorige Freundin wieder trifft.

Um eine lange Geschichte abzukürzen: Das alles führte dazu, dass er jetzt mal hier, mal dort wohnt, jeden Kontakt mit mir verweigert und für keinerlei Hilfe mehr erreichbar ist. Er müsste Arbeitslosengeld beantragen, verschiedene Rechnungen bezahlen, sich um eine Wohnung kümmern. Noch kann ich ihm helfen ohne dass wir Kontakt haben, z.B. mit der Regelung der Krankenversicherung oder Bezahlung von Rechungen, von denen ich erfahre. Aber bald  werde ich nichts mehr für ihn tun können. Die Betreuung wird aufgehoben werden, eben wegen “fehlender Betreubarkeit”. Irgendwann wird der junge Mann irgendwo hart aufschlagen. Dann kann man ihm wieder helfen. Vorher nicht.

Immer mal was Neues

Das schöne am Beruf des Betreuers ist, dass man auch nach vielen Jahren immer noch Neues erlebt und Dinge zum ersten Mal macht.

Ich habe jetzt zum ersten Mal nach 13 Jahren in diesem Job mit einem Wiederaufnahmeverfahren zu tun. Dieses Verfahren gibt es, wenn jemand zu einer Strafe verurteilt wird und irgendwann, nach Rechtskraft des Urteils, Umstände bekannt werden, die die Strafe verändern könnten.

Es geht bei mir um einen Klienten, dessen Betreuung ich neu übernommen habe. Er ist geistig behindert und notorischer Schwarzfahrer. Deshalb wurde er letztes Jahr zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Strafe hat er auch abgesessen, um gleich nach der Entlassung fröhlich weiter ohne Ticket mit dem Zug zu fahren. Kurz vor der Betreuungsübernahme erhielt er deshalb 10 Monate Gefängnis.

Gegen dieses Urteil legte der Klient Berufung ein. Ich begründete dann, als ich Betreuer für ihn wurde, die Berufung mit der fehlenden Straffähigkeit des Klienten, unter Verweis auf das Betreuungsgutachten, wo ein entsprechender Satz stand. Außerdem, so schrieb ich, “merkt man nach fünf Minuten Gespräch mit Herrn X., dass er offensichtlich keine Ahnung hat, was er tut.”

Der zuständige Richter am Landgericht, der Berufungsinstanz, ließ sich das Betreuungsgutachten kommen und stellte daraufhin ohne jede weitere Untersuchung oder Verhandlung das Verfahren ein. Die größtmögliche Ohrfeige für den Richter am Amtsgericht, der den Prozess geführt hatte.

Wenn mein Klient also gerichtlich festgestellt 2011 nicht straffähig war, dann war er das 2010 auch nicht, weil er da genauso geistig behindert war wie heute. Also habe ich einen Anwalt beauftragt, damit der das Verfahren von damals wieder in Gang bringt, mit dem Ziel eines Freispruchs und einer Haftentschädigung.

Das Ganze ist, wie gesagt, Neuland für mich. Ich bin gespannt, wie es läuft und vor allem: wie lang es läuft.

Unter Spannung

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis, in welchem Spannungsfeld sich ein Betreuer gelegentlich bewegt:

Frau Groß ist Anfang fünfzig, geistig schwer behindert und mit einer Psychose geplagt. Sie lebte jahrelang in einer Behinderteneinrichtung und besuchte dort die Förderstätte. Irgendwann ging es mit ihr immer mehr bergab. Ihre Belastungsfähigkeit sank, sie hielt es kaum noch unter Menschen aus. Auf Überlastung durch zu viel Nähe oder Zuwendung reagiert sie mit Schreien und wildem, ziellosen Umsichschlagen. In der Förderstätte musste sie immer mehr Zeit allein im Ruheraum verbringen. Eine Förderung war nicht mehr möglich, der Sozialhilfeträger würde deshalb in absehbarer Zeit die Zahlung einstellen.

Der behandelnde Psychiater diagnostiziert eine beginnende Demenz und empfiehlt den Wechsel in ein Pflegeheim.

