Schlagwort-Archive: geistige Behinderung

Das ist doch behindert!

Letzten Sonntag hat in unserem Gemeindegottesdienst der Chor der Lebenshilfe gesungen. Geistig Behinderte, angeleitet von einer Nichtbehinderten. Ich war ergriffen von dem Gesang und bewunderte die Sänger und Sängerinnen. Denn ich selbst bin musikalisch schwerstbehindert. Mein Gesang ist für die Zuhörer auch ergreifend – fluchtergreifend. Und mein Rhythmusgefühl … Ich bin der Erfinder des 13/14,5-Takts.

Während ich so den Behinderten lauschte, sinnierte ich über diesen Begriff „Behinderte“ nach. Landläufig werden bei uns ja nur zwei Gruppen von Menschen als „behindert“ eingestuft: Menschen mit einer intellektuellen Einschränkung und Menschen mit körperlichen Einschränkungen, also der klassische Rollstuhlfahrer. Unmusikalität wird eher nicht als Behinderung gesehen. Gut, eine Musikbehinderung fällt nicht so auf wie eine geistige oder körperliche Behinderung. Der Hilfebedarf ist deutlich kleiner. Ab und zu ist man als musikalisch Behinderter sozial ausgegrenzt, aber das war’s auch schon.

Doch es gibt eine Vielzahl von Behinderungen, die den Alltag teilweise massiv einschränken, aber nicht als solche gesehen werden. Weil sie so „normal“ sind. Drei Beispiele:

* Soziale Behinderung, auch als „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ bekannt (Details gibt’s hier): Betroffene sind unfähig zu einer echten menschlichen Beziehung, weil sie Menschen genauso sehen wie Dinge. Es zählt nur der Nutzwert für sie selbst, mehr nicht. Sie benutzen und missbrauchen damit ihre Partner, Kinder, Eltern, Kollegen für ihre Zwecke. Sie zerstören andere und am Ende sich selbst. Aber zuerst einmal sind sie sehr erfolgreich und wirken charmant und beliebt. Deshalb sieht man ihre Einschränkung nicht als Behinderung.

* Behinderte Selbstwahrnehmung: Betroffene sind unfähig, sich (und damit andere) realistisch zu sehen bzw. anzunehmen. Deshalb rennen sie ein Leben lang immer wieder mit dem selben Kopf gegen die selbe Wand. Sie suchen z.B. zielstrebig immer wieder einen Partner, bei dem von Anfang an klar ist, dass es nicht funktioniert.

* Einer meiner Klienten ist in seiner Bedürfnisbefriedigung extrem behindert. Wenn er etwas sieht muss er es haben. Er stürzt sich in Schulden, stiehlt und lügt. Hinterher ist es ihm peinlich, aber fünf Minuten später verliert er wieder jede Kontrolle. Eine in ihrer nicht-kriminellen Variante weit verbreitete Behinderung, die ja durch Werbung kräftig gefördert wird.

Der Unterschied zwischen den „klassischen“ Behinderungen und den unbemerkten Behinderungen liegt in der Wahrnehmung. Der geistig Behinderte kann schön singen obwohl er behindert ist. Der Rollstuhlfahrer ist beruflich erfolgreich trotz seiner Behinderung. Der in der Selbstwahrnehmung Behinderte dagegen ist ein ganz normaler Mensch, bei dem halt ab und zu etwas schief läuft. Behinderte Bedürfnisbefriedigung ist eh ganz normal, es wird höchstens gelegentlich mal etwas exzessiv, aber was soll’s, solange man es sich leisten kann …

Also geistig und körperlich Behinderte bestehen im Wesentlichen aus ihrer Behinderung – denkt der gewöhnliche angeblich nicht-behinderte Mensch. Alles Gesunde, Durchschnittliche an solch einem „Behinderten“ gilt als bemerkenswert. Aber an und für sich ist der ganze Mensch behindert.

Der „normale“ Mensch dagegen besteht im Wesentlichen aus eben dieser Normalität. Bemerkenswert ist hier halt die eine oder andere Einschränkung. Aber davon abgesehen ist dieser Mensch nicht behindert. – Denkt eben der gewöhnliche, sich selbst als „normal“ betrachtende Mensch.

Wenn das nicht behindert ist …

Lebensläufe: Hanni

Mal wieder ein Bericht aus dem Leben einer meiner Klientinnen. Diesmal: Hanni.

Normalerweise bin ich mit meinen Klienten per Sie. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings. Hanni gehört dazu. Sie ist meine dienstälteste Betreute. Seit sechzehn Jahren sind wir zusammen. In dieser Zeit hat sich ein ganz besonderes Verhältnis herausgebildet. Wir sind ein bisschen wie Vater und Tochter.

Hanni wurde vor rund dreißig Jahren geboren. Ich habe ihre Eltern nicht kennengelernt. Aus allem was ich über sie weiß, schließe ich, dass sie wohl auch einiges an Problemen mit sich herumschleppten. Offensichtlich waren sie mit ihrem Kind hoffnungslos überfordert. Hanni verbrachte die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens in einem Laufstall in einem abgedunkelten Zimmer, ohne jeden Kontakt nach außen. Bis das Jugendamt einschritt und Hanni in ein Kinderheim brachte. Dort lebte sie die nächsten sechzehn Jahre. Es war ein gutes Heim, in dem sie geliebt und geachtet aufwuchs.

Mit der Volljährigkeit kam sie in eine Einrichtung für geistig Behinderte. Die Behinderung war wohl eine Folge ihrer Kindheit. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde ich ihr Betreuer.

Ich lernte Hanni als eine fröhliche, gesellige und humorvolle junge Frau kennen. Es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung. Ich war wohl für sie der Vater, den sie nie so wirklich hatte. Beruflich gab es für mich außer der üblichen Routine nichts zu tun. Eine dieser netten, harmlosen Betreuungen.

Nach drei Jahren änderte sich das. Hannis Gedanken, die sie in unseren Gesprächen äußerte, wurden immer düsterer. Irgendwann sprach sie von Selbstmord. Ich schickte sie sofort zur Psychologin im Heim. Die bestätigte mir, dass das wirklich auf den letzten Drücker war. Hanni hatte schon konkrete Suizidpläne.

Hannis Zustand verschlechterte sich rapide. Sie kam in eine Wohngruppe für Pflegebedürftige. Sie brauchte zwar keine Pflege, aber sehr viel Zuwendung. Die Psychiater waren ratlos. Es gab alle paar Monate eine neue Diagnose. Hanni war auch sehr lernbegierig und brachte von jedem Psychiatrie-Aufenthalt neue Krankheiten mit, die sie von Mitpatienten abgeguckt hatte. Es wurde immer schwieriger festzustellen, was davon Original Hanni war und was Nachahmung.

Irgendwann einigten sich die Ärzte auf das Borderline-Syndrom. Ihr Verhalten seither scheint das zu bestätigen. Aber ich bin mir auch nach zehn Jahren noch nicht sicher, ob Hanni wirklich Borderline hat oder sich nur so verhält, weil sie darauf festgelegt worden ist.

Für mich war das Ganze jedenfalls eine neue Erfahrung. Ich lerne meine Klienten ja erst kennen, wenn sie schon erkrankt sind. Ich habe keinen Vergleich zwischen „gesundem“ Verhalten und „krankem“ Verhalten. Es ist deshalb für mich schwer einzuschätzen, woher die Willensäußerungen meiner Klienten kommen. Hanni war die erste, die ich (außer der geistigen Behinderung) „gesund“ kennengelernt habe und bei der ich den Wandel zur „kranken“ Persönlichkeit miterlebte.

Dieses Miterleben war heftig. Andrerseits habe ich immer noch die „gesunde“ Hanni im Kopf und kann von daher ganz anders mit ihr umgehen. Mittlerweile bin ich der einzige, der sie noch aus dieser Zeit kennt. Borderline-bedingt hat sie nämlich schon einige Wechsel der Wohngruppen hinter sich, aktuell steht sie vor dem Wechsel in eine andere Einrichtung. Alle Erzieher, Werkstatt-Mitarbeiter und Mitbewohner kennen sie nur als „die Borderlinerin“ und gehen entsprechend mit ihr um. Das muss ich auch, denn so eine Störung kann man nicht ignorieren. Aber ich sehe immer noch die fröhliche, humorvolle Hanni vor mir. Und dadurch kommt sie auch immer wieder zum Vorschein.

Es ist nicht leicht mit Hanni. Gelegentlich kracht es auch. Aber wir werden noch ein paar Jahre miteinander verbringen. Ich wünsche es mir – und ihr.

Mutterliebe

Herr Lau, einer meiner Klienten, wohnt in einer Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Er ist Ende zwanzig. Sein Vater starb vor längerer Zeit, zu seiner Mutter hat er nur wenig Kontakt. Der Grund dafür? Zum Beispiel folgendes, das sich diese Woche zutrug:

Da rief Herrn Laus Mutter in der Wohngruppe an, in der ihr Sohn lebt. Sie sagte in etwa dieses: „Sie, bei mir im Dorf geht seit Monaten das Gerücht, dass sich mein Sohn vor den Zug geschmissen hat. Drum rufe ich jetzt an, weil ich wissen wollte, ob an dem Gerücht was dran ist.“

Womit ausreichend erklärt ist, weshalb Herr Lau in einem Heim wohnt.