Ich suche ein passendes Heim. Es soll folgende Voraussetzungen haben:

* Es muss mit der Mehrfachbehinderung umgehen können. * Es muss ein Einzelzimmer anbieten. * Die Bezahlung muss auf der Basis der Pflegeversicherung erfolgen, nicht auf Eingliederungshilfe. * Das Heim muss in erreichbarer Entfernung für die Angehörigen sein. Diese wohnen alle im gleichen Eck und sind die emotionalen Stützen für Frau Groß.

In dem Bereich, den die Angehörigen als “erreichbare Entfernung” betrachten (= maximal 40 km), gibt es nur zwei Heime, die alle Voraussetzungen ohne Einschränkungen erfüllen. Eins hat aber nur ein einziges Einzelzimmer, das auf unabsehbare Zeit belegt ist. Das andere Heim hat eine Warteliste von mehreren Jahren.

Ich finde schließlich ein “normales” Seniorenheim, das nach eingehenden Vorgesprächen und persönlicher Vorstellung von Frau Groß zusagt, mit ihren Behinderungen umgehen zu können und sie aufzunehmen.

Frau Groß kommt in dieses Heim. Der Umzug macht sie extrem nervös. Sie ist sichtlich gereizt. Als nach zwei Stunden im neuen Heim das erste Mal die Einlage gewechselt werden muss, schlägt sie wild um sich und bricht dabei der Pflegekraft die Nase.

Die Heim- und die Pflegedienstleitung sind außer sich. Sie drängen darauf, dass ich sofort ein anderes Heim suche. Ich melde Frau Groß in zwei Pflegeheimen an, die zwar auch nur “normale” Heime sind, aber von denen ich aus Erfahrung weiß, dass die etwas härter im Nehmen und etwas großzügiger im Geben sind. Leider haben beide Heime nur wenige Einzelzimmer, so dass es Monate dauert, bis dort ein Platz frei wird.

Von der Heimleitung bekomme ich seither regelmäßig wütende Mails, wann ich sie denn endlich von Frau Groß erlöse. Die Angehörigen rufen mich regelmäßig an und jammern, wie ihre Schwester/Cousine/Nichte in diesem Heim vernachlässigt wird und verkommt. Die Pflegekräfte auf der Station sagen bei meinen Besuchen jedesmal, dass es mit Frau Groß zwar schwierig sei, sie aber damit zurechtkämen und von ihnen aus sie gerne hier bleiben könnte. Frau Groß ist sichtlich unglücklich und überfordert, aber das war sie vorher in der Behinderteneinrichtung auch schon immer mehr.

Ich kann nur warten bis ein Platz frei wird. Ich werde nicht den Forderungen der Angehörigen nachkommen und Frau Groß in das nächstbeste Heim mit einem freien Platz stecken, nur damit Ruhe ist. Die Ruhe wäre dann nur kurz und trügerisch, und jeder Ortswechsel bedeutet für Frau Groß eine zusätzliche Belastung. Zum Wohl von Frau Groß werde ich abwarten und mich abwechselnd bedrohen und beschimpfen lassen. So ist das als Betreuer nun mal.

Da stockt der Atem

Letzte Woche war ich auf der Geburtstagsparty eines Klienten. Der wohnt in einer Wohngruppe für geistig Behinderte und feierte seinen 30. Geburtstag. Außer mir und den ErzieherInnen waren noch ein paar Freunde aus anderen Wohngruppen eingeladen.

Es wurde ausgiebig getratscht. Das ist bei Behinderten nicht anders als beim Rest der Menschheit. Wer mit wem und wer nicht mehr mit wem: Das war das beherrschende Thema. Die Sprache kam auf eine Bewohnerin, die kürzlich von ihrem Freund verlassen wurde und daraufhin Suizidgedanken äußerte. Der Beginn dieser Gedanken lautete: “Ach, hätte ich doch bei den Nazis gelebt, da wäre ich wenigstens vergast worden!”

Da stockte nicht nur mir der Atem.