Dänemark, Italien, Nigeria

Ich mag meinen Beruf. Ganz besonders liebe ich ihn, wenn er mir eine Herausforderung bringt. Irgendeine knifflige, eigentlich unlösbare Aufgabe. Es gibt Klienten, die machen es mir in dieser Hinsicht leicht, meinen Beruf zu lieben.

Herr Förster ist so ein Mensch. Er ist Mitte vierzig, geistig behindert, und sehr nett und freundlich. Er lebt allein, und kommt damit gut zurecht. Außer dass ich ihn bei dem ganzen Behördenkram unterstütze, braucht er eigentlich keine Hilfe. Eigentlich. Denn seine Behinderung bringt ihn oft an Grenzen. Und wenn er auf so eine Grenze stößt, reagiert Herr Förster wie die meisten Menschen: Er stellt das Denken ein und macht einfach irgendwas. Eine typische Grenz-Erfahrung für Herrn Förster: Er steht vor dem Fahrkartenautomaten der Bahn und stellt fest, dass er kein Geld hat. Die Folge: Er steigt halt ohne Ticket in den Zug. Was soll er denn schon anderes machen … Er hat schon hunderte Euro an Nacherhebungen gezahlt, saß schon acht Monate deswegen im Knast. Ich sage ihm bei jedem Gespräch: „Kein Geld – kein Zug!“ Er sieht das auch jedes Mal ein und fährt beim nächsten Mal wieder schwarz. Er kann nicht anders.

Vorgestern war ich zum Routinebesuch bei ihm. In der Wohnung lag eine Frau im Bett. Unzweifelhaft aus Afrika stammend. „Meine Frau!“, stellte sie Herr Förster stolz vor. „Wie? ‚Meine Frau‘?“, fragte ich zurück. „Wir haben vor einer Woche geheiratet.“ „Wie? Wo?“ „In Dänemark.“ „Wieso Dänemark?“ „Weil es dort billiger ist, das Heiraten.“

Die zwei waren also aus Gründen der Kostenersparnis von Bayern nach Dänemark gefahren (mit gültiger Fahrkarte), um dort zu heiraten. Die Hochzeit selbst kostete sie 250 Euro, die Herr Förster an den Standesbeamten überwiesen hatte. Auf ein privates Konto mit einer deutschen IBAN.

Ich hatte viele Fragen an die beiden. Die Antworten ergaben folgende Situation: Die frischvermählte Frau Förster war vier Wochen zuvor aus Nigeria gekommen. Genauer gesagt war sie aus Italien eingereist, wohin sie mit einem Touristenvisum gelangt war. Am Bahnhof der deutschen Kleinstadt, wo Herr Förster wohnt, begegnete sie diesem. „Zufällig“. Herr Förster hatte sie gleich mit nach Hause genommen und drei Wochen später geheiratet.

Vor mir lagen bzw. saßen also: Eine Heiratsurkunde auf Dänisch, ein Visum auf Italienisch und eine Ehefrau auf Englisch. Das Visum schien echt zu sein. Die Heiratsurkunde trug einen Stempel einer dänischen Stadt, ansonsten konnte ich sie nicht beurteilen. Die Ehefrau war jedoch eindeutig illegal hier anwesend. Ihr Aufenthalt würde nur dann legal werden, wenn die Heirat hier anerkannt werden würde.

Mir rasten tausend Fragen durch den Kopf. Ganz zuvorderst die: Machte sich Herr Förster strafbar, wenn er die Dame bei sich wohnen ließ? Und noch drängender: Mache ich mich strafbar, wenn ich das dulde?

Ich bin noch in der Klärungsphase. Demnächst habe ich mit Herrn Förster ohnhehin einen Termin beim Anwalt (wegen dem nächsten Prozess wegen Schwarzfahren). Der wird mir dann sicher meine Fragen beantworten können.

Es bleibt spannend.

Ich mag sie

Die meisten meiner Klienten sind schwierige Menschen. Ist auch logisch, denn wenn sie einfach (im Sinne von gut funktionierend und problemfrei) wären, hätten sie keinen beruflichen Betreuer. Aber „schwierig“ heißt nicht zwangsläufig nicht liebenswert. Manche – nein: viele meiner Klienten mag ich richtig gern.

Zum Beispiel Frau Burger. Die fällt mir gerade ein, weil ich eine Urlaubs-Ansichtskarte von ihr bekommen habe. Frau Burger ist eine Frau kurz vor dem Rentenalter mit einer geistigen Behinderung. Sie schreibt ihre jährlichen Ansichtskarten so wie sie redet: Dicht gepackt die Worte, ohne Abstände, jeder Platz genutzt, alle Buchstaben exakt gleich hoch und gleich breit, ohne Hervorhebungen und Übergänge. Der Inhalt der geschriebenen wie der gesprochenen Worte kommt ebenso daher.

Frau Burger hat, bedingt durch ihre Behinderung und die Erziehung als „armes behindertes Kind“ ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl. Das führt dazu, dass sie dreimal täglich wegen irgendetwas zutiefst beleidigt ist. Sie verträgt keine Kritik und keine Zurückweisung. Wobei es für sie auch eine Zurückweisung ist, wenn der Betreuer umzieht und sie dann einen 300 m weiteren Weg zu ihm hat.

Außerdem fehlt es ihr fast ganz an sozialer Kompetenz. Sie merkt nicht, wenn ihr keiner mehr zuhört. Sie weiß nicht, wann sie sich zurücknehmen muss und wann sie sich hervortun sollte. Sie hat keinerlei Gespür für die Gefühle anderer oder für notwendige Privatsphäre. Auch eine Folge des Erziehungsstils „Ach, dem armen behinderten Kind darf man doch keine Grenzen setzen, wo es ihm doch eh schon so schlecht geht“.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich mag sie. Ich bin jetzt seit 14 Jahren ihr Betreuer. Sie ist eine von zwei Klienten, die meine Wohnung betreten dürfen. Einmal im Jahr kommt sie zum Kaffee zu mir. Darauf besteht sie. Zu Weihnachten und zu Ostern bekomme ich von ihr kleine Geschenke. Geschenke, die so von Kitsch triefen, dass sie in meiner Familie mittlerweile Kultstatus haben. Ich liebe diese Geschenke und freue mich jedesmal darauf.

Frau Burger ist schwierig. Aber ich sehe hinter ihrem ständigen Beleidigtsein den missachteten, verletzten Menschen, der einfach nur ernst genommen und geachtet werden will. Und diesen Menschen mag ich.

Und deshalb mag ich die meisten meiner Klienten.

Leben und leben lassen

Ich bin aus dem Urlaub zurück. Zwei Wochen Sonne, Wärme, stressfreie Zeit.  Am Tag der Rückkehr hat mich der volle Blues gepackt. Nicht so sehr wegen dem Wetter. Auch nicht wegen dem wieder einsetzenden Stress. Der Blues kam, weil ich mich jetzt wieder in einem Land befinde, das von geistiger und seelischer Enge beherrscht wird. Ein Land, in dem der politische Arm der Mafia (im Volksmund „CSU“ genannt) alles dominiert – nicht nur das politische und gesellschaftliche Leben, sondern auch die Köpfe der Menschen. Ein Land, in dem dieses nur möglich ist, weil die meisten Menschen eine panische Angst vor selbständigem Denken haben und deshalb froh sind, wenn sie das delegieren können. Ein Land, in dem folgerichtig selbständiges Denken als persönlicher Angriff empfunden wird. Ein Land, in dem das vorgeblich urbayerische Motto „Leben und leben lassen“ so verstanden wird: Ein paar Menschen leben ihr Leben, und der Rest lässt sich von diesen Menschen leben. Ein Land, das krank macht.

Denn das alles führt dazu, dass sich die wenigsten trauen, sich selbst zu sein. Und das deshalb auch anderen nicht zugestehen. Entscheidend ist immer, was die Nachbarn denken, der Chef, die Eltern, die Kinder, die Partei. Und die Nachbarn leben wiederum so wie es ihre Nachbarn von ihnen erwarten. Und diese wiederum … Und am Ende lebt keiner so wie es für ihn gut wäre.

Ich erlebe es immer wieder bei meinen Klienten. Die haben ein Problem – eine psychische Erkrankung, eine geistige Behinderung, Demenz. Dieses Problem ist aber oft gar nicht das Problem. Das Problem ist oft, dass sie dieses Problem nicht haben dürfen. Und dadurch erst so richtig krank werden.

Ein paar Beispiele:

Herr Mayer hat eine Psychose. Er wird jede Nacht von Dämonen heimgesucht, gegen die er sich mit lautem Schreien wehrt. Er wohnt in einem Wohnblock. Die Nachbarn setzen ihn unter Druck, weshalb seine Mutter ihn ganz extrem unter Druck setzt. „Was sollen denn die Nachbarn denken!“ Die Psychose wird immer schlimmer. Herr Mayer ist kaum noch ansprechbar. Er verliert die Wohnung und bekommt eine Wohnung in einem Haus, in dem nur psychisch Kranke wohnen. Dort stört es keinen, wenn er in der Nacht schreit. Das war vor acht Jahren. Heute wird Herr Mayer immer noch von Dämonen angegriffen, aber ansonsten führt er ein ganz normales Leben. Und man kann sich wieder ganz normal mit ihm unterhalten.

Herr Müller erlitt bei der Geburt einen Gehirnschaden, was zu einer geistigen Behinderung führte. Was seine Mutter nicht akzeptierte. Sie setzte ihren Sohn immer massiv unter Druck. Er könne alles erreichen, wenn er nur genügend lernte. Dass er nicht mal lesen und schreiben lernen konnte, lag an seiner Faulheit und weil er seine Mutter nicht liebte – sagte seine Mutter. Seit 15 Jahren ist Herr Müller in einem Heim, seine Mutter lebt jetzt im Ausland. Herr Müller ist immer noch, nach 15 Jahren, voller Anspannung – körperlich und seelisch. Er traut sich nichts zu, hat Angst vor Beziehungen, hält sich für einen schlechten Menschen.

Frau Schmidt hat Demenz. Ihr Mann kann das nicht akzeptieren. Er schimpft sie, wenn sie was vergisst. Er wirft ihr vor, dass sie ihn bloß ärgern will. Frau Schmidt, eine ruhige Person, wird immer aggressiver. Sie bekommt immer heftigere Beruhigungsmittel verabreicht.

Herr Mayer, Herr Müller, Frau Schmidt: Wenn man sie krank oder behindert sein ließe, wären sie nicht mehr so krank oder behindert. So ist das bei jedem Menschen: Man hat nur eine Chance, gesund (glücklich, im Reinen) zu sein, wenn man so sein darf, wie man ist. Auch wenn man krank ist – oder störend für die anderen, oder ein Kotzbrocken, oder nicht CSU wählt. Was Menschen am meisten krank macht, sind nicht Krankheiten, sondern die Versuche, sie gesund zu machen oder zu erhalten. Die Psychiatrien wären fast leer, wenn alle Menschen ihr eigenes Leben leben dürften.

Fehlende Betreubarkeit

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Menschen keine Betreuung bekommen:

  • Sie brauchen Hilfe, sind aber nicht behindert.
  • Sie sind behindert, brauchen aber keine Hilfe.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten diese aber auf anderem Weg.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, wollen die aber aus einer freien Willensentscheidung heraus nicht.
  • Sie sind behindert, brauchen Hilfe, erhalten die nur über eine Betreuung, aber man kann ihnen nicht helfen.

Das letztere nennt sich dann „fehlende Betreubarkeit“. Mit diesem Fall habe ich es gerade zu tun.

Ein junger Mann mit einer leichten geistigen Behinderung und ADHS. Das führt dazu, dass er sich sehr schwer tut, irgendetwas zu planen oder sich auf etwas zu konzentrieren. Er hebt z.B. Geld ab, um sich eine Monatsfahrkarte für die Arbeit zu kaufen. Auf dem Weg von der Bank zum Bahnhof kommt er an irgendeinem Geschäft vorbei, das irgendeinen Konsumwunsch in ihm weckt. Kurz danach ist er am Bahnhof und tief betrübt, dass das Geld für die Fahrkarte nicht mehr da ist.

Oder er hat eine Freundin, entdeckt ein anderes Mädchen, das auch sehr nett ist und ist dann mit ihr zusammen – solange, bis er die vorige Freundin wieder trifft.

Um eine lange Geschichte abzukürzen: Das alles führte dazu, dass er jetzt mal hier, mal dort wohnt, jeden Kontakt mit mir verweigert und für keinerlei Hilfe mehr erreichbar ist. Er müsste Arbeitslosengeld beantragen, verschiedene Rechnungen bezahlen, sich um eine Wohnung kümmern. Noch kann ich ihm helfen ohne dass wir Kontakt haben, z.B. mit der Regelung der Krankenversicherung oder Bezahlung von Rechungen, von denen ich erfahre. Aber bald  werde ich nichts mehr für ihn tun können. Die Betreuung wird aufgehoben werden, eben wegen „fehlender Betreubarkeit“. Irgendwann wird der junge Mann irgendwo hart aufschlagen. Dann kann man ihm wieder helfen. Vorher nicht.